Und wo bleibe ich dabei?

Die erste Ohrfeige ihres Lebens bekam sie als Strafe dafür, dass sie gegenüber ihrer Großmutter eine obszöne Bemerkung geäußert hatte. Dieselben Worte hatte sie schon tausend Mal auf der Straße und in der Schule herumgeschrien, aber es bis dahin noch nicht gewagt, sie zu Hause auszusprechen. Der Schlag kam für sie unerwartet, ging übers ganze Gesicht und hinterließ ein Brennen und ein großes Schamgefühl. Sie fühlte sich von der alten Frau sehr gekränkt, denn in dem Wohnviertel, in dem sie lebten, waren Schimpfwörter ein Überlebenselement, ein linguistisches Kennzeichen, das alle, die dort lebten, aufwiesen.

Jene Ohrfeige war eine schmerzhafte, aber effektive Kur, da sie, als sie heranwuchs, fast all die dornenreichen „Blüten“ der Vulgarität aus ihrem Wortschatz verbannte. Auch heute noch wird sie häufig rot, wenn jemand mitten im Gespräch, und ohne dass es angebracht ist, eine Grobheit anbringt. Sie fürchtet, dass jeden Moment ihre galicische Oma hereinkommen könnte, um ihr kräftig eins hinter die Ohren zu geben, um sie vor ihren Freunden herunterzumachen, dass sie still sein solle, da sie „ein fürchterliches Schandmaul“ habe.

Am vergangenen Samstag schrie ein Militärtrupp, der für die kommende Parade trainierte auf einem Innenstadt-Boulevard eine Parole, die aus einer Mischung aus Kasernenhofsprache und prosaischer Machodiktion bestand. Es war kurz vor neun Uhr morgens, die Kinder des Viertels waren noch nicht in der Schule, sondern zu Hause oder in den Parkanlagen, da marschierten die Soldaten in ihrem martialischem Rhythmus mit einer roten Fahne vorbei und schrien laut im Chor: „Die Yankees tragen Röcke, wir tragen Hosen, und unser Kommandant, der hat den dicksten Schw…“. Ihr Sohn sah sie verschmitzt an und forderte sie auf, den Trupp wegen der derben Ausdrücke zu tadeln, die nun sogar schon bei den Streitkräften akzeptiert waren. Sie musste dauernd an die knochigen Hände ihrer Großmutter denken und daran, dass sich der Hinterhof ihrer Kindheit auf die ganze Nation ausgedehnt hat.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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3 Gedanken zu „Und wo bleibe ich dabei?

  1. In einem Twitt schreibt die Autorin: „Mich beunruhigt, dass Raúl Castro in dieser Rede zuviel über die Vergangenheit und zu wenig über die Zukunft spricht. “

    Ich habe die Rede gehört. Es stimmt nicht, was Yoani behauptet. Raul hat die meiste Zeit der Zukunftigen Reformen gewidmet. Ob er in jedem Punkt recht hat, steht auf einem anderem Blatt. Aber die Oposition schreit nur, sie haben zu dem Thema Zukunft noch weniger zu sagen.

    Liebe Yoani, Dir ist doch der Kapitalismus lieber. Nenne uns bitte einge Namen der zukunftiger Eigentümer der Cubana de Aviacion, der ETECSA oder der Havana Club.

  2. Würde die Autorin nicht von einem fremden Stern kommen, wüßte sie, daß die Armeen in aller Welt sich solcher unflätigen Sprache bedienen. Zur Motivation der Soldaten werden nur sehr selten Gedichte über den Frühling rezitiert oder die Liebe. Das soll sogar im Sport vorkommen, der ja eigentlich friedlicher Wettstreit ist.

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