Die ersehnte Parade

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Das Echo des Geschreis reicht bis zu meinem Balkon, in einem Takt, der zuerst von den Beinen bestimmt und dann von den Kehlen begleitet wird. Es sind noch knapp zwei Wochen bis zur großen Parade auf dem Platz der Revolution und wir Anlieger im Umkreis von einigen Kilometern sind schon ganz erschöpft von den vielen Vorbereitungen. Straßen werden gesperrt, Polizisten leiten den Verkehr um, und die Truppen lassen Boulevards und Gehwege erzittern, wo jetzt eigentlich Autos, Leute und Kinderwagen unterwegs sein sollten.

Ich steige aufs Flachdach, um die Choreografie des kriegerischen Geschehens in all seinem Ausmaß zu überblicken. Die Dinge laufen schlecht, wenn der VI. Kongress der Kommunistischen Partei Kubas mit dieser Prozession der Bajonette beginnt. Wenn man wirklich ein Abbild der Reformen geben wollte, dann würde man nicht diese olivgrünen Uniformen am 16. April zur Schau stellen. Wie sehr wünschten wir uns, dass an diesem Tag ein Pilgerzug von Ergebnissen aufträte und nicht von Ängsten! Dass sich eine lange Reihe von erreichbaren Zielen zeigte und nicht die erdrückende Demonstration einer militärischen Macht, die wir nicht einmal haben! Stellen Sie sich vor: die Paseo-Straße und ihre Umgebung würde unsere projektierten Träume beherbergen und nicht Kalaschnikows aus kaltem Metall mit drohendem Abzug.

Das könnte das Defilee der Dinge sein, die wir ersehnen, ein Pilgerzug des Jubels, zu dessen Teilnahme niemand gezwungen werden muss. Kein Direktor würde seine Schüler dazu abordnen, unter der glühenden Sonne mit einem Gruß an der Tribüne vorbeizumarschieren. Die Arbeiter würden merken, dass ihr Fernbleiben keinen Eintrag in ihrer Personalakte nach sich ziehen würde. Eine wirkliche Volksparade würde nicht an einem Tag so viele Finanzmittel verschwenden, dass die Nation mehrere Monate braucht, um sie aufzuwenden. Sie würde eher spontan ausbrechen, sie würde die Menschen mit einem Lächeln auf die Straße bringen und uns nicht dieses Gefühl der Angst vermitteln, das diese synkopierten Schreie in uns heute hervorrufen.

Übersetzung: Iris Wißmüller
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7 Gedanken zu „Die ersehnte Parade

  1. Ich war zu den Revolutionsfeiern am 1.Januar 2009 in Santiago de Cuba. Alles was ich dort gesehen habe, steht im krassen Gegensatz zu den Beobachtungen für den 14. Partei-Tag von Yani. Mein Enkel und ich waren am 31.12.2008 auf dem Platz vor der Kathedrale und fragten uns, wo sind die Sicherheitsvorbereitungen für die Feiern am nächsten Tag. Es gab sie schlicht nicht. Am 1. Jan. wurden ein paar Strassen mit LKWs blockiert. Ein paar blau gewandete Polizisten bewachten die Zugänge zum parque um den herum die Gartenplastikstühle für die Honoratioren aufgestellt waren, ca. 3000, ein paar Absperrgitter, sonst nichts. Vielleicht haben die Kubaner ja keine Wasserwerfer. Gegen 16 Uhr „strömten die revolutionären Massen“ auf den Platz. Sie hielten als „Eintrittskarte“ irgend ein Programmheft in den Händen. Keine Personenkontrolle, kein Abtasten auf Waffen. Ich mischte mich unter die Leute und war tatsächlich auf den abgesperrten Gelände. Mein Enkel war nicht fix genug oder sah vielleicht nicht seriös genug aus. Er wurde angehalten und abgewiesen. Er beschwerte sich mit seinen matten Spanischkenntnissen. Es half nichts. Darauf habe ich den Platz unbehelligt wieder verlassen und habe das Spektakel bei Fremden vor dem Fernseher genossen. Es war ziemlich simpel, ein paar Reden, keine Gäste aus dem Ausland, nach zwei Stunden war alles vorbei. Das Ganze zeigte das große Problem der kubanischen Führung, lauter Greise, zumindest alte Männer, kaum einmal ein jüngeres Gesicht. Wir sind dreieinhalb Wochen unbehelligt auf eigene Faust quer durch Kuba gereist, haben fast jeden Tag bei einer anderen Familie übernachtet, haben vieles gesehen und gehört. Was Yani schreibt stimmt. Auch wir haben in Havanna Aufzüge erlebt, die auf „wunderbare“ Weise funktionierten. Aber die Erfindungsgabe der kubanischen Mechaniker hat sie an Laufen gehalten. Kuba ist ein wunderschönes Land mit sehr freundliche Menschen. Die wirtschaftlichen Probleme lassen sich nicht leugnen. Dass sie die Unzufriedenheit wachsen lassen, ist verständlich. Doch wie kann sich ein Land entwickeln, das so blockiert wird ? Yani sollte sich dafür einsetzen, dass diese Blockaden endlich aufgehoben werden und ein einigermaßen normales Leben wieder möglich wird. Auch der 14. Parteitag wird keine Änderungen bringen, wenn die westlichen „Demokratien“ nicht wollen. Oder die Kubaner müssen zu Kreuze kriechen. Dann waren fünfzig Jahre Freiheit à la Cuba und alle Entbehrungen umsonst. Kuba lebe !

  2. Cuba in seinem derzeitigen Zustand ist nicht reformierbar. Genausowenig wie die DDR 1989. Es braucht eine Wende bzw. Revolution. Und ich hoffe sehr, dass sie von den Cubanern in Cuba und vor den Amis kommt. Cuba war seit 1959 nicht einen Tag sozialistisch. Das zu glauben, ist eine Illusion. Es war vorher eine Diktatur, danach auch. Welche davon wie schlimm war, wissen die Cubaner selbst am besten. Wenn der cubanische Geheimdienst mal was Gutes tun will: Könnten sie das Problem Posada Carriles nicht endgültig lösen, wo er schon mal frei herumläuft? Statt Yoanni hinterherzurennen…Sowas sollte doch möglich sein…Oder braucht man den etwa noch??

  3. Toll, ich hatte mir von dem 6. Parteitag eigentlich mehr erwartet als „marschierende Soldaten“.
    Was ist mit den angekündigten Reformen? Hat jemand von euch das Programm auf deutsch?
    Wenn ich mich recht entsinne sind es fast 300 Punkte die geklärt/entschieden werden sollen. Leider habe ich mir die spanische Version nicht gespeichert ;-(
    Ich freue mich schon auf Einträge nach dem Parteitag und bin sehr gespannt auf die Ergebnisse.

  4. @ricardo
    Was gibt es denn da noch zu sagen?
    „Posada Carriles ist einer der aktivsten Terroristen weltweit“, sagt Peter Kornbluh, Kuba-Experte der Forschungsstelle „National Security Archive“ an der George-Washington-Universität in der US-Hauptstadt. Vor allem aber könne er sich derzeit frei in Miami bewegen – einer Hochburg des rechten kubanischen Exils. „Und das in einem Land, das seit dem 11. September 2001 den Kampf gegen den Terror auf seine Fahnen geschrieben hat“…
    Oder ist das alles mal wieder antiwestliche Propaganda und Carriles ein ehrwürdiger Freiheitskämpfer ?

  5. Liebe Yoani, auf Deine Meinung zu der Freisprechung von Posada Cariles wird gewartet.
    Fidel wird bestimmt darüber schreiben. Möchtest Du Ihm das Monopol überlassen?

  6. Liebe Yoani, bitte pass auf dich auf!! Der Alte macht gerade Platz in den Gefängnissen, ich möchte aber lieber weiter Deine Artikel lesen! Gruß aus Leipzig von Stefan!

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