Die freigegebene Kartoffel

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Im Jahr, in dem ich geboren wurde, beging man feierlich den ersten Kongress der Kommunistischen Partei Kubas und der Handel und die Dienstleistungen waren fast vollkommen zentralisiert. Man konnte außerhalb des rationierten Marktes nur einige Bücher, Zeitungen und Kinokarten kaufen. Der Rest der Produkte und Leistungen stand unter dem strengen Zeichen der Beschränkung, eingeschlossen in die subventionierte Quote, die wir jeden Monat bekamen. Sogar wenn man ein Rasiermesser kaufen wollte, musste man das Kärtchen vorweisen, in dem eine Verkäuferin die den Rasierklingen entsprechende Nummer ankreuzte.

Mit dem Essen passierte etwas Ähnliches, besonders mit den Früchten unserer fruchtbaren Felder, die auf jeden Verbraucher in begrenzten Mengen verteilt wurden. Die Kartoffel war eine derjenigen Feldfrüchte, die vom Staatsauge am meisten kontrolliert wurden. Mein ganzes Leben lang befand sich diese wohlschmeckende Knolle ausschließlich auf den Theken der rationierten Märkte; sie kam alle drei oder vier Monate, um uns die Ehre ihrer Anwesenheit und ihres Geschmacks zu erweisen. Ich träumte von Püree mit reichlich Butter, und von Pommes Frites, die über den Tellerrand hingen. Ich kam allmählich zu der Ansicht, dass ihre weiche Textur auf weit entferntem sibirischen Grünland und nicht auf den Furchen meines eigenen Landes geerntet wurde.

Die Privatbauern waren verpflichtet, ihre Kartoffelproduktion an den Staat zu verkaufen, der Leute, die diese strikte Regel verletzten, streng bestrafte. So gewöhnten wir uns daran, sie nur selten im Jahr auf unseren Tellern vorzufinden und sie in unseren kulinarischen Fantasien zu bewahren. So war die Situation, bis vor einigen Wochen die Regierung von Raúl Castro beschloss, ihren Verkauf freizugeben und sie aus dem immer leerer werdenden rationierten Markt zu nehmen. Jetzt ist es nicht mehr nötig, ein Dokument vorzuzeigen, um ein Kilo Kartoffeln kaufen zu können, aber jetzt müssen wir warten, bis sie auf den Märkten wieder auftauchen, damit wir sie in unsere Einkauftaschen legen und nach Hause tragen können.

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3 Gedanken zu „Die freigegebene Kartoffel

  1. Das haben die Genossen nie begriffen, daß der private Handel mit Nahrungsmitteln die Produktion von Lebensmitteln insgesamt fördert. Warum soll jemand Kartoffeln anbauen, wenn er keinen Nutzen davon hat? Außer, sie selbst zu essen.
    Wenn das kubanische Kartoffeln sind, dann müssen sie etwas unter ihrer Schale verbergen, was sie ganz besonders macht. In Deutschland würde die keiner im Laden kaufen. Und das sage ich jetzt nicht, um Kubaner zu beleidigen. Aber wo es keinen Wettbewerb gibt, da müssen die Leute froh sein, daß es überhaupt etwas gibt. Auch eine Errungenschaft des Sozialismus.

  2. Diese verhängnissvolle Monokultur des Zuckerrohranbaus brachte es also mit sich das selbst die Kartoffel,die nahezu überall auf der Welt angebaut wird, Mangelware ist.
    Wenn sie nun ohne Rationsbeschränkung auf den freien Märkten zu haben ist,ist das ein Erfolg.Die Frage taucht bei mir aber immer auf zu welchen Preis das verkauft wird. Durch Berichte und auch eigenen Besuch auf Kuba fiel mir der irrsinnige Unterschied zwischen den Preisen der freien Bauernmärkte(Auch wenn dort in nationaler Währung gezahlt wird)und den staatlichen Gehältern sowie Renten.
    Ich erinnere mich an einen sehr alten Herrn der auf dem Gehsteig Bananen feilbot und mir einen Bündel für fünf Peso verkaufte.Seine Rente wird pro Tag etwa genauso hoch sein aber damit kann er nicht leben und braucht deshalb den Zusatzverdienst.Ich befürchte dieser Allgemeinzustand wird noch lange dauern.

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