Unser tägliches Problem

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Foto: Effizienz und Produktivität

Ich verlasse das Haus, eingepackt in mehrere Pullover und mit einem uralten Schal um den Hals. Die Strecke ist kurz, aber mit der so tiefen Temperatur wird jeder Schritt, den ich mache, zu einer großen Anstrengung. Die Leute neben mir laufen genauso „verkleidet“ herum und ich sehe sogar jemanden, der sich anscheinend eine Bettdecke um die Schultern gelegt hat. Obgleich auf dem kurzen Weg von Zuhause bis zur Bäckerei niemand einen guten Wintermantel vorweisen kann, stelle ich fest, dass der unserem Volk eigene Erfindungsgeist auch nicht vor dem Absinken des Thermometers halt macht. Sie haben die alten Regenmäntel aus der Sowjetzeit entstaubt mit ihren riesigen Knöpfen und den jetzt ausgebleichten Farben. Andere, die nicht einmal so etwas zum Anziehen haben, sind einfach zu Hause geblieben.

Ich nähere mich einem Ort, an dem Brot außerhalb des rationierten Marktes verkauft wird; eine Stange kostet den Arbeitslohn eines ganzen Tages. Seltsamerweise gehen viele, die ich in ihrer eigenartigen und improvisierten Kleidung auf dem Weg gesehen habe, in dieselbe Richtung wie ich. Während wir näher kommen, stelle ich fest, dass alle hinter dem knappen Lebensmittel her sind, das uns seit Wochen in Atem hält. Wenige Meter von dem Ort entfernt ruft einer, der vorausgeeilt war, uns zu, „Es gibt keines!“, was wie ein Eimer eiskalten Wassers auf unsere Köpfe wirkt. Ich drehe mich um und gehe nach Hause. Morgen wird ein weiterer Tag ohne Frühstück sein.

Die Ankunft dieser Winde aus dem Norden ist nicht nur mit dem Verschwinden des Brotes zusammengefallen, sondern auch mit dem Ausbleiben der Milch. Als ob der Winter die Öfen in Mitleidenschaft gezogen und die Euter der Kühe eingefroren hätte. Obwohl im Fernsehen eine Extraproduktion der geschätzten Flüssigkeit angekündigt wurde, beweisen jeden Morgen der Becher schwarzen Kaffees und der fade Tee das Gegenteil. Das sind Zeiten, in denen wir mit einem Ruck aufstehen, ohne den Frühstückstisch eines Blickes zu würdigen, in denen wir zu den Kindern sagen, sie sollen keine Fragen stellen, in denen wir die Arbeit, den Blog, die Freunde, das Leben links liegen lassen, um uns völlig darauf zu konzentrieren, ein Stück Brot und ein Glas Milch aufzutreiben. Zeiten, in denen wir uns durch die Mühsal von Mangel und Schlangestehen schleppen, da man, um dieser Negativperiode zu entkommen und wieder zu fliegen, weniger Flügel, als vielmehr den Treibstoff von Nahrungsmitteln braucht.

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2 Gedanken zu „Unser tägliches Problem

  1. Unfassbar für mich und unvorstellbar. Und das ist Sozialismus, die Gesellschaft, in denen die Arbeiter und Bauern frei sind und in Würde leben werden. Ich meine, in der DDR gab es immer Brot, wenn auch nicht in der Fülle wie jetzt, wo es Dutzende Sorten zur Auswahl gibt und auf dem Dorf hatte jeder die Freiheit, einen Garten zu betreiben, mit Kleintierhaltung. So kamen auch Lebensmittel unters Volk. Unfassbar.

  2. Angesichts des obigen Berichts müssen solche Propagandatafeln wie auf dem Bild als blanker Hohn oder wie von einem anderen Stern herübergeholt wirken.
    Wie viele Ältere,die noch die Batista-Diktatur erlebten und sich voller Enthusiasmus in die Sache der Castro-Revolution engagierten müssen an den heutigen Zuständen voller Entäuschung zerbrochen sein?
    Und die Jungen kennen nur den Mangel und glauben nur noch das die Emigration,etwa nach Miami,eine Zukunft bringt.

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