Einen Blogger zum Schweigen bringen

cadenas

Vor Jahren las ich eine Studie der Internationalen Arbeiterorganisation, in der der Beruf des Journalisten als die zweit riskanteste Beschäftigung auf der Welt galt, nur noch von Testpiloten übertroffen. Ich weiß nicht, ob bei der Untersuchung auch Krokodiljäger oder Leibwächter eingeschlossen waren, aber die Studie wurde in den Neunzigerjahren durchgeführt, als es noch keine Blogger gab.

In Kuba Journalist zu sein, bedeutet nicht das gleiche Risiko, das Reporter in anderen Ländern eingehen müssen. Hier werden die Nachrichtenredakteure nicht erschossen, noch werden sie entführt, sondern man macht ihnen eher ihren Beruf zur Qual. Wozu ein Individuum, das unbequeme Wahrheiten schreibt, körperlich ausschalten, wenn man das mit dem Rotstift des Zensors besorgen kann? Wozu ihn töten, wenn man alle Mittel zur Verfügung hat, ihn zu zähmen? Der Tod während der Berufsausübung taucht bei uns nicht in den Statistiken auf, außer in der Frustration von Leuten wie mir, die eines Tages planten, ihr Schicksal mit der Information zu verknüpfen. Wer auf dieser Insel beschließt, sich den Nachrichten zu widmen, weiß, dass alle Medien in den Händen der Macht sind, ob sie nun der Staat selbst oder die einzige Partei oder Máximo Líder genannt wird. Er weiß, dass er das, was angebracht und nötig ist, sagen muss, und dass es nicht genügen wird, zu applaudieren, wenn man es nicht mit Hingabe und großem Enthusiasmus tut. In diesem Fall ist das Risiko für das Gewissen enorm.

Seit mehr als 20 Jahren gibt es auf unserer Insel einen neuen Typ von Reportern. Das Adjektiv „unabhängig“ unterscheidet ihn von den offiziellen. Diese stellen sich anderen Risiken, genießen andere Möglichkeiten. Wie man annehmen kann, durchliefen viele kein Universitätsstudium, aber lernten, das zu erzählen, was die Parteipresse verheimlichte, sie wurden zu Spezialisten der Anprangerung, sie kultivierten sich auf der verborgenen Seite der Geschichte. Im Frühling 2003 verwandelte sich alles, was bis jetzt als Gefahr und Risiko erschien, in Bestrafung. Viele von ihnen wanderten ins Gefängnis, um eine Strafe von zehn, fünfzehn und zwanzig Jahren abzusitzen. Die Mehrheit befindet sich immer noch hinter Gittern.

Wir Blogger kamen später, unter anderem weil die Technologie bei uns erst langsam Zugang fand. Ich wage zu behaupten, dass die Staatsautoritäten sich nicht vorstellen konnten, dass die Bürger zu erdumspannenden Mitteln greifen würden, um sich frei zu äußern. Die Regierung kontrolliert die Studiokameras des Fernsehen, die Mikrofone der Radiosender, die Seiten der Zeitschriften und Zeitungen, die sich auf dem Gebiet der Insel befinden, aber dort oben, außerhalb ihrer Reichweite, bietet ein Netz von Satelliten, verteufelt, aber unumgänglich, jedem, der es will, die Möglichkeit, seine Meinungsäußerungen praktisch unbegrenzt „einzustellen“.

Sie brauchten einige Zeit, um es zu verstehen, aber sie sind dabei, sich darüber klar zu werden. Sie wissen schon, dass man, um einen Blogger zum Schweigen zu bringen, nicht dieselben Methoden anwenden kann, mit denen es gelang, so viele Journalisten verstummen zu lassen. Diese unverschämten Leute aus dem Web kann niemand aus der Redaktion einer Tageszeitung entlassen, oder ihnen eine Woche in Varadero oder einen Lada zum Ausgleich versprechen, noch weniger könnten sie sich mit einer Reise nach Osteuropa gewinnen lassen. Will man einen Blogger ausschalten, so muss man ihn beseitigen oder ihm Angst einjagen und diese Gleichung haben der Staat, die Partei … der General allmählich verstanden.

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