Manche halten ein Plakat, andere verlassen Kuba

Der Moment, als Marina Ovsyannikova die Nachrichtensendung unterbricht und gegen den Krieg in der Ukraine protestiert. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.März 2022

Sie heißt Marina Ovsyannikova, und bis vor wenigen Tagen war sie Redakteurin bei Kanal 1 des russischen Staatsfernsehens. Aber nachdem sie den Mut hatte, bei einer Live-Nachrichtensendung mit einem Plakat gegen den Krieg in der Ukraine aufzutreten, wurde ihr Name zu einem Synonym für professionelle Standhaftigkeit und Kühnheit, und außerdem zu einem Symbol, das vielen in autoritär regierten Ländern eine Lehre sein sollte.

An dem Tag, an dem Ovsyannikova ihr Plakat zeigte, waren die sozialen Netzwerke in Kuba mit der x-ten Debatte über einen offiziellen Journalisten beschäftigt, der sich aus dem Staub gemacht hatte und in dem Land um Asyl nachsuchte, das bis vor kurzem noch im Mittelpunkt seiner Attacken stand. Wie bei jeder Polemik dieser Art, manche beschuldigen den Reporter ein Opportunist zu sein, andere appellieren an Mitgefühl, seine Flucht zu akzeptieren, und die meisten betrachten sein Verlassen des Landes als eine neue „Wasserscheide“, die Kubaner voneinander trennt.

Eine Frau, allein auf sich gestellt, mit einem von Hand beschriebenen Plakat, erschütterte die Polemik, die uns strapazierte.

Eine Frau, allein auf sich gestellt, mit einem von Hand beschriebenen Plakat, erschütterte die Polemik, die uns strapazierte. Ovsyannikova erreichte, dass die Argumente der beiden Seiten belanglos wurden. „Stoppt den Krieg, glaubt nicht der Propaganda“, stand auf dem Plakat, das sie hinter der Nachrichtensprecherin in die Kamera hielt. Ihre Geste verdient nicht nur großen Respekt; sie riskierte mit ihrer Verwegenheit vor Gericht zu enden, mit der Verurteilung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe, wenngleich es bis jetzt bei einem Arrest und einer Geldstrafe blieb.

Ohne Absicht und ohne diese Insel im Hinterkopf zu haben, hat die junge Frau auch zu uns Kubaner gesprochen. Sie sagte zu jenen, die alle Personen ablehnen, die bei staatlichen Medien arbeiteten: eines Tages wird irgendein Angestellter in dieser Propaganda-Maschinerie eine Aufgabe übernehmen, und er wird viel mehr Zuhörer erreichen als ein Aktivist, der an einer Straßenecke schreit.

Die anderen, die zu Nachsicht im Umgang mit offiziellen Journalisten aufrufen, die bis gestern Oppositionelle diffamierten und heute froh sind, dass sie auf „freien Boden“ gekommen sind …diese anderen hat die junge Russin daran erinnert, dass man immer etwas tun kann. Jede Gelegenheit vor einem Mikrophon, jede Möglichkeit live zu sprechen und dabei die Diktatur nicht zu denunzieren, ist eine verpasste Gelegenheit. Es ist Zeit, die man dem autoritären System schenkt, das in dieser Hemisphäre am längsten an der Macht ist.

Ovsyannikova hat uns den Spiegel vorgehalten. Nicht alle, die für das staatliche Fernsehen arbeiten, sind mittelmäßige „Lautsprecher“ von Losungen; oft reicht der Spruch, dass „man nichts machen kann, weil alles kontrolliert wird“, um die bürgerliche Verantwortung hintan zu stellen. Wir müssen darüber wachen, dass diese Frau nicht im Gefängnis endet, nicht mit einer geheimnisvollen Substanz vergiftet oder ins Exil getrieben wird. Wir müssen aber auch dazu aufrufen, dass jeder Kubaner jede sich bietende Gelegenheit nutzt, um diesen Horror von uns abzuschütteln.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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