Die Startlinie

calle

Auf dem Paseo del Prado ist seit ein paar Tagen viel los und nicht gerade deshalb weil ein paar kleine Jungs herumtollen oder weil die Strichjungen Touristen „jagen“. Die Unruhe kam mit dem neuen gesetzlichen Beschluss Nº 288, welcher neue Regeln für die Übergabe von Wohnungen festsetzt. Eine langersehnte Maßnahme, welche endlich in der „Gaceta Oficial“ zur Erleichterung vieler und zur Besorgnis anderer bekannt gegeben wird. In der spontanen Tauschbörse, die es auf dieser Promenade, eskortiert von Bronzelöwen, gibt, fragen die Neugierigen nach den Einzelheiten einer ohne Zweifel flexibleren, aber noch nicht ausreichenden Maßnahme. Sie möchten wissen, ob der Eigentumsschein, den sie im Besitz haben, ihnen ab jetzt die kompletten Rechte verleiht, ihre Wohnungen zu vermieten, zu vererben oder zu verkaufen. In einer Nation, die jahrzehntelang mit einem auf Eis gelegten Immobilienmarkt gelebt hat, fällt es schwer zu glauben, dass nun alles so einfach sein soll, wie einige es sich vorstellen und so legal, wie das Justizministerium es versichert.

Eine der Hauptsorgen, die heute in den Strassen zu hören ist, betrifft die Frage, auf welche Weise die Zentralbank die Legitimität der Herkunft des Geldes für den Kauf einer Immobilie beurteilt. Für jegliche Transaktion dieser Art muss zuerst Bargeld auf ein Konto einbezahlt werden. Die misstrauischen Kunden unseres Bankensystems aber befürchten, dass dieser Betrag konfisziert wird, sollte der Staat der Meinung sein, dass das Geld nicht „sauber“ ist. Doch auf jedes Risiko antworten die Leute mit einer List, deshalb kann ich mir vorstellen, dass die deklarierten und einbezahlten Summen nur die Hälfte oder ein Drittel dessen sind, was die Wohnung kosten soll. Der Rest wird von einer Hand in die andere gleiten, und von einer Westentasche in die nächste. Viel zu lange haben wir uns in diesem Bereich verhalten wie Verbrecher, die vor dem Gesetz auf der Flucht sind, deshalb sollte man jetzt nicht erwarten, dass nun alles gemäß der 16 Seiten des neuen Beschlusses gehandhabt wird.

Es besteht auch die Möglichkeit einer fluchtartigen Auswanderungswelle, denn „Der Akt der Übergabe von Wohnungen, welcher gesetzesgemäß von dem Eigentümer durchgeführt wird, bevor er das Land endgültig verlässt, ist gültig“. Tausende Kubaner warteten auf dieses Zeichen, so wie ein Wettläufer auf den Startschuss wartet, um die Startlinie hinter sich zu lassen. Die hohen Gebühren für die Ausreiseformalitäten finanzieren sich dann aus dem Verkauf der Wohnungen, die – zum Höchstgebot – auf dem Immobilienmarkt landen. Das Zuhause, das fast 40 Jahre lang nur ein einfacher Anker war, wird nun zum Flügel. Und natürlich muss man auch in dem neuen Beschluss die Bedingungen des Füllhorns erkennen, die schon im Dekret über die Autos offensichtlich wurden. Nur für die ideologisch linientreuesten Gaumen ist ein Stück des Kuchens reserviert, in diesem Fall im Punkt 110 zum Ausdruck gebracht. Denn „Das Führungsgremium des Ministerrats oder sein Präsident können bezüglich Wohnungen, welche sich in bestimmten Regionen des Landes befinden, entscheiden“. Wir werden die Karte der Insel sehen, übersäht mit Markierungen, wo für den Kauf Bedingungen erfüllt werden müssen, die nirgendwo geschrieben stehen. Die sogenannten „auf Eis gelegten Gebiete“ werden zunehmen und mit ihnen werden die – so oft verleugneten – sozialen Unterschiede zu Tage treten, besonders diese große Kluft, welche die Zuverlässigen mit Geld von den Bürgern mit Mitteln, die nicht von der Macht gesegnet sind, trennen.

Übersetzung: Birgit Grassnick

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