Die Apartheid existiert weiterhin

flipper

Reinaldo behauptete, es sei möglich, und er ließ einfach nicht locker. Ich jedoch gehöre zu einer Generation, die schon vorher glaubt, dass fast alles verboten ist, dass sie mich bei jedem Schritt maßregeln und sich mir bei jeder Gelegenheit in den Weg stellen. Unsere eheliche Diskussion fiel dieses Mal deshalb sehr heftig aus. Er war sich sicher, dass wir an Bord jenes Schiffes gehen und von den schaukelnden Wellen aus auf die Bucht von Cienfuegos blicken könnten; eine leise innere Stimme sagte mir, dass so viel Vergnügen Kubanern nichterlaubt sei. Ein paar Stunden lang glaubte ich, dass mein Mann – wie ein ‘tropischer Candid‘ * – mit seinem Optimismus richtig lag. Wir gingen zu dem in der Nähe vom Hotel Jagua gelegenen Hafenbüro, wo uns ein Beamter zwei Tickets für den ersehnten Ausflug verkaufte. Weder verbargen wir unseren starken Havanna- Akzent noch machten wir den Versuch, uns als Ausländer zu verkaufen. Trotzdem fragte niemand nach unserem Ausweis. Wir hatten das Gefühl, dass es auf dem Boot ‘Flipper‘ Plätze gab, auf denen schon unser Namen stand, und so nach und nach verschwanden meine Bedenken.

Wir kamen eine halbe Stunde vor der Abfahrt am Kai an. Touristen mit Sonnenbrand machten sich daran, an Bord zu gehen. Rei und ich ergatterten einen tollen Platz, von dem aus wir Fotos machen würden von dieser Bucht, die groß ist wie ein Meer. Der Traum dauerte nicht einmal fünf Minuten. Als uns der Kapitän reden hörte, fragte er, ob wir Kubaner seien. Wenig später wurde uns mitgeteilt, dass wir an Land gehen müssten, da ‘in allen Küstengebieten des Landes Ausflüge auf Schiffen für Einheimische verboten sind‘. Uns überkamen Wut, Zorn und Beschämung darüber, einen blauen Pass zu haben, der uns schon im Voraus vor dem Gesetz unseres eigenen Landes schuldig spricht. Wir fühlten uns betrogen, wir sind – entgegen der offiziell propagierten Offenheit – in Wahrheit ausgeschlossen und gebrandmarkt. Am liebsten hätten wir einen Skandal provoziert und uns an die Brüstung geklammert, um sie so zu zwingen, uns gewaltsam wegzuschaffen. Aber was hätte das schon gebracht? Mein Mann grub sein Französisch aus und erzählte einer Gruppe von Europäern, was gerade passierte. Sie schauten sich befremdet an und tuschelten miteinander. Keiner von ihnen ging – aus Solidarität mit den Ausgeschlossenen – von Bord und verzichtete auf den Ausflug entlang der Küsten unserer Insel. Für jeden von ihnen schien es akzeptabel, etwas zu genießen, was uns Einheimischen nicht erlaubt ist.

‘Flipper‘ legte ab, das ‘Kielwasser‘ der Apartheid war für einige Sekunden sichtbar und dann verlor es sich in den dunklen Wassern der Bucht. Das Lächeln auf dem Gesicht des Musikers Benny Moré auf einem Plakat in der Nähe, schien zur Grimasse verzogen. Neben seinem Kinn stand der bekannte Refrain ‘Cienfuegos ist die Stadt, die mir am besten gefällt…‘ von einem seiner Lieder. Wir verließen diesen Ort. Reinaldo ernüchtert, ich traurig darüber, dass ich mit meinem Misstrauen Recht gehabt hatte. Wir liefen auf der Straße nach Punta Gorda, als ein Gedanke in unseren Köpfen Gestalt annahm: ‘hätte Benny zur heutigen Zeit gelebt, hätten sie auch ihn wie einen räudigen Hund von diesem Schiff gejagt‘.

Anm. d. Ü.
*“Candid oder der Optimismus“ = eine satirische Novelle Voltaires, in der Candid den Optimismus seines Lehrers ganz verinnerlicht, das wirkliche Leben ihm dann aber einen Streich spielt.
Übersetzung: Angelika Münch-Holzmeier

18 Gedanken zu „Die Apartheid existiert weiterhin

  1. dass es in der ddr mehr als genug kleingeister und faschisten gab weiss ich und es tut mir leid für jeden angegriffenen.
    mit den terroristen meinte ich diese wehrsportgruppen und bombenanschläge, das hatte im westen eine andere qualität.
    und erst seit 1989 waren tagelange pogrome möglich.

  2. sorry, kolja, aber träum weiter … von wegen nazis nur im westen … ich weiß, wovon ich red‘: der vater meiner tochter (22 jahre) ist afrikaner und ich bin spießruten gelaufen zum teil und sprüche wie „niggerhure“ waren keine ausnahmerscheinung!

  3. so wie ich es sehe, wurde der braune mob bis vor 20 jahren im osten durch polizei und geheimdienst ziemlich in die schranken verwiesen, die naziterroristen waren im westen aktiv. und zumindest das war gut am ddr-sozialismus in dem es keine national befreiten zonen geben konnte.

    denn will ich mal hoffen, dass es den blog noch lange gibt, weil es die fidelistos noch lange gibt!

  4. pP. S. meine Sympathie gilt auch dem Sozialismus. Allerdings nicht dem kubanischem „was-weiß-ich“. Und deinen letzten Satz bezweifle ich ebenso. Was passiert, wenn der (braune) Mob erstmal losgelassen wird, können wir (nicht erst seit 20 Jahren) mitverfolgen. Diese „Masse“ geben die nützlichen Idioten, die notwendig sind, das ganze System nicht nach links kippen zu lassen.

  5. P. S. Bin gespannt, ob Yoani weiter blogt, wenn die Schere nicht mehr zwischen Opportunisten und Oppositionellen, sondern zwischen arm und reich aufgeht- am Ende fällts wohl noch nicht mal auf, weils auch noch die gleichen Leute sind, die sowohl auf der einen wie anderen Seite der Tafel stehen..

  6. Apartheit heißt erst mal weiter nichts als Trennung (africaans).
    In ihrem Artikel überspitzt Yoani in ihrer Manier die Tatsache, dass sie sich berechtigterweise diskriminiert fühlt und zieht einen Bogen zum südafrikanischen Regime unter Botha.

    Ich stimme dir zu, Kolja, wenn du meinst, dass eine Gleichmacherei hier unangemessen ist.

    Aber ehrlich, würdest du es nicht als diskriminierend empfinden, wenn dich der Reeder des Schiffes verweist, weil du mit deinem „Säckssch“ oder „Dieringsch“ aufgeflogen bist?
    Da teile ich Ricardos Hoffnung, dass dieser Unsinn hoffentlich bald verschwindet. Die Geldbörse wird’s wohl künftig regeln, wer mitfahren darf und wer nicht.

  7. ab-ovo, das mit den devisenbringern bezog sich auf vor 2008, als bestimmte hotels und strandabschnitte eben nur diesen vorbehalten waren. für eine kritik daran den begriff apartheid zu gebrauchen ist für mich erschreckend und relativierend. und es gab in diesem bestimmten teil des öffentlichen raumes eben diese entführungen staatlicher fahrzeuge, die mit kontrollen und verboten verhindert oder zumindest eingeschränkt wurden.

    und meine sicht auf die dinge stammen aus den erfahrungen, die ich im kapitalismus gemacht habe. ich war noch nie in einer partei, aber partei ergreifen kann ich schon, eben aufgrund dieser erfahrungen. meine sympathie gilt kubas sozialismus, auch weil es dort zum beispiel eben keine nsu-mordserie geben könnte.

  8. Klasse, Ernesto: „Ein deutscher Linker hat mehr mit Wolfgan Scheuble gemeinsam als mit Raúl Castro.“

    Ich teile Deine Meinung. Aber Raúl hat auch mehr mit Schäuble als mit Fidel zu tun. Und er (Raúl) wird diesen Unsinn, der Touristen und Kubaner bei der Reisen auseinander hält, früher oder später beenden.

    Kolja hat aber auch Recht, dass Yoani in Cienfuegos wiedereinmal provozieren wollte. Die Frau kennen wir inzwischen gut.

  9. Natürlich ist Koljas Kommentar erschreckend. Ich bin aber froh, dass er hin und wieder hier schreibt. Seine Argumentation hat quasi einen musealen Wert. So hat man in jeder Parteischule der DDR (oder in Kuba heute noch) argumentiert. Kolja ist ein unverfälschter Vertreter des sozialistischen Gedankenguts, quasi ein lebendes Original. Ich finde es wichtig, dass die jüngeren Menschen, die den Sozialismus nur aus dem Fernsehen oder aus den Geschichtsbüchern kennen, ab und zu mit dieser Logik konfrontiert werden. Koljas politische Bildung hat mit der heutigen linken Kultur im Westen nichts zu tun. Das sind sehr verschiedene, sogar konträre Schuhe. Ein deutscher Linker hat mehr mit Wolfgan Scheuble gemeinsam als mit Raúl Castro.

  10. Nachtrag: Yoani und Reinaldo haben schätzungsweise in der selben Währung und in gleicher Höhe wie die Touristen bezahlt. Das Argument „Devisenbringer“ an sich ist fragwürdig, aber an dieser Stelle absolut daneben.

  11. @Kolja

    Dein Kommentar ist erschreckend. Ich würde es auch diskriminierend empfinden, wegen meiner Herkunft von egal welchem öffentlichen Ort verwiesen zu werden. Sorry.

    Und da du gerade die rassistisch Diskriminierung ansprichst (von der handelt der Artikel zwar nicht), aber auch diese ist latent vorhanden auf Cuba. Das durfte ich selbst miterleben.

  12. Apartheid? Das Wort bezeichnet eine rassistische Diskriminierung, die kann ich hier nicht erkennen. Die Autorin hat in Cienfuegos wiedereinmal provozieren wollen, vielleicht um ihren Blog zu füllen. Ich weiss nicht, wieviele Schiffe entführt und danach natürlich nicht wieder nach Kuba zurückgebracht wurden, sodass solche Entscheidungen getroffen werden mussten. Und was hat es mit der südafrikanischen Rassentrennung zu tun, wenn die kubanische Regierung Touristenzentren für ausländische Devisenbringer einrichtet?

  13. Da enttäuscht du mich Ricardo. Als ich die Typen mit den komischen Hüten am Bildschirm sah, dachte ich, das sind doch keine Kubaner … Ich kannte sie nicht, sorry, und ihre Aussprache hätte in nicht unbedingt als kubanisch identifiziert. Die Recherche ergab, dass die beiden aus Miami sind. Na sowas … gerade du Ricardito😉

    Ja, der Text hat karibischen Humor, aber das war denn auch … Die beiden sind sowas von amerikanisch „ausgewaschen“ … Ne Entschuldigung, beim besten Wille kann ich sie nicht gut finden. Wenn Miami, dann bitte Gloria und Willy Chirino (Tenia medias negras y me robó el corazón …)

  14. Cesaria finde ich großartig. Ich habe viel von ihr und höre sie öfters und gerne. Aber das Besame-Mucho kann ich nicht mehr hören. El disco está rayado (die Platte hat einen Kratzer bekommen – sagt man in Kuba, wenn einen Song von lauter Wiederholung nicht mehr hören kannst). Keine Frage, „Besame Mucho“ wie „Aquellos ojos verdes“ gehören zu den Top-5, aber du findest sie in jeder billigen Antologie Lateinamerikanischer Musik. Nein, das meinte ich nicht, als ich vom Kuba feeling schrieb. Hier, folge diesen Link zu Benny:

    Das ist Kuba pur. Da kann ich heulen v. Glück. Und dann diese alte Aufnahme, sogar mit Sponsorenwerbung drauf. Herrlich!

  15. Dann wollen wir es so versuchen: mehr Erzählen und weniger ideologisieren.

    Ich nehme an, die meisten hier können mit dem Benny nicht viel anfangen. Benny Moré ist für uns Kubaner El Rey del Bolero (Der Bolero King). Wenn ich den Deutschen von kubanischen Boleros und von unserem geliebten Benny erzähle, denken alle gleich Ravel. Die Bilder von Kuba und Bolero finden in den Köpfen der Menschen hier nicht zueinander. Kuba, Bolero? Wie geht das zusammmen? Ich würde Bolero einfach als kubanische (und mexikanische!) Barmusik der 50gern bezeichnet.

    Bolero ist Kuba feeling per Exzellenz, die Urform unserer Sinnlichkeit und Laszivität, unsere Art, den Schmerz so schön zu besingen, bis er sich in ästhetisches Leiden verwandelt und dadurch erträglich wird. Wenn es mir nicht so gut geht, lege ich den Benny auf. Das hilft mehr, als paar Schritten Salsa vor dem Spiegel zu versuchen. Obwohl Celia Cruz ist auch „medicina cubana“ …

    „Cienfuego es la ciudad que más me gusta a mi“ ist ein der vielen bekannten Boleros von Benny. Dieser exzessive kleine Schwarze mit weißem Hut und zweifarbigen Schuhen, dieses einfache Männlein aus der ehemaligen Provinz Las Villas brachte nur Hits. Ich besitze eine Doppel-CD von ihm und ich habe mehrmals versucht, aus der 2 Platten eine eigene „Best of“ zu brennen. Da drauf sollten nur die absolut 10 schönsten Titel sein. Aber welche? Ich kann mich nicht entscheiden. Bei Benny ist kein Verschnitt.

    Sein schönster Bolero ist für mich „Vida“, da schmelzt die kubanische Seele so richtig dahin … Wir Kubaner haben “alma de Bolero“ (No se por qué te quiero, será que tengo alma de Bolero? singt Ana Belén im Duet mit Antonio Banderas), wie die Argentinier eine Tangedia mit sich tragen … Das macht der Umgang mit uns Kubaner auf der sentimentalen Ebene nicht unbedingt einfach. Wenn wir uns doll ärgern, knallen alle Türen der Seele nach außen zu. Dann verweilen wir in einem großen leeren Raum, wo ein Bolero für uns allein ertönt. Und diesen Bolero möchten wir mit keinem teilen …

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