Abgebrochen

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„Dreiundzwanzig Jahre und vier Abtreibungen“, erzählt sie allen, die bereit sind ihr zuzuhören. Eine Schwangerschaft würde nur ihre schlanke Figur ruinieren, erklärt sie mir, während sie ihr superkurzes Röckchen über den Hüften zurechtrückt. Viele Jahre lang wurde der Schwangerschaftsabbruch von tausenden kubanischer Frauen als Methode der Schwangerschaftsverhütung angewendet. In den achtziger Jahren war an Kondome nicht zu denken, und als deren Verkauf dann endlich auf sämtliche Apotheken ausgeweitet wurde, weigerten sich viele Männer sie zu benutzen.

Ich hatte die perfekt gestylte junge Frau aus Villa Clara in einem Yutong-Bus* auf der Fahrt in die Provinz kennen gelernt. Gleich in der ersten Stunde unserer Bekanntschaft erzählte sie mir alle Details bezüglich ihrer abgebrochenen Schwangerschaften. „Es tut nicht besonders weh“, sagte sie und zwinkerte dabei dem Fahrer zu, der im Rückspiegel ihre Beine musterte. In einer fast vierzigminütigen, ermüdenden Rede wollte sie mir die Gründe erklären – obwohl ich die bereits in- und auswendig kenne: Dass sie bei ihren Eltern wohnt und mit ihrer Schwester ein Zimmer teilt, dass einige Männer, mit denen sie sexuelle Beziehungen hatte, verheiratet sind oder keine Kinder wollen, dass sie das Land verlassen möchte, und das mit einem Baby noch schwieriger wäre … Und am Ende erklärte sie mir: „Ich habe eine Freundin in einer gynäkologischen Klinik, und die regelt das immer für mich.“

Ich musste ihr die Illusion nehmen, dass sie weiterhin ihre Wohn-, Liebes- oder Auswanderungsprobleme im Operationssaal lassen könnte und merkte an, dass in den Krankenhäusern keine Abtreibungen mehr vorgenommen werden. Die Presse hat das nicht veröffentlicht – genauso wenig wie sie über die hohen Zahl von Ausschabungen spricht, die bis vor kurzem vorgenommen wurden – aber seit ein paar Monaten wird durch eine interne Anweisung die Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen eingeschränkt. Grund dafür ist die sinkende Geburtenrate, weshalb sie versuchen, sie zu heben, notfalls auch dadurch, dass die Frauen gezwungen werden zu gebären. Sie biss sich ungläubig auf die Lippen und erklärte mir dann unverfroren: „Mach die keine Gedanken, ich bringe dem Arzt ein schönes Geschenk mit, und dann macht er meinen Uterus wie neu.“

Der Bus erwischte ein Schlagloch, und ich bemerkte, dass der Fahrer immer noch von ihren Schenkeln ganz erregt war. Ich befürchtete, dass es zu einem Unfall kommen könnte und wir genauso enden würden wie eine andere kurze Reise, die soeben zwischen seinen Beinen ein abruptes Ende gefunden hatte.

Anmerkungen der ÜbersetzerInnen:

* Bus aus chinesischer Produktion

Übersetzung: Bettina Hoyer, Heidrun Wessel, Sebastian Landsberger

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2 Gedanken zu „Abgebrochen

  1. Wenn ich den Eintrag richtig verstanden habe, gibt es in Cuba Probleme bei der Beschaffung von Verhütungsmitteln. (Gibt es in Kuba die Pille?)

    Gut, diese Probleme haben wir hierzulande nicht, aber eben so viele Abtreibungen und exakt dieselben Probleme mit der Geburtenrate.

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