Die bunte Promenade

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Der Paseo del Prado erstreckt sich von der Altstadt, die überfüllt ist mit Touristen, bis hin zu dem überbevölkerten und dysfunktionalen Stadtteil Centro Havana. Die Löwenskulpturen an jeder Ecke stellen den einstigen Adel dar, die Erhabenheit, mit der die Nation zu Anfang des 20. Jahrhunderts umschmeichelt wurde. Obwohl der Park eindeutig Augenblicke der Vergessenheit erlebt hat – vielleicht aufgrund der Tatsache, dass er während der Republik entworfen und konstruiert wurde – gab es am Prado vor einigen Jahren einen Prozess der Restaurierung, der seine Alleen aufbesserte und einige Laternen ersetzte. Doch auch in Zeiten geringer Aufmerksamkeit sind ihre Katzen aus Bronze eine Art Referenz für diejenigen geblieben, die aus den Provinzen kamen und bei ihrer Rückkehr ein Foto von ihrer Anwesenheit in der Hauptstadt mitbringen wollten. Vielleicht wurde dieser Ort gerade wegen dieser ganzen Geschichte der Üppigkeit und Versäumnis ausgewählt, um den Tag der lesbisch-schwulen Selbstachtung in Kuba zu feiern. Eine verbannte Gemeinschaft, die seit Jahrzehnten zwischen dem Männlichkeitswahn unserer Kultur und der repressiven Politik der Regierung gefangen war, will am 28. Juni um drei Uhr nachmittags auf die Straße gehen. Der Aufruf dazu kam von einer Gruppe, die sich für die Rechte von homosexuellen Männern und Frauen, Bisexuellen und Transsexuellen einsetzt.

Es ist offensichtlich, dass es in Kuba im Bezug auf die Respektierung unterschiedlicher sexueller Orientierungen einen Fortschritt gegeben hat, aber dass der „LGBT-Gemeinde“ erlaubt wird, spontan auf die Straße zu gehen, um ihre Andersartigkeit zu feiern, geht weit über die bisherigen Erfolge hinaus. Die Kampagnen für die Akzeptanz der Vielfalt an Wahlmöglichkeiten für die Liebe lagen bisher in den Händen der offiziellen Institutionen, sodass die Interessenten selbst keine Möglichkeit hatten, sich selbst zu repräsentieren. Das ist natürlich Teil der allgegenwärtigen Unmöglichkeit, sich frei zu vereinen, worunter unsere ganze Gesellschaft leidet.

Seit Wochen verbreiteten die Veranstalter dieser Feierlichkeit die Einladung mit feierlichen und glücklichen Gesichtern. Die Wahl des Paseo del Prado als Veranstaltungsort bringt ihnen Vorteile und schützt sie, denn die Touristen mit ihren unruhigen Kameras, die neugierigen Kinder, die überall umherspringen und die Pärchen, die auf den Bänken sitzen und sich umarmen, sind dadurch Zeugen dieser Parade der Vielfalt. Und die Löwen, ach, die Löwen! Sie werden erneut einen Augenblick des Ruhmes genießen, zwischen den bunten Fahnen, den Luftschlangen und dem Händeschütteln. Die in Bronze gegossenen Krallen und Mähnen eines vergangenen Krieges werden weniger aggressiv erscheinen, mit einer niedrigeren Dosis Testosteron und mit einem Hauch mehr Leben.

Übersetzung: Valentina Dudinov

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