Zwei Sonnenwenden von dem Balkon unserer Redaktion aus

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Die Wintersonnenwende (oben) und die Sommersonnenwende (unten) von unserer Redaktion aus

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 21. Juni 2017 Es sind sechs Monate vergangen seit am 21. Dezember letzten Jahres ein Foto, aufgenommen auf dem Balkon der Redaktion von 14ymedio, den Moment festhielt, in dem eine rötliche Sonne zum Vorschein kam, deren Untergang Stunden später die längste Nacht des Jahres einleiten sollte. Diesen Mittwoch spiegelt das Bild das gegenteilige Phänomen wider und auf unsere Reporter wartete nun der längste Tag des Jahres: die Sommersonnenwende.

Von dem Stadtbezirk Diez de Octubre bis nach Alt-Havanna zog das rastlose Gestirn über den Himmel vor unserem Balkon. Eine kurze Strecke für das Auge des Betrachters, aber unglaublich bedeutend für Natur und Lebewesen. Die Sonnenwende bedeutet das Ende des Frühlings auf der Nordhalbkugel und den Beginn des „offiziell“ 93 Tage dauernden Sommers, obwohl uns die Thermometer bereits glauben ließen, dass wir bereits mittendrin steckten.

Auf diesem Balkon ist es unmöglich, sich der Tatsache zu entziehen, dass die Sonne heute Mittag höher am Horizont stehen und einige Stunden länger scheinen wird als an den restlichen Tagen des Jahres. Auf der Südhalbkugel wird mit der längsten Nacht des Jahres der Winter eingeläutet. Währenddessen geht auf den Straßen das Leben unwissend darüber weiter, wie über uns die Sterne stehen.

 Innerhalb eines halben Jahres haben wir uns zudem häufig von Freunden verabschieden müssen, die von uns gegangen sind, die offizielle Presse hat sich mit Todesanzeigen gefüllt und der journalistische Elan ist gewachsen

Zugleich beginnt auch die Regenzeit, obwohl sich die Sonne, die auf Kuba auch als „El Indio“ bezeichnet wird, nur ungern von den Regenfällen in den Hintergrund drängen lässt und mit ihren Strahlen dem bereits in Mitleidenschaft gezogenen Boden schadet, der der schlimmsten Dürre des Jahrhunderts ausgesetzt ist.

Es ist wahr, dass wir zwischen heute und morgen kaum einen Unterschied bemerken werden, dass unser Frühling dem Sommer so sehr ähnelt wie man es sich nur vorstellen kann und die Sonne im Juni genauso auf uns herabbrennt wie im August, aber eine Flut von Ereignissen hat sich in den sechs Monaten seit der letzen  Sonnenwende zugetragen: Im Dezember befanden wir uns mitten in einer diplomatischen „Tauzeit“ mit den Vereinigten Staaten und heute klappern wir mit den Zähnen in dieser durch Präsident Donald Trump eingeleiteten politischen Eiszeit.

Innerhalb eines halben Jahres mussten wir uns von vielen Freunden verabschieden, die von uns gegangen sind, die offizielle Presse war voller Todesanzeigen und in unserer Redaktion kamen immer mehr graue Haare zum Vorschein und der journalistische Elan ist gewachsen. Ich wünsche mir nur, dass uns an diesem Tag, dem längsten des Jahres, das Licht in seinem wahrhaftigen und metaphorischen Sinne begleitet und uns Klarheit gibt, damit wir erkennen können, was eine Nachrichtenmeldung ist und was nicht; was uns untergehen lässt und was uns rettet.

Übersetzung: Lena Hartwig

 

 

 

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Der Morast des Reichtums

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Es ist nur dann möglich den Reichtum zu beschränken, wenn man festlegt, welche Menge erlaubt ist und ab wann die Grenze überschritten wird.

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 YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 2. Juni 2017 Vor beinahe 25 Jahren startete die kubanische Regierung einen Feldzug gegen die illegalen Einnahmen auf der Insel, der mit der Festnahme von dutzenden von Straftätern aber auch von erfolgreichen Unternehmern endete. Es reichte schon aus, wenn man eine frisch gestrichene Fassade hatte, neue Kleidung oder eine Kette aus Gold trug, um inmitten der gefürchteten „Operación Maceta“* angezeigt zu werden.

Im Volksmund begann man über die Verhaftung eines “Neureichen“ im Jahr 2030 zu spotten, der es sich erlaubt hatte drei Dosen Kondensmilch und zwei Besen zu besitzen. Scherze dieser Art zeigten die größte Schwachstelle dieser Razzia gegen die Wohlhabenden. Ab wann kann man sagen, dass jemand vermögend ist oder viel zu viel besitzt?

Der Relativismus, der solche Definitionen umgibt, kam während der letzten außerordentlichen Sitzung des Parlaments erneut zum Vorschein, in der das Verbot des Anhäufens von Besitz und Reichtum Rückhalt fand. Es fehlt nur noch, dass eine solche Beschränkung in das Gesetz aufgenommen wird und eine klare Grenze für den Besitz von Gütern festgelegt wird.

Die Abgeordneten der Nationalversammlung könnten sich der Frage gegenübergestellt sehen, wie viel Geld die Sparer auf ihren Bankkonten haben dürfen, wie viel Kleidung in ihren Schränken zu hängen hat, wie viele Schuhe sie besitzen können und sogar wie viel Shampoo sie benutzen, um sich die Haare zu waschen…

Die meisten derjenigen, die uns diese Verbote aufbrummen müssen nicht einmal in die eigene Tasche greifen, um sich etwas zu Essen zu kaufen.

Diese Aufzählung erscheint absurd, aber es ist nur dann möglich den Reichtum zu beschränken, wenn man festlegt, welche Menge erlaubt ist und ab wann die Grenze überschritten wird. Ohne diese Bestimmungen – in den meisten Fällen lächerlich und vermeidbar – bleibt alles weiterhin subjektiv und der Laune derer ausgeliefert, die bestrafen.

Um diesen legalen Morast noch zu vergrößern, müssen die meisten derjenigen, die uns diese Verbote aufbrummen nicht einmal in die eigene Tasche greifen, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Sie leben von ihren Privilegien und einer Gratis-Versorgung, die sie vom Alltag und den Engpässen der meisten Kubaner trennt.

Sie, die so viele Reichtümer gehortet haben, fürchten, dass jemand, der keine Kaserne überfallen, zu den Waffen gegriffen oder Parolen geschrien hat, zu nah an ihren Villen wohnt oder ein Hotel betreibt, das erfolgreicher ist als eines, das von den Streitkräften geführt wird. Ihr größter Albtraum ist es aber, dass dieser jemand die finanzielle Unabhängigkeit erreicht um eine Karriere in der Politik zu beginnen.

Anmerkung d. Übers.:

*Die sogenannte Operación Maceta begann im Jahr 1993 und hatte zum Ziel, illegale Einnahmequellen aufzuspüren und zu unterbinden. Das spanische Wort „Maceta“ bezeichnet auf Kuba jemanden, der viel Geld besitzt.

Übersetzung: Anja Seelmann

Wirtschaftsvergehen, der Weg in die Falle

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Die Frage: „Haben Sie Papiere für diese Säcke?“ ist einer der ständig wiederholten Fragen der Polizei, um die „illegale“ Herkunft einer Ware ausfindig zu machen (14ymedio)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 22. Mai 2017    Die Verkäuferin bietet murmelnd ihre Ware an: Steak von der Meeresschildkröte, Rindfleisch und Garnelen. Dem Mann läuft das Wasser im Mund zusammen, aber er antwortet, dass er diese Produkte nicht kaufen könne; es sind die meistgesuchten auf dem illegalen Markt. Jeder Oppositionelle weiß, dass ihn die Behörden liebend gern für ein „Wirtschaftsvergehen“ verurteilen möchten und dass die Verkäuferin vielleicht nur ein Lockvogel ist.

Die Techniken, die eine selbstherrliche Regierung zur Kontrolle ihrer Bürger verwendet, können genau so unterschiedlich und einfallsreich sein, wie die Fantasie der Unterdrücker. Manche Techniken werden in klimatisierten Büros mit ausgeklügelter Methodik entworfen, während andere sich zum passenden Zeitpunkt ergeben, aus einer offensichtlich zufälligen Situation heraus.

Ist die schwierige wirtschaftliche Lage, die wir erleben, ein kalkuliertes Szenario, um uns Kubaner in dem Teufelskreis ums Überleben gefangen zu halten? Mit wie vielen Verboten versucht man zu erreichen, dass wir Bürger ruhig bleiben, uns schuldig fühlen und glauben, dass wir mit einem Bein schon im Gefängnis stehen?

Abgesehen von Verschwörungstheorien betrachten die offiziellen Stellen den ungesetzlichen Markt als ein Ventil für Nonkonformismus, als ein Gefüge, um Informationen darüber zu erhalten, wie man in Kuba denkt; auch als ein Mittel, um Bürger zu erpressen und als Lockvogel für die Jagd auf politische Kontrahenten.

Obwohl es seit vielen Jahren gängige Praxis ist, in den letzten Monaten hat die Tendenz zugenommen, Aktivisten für vermutete wirtschaftliche Vergehen anzuklagen

Der Platz der Revolution hat seine miserable Wirtschaftsführung in ein Mittel verwandelt, um die kubanische Gesellschaft im Würgegriff zu halten. Die Regierung weiß, dass die Familien alles erdenkliche tun, um die Lebensmittelrationen zu ergänzen. Sie wenden sich an illegale Vertriebsnetze, um sowohl Kinderschuhe als auch Dollars zu kaufen, die in den offiziellen Wechselstuben mit 10 % Sondersteuer zu haben sind.

Meistens kommt es nur darauf an so geduldig zu sein wie eine Spinne, die weiß, dass das kleine Insekt früher oder später an den klebrigen Fäden hängen bleiben wird. Die Staatsicherheit muss nur warten, bis ein Dissident „mit der linken Hand“ Kaffee kauft, oder es wagt, zusammen mit einem freiberuflichen Maurer die Fliesen in seinem Bad zu erneuern.

Obwohl es seit vielen Jahren gängige Praxis ist, in den letzten Monaten hat die Tendenz zugenommen, Aktivisten für vermutete wirtschaftliche Vergehen anzuklagen. Man legt ihnen Vergehen zur Last, die die Allgemeinheit jeden Tag begeht, oft unter den nachgiebigen Blicken der Polizei und dem Mitwissen von Funktionären und Administratoren. Trotzdem, im Falle eines Oppositionellen wird das Gesetz enger ausgelegt, wesentlich strenger, und außerdem muss es dann buchstabengetreu befolgt werden.

Auf allen internationalen Foren brüstet sich die Regierung von Raúl Castro damit, dass es keine politischen Gefangenen gäbe; in politisch motivierten Fällen kriminalisiert sie aber so triviale Sachen wie „vier Sack Zement im Haus“ oder „ein paar Gallonen Benzin auf Vorrat“, sofern man keine Papiere vorlegen kann, die den Kauf in einem staatlichen Laden bestätigen.

Den Journalisten Henry Constantín beschuldigte man der „widerrechtlichen Aneignung von legalen Befugnissen“, weil er als Reporter an einer unabhängigen Studie mitarbeitete, aber viele Ex-Militärs werden zu Geschäftsführern von touristischen Einrichtungen ernannt, obwohl sich keiner von ihnen jemals Kenntnisse in Hotelmanagement oder Betriebswissenschaft angeeignet hat. Bei keinem wurde angemahnt, dass er eine Funktion ausübe, für die er keine Qualifikation habe.

Die Lehre daraus ist, dass es unwichtig ist, welchen Grad an wirtschaftlicher Illegalität ein Vergehen hat, sofern man nur den Mund hält, wenn es um Kritik

Gegen Karina Gálvez, Mitarbeiterin im Studienzentrum für friedliches Zusammenleben (Centro de Estudios Convivencia), geht man gerade im Zusammenhang mit dem Erwerb ihres Hause gerichtlich vor, wegen vermuteter Steuerflucht. Ehe der neue Steuersatz für An-und Verkäufe Gesetz wurde, stürmten tausende Kubaner die Notariate, um ihre behördlichen Angelegenheiten noch zu den vorherigen Steuersätzen unter Dach und Fach zu bringen, weil diese da noch weit entfernt von den tatsächlichen Tarifen auf dem Wohnungsmarkt waren. Niemand wurde dafür belangt.

Eliécer Ávila, der Führer der Bewegung Somos+, erlebte den Abriss seines Hauses; man warf ihm „unerlaubte wirtschaftliche Aktivitäten“ vor. Sein „Verbrechen“ war: er hatte einen Laptop, wiederbeschreibbare CDs und verschiedene Einweg-Rasierapparate. Im Unterschied zu erfolgreichen Künstlern, die den ultimativen iMac importieren und zu verwöhnten Söhnen von einflussreichen Papas, die eine Parabolantenne auf dem Dach haben, um das Fernsehprogramm von Miami zu empfangen, beging der Aktivist das Vergehen zu sagen, „dass er beim Verlassen des Landes helfen wolle“.

Die Lehre daraus ist, dass es unwichtig ist, welchen Grad an wirtschaftlicher Illegalität ein Vergehen hat, sofern man nur den Mund hält, wenn es um Kritik an der Regierung geht. Es ist nicht dasselbe, ideologische Treue zu simulieren und Rindfleisch auf dem illegalen Markt zu kaufen, oder letzteres zu tun, wenn man einer oppositionellen Bewegung angehört.

Eine „schwarze Einkaufstasche“ kann zu einer Falle für die werden, die der Regierung nicht applaudieren.

Übersetzung: Dieter Schubert

Maduro, Schüler einer verfallenden Schule

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Es gibt unzählige Unterschiede im Führungsstil der beiden Staatsoberhäupter, aber etwas noch viel Wichtigeres trennt sie voneinander: Die Zeit. (nicolasmaduro.org.ve)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 21. Dezember 2016   Im Fernsehen ertönt eine Rede von Nicolás Maduro. Er spricht von internationalen Verschwörungen, dem Feind, der die bolivianische Revolution beenden möchte und von einer „Währungsmafia“. Wieder die gleiche alter Leier, die stark an den verstorbenen kubanischen Expräsidenten Fidel Castro erinnert, besessen davon andere für das selbst verursachte Chaos verantwortlich zu machen.

Es gibt unzählige Unterschiede im Führungsstil der beiden Staatsoberhäupter, aber etwas noch viel Wichtigeres trennt sie voneinander: Die Zeit. Jahrzehnte sind zwischen dem Moment, in dem Castro Kuba mit seiner Sprachgewalt umgarnte und dem, in dem der fehlgeleitete Maduro anfing Venezuela zu regieren, vergangen. In diesen Zeiten sind die Lateinamerikaner populistischen Diskursen gegenüber misstrauisch geworden und haben gelernt autoritäre Herrscher, die sich unter dem Deckmantel des vermeintlichen Erlösers verstecken, zu erkennen. Die politischen Diskurse funktionieren nun nicht mehr wie vorher. Genau wie die abgedroschenen Verse, die die Augen mit den Sternen und den Mund mit einer Rose verglichen und nun nur noch Spott hervorrufen.

In diesen Zeiten, in denen von der Tribüne aus zu stark zur Vaterlandstreue aufgerufen wird, das Ausmaß der ausländischen Einmischung verzerrt wird und keine Lösungen angeboten werden, sollte man wachsam werden

In diesen Zeiten, in denen von der Tribüne aus zu stark zur Vaterlandstreue aufgerufen wird, das Ausmaß der ausländischen Einmischung verzerrt wird und keine Lösungen angeboten werden, sollte man wachsam werden. Wenn die Anführer uns dazu aufrufen auch noch den letzten Tropfen unseres Blutes zu vergießen, während sie sich selbst mit Leibwächtern umringen oder sich an irgendeinem „punto cero“* verstecken, sollte man aufhören ihnen zu glauben.

Eine gesunde Dosis Skepsis immunisiert gegen diese niederträchtigen Tiraden, in denen erklärt wird, dass die Probleme des Landes ihren Ursprung außerhalb der nationalen Grenzen haben. Es ist bedenklich, dass der Denunziant keinerlei Verantwortung an diesem Debakel übernimmt und die Schuld an seinem Scheitern angeblichen Verschwörungen und Medienfeldzügen zuschiebt.

Maduro wurde in dieser Schule der ständigen politischen Anspannung, deren wichtigster Lehrstuhl in Havanna liegt, ausgebildet. Obendrein war der venezolanische Staatschef ein mittelmäßiger Schüler, der die ursprünglichen Grundsätze mit übermäßigen Gefühlsäußerungen, wenig Charisma und einem großem Haufen Unsinn garnierte. Sein größter Irrtum bestand darin, nicht zu bemerken, dass das „Lehrbuch“ von Fidel Castro längst nicht mehr funktioniert.

Der venezolanische Präsident kam zu spät, um diese Leichtgläubigkeit ausnutzen, die jahrzehntelang dafür sorgte, dass viele Völker dieses Kontinents Diktatoren emporhoben. In seinen Reden schwingt die Vergangenheit mit, und wie die schlechten Gedichte, bewegen sie weder die Seele noch das Gemüt.

Anmerk. d. Übersetzers:

*Das Anwesen von Fidel Castro auf Kuba wird als „punto cero“ bezeichnet.

Übersetzung: Anja Seelmann

Kaputt: Die Träume von einem Goethe Institut in Havanna

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Der Hauptsitz des Goethe Instituts in München.

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YOANI SÁNCHEZ  | 14ymedio.com | 06. November 2016  Das Wort brachte mich zum Lächeln. Kaffeeweißer stand auf den winzigen Päckchen neben der Kaffemaschine in einem Berliner Hotel, die versprachen dieses dunkle Getränk, das meinen Jet Leg lindern würde, zu „weißen“. Ich hatte vergessen, wie direkt und mächtig die deutsche Sprache sein kann. Viele Jahre habe ich, wie auch die germanophile Gesellschaft Kubas, auf die Einweihung eines Goethe Institutes auf der Insel gewartet, doch letzte Woche erstickte ein Bericht der Deutschen Welle unsere Hoffnungen im Keim.

Die Eröffnung des lang ersehnten Zentrums, das es ermöglichen würde sich der deutschen Kultur anzunähern, schien in greifbarer Nähe. Der deutsche Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, trat im Juli des letzten Jahres die erste offizielle Reise eines deutschen Ministers in unser Land seit dem Fall der Berliner Mauer an. Im Mai dieses Jahres folgte dann ein Besuch des kubanischen Außenministers, Bruno Rodríguez Parrilla, in der Hauptstadt der Bären und Würste.

Wie bei einem diplomatischen Tanz, nahmen wir ungeduldig an einem Schritt zunächst in die eine, dann in die andere Richtung teil und auch an den vielversprechenden Handschlägen für das Foto. Währenddessen zählten wir die Tage bis die Heimat von Georg Wilhelm, Friedrich Hegel, Herta Müller und Günther Grass sich in einem Zentrum in Havanna einrichtet, das der Alliance Française* weder in Größe noch in Qualität nachsteht.

Ich kenne kein anderes Wort, das besser etwas Zerbrochenes ausdrückt als der deutsche Terminus kaputt. Ihr, der Sprache meiner Träume und meiner Sehnsüchte, verdanke ich die Stärke der verbalen Schläge, die die spanische Sprache in Umschreibungen und Versprechungen versteckt. Genau dieser schneidende Laut, der „zerbrochen“, aber aus der Frustration heraus, bedeutet, kam mir in den Sinn als ich an einem Samstag die Aussagen des Präsidenten der Subkommission für Außenpolitik im Bereich Kultur, Bernd Fabius, über die möglichen Gründe für eine Verschiebung sine die der Eröffnung eines Goethe Institutes hier auf Kuba, las.

“Kuba befürchtet, dass Deutschland mit dem Goethe Institut, das die deutsche Sprache und Kultur auf der ganzen Welt verbreitet, die Kontrarevolution ankurbelt“, bemerkt Fabius, und weist darauf hin, dass die Absage zeigt „wie schwach sich die Systeme von solchen Staaten selbst einschätzen.“

Die kubanische Regierung bevorzugt es, dass die “Dosis Deutsch“ über die eigenen Bildungseinrichtungen und unter strenger Kontrolle bei uns ankommt.

Die kubanische Regierung bevorzugt es, dass die “Dosis Deutsch“ über die eigenen Bildungseinrichtungen und unter strenger Kontrolle bei uns ankommt. In der Fakultät für Fremdsprachen der Universität von Havanna werden zwar Deutschkurse angeboten, aber ein selbstständiges Kulturzentrum, das von Berlin aus gesteuert wird, ist momentan nicht vorgesehen.

In einem Land mit ca. 30.000 Einwohnern, die in der DDR studiert oder gearbeitet haben und vielen anderen, die in den letzten Jahren aufgebrochen sind, um in diesem europäischen Staat zu leben, und in dem, trotz der Entfernung und den deutlichen kulturellen Unterschieden auch eine allgemeine Neugier, gemischt mit Sympathie für die teutonische Kultur herrscht, ist dies wirklich bedauerlich.

Bernd Fabius Schlussfolgerung über die Ängste der kubanischen Regierung verfehlt das wahre Motiv, das Projekt „Goethe Institut“ auf Eis zu legen, sicher nicht sehr weit. Jeder Ort, der nicht den strikten Vorgaben der Ideologie unterliegt, der Literatur weit ab von den gefilterten Verlagslisten der Insel anbietet oder dazu anregt über die Grenzen der politischen Blindheit und des Meeres um uns herum hinauszuschauen, verursacht Schäden an der Plaza de la Revolución**.

Das Lehrreichste dabei ist, dass sich die deutsche Regierung seit Jahren „gut benimmt“, um ein Schild, das den Namen des Autors von Faust trägt, in einer Straße von Havanna zu sehen. Fünf Jahre des Herantastens, der verschlossenen Ohren, der Vorsicht und des Fernhaltens von allem, was die Oberhäupter in olivgrün verärgern könnte. Nach all der Zeit, in der jedwede Empfindlichkeit umgangen wurde, hat der Bundestag ein lautes und deutliches Nein erhalten, eines wie man es nur in der Sprache Nietzsches zu hören bekommt.

Anmerkungen des Übersetzers:

*Die Alliance Française wurde 1883 in Paris gegründet und widmet sich der Verbreitung der französischen Sprache und Kultur auf der ganzen Welt.

** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde. Zudem befindet sich hier der Sitz der Regierung.

Übersetzung: Anja Seelmann

Schluss mit der Bastion Kuba

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Eine Nachrichtensprecherin in den Tagen der Militärübung „Bastión“ (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 20. November 2016  Müde klingt die Stimme einer Freundin, die mich anruft und fragt, wann die Sirenen mit dem Heulen aufhören, was sie jetzt jeden Tag schon vom frühen Morgen an tun. Genervt ist der Nachbar, der nach seiner Arbeit nicht rechtzeitig nach Hause kommt, weil der Verkehr wegen eines Militärmanövers umgeleitet wird. Eine Belästigung ist das, sagt der junge Reservist, den sie zur Teilnahme an einer Militärübung verdonnert haben, genau jetzt, wo eine Spritztour mit seiner Freundin geplant war.

Die drei für „Bastion 2016″* benötigten Arbeitstage haben bei vielen Kubanern ein Gefühl von extremer Sättigung hinterlassen. Denn als sich nach 72 Stunden aggressiver Anspannung das Ende dieses MG-Alptraums abzeichnete, erklärte die Regierung per Dekret den darauf folgenden Samstag und Sonntag zu „Nationalen Tagen der Verteidigung“. Das sagt nur jemand, der keinen Krieg will…… drei Tage vergeudet, drei Schüsse in den Ofen.

.So wie das morgendliche Gebrüll – Weckruf genannt – die Uniformierten aus ihren Betten reißt, so haben diese Tage mit militärischen Übungen das Land aus manchen Träumen von Bürgerschaft gerissen.

Ermüdet von so viel „Schützengraben“ und zu vielen Anspielungen auf den „Feind“, fragen wir uns, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, all diese Ressourcen dafür zu verwenden, uns Bürgern das tägliche Leben leichter zu machen. Wenn man die chronischen Schwierigkeiten des öffentlichen Nahverkehrs betrachtet, die Brotqualität auf dem rationierten Markt oder die Belieferung unserer Apotheken mit Medikamenten…, es hätte bessere Verwendungsmöglichkeiten für das bisschen Geld in den staatlichen Schatztruhen gegeben.

Warum Geld in Form von Benzin für Panzer verschwenden? Geld, das man hätte verwenden können, um in den Grundschulen das Frühstück zu verbessern.

Die Drohungen mit bevorstehenden kriegerischen Auseinandersetzungen sind Teil der Kontrollmechanismen. Der Schützengraben ist das Loch, in dem man uns ruhig stellt und einschränkt; Truppenverbände radieren unsere Individualität aus; das Wasser in der Feldflasche schmeckt nach Metall und die Angst treibt uns die „Wohlstands-Dämonen“ aus.

„Bastion 2016“ hat uns daran erinnert, dass wir nur Soldaten sind. So wie das morgendliche Gebrüll – Weckruf genannt – die Uniformierten aus ihren Betten reißt, so haben die Tage mit militärischen Übungen das Land aus manchen Träumen von Bürgerschaft gerissen.

*Anmerkung des Übersetzers:

Bastion (span. Bastión) ist eine dreitägige Militärübung, die die kubanische Regierung nach dem Sieg von Trump organisierte. Es handelt sich dabei um eine aufwendige Mobilisierung von Truppen, Reservisten und der Zivilbevölkerung, um damit dem „Feind im Norden“ die Wehrfähigkeit Kubas zu demonstrieren.

Übersetzung: Dieter Schubert

Information als Verrat

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„Für die reaktionäre kubanische Regierung sind alle Katzen grau“. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | Generación Y | 14. Oktober 2016 Die Ruhe ist nichts für autoritäre Regime. Sie brauchen den Schrecken, der sich unter den Bürgern breit macht, damit sie nach Herzenslust regieren können. Diese Angstszenarien haben sich auf Kuba in den vergangenen Monaten immer mehr zugespitzt, in denen die Regierung ihren Konfrontationskurs verschärft oder neu aufgenommen hat: gegen die Opposition, gegen die Selbstständigen, gegen jene Jugendlichen, die ein Stipendium in den Vereinigten Staaten anstreben und speziell gegen die unabhängige Presse.

Die Kriegstrommeln werden gerührt und der Hauptfeind wird diesmal von jenen Journalisten verkörpert, die nicht den staatlichen Medien angehören und die von dem Schaden berichten, den der Hurrikan Matthew verursacht hat. Die Regierung stellt sich dem entgegen und sagt, „private Stellen oder solche, die ganz offen der Kontrarevolution dienen“ gäben ein „Bild, das nicht nur der Realität fremd ist, sondern diese sogar verfälscht”, wie es aus einem Artikel hervorgeht, der diesen Donnerstag in der Granma veröffentlicht wurde.

Der Text mit dem Titel Matthew: Humanismus, Transparenz und Manipulation ist nur ein weiteres Scharmützel, um den Konflikt der vergangenen Wochen weiter eskalieren zu lassen, bei dem es um die Publikationen geht, die sich der Parteikontrolle entziehen. Das Neue daran ist, dass dieser Angriff auf bestimmte Bereiche der unabhängigen Presse zielt, die hart dafür gekämpft haben, nicht in den „Sack der Feinde” gesteckt zu werden.

Die Offensive, die gerade gegen sie geführt wird, zeigt sich bei den Verhaftungen von Mitgliedern des lokalen Nachrichtenblogs Periodismo de barrio und seiner Direktorin Elaine Díaz, aber auch bei der wiederholten Androhung auf eine mögliche Ausweisung, die sich gegen Fernando Ravsberg richtet, sowie den Sanktionen gegen den Journalisten José Ramírez Pantoja aus Holguín. Das beweist doch, dass für die reaktionäre Regierung alle Katzen grau sind, oder was das Gleiche ist: Der Journalist, der nicht mit der genügenden Begeisterung Beifall klatscht, ist ein Verräter.

Was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen

Der offizielle Angriff hat es sogar bis in den Bericht geschafft, den das „Komitee zum Schutz der Journalisten“ (CPJ) herausgab und in dem es um die Situation der Presse auf Kuba geht. Eine Studie, an der Ernesto Lodoño mitgearbeitet  hat, Journalist der Zeitung The New York Times, deren Verlagshäuser das Auftauen der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten befürworten und sogar bis vor kurzem deswegen von unserer staatlichen Presse gelobt wurden.

Jetzt… haben sie uns alle in den gleichen Sack gesteckt.

Es nützt den neuen Opfern überhaupt nichts, sich von denjenigen zu distanzieren, die durch die offizielle Propaganda in Fernsehprogrammen, zur Hauptsendezeit, stigmatisiert worden sind. Es wird wenig bringen, dass die Attackierten sich nun – aufgrund des Staatsgrolls – von der unabhängigen Presse, die in den 90ern entstanden ist, lossagen. Und genauso wenig nützt es, wenn sie die „konfliktiven“ Blogger oder Dissidenten verfluchen und öffentlich zusichern, dass sie von einer linksgerichteten Ideologie geleitet werden.

Nichts von all dem zählt. Denn was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen. Eine davon war diejenige, in der die Kommunistische Partei Kubas sämtliche Informationen nach Lust und Laune kontrollieren, manipulieren und über ihre Veröffentlichung entscheiden konnte. Jene Zeiten, in denen wir erst Wochen später vom Fall der Berliner Mauer erfuhren, und die Bilder von den Unruhen in Havanna im Jahr 1994 auf den Titelseiten der nationalen Zeitungen unterdrückt wurden. Diese Epoche stirbt gerade und eine andere wird geboren; dank neuer Technologien und dass sich viele Journalisten der Wahrheit verpflichtet fühlen, sowie dem wachsenden Verlangen der Kubaner nach Information.

 Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Trotzdem, für die Regierung, die daran gewöhnt ist, jeden Titel festzulegen und die Direktoren von Zeitungen, TV-Sendern und Nachrichtenprogrammen per Fingerzeig zu ernennen, ist es nicht wirklich wichtig, ob ihr neues „Objekt der Abscheu“ eine Modezeitschrift, ein Sportmagazin oder ein Nachrichtenprogramm ist. Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Solange die kubanischen Journalisten nicht einsehen, dass sie sich – jenseits redaktioneller Nuancen, Phobien oder Ideologien – vereinigen und gegenseitig schützen müssen, solange wird der Regierungsapparat weiterhin solche Schläge austeilen. Er wird verteufeln, verhaften und die Arbeitsutensilien jener Reporter konfiszieren, die nicht auf seiner Gehaltsliste stehen – ganz egal, ob es sich bei der Berichterstattung um die Migration von Greifvögeln handelt oder um die gezielten Aktionen von öffentlicher Demütigung gegen die Opposition.

Auf Distanz zu gehen führt im Moment einzig und allein dazu, dass die Gegenmächte der Informationsfreiheit uns zerstören. Getrennt sind wir lediglich Journalisten, die der Willkür der Regierung ausgeliefert sind; zusammen aber bilden wir ein starkes und notwendiges Gremium.

Mag dieser Text dazu dienen, meine Solidarität all jenen Kollegen auszusprechen, die sich heute im Auge des Hurrikans der Repression befinden, ganz unabhängig von der Linie ihres Verlags, ihrem Arbeitsfokus oder der Farbe ihrer Träume, die sie für unser Land hegen.

Übersetzung: Nina Beyerlein