Das drahtlose Netzwerk, das die kubanische Regierung in Schach hält

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SNet ist für die Nutzer die bestorganisierte und bestvernetzte Gruppe am Rand des Regierungsapparats geworden. (Karla Gómez)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 14. August 2019

Seine Nutzer können nicht über Politik oder Religion sprechen, aber dennoch ist das Street Network (SNet), das Zehntausende Kubaner über WLAN verbindet, zu einem Raum der Freiheit und eines Zusammentreffens der Bürger geworden. Dieses virtuelle Netz, in dem gespielt, gechattet und Inhalte ausgetauscht werden, wird nun offiziell zensiert – kurz nachdem am 29. Juli die neuen Rechtsvorschriften zur Nutzung der Funk-Frequenzen in Kraft getreten sind.

Kreativität in Kuba ist seit Jahrzehnten ein Ausweg, um Problemen wie dem Mangel an Materialien und übermäßigen Kontrollen zu entkommen. Wie in einer Küche werden Rezepte erfunden, um die wenigen Zutaten, die auf dem Markt verfügbar sind, weniger langweilig zu machen und um die Probleme mit der Internetverbindung zu lösen. Dazu verwenden viele Menschen Offline-Tools, die Erfahrungen ersetzen, die sie im Web haben könnten.

SNet wurde vor mehr als einem Jahrzehnt gegründet, und zwar als Plattform für Videospiele, Foren, Ersatz für soziale Netzwerke und für den Datentransfer zwischen denen, die nicht die Möglichkeit hatten, häufig auf das globale Netzwerk zuzugreifen. Mit Geräten, die die meiste Zeit auf dem Schwarzmarkt gekauft wurden und anderen, die von den Benutzern selbst hergestellt wurden, begannen sich die Clients zu verbinden und die ersten Knoten entstanden. Es tauchten sogar Administratoren auf, die dieses Phänomen, das Havanna mit unsichtbaren Threads verknüpft, managen.

Während dieser gesamten Zeit existierte dieses rechtsungültige Phänomen und wurde von einem Beamtenapparat toleriert, der mehr Wert darauf legte, dass sich Tausende junger Menschen auf die neusten Videospiele konzentrierten als darauf, eine bürgerliche Haltung einzunehmen. Trotz alledem hat SNet der Plaza de la Revolución nie gefallen, vor allem, weil es den Menschen ermöglichte sich zu verbinden und Gemeinschaften jenseits von Ideologie und Politik zu schaffen. Für eine Regierung, die besessen davon war, jedes Detail des Lebens ihrer Bürger zu kennen, war das eine Gefahr.

Die Nutzer von SNet, die größte einigermaßen organisierte Gemeinschaft,
die es in Kuba gibt, haben sie auf ihrer Seite.
Gegen sich allerdings ein System,
das befürchtet, dass sich die Bürger vereinen werden,
ohne den Befehl dazu zu erhalten.

Die neue Gesetzgebung für drahtlose Netzwerke verleiht SNet zwar Rechtsgültigkeit, hat dieses aber zugleich zum Scheitern verurteilt. Die Verordnung enthält strenge technische Anforderungen, die bei strikter Einhaltung Reichweite, Geschwindigkeit sowie die Anzahl der Benutzer einschränken würden, die sich damit verbinden können. Es handelt sich um eine Verordnung, die darauf abzielt, den Einfluss zu verringern, den dieses Geflecht aus NanoStations und Mikrotiks – einige der Geräte aus denen SNet besteht – ausübt. Die offizielle Entscheidung ist ein Weg SNet abzuwürgen, ohne es zu verbieten, und so die Bedeutung durch die Einschränkung der Technologie zu verringern.

Die Reaktion der Benutzer ließ nicht lange auf sich warten. Am vergangenen Samstag versammelten sich Dutzende von Menschen vor dem Ministerium für Kommunikation, um eine Sondergenehmigung zu verlangen, die es SNet ermöglicht den Betrieb fortzusetzen. Mehrere der Demonstranten schlugen vor, dass die Behörden die Infrastruktur des Netzes nutzen sollten, um die „Informatisierung“ der kubanischen Gesellschaft zu fördern, und dass das staatliche Monopol für Telekommunikation, Etecsa, Vereinbarungen mit den Administratoren treffen sollte, um so einen Internetzugang über deren Knotenpunkte und Antennen zu ermöglichen.

Die offizielle Antwort war nicht positiv und die SNet-Nutzer bereiten sich auf neue Aktionen vor. Die größte, einigermaßen organisierte Gemeinschaft, die es in Kuba gibt, haben sie auf ihrer Seite. Gegen sich allerdings ein System, das befürchtet, dass sich die Bürger vereinen werden, ohne den Befehl dazu zu erhalten.

     Übersetzung: Berte Fleißig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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