Presse oder Propaganda?

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Mehrere Generationen von Kubanern haben sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden. (Wikipedia)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 5. Dezember 2019

Seit Jahrzehnten leben wir Kubaner unter einem strikten Informationsmonopol, das die öffentlichen Medien in Resonanzböden der Kommunistischen Partei verwandelt hat. Anstelle von Journalismus ist das, was jeden Tag in den nationalen Zeitungen publiziert oder von Fernsehen und Rundfunk verbreitet wird, wesentlich näher an ideologischer Propaganda.

So gesehen haben mehrere Generationen sich daran gewöhnt, in den nationalen Medien nur eine mögliche Version der Realität wiederzufinden, einen eingeschränkten Teil der täglichen Geschichten und nur eine einzige „Stimme“, die versucht, über ein mehrstimmiges und vielfältiges Land zu berichten. Aus gutem Grund hat die Plaza de la Revolución die Informationsvielfalt ausgeschlossen und so die gesamte Bevölkerung zu Diskussionen ohne Nuancen verurteilt.

Aber, ist das wirklich noch Presse, oder ist es politische Werbung, die von Mikrofonen und nationalen Zeitungsseiten Besitz ergriffen hat? Zweifellos kann man das nicht mehr als „Journalismus“ bezeichnen, weil jede journalistische Arbeit unterschiedliche Quellen, Meinungen und Kriterien in Betracht ziehen und beleuchten muss, was weit über das hinausgeht, was eine einzelne Person, eine Gruppe oder die einzige Partei denkt oder erlebt.

Wir Kubaner haben so lange mit dieser „Pseudopresse“ gelebt, dass eine völlige Demontage dieses journalistischen Übels ein notwendiger Prozess ist, um informierende Medien fordern und fördern zu können, die pluralistisch, umfassend und wahrheitsgetreu berichten. Die ersten Schritte um dies zu erreichen sind: vielfältige Kriterien zu berücksichtigen, den Lesern auch andere Blickwinkel auf ein Ereignis zu vermitteln und Fakten für wichtiger als Worte zu halten.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können.

Aber auch wir Leser, Rundfunkhörer und Fernsehzuschauer müssen lernen, die Meinungsvielfalt zu respektieren, die eine Situation, ein Vorschlag oder eine öffentliche Person hervorrufen können. Unterschiedliche Meinungen schränken niemals ein, sondern sie geben den Beteiligten die Fähigkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden und ein Ereignis umfassender, besser durchdacht und gelassener zu beurteilen.

Presse darf nicht Propaganda im Dienst von einigen Wenigen sein und sich auch nicht wie die Puppe eines Bauchredners verhalten, die von einer Gruppe manipuliert wird und deren Losungen wortgetreu und pflichtschuldig wiederholt. Journalismus kann − wenn er gut ist − auch schmerzhaft, unbequem und ärgerlich sein. Versuchte man ihn lammfromm und formbar zu machen, nähme man ihm das, was Journalismus vom Pamphlet unterscheidet.

Wenn wir jetzt eine freie und demokratische Presse fordern, mit professionellen Standards, dann sollten wir uns darauf gefasst machen, dass dort oft über Themen publiziert wird, die uns ärgern, über Meinungen, mit denen wir nicht übereinstimmen, und dass man Stellungnahmen Raum geben wird, die unserem Standpunkt widersprechen. Es wird Tage geben, an denen wir beim Lesen der Zeitung lächeln und andere, an denen uns ein bitterer Geschmack im Mund zurückbleibt und wir Lust bekommen, darauf zu antworten und uns zu beklagen. Was wir von einem guten Journalismus erwarten dürfen, ist: dass es uns mobilisiert, uns wachrüttelt, uns über unser Urteilsvermögen nachdenken lässt und das Anderer bewertet. Wollte man der Presse diese Dornen nehmen, würde man sie auf simple Propaganda reduzieren

            Übersetzung: Dieter Schubert


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