Nicolás Maduro klammert sich an die Macht, ohne Rücksicht auf das Land

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In der zweiten Nacht mit Protesten, in diesem von Krisen geschüttelten Januar, legten die Demonstranten in San Felix Feuer an eine Statue von Hugo Chávez. (Efecto Cocuyo)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 26. Januar 2019

Wenn Populisten irgendetwas eint, außer daran zu glauben, dass sie eine ganze Nation verkörpern, dann ist es ihr Unvermögen von der Macht zu lassen, wenn ihre Projekte an ihr Ende gekommen sind. Die Entscheidung sich ans Staatsruder zu klammern, koste es was es wolle, teilt Nicolás Maduro mit zahlreichen Führern Lateinamerikas, allerdings ist er das jüngste und dramatischte Beispiel.

Abgelehnt von vielen Venezolanern, verschrien als Diktator von einer ansehnlichen Zahl von Regierungen und offensichtlich unfähig, sein Land aus dem wirtschaftlichen Sumpf zu ziehen, will der Nachfolger von Hugo Chávez die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben. Maduro klebt an der Macht, mehr darauf bedacht eine militärische Führungsspitze zu retten, als sich um das Wohlergehen von mehr als 30 Millionen Menschen zu kümmern.

Wenn er auf dem Präsidentenstuhl bliebe, glaubt er, würden sich die Venezolaner letztlich beruhigen, und Ermüdungserscheinungen, verbunden mit repressiven Maßnahmen, würden die öffentlichen Protestaktionen abklingen lassen, die in den letzten Tagen das südamerikanische Land erschüttert haben. Maduro setzt alles auf eine Karte, weil er nicht akzeptieren will, dass seine Zeit abgelaufen ist. Er will allen die Zähne zeigen, die ihm zureden auf das Amt zu verzichten, freie Wahlen auszurufen oder ins Exil zu gehen.

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Der Druck der Straße wurde überwältigend und hat Juan Guaidó veranlasst, sich zum Interims-Präsidenten auszurufen. (EFE)

Maduro klammert sich zum Teil an den Präsidentenstuhl, um ein zu erwartendes juristisches Verfahren von sich abzuwenden, weil er eines der reichsten Länder der Welt ausplündert, hunderttausende von Venezolanern ins Exil getrieben hat und anordnete, dass die Streitkräfte ihre Waffen gegen die Bevölkerung richten sollten. Weil er aber versucht, das Urteil der Bürger auf später zu verschieben, lässt Maduro den Chavismus hinter sich, ohne jede Möglichkeit dem Urteil der Geschichte zu entgehen.

Jeden Tag, den er länger auf dem Posten des Staatschefs bleibt, den er sich mit Wahlen voller Unregelmäßigkeiten widerrechtlich angeeignet hat, zerstört er das, was als Erbe seines Vorgängers im kollektiven Gedächtnis hätte bleiben können. Weder Oppositionelle noch die rechtslastigen Regierungen der Region waren so effektiv darin, den Mythos Hugo Cháves zu demontieren, wie Maduro.

Nicht ohne Grund, schon in der zweiten Protestnacht dieses von Krisen geschüttelten Januars, legten die Demonstranten in San Félix Feuer an die Statue des Kommandanten eines Fallschirmjäger-Bataillons. Die Flammen richteten sich vor allem gegen den Mythos um Hugo Cháves, der am Ende des vergangenen Jahrhunderts die ersten Gitterstäbe in den Käfig einzog, den Maduro heute geschlossen halten will.

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Am vergangenen Donnerstag stellte Juan Guaidó an der Zentraluniversität in Caracas seinen Wirtschaft-und Sozialplan, der das Land aus der Krise führen soll. (@jguaido)

Indem der junge Politiker Juan Guaidó sich selbst zum Interims-Präsidenten ausrief, hat er dem Thema Venezuela nicht nur zu internationaler Aufmerksamkeit verholfen, sondern auch alle jene vor einen Spiegel gestellt, die die Extravaganzen von Chávez unterstützt haben, der bei seinen Reden auch sang und sich für eine Reinkarnation von Simón Bolívar hielt. Nicht wenige seiner glühenden Anhänger haben sich in diesen Tagen beeilt, ein verspätetes mea culpa anzustimmen.

Heute ist Nicolás Maduro der wichtigste Totengräber des Chavismus und er betreibt die effektivste Demontage eines Systems, das anfangs den Applaus von Millionen von Anhängern hervorrief − wo auch immer auf unserem Planeten.

Dennoch handelt es sich um das Begräbnis einer Ideologie. Jeden Tag, an dem der venezolanische Regierungschef weiter im Amt bleibt, wird sich die Tragödie des Landes vertiefen. Bis zum vergangenen Freitag hat die venezolanische NGO Beobachtungsstelle für soziale Konfliktsituationen (Observatorio Venezolano de Conflictividad Social) insgesamt 26 Personen benannt, die bei Protesten gegen Maduro ums Leben gekommen sind. Die Wirtschaft des Landes ist gelähmt, und über die Grenzen fliehen jeden Tag weiterhin viele tausend Bürger.

Wegen der Sturheit einer Handvoll Boliburgueses*)  hat sich Unsicherheit darüber verbreitet, wohin das Land treibt und das Phantom eines Blutbads wiederbelebt. Das Verhalten der militärischen Führung hat diesem blutigen Szenario „Rückhalt“ verschafft, weil alle Populisten es vorziehen, ein Land bei ihrem Fall mitzureißen – das Land, das sie ursprünglich vorgaben zu repräsentieren, ehe sie ihr Scheitern bemerkten.

Es steht der internationalen Gemeinschaft zu dafür zu sorgen, dass in diesem historischen Abgrund, in den Maduro gerade stürzt, auch Platz für die Kamarilla ist, die Venezuela regiert − und auch für den autoritären Chavismus, der ihr den Aufstieg ermöglichte.

             Übersetzung: Dieter Schubert

Anmerkungen des Übersetzers:
*) Venezuela heißt offiziell República Bolivariana de Venezuela. Bolibuguesía, ein Neuwort, das sich aus bolivariano und Burguesía (Bürgertum) zusammensetzt. Damit bezeichnet man Unternehmer, Funktionäre und Beamte, die mit dem Ex-Präsidenten Hugo Chavez zu ihrem Vorteil zusammenarbeiteten. (Wikipedia)


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