Die Masken von Havanna

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Felipe VI und Letizia Ortiz neben Lis Cuesta und Miguel Díaz-Canel beim Abendessen am Sitz des Staatsrates.

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 17. November 2019

Havanna war eine Stadt des Karnevals und der Masken. Obwohl die Tage des Vergnügens längst vorbei sind, wird diese Stadt – wann immer es notwendig ist – mit passenden Make-up-Schichten bedeckt. Vor Jahren, als ein Papst die Insel besuchte, strichen die Behörden die Fassaden und sie reinigten die Straßen, durch die Seine Heiligkeit vom Flughafen in das historische Zentrum fahren würde, eine bruchstückhafte Restaurierung, die dem Volkshumor nicht entkam, der die Route in „Via Sacra“ umbenannte.

Ein weiteres Beispiel für die Verwandlungskunst der Stadt sind all die Abermillionen von Touristenfotos, auf denen man nur alte Chevrolet des letzten Jahrhunderts, restaurierte Gebäude und Mojitos mit viel Rum und wenig Erinnerung sieht. Um die Stadt kennenzulernen, deren Herz tiefer schlägt, muss man Schichten wie bei einer Zwiebel entfernen oder den ätzenden Make-up-Entferner der Objektivität verwenden. Leider sind nur wenige Besucher bereit, diese ästhetische und kulturelle Arbeit eines Archäologen zu leisten. Schließlich kommen sie für kurze Zeit hierher, für eine Zeit, die einem Atemzug gleicht.

Im November dieses Jahres wurde eine Stadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern und knapp 500-jährigem Bestehen wieder mit Rouge beschmiert. Zu den „Gesichtsausbesserungen“ gehörten das massive Einfangen und Töten von Straßenhunden, die Einweihung einiger Architekturwerke, die jahrelang repariert wurden und das Verbot für Dissidenten und Aktivisten, am Vorabend und am Tag der 500-Jahr-Feier der „Villa de San Cristóbal“ in Havanna auf die Straße zu gehen.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können.

Aber selbst wenn nur eine dünne Schicht Lippenstift aufgetragen worden wäre, hätten Felipe VI. und Letizia Ortiz bei ihrem zweitägigen Staatsbesuch auf der Insel wenig entdecken können. Mit einer minutiös durchgeplanten Agenda konnten sich Ihre Majestäten kaum von den geplanten Straßen und den vorbereiteten Szenen und gefilterten Gästen entfernen. Selbst bei ihrem Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft fehlten Menschenrechtsaktivisten, Oppositionsführer und sogar unabhängige Journalisten aus den von der Regierungspartei am stärksten stigmatisierten Medien.

Wie beim besten Make-up ruiniert jedoch manchmal eine kleine Träne alles. Die Kosmetik half nur in sehr geringem Maße die Realität zu verbergen, und an dem Tag, an dem das spanische Königspaar durch Alt-Havanna spazierte, gelang es einem streunenden Hund, ihnen über den Weg zu laufen und auf das Foto von diesem Besuch zu schlüpfen. Vielleicht ist es eine Anspielung auf all die anderen, die gestorben waren, um das Bild einer Stadt zu „reinigen“, in der ein Tierschutzgesetz eine schmerzhafte Chimäre bleibt.

Zu den nationalen Aufräumarbeiten für den Besuch und die Feierlichkeiten gehörte auch die Verhaftung unbequemer Bürger, wie den Künstler Luis Manuel Otero Alcántara. Wochen zuvor waren der unabhängige Journalist Roberto Quiñones und der Oppositionsführer José Daniel Ferrer im Rahmen der alltäglichen Rechtslosigkeit inhaftiert worden, aber bisher kam es weder zu einem Eingreifen internationaler Organisationen noch zu einem hypothetischen Gnadengesuch der spanischen Krone.

Havanna ist, wie ganz Kuba, eine Abfolge von Make-ups und Masken. In der Epidermis, weit oben, befinden sich die lauten Farben des Beamtenwesens; aber unten − wenn man ein wenig kratzt – kommt das harte Grau der Realität zum Vorschein, der dunkle Schatten eines Landes, das von einem Autoritarismus ohne Nuancen dominiert wird.

              Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung der Redaktion:
Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Deutschen Welle in Spanisch publiziert und wird in diesem Blog wiedergegeben.


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