Information als Verrat

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„Für die reaktionäre kubanische Regierung sind alle Katzen grau“. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | Generación Y | 14. Oktober 2016 Die Ruhe ist nichts für autoritäre Regime. Sie brauchen den Schrecken, der sich unter den Bürgern breit macht, damit sie nach Herzenslust regieren können. Diese Angstszenarien haben sich auf Kuba in den vergangenen Monaten immer mehr zugespitzt, in denen die Regierung ihren Konfrontationskurs verschärft oder neu aufgenommen hat: gegen die Opposition, gegen die Selbstständigen, gegen jene Jugendlichen, die ein Stipendium in den Vereinigten Staaten anstreben und speziell gegen die unabhängige Presse.

Die Kriegstrommeln werden gerührt und der Hauptfeind wird diesmal von jenen Journalisten verkörpert, die nicht den staatlichen Medien angehören und die von dem Schaden berichten, den der Hurrikan Matthew verursacht hat. Die Regierung stellt sich dem entgegen und sagt, „private Stellen oder solche, die ganz offen der Kontrarevolution dienen“ gäben ein „Bild, das nicht nur der Realität fremd ist, sondern diese sogar verfälscht”, wie es aus einem Artikel hervorgeht, der diesen Donnerstag in der Granma veröffentlicht wurde.

Der Text mit dem Titel Matthew: Humanismus, Transparenz und Manipulation ist nur ein weiteres Scharmützel, um den Konflikt der vergangenen Wochen weiter eskalieren zu lassen, bei dem es um die Publikationen geht, die sich der Parteikontrolle entziehen. Das Neue daran ist, dass dieser Angriff auf bestimmte Bereiche der unabhängigen Presse zielt, die hart dafür gekämpft haben, nicht in den „Sack der Feinde” gesteckt zu werden.

Die Offensive, die gerade gegen sie geführt wird, zeigt sich bei den Verhaftungen von Mitgliedern des lokalen Nachrichtenblogs Periodismo de barrio und seiner Direktorin Elaine Díaz, aber auch bei der wiederholten Androhung auf eine mögliche Ausweisung, die sich gegen Fernando Ravsberg richtet, sowie den Sanktionen gegen den Journalisten José Ramírez Pantoja aus Holguín. Das beweist doch, dass für die reaktionäre Regierung alle Katzen grau sind, oder was das Gleiche ist: Der Journalist, der nicht mit der genügenden Begeisterung Beifall klatscht, ist ein Verräter.

Was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen

Der offizielle Angriff hat es sogar bis in den Bericht geschafft, den das „Komitee zum Schutz der Journalisten“ (CPJ) herausgab und in dem es um die Situation der Presse auf Kuba geht. Eine Studie, an der Ernesto Lodoño mitgearbeitet  hat, Journalist der Zeitung The New York Times, deren Verlagshäuser das Auftauen der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten befürworten und sogar bis vor kurzem deswegen von unserer staatlichen Presse gelobt wurden.

Jetzt… haben sie uns alle in den gleichen Sack gesteckt.

Es nützt den neuen Opfern überhaupt nichts, sich von denjenigen zu distanzieren, die durch die offizielle Propaganda in Fernsehprogrammen, zur Hauptsendezeit, stigmatisiert worden sind. Es wird wenig bringen, dass die Attackierten sich nun – aufgrund des Staatsgrolls – von der unabhängigen Presse, die in den 90ern entstanden ist, lossagen. Und genauso wenig nützt es, wenn sie die „konfliktiven“ Blogger oder Dissidenten verfluchen und öffentlich zusichern, dass sie von einer linksgerichteten Ideologie geleitet werden.

Nichts von all dem zählt. Denn was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen. Eine davon war diejenige, in der die Kommunistische Partei Kubas sämtliche Informationen nach Lust und Laune kontrollieren, manipulieren und über ihre Veröffentlichung entscheiden konnte. Jene Zeiten, in denen wir erst Wochen später vom Fall der Berliner Mauer erfuhren, und die Bilder von den Unruhen in Havanna im Jahr 1994 auf den Titelseiten der nationalen Zeitungen unterdrückt wurden. Diese Epoche stirbt gerade und eine andere wird geboren; dank neuer Technologien und dass sich viele Journalisten der Wahrheit verpflichtet fühlen, sowie dem wachsenden Verlangen der Kubaner nach Information.

 Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Trotzdem, für die Regierung, die daran gewöhnt ist, jeden Titel festzulegen und die Direktoren von Zeitungen, TV-Sendern und Nachrichtenprogrammen per Fingerzeig zu ernennen, ist es nicht wirklich wichtig, ob ihr neues „Objekt der Abscheu“ eine Modezeitschrift, ein Sportmagazin oder ein Nachrichtenprogramm ist. Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Solange die kubanischen Journalisten nicht einsehen, dass sie sich – jenseits redaktioneller Nuancen, Phobien oder Ideologien – vereinigen und gegenseitig schützen müssen, solange wird der Regierungsapparat weiterhin solche Schläge austeilen. Er wird verteufeln, verhaften und die Arbeitsutensilien jener Reporter konfiszieren, die nicht auf seiner Gehaltsliste stehen – ganz egal, ob es sich bei der Berichterstattung um die Migration von Greifvögeln handelt oder um die gezielten Aktionen von öffentlicher Demütigung gegen die Opposition.

Auf Distanz zu gehen führt im Moment einzig und allein dazu, dass die Gegenmächte der Informationsfreiheit uns zerstören. Getrennt sind wir lediglich Journalisten, die der Willkür der Regierung ausgeliefert sind; zusammen aber bilden wir ein starkes und notwendiges Gremium.

Mag dieser Text dazu dienen, meine Solidarität all jenen Kollegen auszusprechen, die sich heute im Auge des Hurrikans der Repression befinden, ganz unabhängig von der Linie ihres Verlags, ihrem Arbeitsfokus oder der Farbe ihrer Träume, die sie für unser Land hegen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Intellektuelle verurteilen die Unterdrückung auf Kuba

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Ein Bild von der polizeilichen Durchsuchung am Sitz von Cubalex. (14ymedio)

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14YMEDIO, Havanna | 03. Oktober 2016 

Ungefähr zwanzig Intellektuelle haben die kubanische Regierung gebeten, die Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden zu beenden. Sie wollten einen pluralistischen und toleranten Dialog durch einen Brief einleiten, der letzten Montag veröffentlicht wurde. In diesem Brief verurteilen sie die Unterdrückung auf der Insel.

Die Unterzeichner des Textes verurteilen das, was sie “die Welle der Unterdrückung, die Kubas Regierung in den letzten Monaten ausgelöst hat“ nennen. Dazu gehören „Inhaftierungen, repressive Gewalt, Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und jede Art von Einschüchterung gegen Gruppen, die auf friedliche Weise einen Rechtsstaat fordern“.

Außerdem zeigen sie auf, dass “sowohl der Druck, der auf den Jugendlichen wegen des Stipendienprogramms für die USA lastet, als auch die Durchsuchung, die kürzlich in den Räumlichkeiten von Cubalex stattfand, alarmierend sind“.

In diesem Brief, der auf der Plattform Change.org Platz für weitere Unterschriften bietet, appellieren die Intellektuellen an die internationale Gemeinschaft, auf diese Geschehnisse zu reagieren und fordern die kubanische Regierung dazu auf, „diese Gewalttaten zu beenden und Teil eines Prozesses des nationalen Dialogs zu werden, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen auf demokratische Weise alle Probleme anzugehen, die die kubanische Gesellschaft quälen und Lösungen zu suchen“.

Zu den Unterzeichnern gehören die Kubaner Armando Chaguaceda, Enrique Patterson, Haroldo Dilla, Juan Antonio Blanco, Marlene Azor, Norges Rodríguez und Pedro Campos, sowie weitere Intellektuelle aus Argentinien, Brasilien, den USA, Nicaragua und Peru.

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Der Brief:

Intellektuelle verurteilen die Unterdrückung auf Kuba und rufen die kubanische Regierung dazu auf, die Feindseligkeit gegen Andersdenkende zu beenden und einen pluralistischen und toleranten Dialog zu beginnen.

Wir, die Unterzeichner, verurteilen die Welle der Unterdrückung, die die Regierung von Kuba in den letzten Monaten ausgelöst hat. Als Vorwand diente ein angeblicher imperialistischer Angriff. Gegner mit verschiedenen ideologischen Ausrichtungen hatten mit unterschiedlichen Formen von Verfolgung zu kämpfen. Die Zahl der Inhaftierungen, die repressive Gewalt, die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und jede Art von Einschüchterung gegen Gruppen, die auf friedliche Weise einen Rechtsstaat fordern, sind angestiegen.

Der Druck, der auf den Jugendlichen wegen des Stipendienprogramms für die USA lastet und die Durchsuchung, die kürzlich in den Räumlichkeiten von Cubalex stattfand, sind alarmierend. Cubalex ist eine Organisation von Anwälten, die Rechtsberatung für Personen bietet, die von einem Verstoß gegen ihre Bürgerrechte betroffen sind, wie z. B. unbefugtem Eindringen in Wohnungen, Beschlagnahme von technischem Gerät, schikanöses Verhalten gegenüber den Betroffenen und Androhung von Strafverfolgung wegen ihrer Tätigkeit.

Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, auf diese Geschehnisse zu reagieren, um eine Eskalation zu vermeiden, die die Lage des kubanischen Volkes nur noch weiter verschlimmern würde.

Wir fordern die kubanische Regierung auf, diese Gewalttaten zu beenden und Teil eines Prozesses des nationalen Dialogs zu werden, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen auf demokratische Weise alle Probleme anzugehen, die die kubanische Gesellschaft quälen und Lösungen zu suchen.

Dieselbe Regierung, die die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung von Kolumbien und der linksgerichteten Guerillabewegung FARC ermöglicht hat, sollte einen Dialog mit seinem eigenen Volk fördern, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen Lösungen für Probleme zu finden, die die kubanische Gesellschaft quälen.

ARMANDO CHAGUACEDA, POLITIKWISSENSCHAFTLER, KUBA
BOLÍVAR LAMOUNIER, POLITIKWISSENSCHAFTLER, BRASILIEN
ENRIQUE PATTERSON, PHILOSOPH, USA
HAROLDO DILLA ALFONSO, SOZIOLOGE, KUBA/CHILE
JAVIER CORRALES, POLITIKWISSENSCHAFTLER, USA
JEFFERSON REPETTO LAVOR, BETRIEBSWIRT, BRASILIEN
JUAN ANTONIO BLANCO GIL, HISTORIKER, KUBA
LAURA TEDESCO, POLITIKWISSENSCHAFTLERIN, ARGENTINIEN
MÁRIO MIRANDA FILHO, PHILOSOPH, BRASILIEN
MARLENE AZOR HERNÁNDEZ, SOZIOLOGIN, KUBA
MOUSTAFA HAMZE GUILART, INGENIEUR, BRASILIEN
NORGES RODRÍGUEZ, BLOGGER, KUBA
OSCAR PEÑA, JOURNALIST, USA
PEDRO CAMPOS, HISTORIKER, KUBA
ROBERTO CAJINA, BERATER, NICARAGUA
RUT DIAMINT, INTERNATIONALER AKTIVIST, ARGENTINIEN
SAMUEL FARBER, HISTORIKER UND POLITOLOGE, USA
SIMON SCHWARTZMAN, SOZIOLOGE, BRASILIEN
SIMONE MARIA FIGUEIREDO QUEIROZ, HISTORIKERIN, BRASILIEN

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Tage, an denen man den Fernseher lieber nicht einschaltet

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Eine Frau vor dem Fernsehgerät. (14ymedio)

Es gibt Tage, an denen man den Fernseher lieber nicht einschaltet. Zurzeit überrollt uns, kaum das wir den Knopf gedrückt haben, eine regelrechte Lawine von Propaganda anlässlich der Geburtstage von Hugo Chávez und Fidel Castro. Vom 28. Juli bis zum kommenden 13. August ist das langweile nationale Fernsehen vollgepackt mit Personenkult, ideologischem Kitsch und politischer Gefühlsduselei. Wir sind umzingelt von Kinderchören, die zu Ehren des „ewigen Oberbefehlshabers“ singen, den Anekdoten von Personen, die sie gerade mal von weitem gesehen haben und nicht enden wollenden biographischen Szenen.

„Nicht einmal der Nachrichtensprecher hat noch Nachrichten für uns“, beschwerte sich gestern ein Nachbar, der sich über die Geschehnisse aus aller Welt informieren wollte, aber nur eine Prozession von Uniformträgerin in rot und olivgrün zu sehen bekam. Heute Morgen passierte mir das gleiche mit der ersten Nachrichtensendung des Tages. Eine Stunde nach deren Beginn hatte ich immer noch nicht die kleinste national oder international relevante Information erhalten. Stattdessen sah ich nur die Lobeshymnen an den „unsterblichen Kämpfer ganz nach dem Vorbild von Simón Bolívar*“ und dem „ weisen Guerilla, der ihn liebte wie einen Sohn.“ Ich neige bei einer solchen Überdosis an Schleimerei eher zur Ungeduld, also schaltete ich den Fernseher aus und rief meine Freunde an, damit sie mir erzählten was hier und dort so passierte. Zumindest bleibt uns noch Radio Bemba**!

Die Regierung sieht sich nach wie vor mit der alternativen Verbreitung von Information, sowie von Serien und Filmen in den sogenannten Kombipacks oder Paketen konfrontiert. Dennoch nimmt sie keinerlei Änderung am Fernsehprogramm vor, um es gerade für die Jüngsten unter uns ansprechbarer zu machen. Stattdessen verwandelt sie den kleinen Bildschirm in einen Lautsprecher für politische Weisungen und in ein Abspielgerät von langweiligen Programmen, die unter den Zuschauern nur Unmut und Ablehnung hervorrufen. So wird das nationale Fernsehen niemals die Zuschauer zurückerobern, die es bereits an die illegalen Satellitenschüsseln, die auf die USB-Sticks kopierten Dateien und die mit Dokumentationen vollgestopften Festplatten verloren hat. Wenn es mit dem ideologischen Exzess so wie an diesen Tagen weiter geht, dann wird sich das nationale Fernsehen in kürzester Zeit in einem Monolog verwandeln, dem dann nur noch wenige zuhören werden.

* Anmerkung d. Übers.: Simón Bolívar war ein südamerikanischer Unabhängigkeitskämpfer im 18/19 Jahrhundert und ist heute Nationalheld vieler südamerikanischer Länder.

** Als „Radio Bemba“ bezeichnen die Kubaner umgangsprachlich die Gerüchteküche, durch die sie über ihre Nachbarn an Neuigkeiten oder Nachrichten gelangen.

Übersetzung: Anja Seelmann