Die Unabhängigen der Unabhängigen

ADSL-Kabel

ADSL-Kabel

„Weder über Politik noch Religion sprechen“, so lautet die erste Regel des größten kubanischen Datennetzwerks. Für Diejenigen, die sich in dieses Spinnennetz aus Routern und Antennen, aus denen SNet besteht, „einweben“ möchte, ist das Akzeptieren dieser Regeln eine Frage des Überlebens. Wer Teil dieses Netzwerks wird, wird Teil einer Brüderschaft, die von jedem Mitglied geschützt und bedeckt gehalten wird. Obwohl es starken Einschränkungen unterliegt, ist es dennoch eine Erfahrung wert, sich mithilfe des internen Chatservices mit Anderen in Verbindung zu setzen und dabei das schwindelerregende Gefühl online zu sein, zu genießen, obgleich uns traurigerweise bewusst ist, dass wir eigentlich offline sind. Eine Illusion von Internet der wir, solange der WLAN-Empfänger unseres Computers eingeschaltet ist, unterliegen.

Genauso ist es auch mit den audiovisuellen Paketen. Zwischen den Dutzenden von heruntergeladenen Ordnern von Serien und Filmen findet man auch einige Nachrichtensendungen und Zeitschriften. Mit einem Klick kann man feststellen, dass nur wenige es riskieren wollen für das Verbreiten von kritischem Material Schwierigkeiten mit der Regierung zu bekommen, so dass die Verteiler des sogenannten Combos die nötigen Mautgebühren zahlen, indem sie auch Kopien der Tageszeitung Granma, Nachrichten aus dem kubanischen Fernsehen und Kopien von digitalen Artikeln von Provinzzeitschriften hinzufügen. Doch… wie schon einmal ein Filmschauspieler sagte: „auch im trockenen Laub findet man Goldklümpchen“. In diesem Sammelsurium gibt es auch etwas von der Musik, der Comedy und dem privaten Sektor gewidmeten unabhängigen Veröffentlichungen, deren neue Ausgabe von den Zuschauern jedes Mal sehnsüchtig erwartet wird.

Diejenigen, die schon das Kuba der Zukunft vor sich sehen, würden gut daran tun in dieses Kuba der Gegenwart einzutauchen.

Achtung! Eine Möglichkeit einer großen Zahl Kubanern eine Idee zu vermitteln, liegt darin, sich in das Paket einzuschleichen, das Hochglanzmagazine – die Unabhängigsten der Unabhängigsten – enthält, und sich auf ein Publikum konzentriert, die sich beim bloßen Lesen schon ein ganz anderes Land vorstellen. Deshalb findet man dort viele lebhafte Farben, ein sorgfältiges Design, Bilder von köstlichen Gerichten, die in exklusiven Restaurants serviert werden oder Interviews mit bekannten Sängern. Es wird in keinem der Artikel über Politik gesprochen und doch verneint jeder einzelne veröffentlichte Artikel die Ideologie der Machthaber. Veröffentlichungen wie „Wie werde ich zu einem Unternehmer“, bis hin zu Leitfäden zum Unternehmenserfolg über einfache Anleitungen, um die besten Churros im Stadtviertel zu machen, vervollständigen die Auswahl an Veröffentlichungen, die immer mehr Platz in dem Paket einnehmen.

Diejenigen, die schon das Kuba der Zukunft vor sich sehen, würden gut daran tun in dieses Kuba der Gegenwart einzutauchen. Eine Wirklichkeit, die in mehr als einem Terabyte an Daten steckt und von Tür zu Tür gereicht wird. Und Rundgang durch das, was wir nicht vorgeben zu sein, sonder wirklich sind.

Übersetzung: Katrin Vallet

Von Karnevalstruppen und Menschenrechten

derechos_humanos-Damas_de_Blanco_CYMIMA20141210_0017_16

Verhaftungen in Havanna am Tag der Menschenrechte. (14ymedio)

Seit Tagen, Monaten war der Karneval bereits geplant. Die Hintergrundmusik: Parolen und künstliche Begeisterung. Die Bühne: genau die Straßenecke, an der sich die Damen in Weiß* am Welttag der Menschenrechte versammelten. Währenddessen wurde das “Tanzensemble“ aufgestellt: Arbeiter und Schüler, die man von ihren Arbeitsplätzen und aus ihren Schulen geholt hatte, damit sie den Versammlungsort der Aktivistinnen besetzen. Auch die Essensstände durften nicht fehlen und in einigen Provinzdörfern kamen sogar noch riesige Lastwägen mit Freibier hinzu, denn in unserem Fall gibt es statt Brot und Spielen, Alkohol und Unterdrückung.

Und dann war es Zeit für Parade. Rund um die Eisdiele Coppelia gab es ein seltsames Getümmel von Menschen in Zivil, die die Aufmerksamkeit einiger ahnungslosen Passanten auf sich zogen, die nicht so recht wussten, ob man hier Schlange stand, um ein nicht länger vorrätiges Produkt zu kaufen, oder es sich um Filmliebhaber handelte, die auf die Öffnung des Kinos Yara warteten. Doch etwas verriet sie trotzdem. Sie schauten um sich, als hielten sie nach einer Beute Ausschau und sie trugen jene Kleidung, die jedermann sofort als den Aufzug ausmachen konnte, den die Staatssicherheit immer dann trägt, wenn sie unentdeckt bleiben möchte. Außerdem waren sie, verglichen mit dem Durchschnittskubaner, zu korpulent. Sie tanzten nicht wie im Karneval, sondern gingen auf die in Weiß gekleideten Frauen zu und versuchten mit ihren Körpern zu verdecken, wie diese mit Gewalt in den Polizeiwagen gedrängt wurden. Eine makabre “Tanztruppe“ bei der Aufführung ihrer Choreografie der Unterdrückung.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval

der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken?

Und dann ertönte die Tröte… ich meine natürlich die Hupe eines Autos. Eine zierliche Frau hatte es geschafft bis zum linken Teil des Herzens des Stadtviertels Vendado zu gelangen. Dutzende Gesichter wandten sich ihr zu und sprachen in ein winziges Kopfhörerkabel, das von ihrem Ohr herabhing. Ein Agent, der jahrelang in die unabhängige Presse eingeschleust und dann sang- und klanglos aufgeflogen war, dirigierte das Orchester. Aus den Lautsprechern tönten im Vorfeld aufgenommen Phrasen, damit es weder zu Überraschungen, noch Spontaneitäten kommen konnte. Die Frau verschwand innerhalb einer Sekunde. Die Kinder tranken ihre Erfrischungsgetränke und Havanna erlebte einen ihrer kältesten Tage in diesem Jahr. Das Spektakel dauert noch stundenlang.

Wie oft hatte ich als Kind wohl an solch einem Karneval der Unterdrückung teilgenommen ohne es zu merken? Wie viele der Feste, an denen ich teilnahm, dienten in Wirklichkeit nur dazu die Schrecken zu vertuschen? Waren all die Straßentänze und –feste ebenfalls nur polizeiliche Eingriffe? Nach diesem Erlebnis, wird es mir schwer fallen, mich je wieder an einem Karnevalsumzug zu erfreuen.

*Anmerkung der Übersetzerin:

Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

Übersetzung: Katrin Vallet

Was wir von Lope Vega lernten

Flash-Speicher

Flash-Speicher

Ein Freund, der mich zum ersten Mal auf Kuba besuchte, fragte mich, warum die Regierung es nicht schaffte, der illegalen Verbreitung der audiovisuellen Medienpakete ein Ende zu bereiten. „Man müsste doch nur herausfinden, wer sie produziert und vermarktet, um das Ganze zu stoppen“, mutmaßte der junge Mann. Daraufhin rief ich ihm Lope Vegas Werk Das Dorf von Fuenteovejuna in Erinnerung. In drei Akten erzählt der bedeutende Dramaturg wie sich ein Dorf gegen den Machtmissbrauch aufbegehrt. Die Dorfbewohner schließen sich angesichts der Ungerechtigkeit zusammen und nehmen gemeinsam die Schuld des Mordes an dem Tyrannen auf sich. „Wer hat den Komtur umgebracht? Fuenteovejuna, Herr.“ Dies lehrte uns das Theater des goldenen Zeitalter Spaniens und wir haben es in die Tat umgesetzt – zumindest bei der  Zusammenstellung und Verbreitung von Programmen, Dokumentarfilmen und anderen digitalen Medien.

Jener Freund lauschte meiner Erklärung ungläubig, also gab ich ihm ein konkreteres Beispiel: Vor einigen Monaten reiste ich nach Spanien, um an einer Technologieveranstaltung teilzunehmen. Bevor mich meine Familie und Freunde verabschiedeten, baten mich einige, ihnen gewisse Dinge mitzubringen, wie es in einem Land mit so schlechter Versorgung üblich ist. Im Vergleich zu früher, als man mit einer Menge Schuhsohlenschablonen und Kleidergrößen abreiste, fielen die Bestellungen dieses Mal ganz anders aus. Der Nachbar aus dem dritten Stock wollte eine Aktualisierung des Antivirusprogramms Avast und den Download eines Buchhaltungskurses für Kleinunternehmen. Zwei Cousins „bestellten“ bei mir ein Videospiel –  samt aller Updates. Und der Mann meiner Nichte wollte einige Industrie-Design-Fachzeitschriften in PDF; und fast alle waren sich einig darin, dass es ganz toll wäre, eine Offline-Kopie der kubanischen Anzeigenplattform Revolico zu bekommen.

Die Liste der Dinge, die ich mitbringen sollte, schien mir äußerst aufschlussreich. Sie reichte von Seife und Deos – die man zu dieser Zeit nicht in den Geschäften erhielt – bis hin zu Drivern für den Laptop eines Bekannten, der seine Installations-CD verloren hatte. Der Süßigkeitenverkäufer an der Ecke bat mich um eine digitale Konditorwaren-Enzyklopädie, und ein Freund, der gerade seinen Führerschein macht, wollte einen Simulator für seinen PC. Eine Kollegin, die als Fotografin tätig ist, reihte sich in die Liste ein, damit ich ihr Fotobearbeitungs-Apps von Android herunterlade, und eine Verwandte, die Englisch lernt, wollte von mir sämtliche Kapitel eines Podcasts um zu üben.

Die zwei Nächte, die ich in Granada verbrachte, habe ich nur wenige Stunden geschlafen, da die Liste der Programme, die ich auch aus dem Internet herunterladen musste, ellenlang war. Ich nutzte die Internetverbindung und lud um die 50 TED-Konferenzen herunter und wollte so ein wenig von dem frischen Wind dieser kreativen Köpfe und dieser Menschen, die Dinge in Angriff nehmen, mit auf die Insel bringen. Dann benannte ich einige Dateien um, damit ich sie in den unzähligen Ordnern mit den Bestellungen leichter wieder finden konnte, und kehrte zurück nach Havanna. Die „Lieferung“ erledigte ich in weniger als 48 Stunden, selbst das Pilatesvideo für den Fitnessstudiobetreiber um die Ecke und die digitale Fotogalerie für einen Uni-Professor, der dringend Bilder ägyptischer Kunst brauchte, erreichte seine „Kunden“. Alle waren mit dem Service zufrieden.

Es vergingen mehrere Wochen, als ich dann eines Tages die neueste Aktualisierung des Medienpakets erhielt, das gerade in Umlauf war. Zu meiner Überraschung waren es genau dieselben TEDtalk-Konferenzen, die ich damals heruntergeladen und anschließend umbenannt hatte. Und so wurde mir bestätigt, dass wir alle – auf die ein oder andere Art und Weise – ein Teil dieser alternativen Programm-Auswahl sind, die von einem zum Nächsten wandert, und unseren Beitrag leisten.

Der arme Komtur, er weiß schon: auch bei dem Paket wird es heißen “Alle für Einen, Herr“, so wie Lope de Vega uns lehrte.

Übersetzung: Katrin Vallet

Der Kater nach der WM

futbol-mundiales-Brasil_2014_CYMIMA20140714_0003_13

Ein Fußballspiel der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. (14ymedio)

Das letzte Spiel ist vorbei, das Tor der Deutschen geschossen, und von Götze, der den Pokal der WM 2014 in Brasilien hoch hält, bleibt nur noch die Erinnerung. Keine Treffen mehr, mit Freunden – in Costa Rica- und Italien-Fahen gewickelt – , um gemeinsam die Spiele beim ‚Public Viewing‘ zu verfolgen. Etwas von dieser Stimmung liegt natürlich noch in der Luft, aber die Begeisterung, die ganz Havanna jedes Mal ergriff, wenn der Ball in eines der Tore in Rio de Janeiro oder Sao Paulo ging, ist schon jetzt nur noch eine weitere Erinnerung. Die bunt bemalten Gesichter, die La-Ola-Wellen, die durch die Zuschauermengen gingen und die von Millionen Menschen geteilte Euphorie. Die Fußballparty ist zu Ende und was bleibt ist der Kater.

Der Kater ist die Rückkehr in die Realität. Zurück zu den Regalen in den Geschäften, wo man feststellen muss, dass noch weniger Waren vorhanden sind als vor vier Wochen. Mitzubekommen, dass gestern hundert Damen in Weiß* beim Versuch eine Gedenkfeier für die Opfer des Untergangs des „Schleppers vom 13. März“* abzuhalten, verhaftet wurden. Es gibt keine Stars, die uns in diesen schwierigen Momenten mit einem passenden Ohrwurm begleiten, eher vielleicht Gerüchte, die uns von Freunden überbracht werden über „Dinge, die dort draußen so los sind“,… „das Denguefieber, die Cholera, das Chikungunyafieber und die afrikanische Riesenschnecke.“

Wie ein Schlag ins Gesicht – und das ohne rote Karte für den Gegner- kehrt die Realität zurück. Kein Torhüter dieser Welt kann den schnellen Alltagsball, diesen schmerzhaften und unaufhaltsamen Schuss, halten. Wir sind wieder zurück in unserer Weltmeisterschaft ohne Scheinwerfer, ohne Kommentatoren, die „Tooooor!“ brüllen, und ohne dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das bei Sportevents oft aufkommt. Kurzum, wir erleben eine „Weltmeisterschaft“ mit strengen Regeln, einem unerbittlichen Schiedsrichter und das ohne Pokal! 

Schon am Montagmorgen sah man sie wie aus einem Traum erwachen. Hunderte von Kubanern, vor allem Jugendliche, die sich von der Leidenschaft der Weltmeisterschaft  mitreißen haben lassen, als ob sie selbst am Ball wären. Heute wurde ihnen bewusst, dass sie weder Deutsche, noch Niederländer, noch Argentinier sind und, dass sie dort draußen vor ihrer Haustür ein Kuba in schwierigen Zeiten erwartete. Kein Kuba, auf dem in den letzten vier Wochen die Zeit in Erwartung eines Pfiffs zur Wiederaufnahme des Spiels still gestanden hatte, sondern ein Kuba, das in der Zwischenzeit in Rückstand geraten ist. Werden sie bereit sein die Spielregeln dieser Realität zu ändern? Oder werden sie einfach auf die nächste Gelegenheit warten, um sich vor den Bildschirm zu flüchten oder einem Ball hinterher zu jagen?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Die Damen in Weiß (spanisch Movimiento Las Damas de Blanco “Laura Pollán”) sind eine Gruppe kubanischer Frauen, die sich für die Beachtung der Menschenrechte in ihrem Heimatland einsetzen.

*Der „Schlepper vom 13. März“ war ein kubanisches Boot, das am 13. März 1994, mit 72 Personen an Bord, die versuchten das Land zu verlassen, auslief. Nach einigen Seemeilen sank das Schiff, wobei 41 Personen ums Leben kamen.

Übersetzung: Katrin Vallet