Die Rebellion von Liliput

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Gulliver wird von den Liliputanern gefesselt (CC)

Generation Y, Yoani Sánchez, 05. November 2015 Der Aufruf zum Sparen ist für die kubanischen Regierungsmitglieder seit mehr als einem halben Jahrhundert eine gängige Praxis, während sie selbst ein üppiges Leben führen. Die Forderung, den “Gürtel enger zu schnallen”, wird von Funktionären mit dicken Hälsen und rosigen Gesichtern vorgebracht, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr wissen, wie ein Kühlschrank mit mehr Raureif als Essen aussieht. Ohne Zweifel ärgert dieser Widerspruch all die, die das rationierte Brot mit einem Verwandten teilen müssen, oder die geschickt ein Stück Seife stückeln, damit es für mehrere Wochen reicht.

Das Unbehagen des Volkes aufgrund des Gegensatzes zwischen dem, was gesagt und dem was getan wird, könnte den Journalisten Alexander A. Ricardo dazu veranlasst haben, in der Zeitung Tribuna de La Habana,  im Ressort Meinung, einen metaphorischen aber treffenden Text zu veröffentlichen. Mit dem Titel “Gullivers Reisen” bezieht sich der Meinungsartikel auf jemanden, der “als Riese an den Küsten des Mittelmeers das Leben genießt, oder als ein abenteuerlustiger Zwerg keine Probleme hat – weder in seinem Leben, noch mit seinem Visum.”

Diese Anspielung wurde wenige Monate später veröffentlicht, nachdem Antonio Castro, einer der Söhne des kubanischen Expräsidenten, von einem Paparazzi entdeckt wurde, während er Urlaub im türkischen Bodrum machte. Ein Ort, den er nach seinem Aufenthalt auf der griechischen Insel Mykonos an Bord einer 50 Meter langen Jacht angesteuert hatte, wo er und seine Begleiterinnen und Begleiter in Luxus-Suiten untergebracht waren.

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn (…) nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn und die Aufrufe zum Sparen, die heute sein Onkel verlauten ließ, nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”. Die Parallelen zwischen der symbolträchtigen Geschichte und der Wirklichkeit führten dazu, dass sich der Artikel per E-Mail in Kuba wie ein Lauffeuer verbreitete.

Noch mehr Überschneidungen gibt es, wenn A. Ricardo schreibt: „Wieder lichtet er den Anker, dieses Mal bricht er gen Norden auf, wovon ihn in vergangenen Zeiten das kühle Klima abgehalten hatte”. Das stimmt mit der vorherigen Reise des Expräsidenten-Sohns nach New York überein, wo er ebenfalls in Marken-Sportswear und einem Teddybären in der Hand fotografiert wurde.

„Dank seines Vaters reist Gulliver Junior regelmäßig” ist in dem publizierten Artikel der Zeitung aus Havanna zu lesen. Mit anderen Worten: Im System wirtschaftlicher Unsicherheit, das sein Vater Millionen von Kubanern aufbürdete, kann er sich wiederrum einen Luxus erlauben, der höher ist als das, was von der Rente seines pensionierten Vaters bezahlt werden könnte. Aber auch die Liliputaner werden einmal müde. Ob dieser Artikel des Journalisten ein Beispiel für die – mitnichten winzige – Empörung gewesen ist?

Übersetzung: Nina Beyerlein

Die Gesichter des kubanischen Traums

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Das Musical On your feet!, das auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan basiert. (Matthew Murphy).

Generation Y, Yoani Sánchez, 20. Oktober 2015  „Was ist der kubanische Traum?”, fragte er wie jemand, der wissen will, wie spät es ist, wie der Kaffee schmeckt oder wie das Wetter am Nachmittag wird. Um den Tisch herum schwiegen wir alle auf diese Frage, die von jenem Besucher in den Raum geworfen wurde. Mehr als ihm eine Antwort über das erwünschte Land zu geben, hat mich eine solche Provokation zum Nachdenken darüber gebracht, dass unsere Träume unbedingt Gesichter haben sollten, die sie darstellen, Personen, die sie bewohnen.

Ich habe am vergangenen Samstag erneut an das Gespräch gedacht, während ich in einem überfüllten Theater am New Yorker Broadway das Musical On your feet! genoss. Das Stück basiert auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan und erzählt von einem kubanischen Paar, das sich einen Weg in die wettbewerbsorientierten Welt des Entertainment in den Vereinigten Staaten bahnt. Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über Sehnsucht, Hartnäckigkeit und Erfolg.

Vor den Augen der Zuschauer entwickelt sich eine Handlung, die mit Schmerz des Exils sowie den Erinnerungen an das auf der Insel zurückgelassene Leben beginnt. Eine Referenz, die sich durch das gesamte Drama zieht, das in diesen Tagen im  New Yorker Theater Marquis aufgeführt wird. Unter der Leitung von Jerry Mitchell gibt das erfolgreiche Musical detailliert den Wandel von Traurigkeit zu Energie und von der Melancholie des Auswanderers zu Unternehmergeist wieder.

On your feet! scheint besonders ein Lobgesang auf das Lebensgefühl Kubas zu sein, der es erreicht, dass das Publikum sich von den Sitzen erhebt und tanzt – wenn auch noch mit Tränen im Gesicht. Durch die herausragenden musikalischen Interpretationen, durch die Stimme von Ana Villafañe (in der Rolle der Gloria Estefan) und dem Rest der Besetzung fesselt das Werk, ohne lästig zu sein und bringt die Zuschauer – weit über die Stereotype hinaus – mit der Kultur unseres Landes zusammen.

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Ana Villafañe und Josh Segarra in der Rolle von Gloria Estefan und Emilio Estefan (Matthew Murphy).

Das Musical verdient nicht nur auf Grund der künstlerischen Stärken und der herausragenden Inszenierung einen verlängerten Applaus, sondern besonders weil es Werte rühmt, die in unserer Gesellschaft unbedingt gerettet werden müssen. Das Musical nähert sich so dem Leben der Menschen an, die auf eine ganz andere Art und Weise inspirieren als die Lebensmodelle, die von der offiziellen Propaganda aufgezwungen werden.Gloria und Emilio provozieren keine kritiklose Anerkennung, Angst oder fügsame Dankbarkeit, sondern den Wunsch, sie zu imitieren oder sogar zu übertreffen.

Irgendwann werden kubanische Kinder, wenn Sie die Schulbücher aufmachen, um lesen zu lernen,  keine Personen in Militäruniform und mit Gewehr über der Schulter mehr sehen: An Stelle des exzessiven Waffenkults werden wir diejenigen finden, die Referenzen für Erfolg, sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Errungenschaften sind. Auf diesen Seiten werden sich die wahrhaften Vorbilder zum Nachahmen finden – die Gesichter des kubanischen Traums.

Übersetzung: Berte Fleissig

Sind wir Kubaner undisziplinierter als andere Völker?

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Ein Telefon mit herausgerissenem Hörer. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 30. September 2015 „Hier kümmert sich niemand um etwas“, tobte eine Frau in der Schlange vor der Ladenkasse einer staatlichen Metzgerei. Sie kritisierte die, die Kühlschränke offenlassen oder den Einkaufskorb auf die Glasscheibe der Ladentheke stellen. Dennoch bemerkte sie nicht, dass dem Laden eine Klimaanlage fehlte, auch nicht den Gestank, der aus ein paar Gefrierschränken kam, in denen die Ware angefangen hatte zu verderben und nicht die einzige Angestellte, die sich ums Bezahlen kümmerte, während die anderen mit verschränkten Armen zuschauten. Laut der kampferprobten Hausfrau trifft die Schuld dafür uns, die Kunden.

Die soziale Disziplinlosigkeit ist ein immer wiederkehrendes Thema in den Reportagen und Interviews der nationalen Medien geworden. Man schreibt das dem Vandalismus zu, angefangen mit den Problemen der Omnibusse im öffentlichen Nahverkehr, bis hin zum schlechten Zustand der Grünanlagen. Allerdings bemerken die offiziellen Journalisten nicht, dass, je mehr sie einen Finger anklagend gegen Plünderung erheben, auch das Bildungswesen und das politische System immer mehr in Verruf geraten, weil es die Bürger so geneigt zum Plündern und Zerstören werden ließ.

Das soziale Verhalten wird von der Umwelt beeinflusst. In einer makellosen Wohnung, auf einem sauberen Gehsteig, in einer gepflegten Stadt, imitieren viele das Milieu und werden vermeiden es zu verschmutzen, zu zerstören oder zu verwüsten. Zusammenhänge beeinflussen maßgeblich das Verhalten in öffentlichen Räumen und den Umgang mit gemeinschaftlichen Gütern. Wenn aber das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Wir Kubaner sind nicht undisziplinierter als andere Menschen, und trotzdem und gerade jetzt sollte ein Park mit Spielgeräten für Kinder genauso überwacht werden wie eine Bank, damit man nicht die Bretter von Schaukeln stiehlt, sowie Eisenteile von Karussellen und Seile von Klettergeräten. In den nur wenig beleuchteten Stadtvierteln verrichten die Leute öffentlich ihre Notdurft; kleine Abwasserrinnen sieht man überall in den Straßenecken, und ein Schwall Schmutzwasser kann von einem beliebigen Balkon direkt auf die Fußgänger herunterstürzen.

Wenn das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Diese Situation dauert nun schon so lange an, dass mittlerweile viele glauben, dass in unserer DNS der sorgfältige Umgang mit dem, was uns umgibt, nicht vorkommt. „Diese Stadt kann keine U-Bahn haben; stellen Sie sich vor, wie übel die Schächte riechen würden, bei all den Leuten, die ihre Bedürfnisse dort unten verrichten“, sagte kategorisch ein Herr mit dem Aussehen eines heruntergekommenen Funktionärs, während er vor der Haltestelle auf den Bus wartete.

Mit seinen Worten unterstellte der Herr, dass wir Kubaner uns nicht an den Wohltaten der Moderne und am Komfort erfreuen könnten, weil wir unfähig wären sorgfältig damit umzugehen. Wie auch immer, der „unheilbare Zerstörer“, der wir geworden sind, steigt in ein Flugzeug, fliegt nach New York oder Berlin, und in den zwei Wochen fern von Heim und Herd wirft er den Abfall in einen Mülleimer, zündet an einem öffentlichen Ort keine Zigarette an und putzt den Dreck von seinen Schuhen, ehe er ein Büro betritt.

Der Vandalismus ist ein Übel, das es in allen Gesellschaften gibt. Gesetze und Kontrollen dämmen ihn ein und halten ihn in Schach; aber hier ist er. Er ist Teil unserer Natur; es ist jener Augenblick des Zorns, der uns zu einer Klinge greifen lässt, um unseren Namen in eine frisch getünchte Wand einzuritzen oder den Überzug eines Kinosessels aufzuschlitzen. Geldstrafen und andere Formen der Bestrafung müssen dazu führen, dass das Raubtier, das in allen von uns steckt, nicht mit uns durchgeht.

Demnach muss der Zusammenhang von allem mit jedem dazu führen, dass sich die Leute um die Dinge kümmern. Es reicht nicht aus, an Disziplin und Erziehung zu appellieren; jeder Einzelne muss spüren, dass es der Mühe wert ist, das zu bewahren, was uns umgibt. Eine Straße voller Schlaglöcher, ein Omnibus, der verspätet und rappelvoll ankommt, ein in Finsternis getauchter Gehsteig, weil die einzige Laterne seit Jahren kaputt ist…, das sind ideale Komponenten für Verwüstung und Raub.

So wie die Frau, die sich in der Metzgerei beklagte, nehmen viele das Szenario der ständigen Verletzung von Bürger-und Konsumentenrechten nicht mehr wahr, weil es in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Schon so gewöhnt an schlechte Behandlung, Ineffizienz, Brüche aller Art und enorm hohe Preise, gibt man die Schuld diesen „undisziplinierten Kubanern“, die „an keinem Ort leben können, ohne ihn zu zerstören“.

Übersetzung: Dieter Schubert

Generation Y hinter Gittern

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Männer in Handschellen (Foto Luz Escobar/14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 17. September 2015 Mit der Veröffentlichung des Gesetzesanhangs Nr. 31 wurden viele verschiedene Meinungen geäußert bezüglich der Begnadigung von 3522 Häftlingen im Vorfeld des Besuchs von Papst Franziskus. Der Großteil der kritischen Stimmen störte sich daran, dass sich unter den Begnadigten keine Häftlinge befinden, die wegen Vergehen „gegen die Staatssicherheit“ im Gefängnis sitzen. Aber wenn man einen genaueren Blick auf die Liste der entlassenen Häftlinge wirft, fällt einem ein anderes Detail ins Auge.

Mindestens 411 der Begnadigten haben einen Vornamen, der mit “Y” anfängt, was somit mehr als 11 Prozent ausmacht. Das könnte darauf hinweisen, dass es sich um Menschen zwischen 20 und 45 Jahren handelt, da es von Anfang der siebziger Jahre bis weit in die neunziger Jahre in Mode war, seinen Kindern einen Namen zu geben, der mit dem vorletzten Buchstaben des Alphabets beginnt. Wir befinden uns daher in der Zeit des „neuen Menschen“,  einem Wesen, das in einer Gesellschaft geboren und großgezogen wurde, die sich als Teil dieser „Utopie“ fühlte und unter dem Mantel sowjetischer Unterstützung und exzessiver ideologischer Indoktrination lebte. Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Futter für das Soziallaboratorium und gefangen im eigenen Körper, die Generation Y ist weit von dem entfernt, was für sie vorgesehen war. Sie musste ein Land erleben, das nicht so war, wie es ihr versprochen wurde; und um in diesem Chaos zu überleben, musste sie das genaue Gegenteil von dem tun, was ihr beigebracht wurde. Obwohl auf der Liste der freigelassenen Häftlinge nicht die Verbrechen auftauchen, für die sie jeweils verurteilt wurden, ist es nicht schwer zu mutmaßen, was bei vielen Männern und Frauen dieser „Utopie“ dazu führte, in einer Zelle zu enden.

Vielleicht ist unter ihnen Yoandis, der eine Kuh tötete, um Essen für seine Familie zu beschaffen, oder Yuniesqui, der bei einer Firma Brennstoff mitgehen ließ, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen und so seinen Hungerlohn aufzubessern. Wer weiß, ob sich eine gewisse Yordanka auf dieser Liste befindet; sie, die die häusliche Gewalt dazu brachte, sich an ihrem Ehemann zu rächen. Oder Yusimí, die schon von klein auf zu Hause lernte, dass es besser ist als Erste zuzuschlagen, als zurückzuschlagen. Von kleinen Pionieren mit bunten Halstüchern wurden sie zu Angeklagten in grauer Uniform; von einem Kuba mit den Handbüchern des Marxismus fielen sie in die harte Realität.

Es ist eine Generation, die durch die Umstände gefangen ist, oftmals zu Verbrechen gezwungen, andere Male zur Flucht gedrängt und zur Perspektivlosigkeit verdammt. Die 411 Familien der Begnadigten dieses kubanischen Experiments werden an diesen Tagen erleichtert sein, dass sie zurückkehren, genauso wie die Angehörigen der anderen Freigelassenen. Aber die Gesellschaft, in die sie beim Verlassen des Gefängnisses kommen, steht immer noch im Widerspruch zu dem, was ihnen einst an der Tafel und in den Morgenversammlungen erklärt wurde. Das Gefängnis war Teil der sozialen Alchimie, mit der sie in Berührung gekommen sind.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Leopoldo López: der freiste Gefangene der Welt

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Leopoldo López grüßt aus einem Fenster im Militärgefängis Ramo Verde in Caracas. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 11. September 2015 Ich lernte ihn kennen und es war unmöglich, ihn nicht zu bemerken: Er ragte unter allen hervor: jung, mit beeindruckender Energie und Intelligenz, die voraussehen ließ, dass er es weit bringen würde. Gestern wurde er von einem ebenso parteiischen wie übel gesinnten Gericht zu 13 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Als ich das Urteil hörte, rechnete ich aus, wie alt seine zwei Kinder sein würden, wenn ihr Vater aus dem Gefängnis käme, aber ich hielt plötzlich inne. Leopoldo López wird diese Jahre nicht hinter Gittern verbringen, sagte ich mir, genauso wie auch mein erster Eindruck von ihm nicht trügen wird.

Autoritäre Menschen lernen nichts dazu. Sie sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Gitterstäbe einen politischen Führer an Größe gewinnen lassen, und dass der im Kerker erfahrene Schmerz sich ihm wie eine auf dem blutigsten Schlachtfeld gewonnene Medaille um den Hals hängt. Leopoldo wird gestärkt aus dem Gefängnis herausgehen, während auf der anderen Seite ein ängstlicher Nicolás Maduro nicht wissen wird, was er mit dem freisten Gefangenen der Welt anfangen soll.

Jeder Tag, den der Venezuelaner hinter Gitter verbringt, wird wie eine schändliche Last am Chavismus hängen, der mit dem Tode ringt.

Ich erinnere mich auch an den Moment, als ich Lilian Tintori kennen lernte. Eine Frau, die ihre eigenen Ängste überwinden musste, um zu der Bürgerin zu werden, die gestern Abend nach der ungerechten Verurteilung die Nachricht ihres Ehemanns las. Bei Lilian Tintori gab es eine Unerschütterlichkeit, die ich bei unserem ersten Wortwechsel in Madrid niemals vermutet hätte. Dennoch hat die Absurdität, die sie erlebt hat, ihre Stärke nochmals hervorgehoben und sie in ihrer Entschlossenheit bestärkt.

Autoritäre Menschen wissen nicht, was sie tun.

Leopoldo wird zurückkommen – jung, voller Energie und vom Schmerz geprägt. Lilian ist schon hier mit jener Bestimmtheit, die dazu führt, dass wir uns alle fragen: Wären wir bereit, das Gleiche für unsere Familien und unser Land zu tun?

Übersetzung: Berte Fleissig

Machado Ventura: weder jung noch weiblich

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Machado Ventura, im Jahr 2012, bei der 8. Plenarsitung der Nationaldirektion des Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR). (JCG)

Generation Y, Yoani Sánchez, 31. August 2015 Wenn jemand die Orthodoxie des mehr als altmodischen politischen Systems auf Kuba verkörpert, dann ist dies ohne Zweifel er, José Ramón Machado Ventura. Mit schleppendem Gang und unbegrenzter Macht; der Vizepräsident des Staats- und Ministerrats repräsentiert den reaktionärsten und fortschrittsfeindlichsten Flügel der Inselregierung. Daher kommt es, dass die übersteigerte Führungsrolle, die er in den Medien im Verlauf der letzten Wochen erlangt hat, viele beunruhigt.

Machadito, wie ihn ältere Kubaner nennen, spielt in diesem Sommer die Hauptrolle; angefangen mit Besichtigungen von Zuckerfabriken und einem Treffen mit Viehzüchtern, bis hin zur Abschlussrede auf der Tagung des kubanischen Frauenverbandes, einen Tag beim 10. Kongress des kommunistischen Jugendverbandes, und an diesem Samstag die Schlussworte im Nationalrat des Studentenverbandes FEU. All das, obwohl er weder Landwirt, noch Frau und schon gar nicht mehr jung ist.

Die vielen Fotos und Statements, die die offizielle Presse vom zweiten Sekretär des Zentralkomites der Partei publiziert hat, lassen viele Kubanern über eine Frage nachdenken: Wird sich die harte Linie schlussendlich gegen die Reformer durchsetzten, die möglicherweise Teil der politischen Macht auf Kuba sein könnten? Das häufige Erscheinen von Machado Ventura auf der öffentlichen Bühne lässt keinen Raum für Hoffnungen.

Wird sich die harte Linie schlussendlich gegen die Reformer durchsetzen, die möglicherweise Teil der politischen Macht auf Kuba sein könnten?

Manche nennen diesen Funktionär den „Mann der kleinen Bäume“, loyal bis ins Mark und grau bis in alle Mitochondrien seiner Körperzellen. Von ihm, glaubt man, stammt das Rundschreiben von 1995, das das Aufstellen von Weihnachtbäumen in Hotels und auf öffentlichen Plätzen verbot. Jahre später hat sich das Leben gegen sein Vorhaben durchgesetzt, und heute sieht man überall mit Beginn des Monats Dezember den Santa Claus und bunte Lichter, und das auf eine herausfordernde Art und Weise, die diesem gelernten Arzt überhaupt nicht gefallen kann; ihm, der schon vergessen hat, wann er zum letzten Mal einen Patienten behandelte.

Dieser Achtzigjährige, der so tut als wüsste er alles, repräsentiert das, was auf Kuba ein für alle Mal zu Ende gehen muss. Er verkörpert diese verstaubte Macht, die sich an „die da unten“ richtet, nur um von ihnen höhere Leistung und größere Opfer zu fordern. In seiner Person vereinigen sich Despotismus, Arroganz und die Überlegenheit von jemand, der seit Jahrzehnten weder in einen Omnibus eingestiegen ist, noch die Centavos zählt, um ein Kilo Hühnchen zu kaufen. Der die kühle Leere eines Kühlschranks, der sich mit einem mittleren Monatslohn über Wasser hält, überhaupt nicht mehr fühlt.

In der Zukunft wird Machado glücklicherweise eine jener Figuren sein, die sich in der Geschichte verlieren. Wie in einem dieser Witze, die so populär in Osteuropa waren und später auf unsere Insel kamen, wo jemand seinen Namen in einer Enzyklopädie sucht und dort kaum einen knappen Hinweis auf sich findet. Vielleicht sagt dieser, dass er „dem Kader der kommunistischen Partei Kubas angehörte und zu einer Zeit lebte, als die Kubaner wieder begannen Bäume zu pflanzen, und an Weihnachten Girlanden aufzuhängen.“

Übersetzung: Dieter Schubert

Personenkult im Parlament

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Das Cover des Buches ‚Raúl Castro: un hombre en Revolución‘ (Raúl Castro: ein Mann in Revolution) von Nikolái Leónov.

Generation Y, Yoani Sánchez, 15. Juli 2015  Der Personenkult hat viele Gesichter. Angefangen bei dem, dessen Bildnis an allen Schulwänden zu sehen ist, bis hin zu den Schmeicheleien, die gewisse Funktionäre durch die staatlichen Journalisten erfahren. Trotzdem hatte es den Anschein, dass mit der blasser werdenden Erinnerung an Fidel Castro – aufgrund seines zwangsläufigen Rücktritts – auch die Zeiten der im Exzess betriebenen Verehrung einer Einzelpersönlichkeit der Vergangenheit angehörten. Jedoch wird dieser ominöse Kult mit all seinen Übertreibungen und Lächerlichkeiten fortgeführt.

An diesem Dienstag widmete sich die gesamte Nationalversammlung unseres Staates der Präsentation des Buches: Raúl Castro: Un hombre en Revolución (Raúl Castro: Ein Mann in Revolution), geschrieben von dem Russen Nikolái Leónov. Eine außerordentliche Parlamentssitzung hatte zum einzigen Ziel, die Anwesenheit bei der Veröffentlichung dieses Bands, das vom Capitán San Luis Verlag veröffentlicht wurde und mehr als 80 Fotos des Biografierten enthält, einige bisher unveröffentlicht.

Aus Bescheidenheit, oder weil er dem 11. Plenum des Zentralkomitees vorsitzen  musste, nahm Raúl Castro nicht an der Präsentation teil, aber diese Geste mindert die Zuneigung nicht. Hinzu kommt, dass er die Parlamentarier für etwas zweckentfremdet hat, das nicht innerhalb ihrer Funktionen liegt. Wie viel kostete dieser Tag, an dem sich die Abgeordneten zum Palast der Konventionen begeben mussten? Mit all den Problemen, die unser Land hat und von denen Millionen Leute betroffen sind – wie konnte man da einen ganzen Tag des „offiziellen Staatsorgans“ vergeuden, um einem einzigen Mann die Lobeshymnen zu singen?

In Situationen wie der gestrigen wird klar, dass der ominöse Personenkult in unserer Gesellschaft noch immer aufrechterhalten wird. Angekurbelt durch die einen, die ein paar Wenige abgöttisch verehren sowie die anderen, die sich mit diesen Schmeichelein in ihrer Eitelkeit aufplustern.

Übersetzung: Nina Beyerlein