Wir, die Verbotenen

 

Mehrere Fachleute unterzeichneten eine Petition, in der sie die Regierung bitten, sowohl die Architekten wie auch die Ingenieure aus der Liste der 124 privaten Aktivitäten zu eliminieren, die kürzlich in Kuba verboten wurden. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.März 2021

Carlos Manuel; sein Großvater war Mitte des vergangenen Jahrhunderts Eigentümer eines Bestattungsinstituts; sein Nachbar eröffnete in den 50er Jahren eine Kanzlei und seine Mutter begann als Dentistin in einer Klinik. Er selbst lebt in Havanna, ist 48 Jahre alt und wird keine dieser Tätigkeiten ausüben können, ohne dass ihn der Staat kontrolliert. Was ihn betrifft, so lebt er in einem Kuba mit größeren Restriktionen für Selbständige, größer als jene, die seine Vorfahren kannten.

Seit mehreren Tagen verbreitet sich auf der Insel eine beunruhigende Liste; sie nennt 124 Berufe, gegen deren Ausübung im privaten Sektor die Regierung ein Veto eingelegt hat. Mehrheitlich handelt es sich dabei um Berufe, die ein staatliches Monopol tangieren, beginnend mit der privaten Förderung von Rohöl, weiter mit der Produktion von Zucker, betrifft aber auch Rechtsanwälte, Architekten, Ärzte oder Journalisten, die eigenverantwortlich tätig sein wollen.

Die Liste enthält 124 Berufe, gegen deren Ausübung im privaten Sektor die Regierung ein Veto eingelegt hat.

Seit geraumer Zeit verwahrt Carlos Manuel ein Dokument in einer Schublade, das ihn als bürgerlichen Ingenieur ausweist. Er hatte die Illusion, dass angesichts der gravierenden wirtschaftlichen Krise die Behörden die „Tür einen Spaltbreit“ öffnen und ihm erlauben würden, als Privatmann in seinem geliebten Beruf zu arbeiten. Zusammen mit zwei Freunden, einem Architekten und einem Designer, träumten sie davon ein Unternehmen zu gründen, mittelgroß oder klein, um ihre Dienste beim Bau von Gebäuden, bei der Umgestaltung von Hotels, privaten Ladengeschäften oder Wohnungen anzubieten.

Aber statt der erhofften Öffnung stockte den drei graduierten Fachleuten der Atem, als sie lasen, dass man ihnen keine Lizenz für Selbstständige erteilen wird, um damit ihren Beruf ausüben zu können. „In einem Land, in dem es dringend nötig ist, die architektonische Schönheit der Städte zurückzugewinnen, hat man uns verwehrt, mit eigenen Kräften dazu beizutragen“, schrieb er an einen Freund, nachdem er die Liste gelesen hatte. In der Nacht rief er seinen Bruder in Uruguay an, um ihm zu sagen, dass er „bei nächster Gelegenheit“ emigrieren würde. Wieder ein Fachmann der flieht, weil er hier seine Träume nicht verwirklichen kann.

Mehrere Kollegen von Carlos Manuel haben sich getroffen und eine Petition unterschrieben, mit dem Titel „Die unabhängige Architektur sollte in Kuba nicht ignoriert werden“. Darin bitten sie die Regierung, sie möge die Architekten und die Ingenieure aus der Liste jener 124 Tätigkeiten herausnehmen, die das Ministerium für Wirtschaft und soziale Sicherheit ausdrücklich verboten hat. Aber sie haben wenig Hoffnung, dass der Platz der Revolution die Entscheidung zurücknimmt.

Letztlich ist das Verzeichnis der geächteten Tätigkeiten nur ein Resümee der Ängste eines Regimes.

Letztlich ist das Verzeichnis der geächteten Tätigkeiten nur ein Resümee der Ängste eines Regimes, von dem man weiß, dass es ihm nicht gelingt, seinen Arbeitern attraktive Löhne zu zahlen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und Freiräume für Innovation oder freie Meinungsäußerung in seinen Institutionen und Unternehmen zu gewähren. Das Regime ahnt intuitiv, dass ein unabhängiger Rechtsanwalt nicht stillschweigend eine Verletzung der Rechte seines Mandanten hinnehmen wird, dass ein freier Verleger keine Zensur zulassen wird, oder dass kein unabhängiger Reporter Nachrichten unter den Teppich kehren wird, nur weil sie unbequem für die Staatsmacht sind.

Die Regierung fürchtet auch, wollte sie eine private Ausübung bestimmter Berufe erlauben, dass dies nicht nur einen Exodus von Beschäftigten aus dem staatlichen Sektor auslösen würde, sondern dass es auch einen entscheidenden Verlust an politischer Kontrolle über tausende Kubaner bedeuten würde. Nicht nur Personen mit einem Diplom würden Autonomie gewinnen; die Staatsmacht würde auch niemanden mehr so ausschlaggebend beeinflussen können, wie sie es bis heute tut.

Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert


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