Ethische Lähmungen, der traurige Fall des Ignacio Ramonet

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An der gleichen Universität, an der Ramonet (rechts) am Dienstag sein Buch vorstellte, wurde vor einigen Monaten eine Journalismusstudentin wegen ihrer Verbindung zu einer unabhängigen Oppositionsgruppe verwiesen. (UCLV)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 23. November 2017  Als 2006 das Interview von Ignacio Ramonet* mit Fidel Castro veröffentlicht wurde, ließen sich viele Bürger die Gelegenheit nicht entgehen, sich über den Titel lustig zu machen. „Warum sollten wir ‚Hundert Stunden mit Fidel**‘ lesen, wenn wir unser ganzes Leben mit ihm verbracht haben?“, war auf der Straße zu hören, doch der Journalist hat nicht einmal Notiz davon genommen.

Jenes Buch, das durch seinen ausgeprägten journalistischen Sanftmut als eine Autobiografie des „Máximo Líders“ eingestuft werden kann, erntete mehr als nur Gelächter. Der Autor wurde auch mit Anschuldigungen überhäuft, dass er mittels „Kopieren und Einfügen“ den Inhalt alter Reden von Fidel Castro für die Antworten hergenommen habe.

Ohne eine überzeugende Erklärung zu solchen Fragen abgegeben zu haben, ist Ramonet nun mit einem weiteren Buch zurückgekehrt, für das er diese Woche an mehreren Universitäten auf der Insel warb. Dieser Band trägt ebenfalls einen jener Titel, die ein spöttisches Lächeln auslösen: Das Imperium der Überwachung (Originaltitel: El imperio de la vigilancia).

Am vergangenen Dienstag hielt der Professor für Kommunikationstheorie an der Zentraluniversität Marta Abreu de Las Villas eine Ansprache im Rahmen der Präsentation des Buches, das im José Martí Verlag veröffentlicht wurde. Es wurde eine bittere Schmährede gegen das globale Überwachungsnetz, das die Vereinigten Staaten geknüpft haben, um an Informationen über Bürger, Gruppen und Regierungen zu kommen.

 Ramonet leidet unter einer ethischen Lähmung, wenn es darum geht, Verantwortung zu verteilen und anderen Regierungen aufzuzeigen, dass sie jeden Tag in die Privatsphäre ihrer Bürger eindringen.

Das Buch legt besonderen Nachdruck auf die Komplizenschaft von Unternehmen, die die Nutzerdaten verwalten, um sie in das Spionagenetz der kommerziellen Interessen, der Kontrolle und Unterordnung einzufügen. Ein Netz, in dem die moderne Gesellschaft gefangen ist und aus dem man sich dringend befreien soll, so die Analyse des Professors.

Bis dahin unterscheidet es sich nicht von dem, was so viele Cyberaktivisten auf der ganzen Welt anprangern, aber Ramonet leidet unter einer ethischen Lähmung, wenn es darum geht, Verantwortung zu verteilen und anderen Regierungen aufzuzeigen, dass sie jeden Tag in die Privatsphäre ihrer Bürger eindringen.

Die Tatsache, dass Ramonet in so ein „orwellianisches“ Land wie Kuba gereist ist, um mit dem Finger auf Washington zu zeigen, ist ein Beweis für seinen unhaltbaren Standpunkt, wenn es darum geht, Themen zu behandeln, wie „Big Data“, die Legalisierung von Web-Überwachung und die Sammlung von Benutzerdaten, um Verhalten vorherzusagen oder Produkte zu verkaufen.

Die Insel, auf der die Staatssicherheit (in diesem Fall der „Big Brother“) über jedes Detail im Lebens von Einzelpersonen wacht, ist nicht der beste Ort, um über indiskrete Augen zu sprechen, die die Emails anderer lesen, auch nicht über Polizeibeamte, die jede Information überwachen, die das Netz durchquert, und über Daten, die von Regierungsbeamten abgefangen werden, um damit Menschen zu unterdrücken.

Die Regierung dieser Nation, die von ihrem Sitz auf der „Plaza de la Revolución“ aus eine strenge Kontrolle über die Informationen aufrechterhält und nur die öffentliche Verbreitung von wohlwollend gesinnten Reden zulässt, müsste eigentlich zu den Regimen gehören, die Ramonet in seinem Buch anprangert. Seltsamerweise gibt es aber für den Journalisten „schlechte“ und „gute“ Überwachungen, und in letztere scheint diejenige zu fallen, die von der kubanischen Regierung durchgeführt wird. 

Die Regierung dieser Nation, die von ihrem Sitz auf der „Plaza de la Revolución“ aus eine strenge Kontrolle über die Informationen aufrechterhält, müsste eigentlich zu den Regimen gehören, die Ramonet in seinem Buch anprangert.

An der gleichen Universität, an der Ramonet am Dienstag sein Buch vorstellte, wurde vor einigen Monaten eine Journalismusstudentin wegen ihrer Verbindung zu einer unabhängigen Oppositionsgruppe verwiesen. Das Imperium der Überwachung reagierte nicht halbherzig und mit der Hilfe einiger Studenten und Studentenführer, die zur Komplizenschaft gezwungen wurden, warf man sie aus der Uni.

Wenige Tage später starteten die Cyberpolizisten, die diese Kontrollarmee bilden, eine Verleumdungskampagne gegen die junge Frau in den sozialen Netzwerken. Sie benutzten Informationen aus ihren Emails, Telefonaten und sogar privaten Gesprächen, um sie zu verunglimpfen. Unser „Big Brother“ handelte ohne Rücksicht auf Verluste.

Vor einigen Jahren zeigte das nationale Fernsehen den Inhalt mehrerer privater Emails, die aus dem persönlichen Account einer Oppositionellen gestohlen wurden. All dies geschah ohne richterliche Anordnung, ohne dass die Dame etwa wegen eines Verbrechens strafrechtlich verfolgt wurde und natürlich ohne bei Google die Freigabe der Emails beantragt zu haben, deren Inhalt vermutlich veröffentlicht werden sollte.

Ramonet kann nicht ignorieren, dass das kubanische Telekommunikationsunternehmen Etecsa einen strengen Filter für jede von ihren Kunden gesendete Textnachricht einsetzt. Das staatliche Monopol zensiert Wörter wie „Diktatur“ und den Namen von Oppositionsführern. Obwohl die Nachrichten kostenpflichtig sind, erreichen sie nie ihr Ziel.

Der ehemalige Direktor von ‚Le Monde Diplomatique‘ ist eben auch nicht in eine Wifi-Zone gegangen, um auf eine dieser Websites zuzugreifen, die die Regierung nach jahrelangem Druck durch die Bürger geöffnet hat

Der ehemalige Direktor von Le Monde Diplomatique ist eben auch nicht in eine Wifi-Zone gegangen, um auf eine dieser Websites zuzugreifen, die die Regierung nach jahrelangem Druck durch die Bürger geöffnet hat. Wäre er in solch einer Wifi-Zone gewesen, wüsste er, dass das chinesische Firewall-Modell auf dieser Insel kopiert wurde, um unzählige Seiten zu zensieren.

Weiß Ramonet, dass eine große Anzahl kubanischer Internetnutzer anonyme Proxies nicht nur für den Zugriff auf diese gefilterten Websites verwendet, sondern auch, um ihre privaten Informationen vor dem indiskreten Auge des Staates zu schützen? Hat er bemerkt, dass die Stimmen der Leute leiser werden, um über Politik zu sprechen, dass sie verbotene Bücher einbinden oder den Computerbildschirm mit ihren Körpern bedecken, wenn sie eine blockierte Zeitung wie 14ymedio besuchen?

Hat er sich über die Vereinbarung zwischen Havanna und Moskau gewundert, in Kuba ein Zentrum unter dem Namen InvGuard zu eröffnen, das ein angebliches Schutzsystem gegen Angriffe auf Netzwerke einführen soll? Gerade jetzt wo der Kreml beschuldigt wird, über das Internet manipuliert zu haben, vom Brexit über die katalanische Krise bis hin zu den US-Wahlen.

Keine dieser Antworten wird der Leser in Ignacio Ramonets jüngstem Buch finden können, denn genauso wie jene Autobiografie von Fidel Castro, die versuchte als Interview durchzugehen, kann dieses Buch von den Kubanern schon allein aufgrund seines Titels allein in Frage gestellt werden: Warum sollte man Das Imperium der Überwachung lesen, wenn man sein ganzes Leben lang unter seiner Herrschaft gestanden hat?

Anmerkung der Übersetzerin:

*Ignacio Ramonet, geb. 1943 in Redondela, Spanien, ist ein spanischer Journalist, der in Paris lebt. Er ist Ehrenpräsident der ATTAC-Bewegung. Von 1991 bis 2008 war er Direktor der französischen Ausgabe von Le Monde Diplomatique, jetzt leitet er die spanischsprachige Ausgabe dieser Zeitung.

**100 Horas con Fidel (100 Stunden mit Fidel) ist auf Deutsch erschienen unter dem Namen: Mein Leben | Fidel Castro, Ignacio Ramonet, Barbara Köhler (Übersetzerin).

Übersetzung: Nina Beyerlein

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Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität des Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter transformieren.

Kaputt: Die Träume von einem Goethe Institut in Havanna

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Der Hauptsitz des Goethe Instituts in München.

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YOANI SÁNCHEZ  | 14ymedio.com | 06. November 2016  Das Wort brachte mich zum Lächeln. Kaffeeweißer stand auf den winzigen Päckchen neben der Kaffemaschine in einem Berliner Hotel, die versprachen dieses dunkle Getränk, das meinen Jet Leg lindern würde, zu „weißen“. Ich hatte vergessen, wie direkt und mächtig die deutsche Sprache sein kann. Viele Jahre habe ich, wie auch die germanophile Gesellschaft Kubas, auf die Einweihung eines Goethe Institutes auf der Insel gewartet, doch letzte Woche erstickte ein Bericht der Deutschen Welle unsere Hoffnungen im Keim.

Die Eröffnung des lang ersehnten Zentrums, das es ermöglichen würde sich der deutschen Kultur anzunähern, schien in greifbarer Nähe. Der deutsche Außenminister, Frank-Walter Steinmeier, trat im Juli des letzten Jahres die erste offizielle Reise eines deutschen Ministers in unser Land seit dem Fall der Berliner Mauer an. Im Mai dieses Jahres folgte dann ein Besuch des kubanischen Außenministers, Bruno Rodríguez Parrilla, in der Hauptstadt der Bären und Würste.

Wie bei einem diplomatischen Tanz, nahmen wir ungeduldig an einem Schritt zunächst in die eine, dann in die andere Richtung teil und auch an den vielversprechenden Handschlägen für das Foto. Währenddessen zählten wir die Tage bis die Heimat von Georg Wilhelm, Friedrich Hegel, Herta Müller und Günther Grass sich in einem Zentrum in Havanna einrichtet, das der Alliance Française* weder in Größe noch in Qualität nachsteht.

Ich kenne kein anderes Wort, das besser etwas Zerbrochenes ausdrückt als der deutsche Terminus kaputt. Ihr, der Sprache meiner Träume und meiner Sehnsüchte, verdanke ich die Stärke der verbalen Schläge, die die spanische Sprache in Umschreibungen und Versprechungen versteckt. Genau dieser schneidende Laut, der „zerbrochen“, aber aus der Frustration heraus, bedeutet, kam mir in den Sinn als ich an einem Samstag die Aussagen des Präsidenten der Subkommission für Außenpolitik im Bereich Kultur, Bernd Fabius, über die möglichen Gründe für eine Verschiebung sine die der Eröffnung eines Goethe Institutes hier auf Kuba, las.

“Kuba befürchtet, dass Deutschland mit dem Goethe Institut, das die deutsche Sprache und Kultur auf der ganzen Welt verbreitet, die Kontrarevolution ankurbelt“, bemerkt Fabius, und weist darauf hin, dass die Absage zeigt „wie schwach sich die Systeme von solchen Staaten selbst einschätzen.“

Die kubanische Regierung bevorzugt es, dass die “Dosis Deutsch“ über die eigenen Bildungseinrichtungen und unter strenger Kontrolle bei uns ankommt.

Die kubanische Regierung bevorzugt es, dass die “Dosis Deutsch“ über die eigenen Bildungseinrichtungen und unter strenger Kontrolle bei uns ankommt. In der Fakultät für Fremdsprachen der Universität von Havanna werden zwar Deutschkurse angeboten, aber ein selbstständiges Kulturzentrum, das von Berlin aus gesteuert wird, ist momentan nicht vorgesehen.

In einem Land mit ca. 30.000 Einwohnern, die in der DDR studiert oder gearbeitet haben und vielen anderen, die in den letzten Jahren aufgebrochen sind, um in diesem europäischen Staat zu leben, und in dem, trotz der Entfernung und den deutlichen kulturellen Unterschieden auch eine allgemeine Neugier, gemischt mit Sympathie für die teutonische Kultur herrscht, ist dies wirklich bedauerlich.

Bernd Fabius Schlussfolgerung über die Ängste der kubanischen Regierung verfehlt das wahre Motiv, das Projekt „Goethe Institut“ auf Eis zu legen, sicher nicht sehr weit. Jeder Ort, der nicht den strikten Vorgaben der Ideologie unterliegt, der Literatur weit ab von den gefilterten Verlagslisten der Insel anbietet oder dazu anregt über die Grenzen der politischen Blindheit und des Meeres um uns herum hinauszuschauen, verursacht Schäden an der Plaza de la Revolución**.

Das Lehrreichste dabei ist, dass sich die deutsche Regierung seit Jahren „gut benimmt“, um ein Schild, das den Namen des Autors von Faust trägt, in einer Straße von Havanna zu sehen. Fünf Jahre des Herantastens, der verschlossenen Ohren, der Vorsicht und des Fernhaltens von allem, was die Oberhäupter in olivgrün verärgern könnte. Nach all der Zeit, in der jedwede Empfindlichkeit umgangen wurde, hat der Bundestag ein lautes und deutliches Nein erhalten, eines wie man es nur in der Sprache Nietzsches zu hören bekommt.

Anmerkungen des Übersetzers:

*Die Alliance Française wurde 1883 in Paris gegründet und widmet sich der Verbreitung der französischen Sprache und Kultur auf der ganzen Welt.

** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde. Zudem befindet sich hier der Sitz der Regierung.

Übersetzung: Anja Seelmann

Information als Verrat

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„Für die reaktionäre kubanische Regierung sind alle Katzen grau“. (EFE)

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YOANI SÁNCHEZ | Generación Y | 14. Oktober 2016 Die Ruhe ist nichts für autoritäre Regime. Sie brauchen den Schrecken, der sich unter den Bürgern breit macht, damit sie nach Herzenslust regieren können. Diese Angstszenarien haben sich auf Kuba in den vergangenen Monaten immer mehr zugespitzt, in denen die Regierung ihren Konfrontationskurs verschärft oder neu aufgenommen hat: gegen die Opposition, gegen die Selbstständigen, gegen jene Jugendlichen, die ein Stipendium in den Vereinigten Staaten anstreben und speziell gegen die unabhängige Presse.

Die Kriegstrommeln werden gerührt und der Hauptfeind wird diesmal von jenen Journalisten verkörpert, die nicht den staatlichen Medien angehören und die von dem Schaden berichten, den der Hurrikan Matthew verursacht hat. Die Regierung stellt sich dem entgegen und sagt, „private Stellen oder solche, die ganz offen der Kontrarevolution dienen“ gäben ein „Bild, das nicht nur der Realität fremd ist, sondern diese sogar verfälscht”, wie es aus einem Artikel hervorgeht, der diesen Donnerstag in der Granma veröffentlicht wurde.

Der Text mit dem Titel Matthew: Humanismus, Transparenz und Manipulation ist nur ein weiteres Scharmützel, um den Konflikt der vergangenen Wochen weiter eskalieren zu lassen, bei dem es um die Publikationen geht, die sich der Parteikontrolle entziehen. Das Neue daran ist, dass dieser Angriff auf bestimmte Bereiche der unabhängigen Presse zielt, die hart dafür gekämpft haben, nicht in den „Sack der Feinde” gesteckt zu werden.

Die Offensive, die gerade gegen sie geführt wird, zeigt sich bei den Verhaftungen von Mitgliedern des lokalen Nachrichtenblogs Periodismo de barrio und seiner Direktorin Elaine Díaz, aber auch bei der wiederholten Androhung auf eine mögliche Ausweisung, die sich gegen Fernando Ravsberg richtet, sowie den Sanktionen gegen den Journalisten José Ramírez Pantoja aus Holguín. Das beweist doch, dass für die reaktionäre Regierung alle Katzen grau sind, oder was das Gleiche ist: Der Journalist, der nicht mit der genügenden Begeisterung Beifall klatscht, ist ein Verräter.

Was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen

Der offizielle Angriff hat es sogar bis in den Bericht geschafft, den das „Komitee zum Schutz der Journalisten“ (CPJ) herausgab und in dem es um die Situation der Presse auf Kuba geht. Eine Studie, an der Ernesto Lodoño mitgearbeitet  hat, Journalist der Zeitung The New York Times, deren Verlagshäuser das Auftauen der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten befürworten und sogar bis vor kurzem deswegen von unserer staatlichen Presse gelobt wurden.

Jetzt… haben sie uns alle in den gleichen Sack gesteckt.

Es nützt den neuen Opfern überhaupt nichts, sich von denjenigen zu distanzieren, die durch die offizielle Propaganda in Fernsehprogrammen, zur Hauptsendezeit, stigmatisiert worden sind. Es wird wenig bringen, dass die Attackierten sich nun – aufgrund des Staatsgrolls – von der unabhängigen Presse, die in den 90ern entstanden ist, lossagen. Und genauso wenig nützt es, wenn sie die „konfliktiven“ Blogger oder Dissidenten verfluchen und öffentlich zusichern, dass sie von einer linksgerichteten Ideologie geleitet werden.

Nichts von all dem zählt. Denn was gerade passiert, ist das Aufeinanderstoßen zweier Epochen. Eine davon war diejenige, in der die Kommunistische Partei Kubas sämtliche Informationen nach Lust und Laune kontrollieren, manipulieren und über ihre Veröffentlichung entscheiden konnte. Jene Zeiten, in denen wir erst Wochen später vom Fall der Berliner Mauer erfuhren, und die Bilder von den Unruhen in Havanna im Jahr 1994 auf den Titelseiten der nationalen Zeitungen unterdrückt wurden. Diese Epoche stirbt gerade und eine andere wird geboren; dank neuer Technologien und dass sich viele Journalisten der Wahrheit verpflichtet fühlen, sowie dem wachsenden Verlangen der Kubaner nach Information.

 Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Trotzdem, für die Regierung, die daran gewöhnt ist, jeden Titel festzulegen und die Direktoren von Zeitungen, TV-Sendern und Nachrichtenprogrammen per Fingerzeig zu ernennen, ist es nicht wirklich wichtig, ob ihr neues „Objekt der Abscheu“ eine Modezeitschrift, ein Sportmagazin oder ein Nachrichtenprogramm ist. Ist der Parteistempel nicht darunter gesetzt, wird jeder Versuch, Berichterstattung zu betreiben, als eine Kriegserklärung verstanden.

Solange die kubanischen Journalisten nicht einsehen, dass sie sich – jenseits redaktioneller Nuancen, Phobien oder Ideologien – vereinigen und gegenseitig schützen müssen, solange wird der Regierungsapparat weiterhin solche Schläge austeilen. Er wird verteufeln, verhaften und die Arbeitsutensilien jener Reporter konfiszieren, die nicht auf seiner Gehaltsliste stehen – ganz egal, ob es sich bei der Berichterstattung um die Migration von Greifvögeln handelt oder um die gezielten Aktionen von öffentlicher Demütigung gegen die Opposition.

Auf Distanz zu gehen führt im Moment einzig und allein dazu, dass die Gegenmächte der Informationsfreiheit uns zerstören. Getrennt sind wir lediglich Journalisten, die der Willkür der Regierung ausgeliefert sind; zusammen aber bilden wir ein starkes und notwendiges Gremium.

Mag dieser Text dazu dienen, meine Solidarität all jenen Kollegen auszusprechen, die sich heute im Auge des Hurrikans der Repression befinden, ganz unabhängig von der Linie ihres Verlags, ihrem Arbeitsfokus oder der Farbe ihrer Träume, die sie für unser Land hegen.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Frauen, immer benachteiligt

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An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. (Silvia Corbelle)

Generación Y, Yoani Sánchez, 08. März 2016 Wenige Tage nach der Ermordung zweier junger argentinischer Touristinnen in Ecuador zündete ein Mann in Santa Clara sein Haus an, in dem sich seine beiden Kinder befanden, um sich an seiner Ex-Frau zu rächen. Die Gewalt gegen Frauen ist in Lateinamerika und im Großteil der restlichen Welt noch immer weit verbreitet. Ein Tag wie der 8. März mit Hommagen, Blumen und schmeichelnden Reden löschen diesen Horror weder aus, noch verkleinern sie ihn.

Die konstante Aggression, der wir Frauen ausgesetzt sind, zeigt sich beim Schlag eines gewalttätigen Ehemannes, doch ist sie auch sonst in jeder Minute unseres Lebens präsent: sowohl im beruflichen als auch im sozialen Bereich. Nachts alleine durch die Straßen zu laufen, sich ohne Begleitung in einen Park zu setzen oder sich am Strand zu sonnen, ohne von seinem Partner „beschützt“ zu werden, all das sind Momente, die viele kubanische Frauen viel mehr mit Unruhe als mit Genuss erleben.

Der Spielraum, in dem wir uns bewegen können, wird uns schon sehr früh aufgezeigt: Bist du anständig oder eine Schlampe? Eine gute Ehefrau oder eine fragwürdige alte Jungfer? Eine sorgsame Mutter oder eine Rabenmutter? Unterwürfig oder aufmüpfig? Geschminkt oder ungepflegt? Eine gute Köchin oder am Herd nicht zu gebrauchen? Jeder Versuch, diese einengenden Etiketten loszuwerden, kostet uns doppelt so viel Kraft wie einem Mann – plus der entsprechenden Menge an Beleidigungen durch andere.

Mit der Gewalt ging es bereits los, als wir noch klein waren, als sie uns darauf vorbereiteten, „schön und zartfühlend“ zu sein und uns dabei unseren Geschmack, unsere Affinitäten und unsere Berufung aufzwangen. Sie drängten uns dazu gefällig und lieb zu sein, zurückhaltend und schweigsam, der männlichen Initiative untergeordnet und ein „Geduldsmensch“ zu werden. Die familiäre Erziehung und das Bildungssystem, die in unserem Land vorherrschen, schließen uns in die Enge veralteter Geschlechterrollen ein.

Dem kubanischen Feminismus ist das gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist

An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. Wenn eine Frau Opfer eines sexuellen Missbrauchs auf der Straße wird, denkt die Mehrheit zuerst einmal, dass sie “sehr provokative Kleidung” getragen haben muss oder zu stark mit den Hüften gewackelt hat. Der Angreifer wird als jemand dargestellt, der seine “Männerrolle” ausübte, und der Frau werden die schlimmsten Adjektive zugeschrieben.

Fernsehmoderatorinnen sollen üppig gebaut und attraktiv sein, während man ihren männlichen Kollegen graue Haare, Doppelkinn und dicke Bäuche durchgehen lässt, ohne dass sich jemand daran stört. Mit der Regierung verhält es sich auch nicht anders. Dieser maskulinen Macho-Macht, unter der wir fast 60 Jahre leben, gefällt es, sich mit hübschen Gesichtern ablichten zu lassen und liebliche Feierlichkeiten am Internationalen Frauentag abzuhalten. Sie verschenken Blumen und nennen uns „Genossinnen“, während sie im restlichen Jahr die Forderungen der Frauen und die Unabhängigkeit jeder Initiative zur zur Gleichstellung der Geschlechter ausbremsen.

Dem kubanischen Feminismus ist das Gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist. Sie nahmen ihr ihre besten Jahre, ließen sie nicht die Erfahrung machen, wie es ist, auf die Straße zu gehen um ihre Rechte einzufordern. Und jetzt verlangen sie von ihr schön, ruhig und zahm zu bleiben, und jene zu unterstützen, die Testosteron mit Macht mischen und die Geringschätzung von Frauen hinter einem kitschigen Festumzug verbergen, was nur eine weitere Form von Gewalt ist, versteckt hinter vermeintlichem Lob und Komplimenten

Wenn es ein abscheuliches Verbrechen ist, sich unserer Körper gewaltsam zu bemächtigen, dann ist es ebenso ein Verbrechen, von unserer Freiheit Besitz zu ergreifen, uns ein Rollenbild von dem aufzuerlegen, wie wir sein sollen, und weiter an diesen diskriminierenden Konzepten festzuhalten; es ist jener Markt, auf dem die Werte falsch gehandelt werden und wo Hoden immer noch höher im Kurs stehen als Eierstöcke.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Apple vs. FBI, ein Streit aus kubanischer Sicht

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Ein iPhone der Firma Apple. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 05. März 2016 Als sie ihm das Telefon zurückgaben, waren alle Kontakte gelöscht und die Speicherkarte mit den Fotos nicht mehr da. Geschichten wie diese gibt es zu Hauf bei festgenommenen Aktivisten, die mit der Beihilfe des kubanischen Telekommunikationsunternehmen Etesca – dem technologischen Arm der Repression in Kuba – strengstens überwacht werden. Eine Körperschaft, die jene Abfuhr zur Kenntnis nehmen müsste, die Apple dem FBI  in den USA erteilt hat, in dem die Firma sich weigerte, Zugriff auf Kundendaten zu gewähren.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich die kubanische Gesellschaft an die Tatsache gewöhnt, dass die Regierung die Privatsphäre der Einzelpersonen nicht respektiert. Der Staat ist berechtigt, in der persönlichen Korrespondenz herumzuschnüffeln, medizinische Akten vor laufenden Kameras zu zeigen, persönliche Nachrichten im Fernsehen zu veröffentlichen und systemkritische Telefongespräche in den Medien zu verbreiten. In so einem Rahmen existiert keine Intimität, die Privatsphäre wurde durch die Machthaber invadiert.

Die Menschen betrachten es als “normal”, dass man einfach auf die Telefone zugreift und dass in Wohnungen Oppositioneller versteckte Mikrophone auch den kleinsten Seufzer erfassen. Außerdem ist es Gang und Gebe, dass Etesca seine Dienstleistungen für Dissidenten während bestimmter nationaler Veranstaltungen einstellt, oder bei Besuchen von ausländischen Staatsoberhäuptern, und den Empfang von Nachrichten blockiert, deren Inhalt ihnen unangenehm erscheint. Diese orwellsche Situation zieht sich nun schonso lange hin, dass nur noch Wenige bemerken, dass diese illegal ist und eine Verletzung der Menschenrechte darstellt.

Das Gefühl von ständiger Überwachung hat dazu geführt, dass sie sogar auf unsere Art und Weise wie wir sprechen Einfluss genommen hat und nun ist unsere Sprache gekennzeichnet durch Flüstern, Gesten und Metaphern, um diejenigen Worte nicht zu verwenden, die uns Probleme bereiten könnten

Das Gefühl von ständiger Überwachung hat dazu geführt, dass sie sogar auf unsere Art und Weise wie wir sprechen Einfluss genommen hat und nun ist unsere Sprache gekennzeichnet durch Flüstern, Gesten und Metaphern, um diejenigen Worte nicht zu verwenden, die uns Probleme bereiten könnten. Das geht soweit, dass nur Wenige heutzutage den Namen von Fidel oder Raúl Castro aussprechen, sondern durch Grimassen ersetzen, mit denen ein Bart, schmale Augen oder zwei auf den Schultern platzierten Fingern vorgetäuscht werden, und so Anspielungen auf „diese“, „die Macht“, „die Regierung“, „die Partei“ machen.

Wo die Grenzen eines Staat liegen, um an private Information zu gelangen, das ist im Augenblick  Schwerpunkt der internationalen Debatte, von der ausgehend  die Regierung der Vereinigten Staaten vom Technologieunternehme Apple verlangte, das Telefon freizugeben, das der für eine Schieβerei in Kalifornien verantwortliche Terrorist benutzte, bei der 14 Menschen ums Leben kamen. Die Diskussionen werden lauter zwischen denjenigen, die die Forderung nach Sicherheit verfechten und denjenigen, für die es eine Gefahr darstellt, die Rechte auf Datenschutz zu verletzen.

Ganz weit von diesen Fragestellungen entfernt befindet sich die kubanische Gesellschaft, die es öffentlich nicht einmal in Betracht zieht, die in mehr als einem halben Jahrhundert  durch Einmischung von Seitens der Regierung in alle Bereiche des täglichen Lebens verlorene Privatsphäre zurückzuerobern. Sogar ein privates Tagebuch zu führen, die Türe eine Zimmers zu schließen oder mit gesenkter Stimme zu sprechen wird von einem System verpönt, das versucht hat, die Individualität durch Vermassung zu ersetzen und die Intimität in der Promiskuität der Unterkünfte und Kartellee auszumerzen.

Apple befürchtet, dass durch die Erschaffung einer Software, die Telefone freigibt, nicht mehr verhindert werden kann, dass die Regierung oder Hacker diese benutzen, um sich private Information von Millionen unschuldiger Menschen zu erschleichen. Die Firma weiβ, dass jede Macht unersättlich ist, was Information angeht, die man über andere haben will. Daher muss die Gesetzgebung diesen Überschreitungen des Eindringens in die Privatleben – die typisch für alle Regierungen sind – Einhalt gewähren.

Der Streit über Privatsphäre und Sicherheit wird noch lange andauern, weil es sich dabei um eine ewig andauerndes Spannungsfeld zwischen den Grenzen des sozialen und des persönlichen Freiraums handelt. Der Konflikt zwischen den Interessen eines Landes und diesem zerbrechlichen, aber unumgänglichen Teil, macht uns zu Individuen.

Übersetzung: Berte Fleissig

Von der Information zur Aktion

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Yoani Sánchez nimmt den Journalistenpreis „Knight de Periodismo Internacional 2015“ entgegen. (@karinkarlekar)

Generación Y, Yoani Sánchez, 12. November 2015 Meine Großmutter konnte nur den ersten Buchstaben ihres Namens schreiben: Sie unterschrieb Dokumente mit einem großen „A“, also fast wie ein Kind. Obwohl sie Analphabetin war, riet Ana mir mit Nachdruck, dass ich studieren solle, um all das zu lernen, was man lernen könne. Obwohl diese Wäscherin nie eine Schule besucht hatte, erteilte sie mir die wichtigste Lektion in meinem Leben: dass Zähigkeit und harte Arbeit notwendig sind, wenn man seine Träume verwirklichen will. Sie schärfte mir ein, dass es darauf ankomme zu handeln, auf „Aktionen“ mit einem großen „A“, wie der einzige Buchstabe ihres Namens, den sie schreiben konnte.

Handeln kann dennoch zu einem Problem werden, wenn es nicht parallel von Information begleitet wird. Ein ahnungsloser Bürger wird zu einer leichten Beute für die Mächtigen und sicher auch ein Opfer von Manipulation und Kontrolle. Mehr noch: einen Menschen ohne Informationen, kann man nicht als mündigen Bürger bezeichnen, weil seine Rechte ständig verletzt werden und er nicht weiß, wie er diese einfordern kann, oder was er tun muss, um sie wiederherzustellen.

Eine strenge Kontrolle der Presse und eine abgrundtiefe Verachtung für den freien Zugang zu Information, sind für alle autoritären Regime charakteristisch. Für solche politischen Systeme ist der Journalist ein lästiges Individuum, das man bändigen, zum Schweigen bringen oder eliminieren muss. Es handelt sich hier um Gesellschaften, in denen ein Journalist nur dann Anerkennung findet, wenn er offizielle Verlautbarungen wiederholt und Loblieder auf das System singt.

Hin und her gerissen zwischen meiner Wissbegierde und einer Mauer des Schweigens, mit der die offizielle kubanische Presse so viele Themen umgab, wuchs ich zu der Person heran, die ich heute bin.

Seit vierzig Jahren lebe ich unter einer Regierung, für die Information Verrat ist. Anfangs, als ich anfing zu lesen und begann, mich mit der nationalen Presse zu beschäftigen, mit ihren optimistischen Schlagzeilen und mit ihren Zahlen der wirtschaftlichen Planübererfüllung, glaubte ich felsenfest an das, was die Zeitungen berichteten. Und das Land, das es so nur in der Druckerschwärze offizieller Tageszeitungen der kommunistischen Partei Kubas gab, glich dem, was meine Lehrer mir in der Schule erklärten, dem in den Handbüchern für Marxismus und den Reden des Máximo Líder Fidel Castro, aber es entsprach nicht der Wirklichkeit.

Hin und her gerissen zwischen meiner Wissensbegierde und einer Mauer des Schweigens, mit der die offizielle Presse so viele Themen umgab, wuchs ich zu der Person heran, die ich heute bin. Wie bei vielen anderen Landsleuten auch, bestand meine erste Reaktion darin, angesichts von so viel Manipulation und Zensur einfach damit aufzuhören ein Presseorgan zu lesen, das sich der Macht unterwarf; also jene Propaganda zu lesen, die sich mit der Maske des Journalismus tarnte. Wie Millionen Kubaner suchte auch ich nach unterdrückter Information, nach zensierten Nachrichten, und lernte so ausländische Radiosendungen zu hören, obwohl diese von der Regierung mit Störfrequenzen überlagert wurden.

Ich geriet in Beklemmung, wenn ich keine Information bekam. Aber dann kam ein anderer Moment. Ein Moment, in dem ich zu „Aktion“ überging. Es reichte mir nicht mehr, all das zu wissen, was sie mir verheimlichten und den Wahrheitsgehalt von so vielen betrügerischen Statistiken und von ebenso vielen hochtrabenden Leitartikeln zu entschlüsseln. Ich wollte zu denen gehören, die von der Wirklichkeit in Kuba berichteten. Deswegen fing ich mit meinem Blog Generación Y an, im April 2007, mit dem ich mich auf den Weg machte ein Informant und Journalist zu werden. Ein Weg ohne Umkehr, voller Gefahren, Belohnungen und großer Verantwortung.

Während der letzten acht Jahre habe ich alle Extreme des Journalistenberufs erlebt, die Ehrungen, die Schmerzen und auch die Frustration, nicht den Zugang zu einer Konferenz zu erhalten, den die offizielle Presse abhielt; aber auch das Wunder einem einfachen Kubaner auf der Straße zu begegnen, der mir ein hervorragendes Zeugnis ausstellte. Ich habe Momente erlebt, in denen ich diesen Beruf geliebt habe, und andere, wo ich mir gewünscht hätte, niemals das erste Wort geschrieben zu haben. Es gibt keine Journalisten, denen ihre Dämonen nicht im Nacken sitzen.

Ich glaube nämlich, wenn wir schon viel früher zu „Aktion“ übergegangen wären und das Recht auf Information für uns und andere in Anspruch genommen hätten, dass Kuba heute ein Land sein könnte, in dem „Journalist“ nicht ein Synonym für einen gezähmten Berufsstand oder einen flüchtigen Verbrecher wäre.

Heute leite ich ein Pressemedium: 14ymedio. Es ist die erste unabhängige Tageszeitung, die auf Kuba erschienen ist. Ich bin nicht mehr die Jugendliche, die damals die Augen von der offiziellen Presse abwandte, alternative Nachrichtenquellen suchte und später mit einem Blog anfing, wie jemand, der ein Fenster öffnete, um ins Innere des Landes blicken zu können. Jetzt habe ich eine neue Verantwortung. Ich führe ein Team von Journalisten, die Tag für Tag die Grenze zur Illegalität überschreiten müssen, um ihre Arbeit zu tun.

Ich bin verantwortlich für jeden einzelnen Berichterstatter, die zusammen die Redaktion unserer Zeitung bilden. Die schlimmsten Momente sind die, wenn einer von ihnen von einer Recherche nicht zurückkommt und wir seine Familie in Kenntnis setzen müssen, dass er verhaftet wurde und verhört wird. Das sind jene Tage, an denen ich wünschte, das erste Wort nicht niedergeschrieben zu haben …das erste Wort …damals nicht niedergeschrieben zu haben, sondern schon viel früher.

Ich glaube nämlich, wenn wir schon viel früher zu „Aktion“ übergegangen wären und das Recht auf Information für uns und andere in Anspruch genommen hätten, dass Kuba heute ein Land sein könnte, in dem „Journalist“ nicht ein Synonym für einen gezähmten Berufsstand oder für einen flüchtigen Verbrecher wäre. Aber wenigstens haben wir angefangen zu handeln. Wir sind von Information zu Aktion übergegangen, um zu helfen, eine Nation mittels Nachrichten, Reportagen und Journalismus zu verändern. Es ist eine „Aktion“ mit einem großen „A“, wie der Buchstabe, den meine Großmutter unter ein Dokument schrieb, ohne wirklich zu wissen, was dieses sagte.


Anmerkung der Redaktion: Das ist die Rede, die Yoani Sánchez bei der Zeremonie anlässlich der Verleihung des JournalistenPreises KNIGHT DE PERIODISMO INTERNACIONAL 2015 am 10.November in Washington hielt. Im vergangenen Mai wurde die Leiterin von 14ymedio vom Internationalen Zentrum für Journalismus für ihren „entschlossenen Kampf gegen die Zensur“ damit ausgezeichnet.

 

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Rebellion von Liliput

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Gulliver wird von den Liliputanern gefesselt (CC)

Generation Y, Yoani Sánchez, 05. November 2015 Der Aufruf zum Sparen ist für die kubanischen Regierungsmitglieder seit mehr als einem halben Jahrhundert eine gängige Praxis, während sie selbst ein üppiges Leben führen. Die Forderung, den “Gürtel enger zu schnallen”, wird von Funktionären mit dicken Hälsen und rosigen Gesichtern vorgebracht, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr wissen, wie ein Kühlschrank mit mehr Raureif als Essen aussieht. Ohne Zweifel ärgert dieser Widerspruch all die, die das rationierte Brot mit einem Verwandten teilen müssen, oder die geschickt ein Stück Seife stückeln, damit es für mehrere Wochen reicht.

Das Unbehagen des Volkes aufgrund des Gegensatzes zwischen dem, was gesagt und dem was getan wird, könnte den Journalisten Alexander A. Ricardo dazu veranlasst haben, in der Zeitung Tribuna de La Habana,  im Ressort Meinung, einen metaphorischen aber treffenden Text zu veröffentlichen. Mit dem Titel “Gullivers Reisen” bezieht sich der Meinungsartikel auf jemanden, der “als Riese an den Küsten des Mittelmeers das Leben genießt, oder als ein abenteuerlustiger Zwerg keine Probleme hat – weder in seinem Leben, noch mit seinem Visum.”

Diese Anspielung wurde wenige Monate später veröffentlicht, nachdem Antonio Castro, einer der Söhne des kubanischen Expräsidenten, von einem Paparazzi entdeckt wurde, während er Urlaub im türkischen Bodrum machte. Ein Ort, den er nach seinem Aufenthalt auf der griechischen Insel Mykonos an Bord einer 50 Meter langen Jacht angesteuert hatte, wo er und seine Begleiterinnen und Begleiter in Luxus-Suiten untergebracht waren.

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn (…) nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn und die Aufrufe zum Sparen, die heute sein Onkel verlauten ließ, nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”. Die Parallelen zwischen der symbolträchtigen Geschichte und der Wirklichkeit führten dazu, dass sich der Artikel per E-Mail in Kuba wie ein Lauffeuer verbreitete.

Noch mehr Überschneidungen gibt es, wenn A. Ricardo schreibt: „Wieder lichtet er den Anker, dieses Mal bricht er gen Norden auf, wovon ihn in vergangenen Zeiten das kühle Klima abgehalten hatte”. Das stimmt mit der vorherigen Reise des Expräsidenten-Sohns nach New York überein, wo er ebenfalls in Marken-Sportswear und einem Teddybären in der Hand fotografiert wurde.

„Dank seines Vaters reist Gulliver Junior regelmäßig” ist in dem publizierten Artikel der Zeitung aus Havanna zu lesen. Mit anderen Worten: Im System wirtschaftlicher Unsicherheit, das sein Vater Millionen von Kubanern aufbürdete, kann er sich wiederrum einen Luxus erlauben, der höher ist als das, was von der Rente seines pensionierten Vaters bezahlt werden könnte. Aber auch die Liliputaner werden einmal müde. Ob dieser Artikel des Journalisten ein Beispiel für die – mitnichten winzige – Empörung gewesen ist?

Übersetzung: Nina Beyerlein

Ich möchte dich nicht mehr finden, Camilo

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Blumen für Camilo Cienfuegos in einer Grundschule im Stadtbezirk Plaza de la Revolución, Havanna. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 28. Oktober 2015 Die Mauer der Strandpromenade schmeckt nach Salz und fühlt sich rau an. Über diese Brüstung warf ich in meiner Schuluniform, die vom Salz der Wellen Flecken hatte, in jedem Oktober meiner Kindheit einen Blumenstrauß ins Meer. Und zwar zu Ehren eines Mannes, der 15 Jahre vor meiner Geburt starb. Sein Gesicht blickte uns von den Wänden und aus den Schulbüchern an, mit einem breiten Lächeln unter einem breitkrempigen Hut. Das war zu Zeiten, als wir noch davon träumten, Camilo Cienfuegos zu finden.

Die Geschichte wurde bis zum Umfallen erzählt. In den Morgenversammlungen der Schule und in der offiziellen Propaganda sprach man von einem verschwundenen Flugzeug, in dem der Kommandant damals von Camagüey nach Havanna flog. Für die Kinder meiner Generation war es ein fast schon magisches Rätsel. Wir glaubten, dass man ihn eines Tages finden würde, gut gelaunt und bärtig, irgendwo in der kubanischen Landschaft. Wir dachten, es sei nur eine Frage der Zeit.

Jedoch vergingen die Jahre und bis heute fand man kein einziges Teil jener zweimotorigen Cessna auf dieser langen aber schmalen Insel. Die neuen Technologien griffen in das Leben aller ein; Satelliten suchten jeden Zentimeter dieses Planeten ab, und sogar versunkene und verborgene mystische Städte wurden auf der Erde gefunden. Aber von Camilo gab es weiterhin keine Spur.

Jene Hoffnung, dass er zurückkehren würde, um sich dem Regierungsapparat anzuschließen, verschwand und machte Platz für einen anderen Wunsch. Mitte der achtziger Jahre hörte ich, wie man von Camilo Cienfuegos redete, als würde er die Hoffnung auf Veränderungen mit sich bringen. „Wenn er jetzt hier wäre, wäre nichts von alledem passiert“, hörte man die älteren Bürger sagen. „Er war auf keinen Fall Kommunist“, stellte mein Großvater fest.

Das Rätsel hat sich in Luft aufgelöst, aber nicht weil wir Antworten gefunden haben, sondern weil wir es leid sind, auf diese zu warten.

Wir hörten nicht damit auf, uns zu wünschen, dass man den Helden von Yaguajay1 lebend finden würde; aber dieses Mal, damit er unseren Widerstand anführt und uns hilft, unsere Angst zu überwinden.

Während der Sonderperiode auf Kuba kehrte mit aller Macht die Sehnsucht zurück, zumindest eine Spur jenes Schneiders zu entdecken, der zum Kämpfer wurde. Wir spekulierten darüber, dass die Regierung von Fidel Castro wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde, wenn die Umstände des Todes von Cienfuegos aufgeklärt würden. Das bestgehütete Geheimnis aus der Zeit der Revolution würde zugleich ihr Ende bedeuten. Aber auch in diesen Jahren wurde das Rätsel nicht gelöst.

Vor einigen Tagen erinnerte ein Mädchen seine Mutter, dass sie einen Blumenstrauß in die Schule mitbringen müsse, um ihn am Jahrestag des Verschwindens dieses Mannes aus Havanna, der nicht einmal 30 Jahre alt wurde, ins Meer zu werfen. Eine Sekunde später fragte das Mädchen: „Aber ist er jetzt tot oder ist er nicht tot?“. Die Mutter erzählte mit gelangweilter Stimme die offizielle Version der Geschichte und sagte, um mit dem Thema abzuschließen: „Ja, er ist tot …er atmet nicht mehr.“

Das Rätsel hat sich in Luft aufgelöst, aber nicht weil wir Antworten gefunden haben, sondern weil wir es leid sind, auf diese zu warten. Gerade jetzt würde sich nichts ändern, wenn wir wüssten, dass Camilo Cienfuegos irgendwo am Leben ist – mit seinem Bart, der inzwischen grau geworden ist – oder wenn man wissenschaftlich beweisen könnte, dass die offizielle Version der Wahrheit entspricht. Es würde auch keinen Aufschrei in der Bevölkerung geben, wenn man beweisen könnte, dass sein Tod ein geplanter Anschlag war, der von seinen eigenen Genossen aus der Sierra Maestra2 in Auftrag gegeben wurde.

Die Zeit, dieser unerbittliche Gegner, hat Camilo letzten Endes begraben.

 Anmerkung der Übersetzerin:

1 Camilo Cienfuegos Gorriarán war einer der führenden Revolutionäre in der Kubanischen Revolution gegen das Batista-Regime. Er war Anführer einer Rebellenarmee-Kolonne in der bedeutenden „Schlacht von Yaguajay“ im Dezember 1958, was ihm den Beinamen „Héroe de Yaguajay“ (Der Held von Yaguajay) einbrachte. Auch wird er „El Héroe del Sombrero Alón“ (Der Held mit dem breitkrempigen Hut) genannt.

2Die „Sierra Maestra“ (dt. „Hauptgebirge“) ist ein Gebirgszug im Osten Kubas. Während der kubanischen Revolution verbarg sich dort die Rebellenarmee unter der Führung von Fidel Castro.

 

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Die Gesichter des kubanischen Traums

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Das Musical On your feet!, das auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan basiert. (Matthew Murphy).

Generation Y, Yoani Sánchez, 20. Oktober 2015  „Was ist der kubanische Traum?”, fragte er wie jemand, der wissen will, wie spät es ist, wie der Kaffee schmeckt oder wie das Wetter am Nachmittag wird. Um den Tisch herum schwiegen wir alle auf diese Frage, die von jenem Besucher in den Raum geworfen wurde. Mehr als ihm eine Antwort über das erwünschte Land zu geben, hat mich eine solche Provokation zum Nachdenken darüber gebracht, dass unsere Träume unbedingt Gesichter haben sollten, die sie darstellen, Personen, die sie bewohnen.

Ich habe am vergangenen Samstag erneut an das Gespräch gedacht, während ich in einem überfüllten Theater am New Yorker Broadway das Musical On your feet! genoss. Das Stück basiert auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan und erzählt von einem kubanischen Paar, das sich einen Weg in die wettbewerbsorientierten Welt des Entertainment in den Vereinigten Staaten bahnt. Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über Sehnsucht, Hartnäckigkeit und Erfolg.

Vor den Augen der Zuschauer entwickelt sich eine Handlung, die mit Schmerz des Exils sowie den Erinnerungen an das auf der Insel zurückgelassene Leben beginnt. Eine Referenz, die sich durch das gesamte Drama zieht, das in diesen Tagen im  New Yorker Theater Marquis aufgeführt wird. Unter der Leitung von Jerry Mitchell gibt das erfolgreiche Musical detailliert den Wandel von Traurigkeit zu Energie und von der Melancholie des Auswanderers zu Unternehmergeist wieder.

On your feet! scheint besonders ein Lobgesang auf das Lebensgefühl Kubas zu sein, der es erreicht, dass das Publikum sich von den Sitzen erhebt und tanzt – wenn auch noch mit Tränen im Gesicht. Durch die herausragenden musikalischen Interpretationen, durch die Stimme von Ana Villafañe (in der Rolle der Gloria Estefan) und dem Rest der Besetzung fesselt das Werk, ohne lästig zu sein und bringt die Zuschauer – weit über die Stereotype hinaus – mit der Kultur unseres Landes zusammen.

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Ana Villafañe und Josh Segarra in der Rolle von Gloria Estefan und Emilio Estefan (Matthew Murphy).

Das Musical verdient nicht nur auf Grund der künstlerischen Stärken und der herausragenden Inszenierung einen verlängerten Applaus, sondern besonders weil es Werte rühmt, die in unserer Gesellschaft unbedingt gerettet werden müssen. Das Musical nähert sich so dem Leben der Menschen an, die auf eine ganz andere Art und Weise inspirieren als die Lebensmodelle, die von der offiziellen Propaganda aufgezwungen werden.Gloria und Emilio provozieren keine kritiklose Anerkennung, Angst oder fügsame Dankbarkeit, sondern den Wunsch, sie zu imitieren oder sogar zu übertreffen.

Irgendwann werden kubanische Kinder, wenn Sie die Schulbücher aufmachen, um lesen zu lernen,  keine Personen in Militäruniform und mit Gewehr über der Schulter mehr sehen: An Stelle des exzessiven Waffenkults werden wir diejenigen finden, die Referenzen für Erfolg, sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Errungenschaften sind. Auf diesen Seiten werden sich die wahrhaften Vorbilder zum Nachahmen finden – die Gesichter des kubanischen Traums.

Übersetzung: Berte Fleissig

Sind wir Kubaner undisziplinierter als andere Völker?

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Ein Telefon mit herausgerissenem Hörer. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 30. September 2015 „Hier kümmert sich niemand um etwas“, tobte eine Frau in der Schlange vor der Ladenkasse einer staatlichen Metzgerei. Sie kritisierte die, die Kühlschränke offenlassen oder den Einkaufskorb auf die Glasscheibe der Ladentheke stellen. Dennoch bemerkte sie nicht, dass dem Laden eine Klimaanlage fehlte, auch nicht den Gestank, der aus ein paar Gefrierschränken kam, in denen die Ware angefangen hatte zu verderben und nicht die einzige Angestellte, die sich ums Bezahlen kümmerte, während die anderen mit verschränkten Armen zuschauten. Laut der kampferprobten Hausfrau trifft die Schuld dafür uns, die Kunden.

Die soziale Disziplinlosigkeit ist ein immer wiederkehrendes Thema in den Reportagen und Interviews der nationalen Medien geworden. Man schreibt das dem Vandalismus zu, angefangen mit den Problemen der Omnibusse im öffentlichen Nahverkehr, bis hin zum schlechten Zustand der Grünanlagen. Allerdings bemerken die offiziellen Journalisten nicht, dass, je mehr sie einen Finger anklagend gegen Plünderung erheben, auch das Bildungswesen und das politische System immer mehr in Verruf geraten, weil es die Bürger so geneigt zum Plündern und Zerstören werden ließ.

Das soziale Verhalten wird von der Umwelt beeinflusst. In einer makellosen Wohnung, auf einem sauberen Gehsteig, in einer gepflegten Stadt, imitieren viele das Milieu und werden vermeiden es zu verschmutzen, zu zerstören oder zu verwüsten. Zusammenhänge beeinflussen maßgeblich das Verhalten in öffentlichen Räumen und den Umgang mit gemeinschaftlichen Gütern. Wenn aber das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Wir Kubaner sind nicht undisziplinierter als andere Menschen, und trotzdem und gerade jetzt sollte ein Park mit Spielgeräten für Kinder genauso überwacht werden wie eine Bank, damit man nicht die Bretter von Schaukeln stiehlt, sowie Eisenteile von Karussellen und Seile von Klettergeräten. In den nur wenig beleuchteten Stadtvierteln verrichten die Leute öffentlich ihre Notdurft; kleine Abwasserrinnen sieht man überall in den Straßenecken, und ein Schwall Schmutzwasser kann von einem beliebigen Balkon direkt auf die Fußgänger herunterstürzen.

Wenn das Umfeld in einem dreckigen Zustand ist und aus Mangel an Pflege aggressiv wird, dann wird dies bei denen, die in einem solchen Umfeld wohnen, weder Respekt hervorrufen, noch den Sinn für Pflege.

Diese Situation dauert nun schon so lange an, dass mittlerweile viele glauben, dass in unserer DNS der sorgfältige Umgang mit dem, was uns umgibt, nicht vorkommt. „Diese Stadt kann keine U-Bahn haben; stellen Sie sich vor, wie übel die Schächte riechen würden, bei all den Leuten, die ihre Bedürfnisse dort unten verrichten“, sagte kategorisch ein Herr mit dem Aussehen eines heruntergekommenen Funktionärs, während er vor der Haltestelle auf den Bus wartete.

Mit seinen Worten unterstellte der Herr, dass wir Kubaner uns nicht an den Wohltaten der Moderne und am Komfort erfreuen könnten, weil wir unfähig wären sorgfältig damit umzugehen. Wie auch immer, der „unheilbare Zerstörer“, der wir geworden sind, steigt in ein Flugzeug, fliegt nach New York oder Berlin, und in den zwei Wochen fern von Heim und Herd wirft er den Abfall in einen Mülleimer, zündet an einem öffentlichen Ort keine Zigarette an und putzt den Dreck von seinen Schuhen, ehe er ein Büro betritt.

Der Vandalismus ist ein Übel, das es in allen Gesellschaften gibt. Gesetze und Kontrollen dämmen ihn ein und halten ihn in Schach; aber hier ist er. Er ist Teil unserer Natur; es ist jener Augenblick des Zorns, der uns zu einer Klinge greifen lässt, um unseren Namen in eine frisch getünchte Wand einzuritzen oder den Überzug eines Kinosessels aufzuschlitzen. Geldstrafen und andere Formen der Bestrafung müssen dazu führen, dass das Raubtier, das in allen von uns steckt, nicht mit uns durchgeht.

Demnach muss der Zusammenhang von allem mit jedem dazu führen, dass sich die Leute um die Dinge kümmern. Es reicht nicht aus, an Disziplin und Erziehung zu appellieren; jeder Einzelne muss spüren, dass es der Mühe wert ist, das zu bewahren, was uns umgibt. Eine Straße voller Schlaglöcher, ein Omnibus, der verspätet und rappelvoll ankommt, ein in Finsternis getauchter Gehsteig, weil die einzige Laterne seit Jahren kaputt ist…, das sind ideale Komponenten für Verwüstung und Raub.

So wie die Frau, die sich in der Metzgerei beklagte, nehmen viele das Szenario der ständigen Verletzung von Bürger-und Konsumentenrechten nicht mehr wahr, weil es in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. Schon so gewöhnt an schlechte Behandlung, Ineffizienz, Brüche aller Art und enorm hohe Preise, gibt man die Schuld diesen „undisziplinierten Kubanern“, die „an keinem Ort leben können, ohne ihn zu zerstören“.

Übersetzung: Dieter Schubert