Raul Castro, der Messdiener

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Papst Franziskus begrüßt Raúl Castro bei seiner Ankunft in Kuba. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 22. September 2015 Der kubanische Regierungschef Raul Castro hat Papst Franziskus auf all seinen Messen durch Kuba begleitet. Angefangen mit der Messe auf dem Platz der Revolution in Havanna, bis hin zu den Worten, die in der Kathedrale von Santiago de Cuba gesprochen wurden. Wie jemand, der angesichts einer langen Liste von Sünden die Absolution sucht, so schloss sich auch der Präsident dem Gefolge des Pontifex an, von der Hauptstadt bis in den Osten der Insel.

Castro scheint auf diese Weise seine Warnung vom vergangenen Mai in Rom wahr werden zu lassen. Damals sagte er: „Wenn der Papst weiterhin so spricht wie er spricht, dann werde ich wieder anfangen zu beten und zur Kirche zurückkehren, und das sage ich nicht zum Spaß.“ Die Rückkehr zum Glauben scheint jedoch nicht nur ihn einzuschließen, sondern auch einen Teil seiner Familie, die ihn begleitete, sowie den Rest der kubanischen Regierung und die offizielle Presse.

Trotz der plötzlich aufgekommenen mystischen Frömmigkeit vermied es das nationale Fernsehen sorgfältig, Bilder des kubanischen Präsidenten zusammen mit Gläubigen zu zeigen, wenn diese beteten, sich “gegenseitig den Frieden” wünschten oder ein Gebet nachsprachen, während der drei Gottesdienste, an denen Raúl Castro teilnahm. Die Kameras nahmen ihn nur beim Ankommen und Verlassen der Tempel und Plätze in den Fokus.

Tief in der Klemme steckten einige der bekannten Moderatoren der TV-Spezialausgabe, die während dieser drei Tage ausgestrahlt wurde. Verschiedene Gesichter, die für ihre bissigen ideologischen Ansprachen bekannt sind, mussten sich dieses Mal in ihrer Wortwahl zügeln, und ihre Sätze mit Psalmen, biblischen Anspielungen und Hochachtung vor religiösen Figuren ausschmücken.

Die Pirouetten, die jene Moderatoren und Journalisten machten, um Wörter wie  „Revolution“, „Kommunist“, oder „Genosse“ zu vermeiden, sind dem politischen Zirkus, den sie repräsentieren, auch angemessen gewesen. Es fehlte nur noch, dass sie mit Kruzifix und Bibel ins Studio gekommen wären, was aber nicht nötig war.

Die Weihrauch-Exzesse dieser Tage haben vielen nicht gefallen. „Das geht von der Verherrlichung ins Lächerliche über“, meinte ein 63-jähriger Mann, ein Mitglied der Kommunistischen Partei, der im gleichen Gebäude wohnt wie ich. „Vom Atheismus zur frommen Unterwürfigkeit“, fügte er hinzu und spielte damit auf die Haltung der kubanischen Autoritäten an, sowie auf die von den nationalen Medien in voller Länge übertragenen Messen.

Jetzt müssen wir nur noch überprüfen, ob Raul Castro bei seiner nächsten öffentlichen Rede auch das kämpferische „¡Patria o muerte!“* durch ein kurzes „Amen!“ ersetzt.

*Anm. d. Übersetzerin:  zu Deutsch: Vaterland oder Tod

Übersetzung: Nina Beyerlein

Generation Y hinter Gittern

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Männer in Handschellen (Foto Luz Escobar/14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 17. September 2015 Mit der Veröffentlichung des Gesetzesanhangs Nr. 31 wurden viele verschiedene Meinungen geäußert bezüglich der Begnadigung von 3522 Häftlingen im Vorfeld des Besuchs von Papst Franziskus. Der Großteil der kritischen Stimmen störte sich daran, dass sich unter den Begnadigten keine Häftlinge befinden, die wegen Vergehen “gegen die Staatssicherheit” im Gefängnis sitzen. Aber wenn man einen genaueren Blick auf die Liste der entlassenen Häftlinge wirft, fällt einem ein anderes Detail ins Auge.

Mindestens 411 der Begnadigten haben einen Vornamen, der mit “Y” anfängt, was somit mehr als 11 Prozent ausmacht. Das könnte darauf hinweisen, dass es sich um Menschen zwischen 20 und 45 Jahren handelt, da es von Anfang der siebziger Jahre bis weit in die neunziger Jahre in Mode war, seinen Kindern einen Namen zu geben, der mit dem vorletzten Buchstaben des Alphabets beginnt. Wir befinden uns daher in der Zeit des “neuen Menschen”,  einem Wesen, das in einer Gesellschaft geboren und großgezogen wurde, die sich als Teil dieser “Utopie“ fühlte und unter dem Mantel sowjetischer Unterstützung und exzessiver ideologischer Indoktrination lebte. Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Wie ist es möglich, dass so viele von ihnen hinter Gittern gelandet sind?

Futter für das Soziallaboratorium und gefangen im eigenen Körper, die Generation Y ist weit von dem entfernt, was für sie vorgesehen war. Sie musste ein Land erleben, das nicht so war, wie es ihr versprochen wurde; und um in diesem Chaos zu überleben, musste sie das genaue Gegenteil von dem tun, was ihr beigebracht wurde. Obwohl auf der Liste der freigelassenen Häftlinge nicht die Verbrechen auftauchen, für die sie jeweils verurteilt wurden, ist es nicht schwer zu mutmaßen, was bei vielen Männern und Frauen dieser “Utopie” dazu führte, in einer Zelle zu enden.

Vielleicht ist unter ihnen Yoandis, der eine Kuh tötete, um Essen für seine Familie zu beschaffen, oder Yuniesqui, der bei einer Firma Brennstoff mitgehen ließ, um ihn auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen und so seinen Hungerlohn aufzubessern. Wer weiß, ob sich eine gewisse Yordanka auf dieser Liste befindet; sie, die die häusliche Gewalt dazu brachte, sich an ihrem Ehemann zu rächen. Oder Yusimí, die schon von klein auf zu Hause lernte, dass es besser ist als Erste zuzuschlagen, als zurückzuschlagen. Von kleinen Pionieren mit bunten Halstüchern wurden sie zu Angeklagten in grauer Uniform; von einem Kuba mit den Handbüchern des Marxismus fielen sie in die harte Realität.

Es ist eine Generation, die durch die Umstände gefangen ist, oftmals zu Verbrechen gezwungen, andere Male zur Flucht gedrängt und zur Perspektivlosigkeit verdammt. Die 411 Familien der Begnadigten dieses kubanischen Experiments werden an diesen Tagen erleichtert sein, dass sie zurückkehren, genauso wie die Angehörigen der anderen Freigelassenen. Aber die Gesellschaft, in die sie beim Verlassen des Gefängnisses kommen, steht immer noch im Widerspruch zu dem, was ihnen einst an der Tafel und in den Morgenversammlungen erklärt wurde. Das Gefängnis war Teil der sozialen Alchimie, mit der sie in Berührung gekommen sind.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Leopoldo López: der freiste Gefangene der Welt

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Leopoldo López grüßt aus einem Fenster im Militärgefängis Ramo Verde in Caracas. (EFE)

Generation Y, Yoani Sánchez, 11. September 2015 Ich lernte ihn kennen und es war unmöglich, ihn nicht zu bemerken: Er ragte unter allen hervor: jung, mit beeindruckender Energie und Intelligenz, die voraussehen ließ, dass er es weit bringen würde. Gestern wurde er von einem ebenso parteiischen wie übel gesinnten Gericht zu 13 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Als ich das Urteil hörte, rechnete ich aus, wie alt seine zwei Kinder sein würden, wenn ihr Vater aus dem Gefängnis käme, aber ich hielt plötzlich inne. Leopoldo López wird diese Jahre nicht hinter Gittern verbringen, sagte ich mir, genauso wie auch mein erster Eindruck von ihm nicht trügen wird.

Autoritäre Menschen lernen nichts dazu. Sie sind sich der Tatsache nicht bewusst, dass Gitterstäbe einen politischen Führer an Größe gewinnen lassen, und dass der im Kerker erfahrene Schmerz sich ihm wie eine auf dem blutigsten Schlachtfeld gewonnene Medaille um den Hals hängt. Leopoldo wird gestärkt aus dem Gefängnis herausgehen, während auf der anderen Seite ein ängstlicher Nicolás Maduro nicht wissen wird, was er mit dem freisten Gefangenen der Welt anfangen soll.

Jeder Tag, den der Venezuelaner hinter Gitter verbringt, wird wie eine schändliche Last am Chavismus hängen, der mit dem Tode ringt.

Ich erinnere mich auch an den Moment, als ich Lilian Tintori kennen lernte. Eine Frau, die ihre eigenen Ängste überwinden musste, um zu der Bürgerin zu werden, die gestern Abend nach der ungerechten Verurteilung die Nachricht ihres Ehemanns las. Bei Lilian Tintori gab es eine Unerschütterlichkeit, die ich bei unserem ersten Wortwechsel in Madrid niemals vermutet hätte. Dennoch hat die Absurdität, die sie erlebt hat, ihre Stärke nochmals hervorgehoben und sie in ihrer Entschlossenheit bestärkt.

Autoritäre Menschen wissen nicht, was sie tun.

Leopoldo wird zurückkommen – jung, voller Energie und vom Schmerz geprägt. Lilian ist schon hier mit jener Bestimmtheit, die dazu führt, dass wir uns alle fragen: Wären wir bereit, das Gleiche für unsere Familien und unser Land zu tun?

Übersetzung: Berte Fleissig

Die heilige Route

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Calle Reina, eine Straße im Zentrum Havannas. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 8. September 2015 Die Farbe kommt über die Risse, die Löcher und den Rost des stark beschädigten Metalles der Säulen und Decken. Eine bunte Schicht, die Spinnweben, Spalten und Schmutz versteckt, so wie Schminke, die Falten und Narben überdeckt. Havanna putzt sich für den Besuch von Papst Franziskus heraus. Sie werden retuschiert, die Fassaden in jenen Straßen, durch die der Bischof von Rom kommen wird und die der Volksmund schon spöttisch in die „heilige Route“ umgetauft hat. Es ist ein flüchtiges, eilig aufgetragenes Rouge, das der Regen und die kommenden Monate schon bald wieder wegspülen werden.

Die Menschen konnten sie trotzdem nicht mit einer Schicht Optimismus überziehen. Ihre Haut und ihre Sorgen können die Maler, die einen Zeitplan einhalten müssen, nicht einfach mit ihren  groben Pinselstrichen übermalen. Schon seit den frühen Morgenstunden verlassen die Bewohner Havannas mit über den Schultern baumelten Tüten ihre Häuser auf der Suche nach etwas Essbarem. „Nicht einmal wenn der Papst kommt, gibt es mehr in den Läden“, beschwert sich eine Frau an der Ecke zwischen den Straßen Marinque und Salud, während eine Freundin in Richtung der Avenida Galiano zeigt. „Dort gibt es jetzt heiße Hotdogs, und zwar die richtig Guten“, versichert sie.

Sie werden den Papst nicht in die Nähe der leeren Kühltruhen kommen lassen und deshalb beinhaltet dieses Prozedere nicht den Versuch vorzutäuschen es gäbe genug Lebensmittel oder das Verbergen der allgemeinen Knappheit. So haben wir uns vor den Hähnchenschenkeln aus Karton und dem Milchpulver aus Sand gerettet! Es gibt keine Kosmetika, die das wirtschaftliche Debakel, in dem wir leben überdecken können. So bleiben also die Verkaufstische und die Regale der Märkte hinter geschlossenen Türen, weit weg vom pompösen päspstlichen Gefolge.

Unsere heilige Route ist hohl, ein reines  Bühnenbild, das das Gröbste und das Unglaublichste versteckt.

Übersetzung: Anja Seelmann

Machado Ventura: weder jung noch weiblich

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Machado Ventura, im Jahr 2012, bei der 8. Plenarsitung der Nationaldirektion des Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR). (JCG)

Generation Y, Yoani Sánchez, 31. August 2015 Wenn jemand die Orthodoxie des mehr als altmodischen politischen Systems auf Kuba verkörpert, dann ist dies ohne Zweifel er, José Ramón Machado Ventura. Mit schleppendem Gang und unbegrenzter Macht; der Vizepräsident des Staats- und Ministerrats repräsentiert den reaktionärsten und fortschrittsfeindlichsten Flügel der Inselregierung. Daher kommt es, dass die übersteigerte Führungsrolle, die er in den Medien im Verlauf der letzten Wochen erlangt hat, viele beunruhigt.

Machadito, wie ihn ältere Kubaner nennen, spielt in diesem Sommer die Hauptrolle; angefangen mit Besichtigungen von Zuckerfabriken und einem Treffen mit Viehzüchtern, bis hin zur Abschlussrede auf der Tagung des kubanischen Frauenverbandes, einen Tag beim 10. Kongress des kommunistischen Jugendverbandes, und an diesem Samstag die Schlussworte im Nationalrat des Studentenverbandes FEU. All das, obwohl er weder Landwirt, noch Frau und schon gar nicht mehr jung ist.

Die vielen Fotos und Statements, die die offizielle Presse vom zweiten Sekretär des Zentralkomites der Partei publiziert hat, lassen viele Kubanern über eine Frage nachdenken: Wird sich die harte Linie schlussendlich gegen die Reformer durchsetzten, die möglicherweise Teil der politischen Macht auf Kuba sein könnten? Das häufige Erscheinen von Machado Ventura auf der öffentlichen Bühne lässt keinen Raum für Hoffnungen.

Wird sich die harte Linie schlussendlich gegen die Reformer durchsetzen, die möglicherweise Teil der politischen Macht auf Kuba sein könnten?

Manche nennen diesen Funktionär den “Mann der kleinen Bäume”, loyal bis ins Mark und grau bis in alle Mitochondrien seiner Körperzellen. Von ihm, glaubt man, stammt das Rundschreiben von 1995, das das Aufstellen von Weihnachtbäumen in Hotels und auf öffentlichen Plätzen verbot. Jahre später hat sich das Leben gegen sein Vorhaben durchgesetzt, und heute sieht man überall mit Beginn des Monats Dezember den Santa Claus und bunte Lichter, und das auf eine herausfordernde Art und Weise, die diesem gelernten Arzt überhaupt nicht gefallen kann; ihm, der schon vergessen hat, wann er zum letzten Mal einen Patienten behandelte.

Dieser Achtzigjährige, der so tut als wüsste er alles, repräsentiert das, was auf Kuba ein für alle Mal zu Ende gehen muss. Er verkörpert diese verstaubte Macht, die sich an “die da unten” richtet, nur um von ihnen höhere Leistung und größere Opfer zu fordern. In seiner Person vereinigen sich Despotismus, Arroganz und die Überlegenheit von jemand, der seit Jahrzehnten weder in einen Omnibus eingestiegen ist, noch die Centavos zählt, um ein Kilo Hühnchen zu kaufen. Der die kühle Leere eines Kühlschranks, der sich mit einem mittleren Monatslohn über Wasser hält, überhaupt nicht mehr fühlt.

In der Zukunft wird Machado glücklicherweise eine jener Figuren sein, die sich in der Geschichte verlieren. Wie in einem dieser Witze, die so populär in Osteuropa waren und später auf unsere Insel kamen, wo jemand seinen Namen in einer Enzyklopädie sucht und dort kaum einen knappen Hinweis auf sich findet. Vielleicht sagt dieser, dass er “dem Kader der kommunistischen Partei Kubas angehörte und zu einer Zeit lebte, als die Kubaner wieder begannen Bäume zu pflanzen, und an Weihnachten Girlanden aufzuhängen.”

Übersetzung: Dieter Schubert

Wolken impfen oder das Schwert von Voltus V

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Der japanische Zeichentrickfilm “Voltus V”

Generation Y, Yoani Sánchez, 28. August 2015 So gut wie erledigt, die Sicht durch die Funkenentladungen der Kurzschlüsse benebelt und das Cockpit in tausend Stücke zerschlagen – so stand Voltus V im Showdown einem gefürchteten Gegner gegenüber, zog jedoch in allerletzter Minute sein Schwert und vernichtete seinen Feind mit einem sauberen Schnitt. Der japanische Anime, der während der 80er-Jahre auf der Insel so beliebt war, scheint die kubanischen Autoritäten in ihrer Tendenz inspiriert zu haben, bestimmte Lösungen solange zurückzuhalten, bis ein Problem die schlimmsten Schäden angerichtet hat.

So geschah es jedenfalls mit der jüngsten Ankündigung, dass ab dem 15. September eine Kampagne „zur künstlichen Erzeugung von Regen“ starten wird. Bei der als „Wolken impfen“ bekannten Technik schießt man pyrotechnische Silberjodid-Kartuschen mit einem russischen Yak-40-Flugzeug in Wolken, sodass die Wasserdampfpartikel kondensieren und somit Niederschlag erzeugt wird, wie die offizielle Presse informierte.

Die erste Reaktion vieler, nachdem sie die Nachricht gelesen hatten, war die, sich zu fragen, warum so etwas nicht schon früher gemacht wurde. Musste das Land bis an die aktuelle Wasserknappheit kommen, damit Voltus V‘s Schwert gezogen wurde? Stauanlagen, die 36 Prozent ihres Gesamtfassungsvermögens nicht überschreiten, sowie 25 Stauseen, ausgetrocknet oder am sogenannten “Punkt null” — und jetzt erst schlagen die Experten des Nationalen Instituts für Wasserversorgung INRH (Instituto Nacional de Recursos Hidráulicos) vor, die Wolken zu bombardieren?

Die Antworten auf diese Fragen sind nicht nur hinsichtlich der Langsamkeit und der Unwirtschaftlichkeit unseres Staatsapparates alarmierend, sondern zeigen auch, dass die „Hausaufgaben nicht gemacht wurden“, wenn es darum geht,  solch wertvolle Ressourcen zu schützen. Solange bei uns in Kuba weiterhin 50 Prozent des mit Pumpen geförderten Wassers durch Leckagen und Rohrbrüchen verplempert wird, wird keines der Wasserprojekte je nachhaltig sein.

 Kein Wasserprojekt wird je nachhaltig sein, solange bei uns in Kuba weiterhin 50 Prozent des mit Pumpen geförderten Wassers durch Leckagen oder Rohrbrüchen verplempert wird.

Anderseits lohnt es sich, das Management der Wasserversorgung zu hinterfragen, so, wie es seit Jahrzehnten in unserer Nation geführt wird und dessen Priorität im Bau großer Stauseen lag. Diese Entscheidung hat schließlich zur Beschädigung der gestauten Betten von unzähligen Flüssen geführt und die Sedimente verringert, das diese an die Küsten befördern, was wiederrum eine größere Erosion und den Rückgang von Flora und Fauna in ihren Deltas zur Folge hat.

Natürlich wurden viele dieser Stauseen, deren Auslastung heute unter der Hälfte ihrer Fassungsvermögen liegt, oder die einfach ausgetrocknet sind, in einer Epoche gebaut, in der die Verantwortlichen für die Wasserversorgung über sämtliche Details unserer Leben entschieden haben. Sie sind die Narben, die dem Staatsgebiet von seinen Exzessen zurückgeblieben sind, und von hirnrissigen Plänen, die diesem Volk weder mehr Lebensmittel noch mehr Wasser oder Freiheit beschert haben.

Sie sind die Narben, die dem Staatsgebiet von seinen Exzessen zurückgeblieben sind, und von hirnrissigen Plänen, die diesem Volk weder mehr Lebensmittel, noch mehr Wasser oder Freiheit beschert haben.

Solch außerordentliche Stauwerke für Flüsse und kleine Bäche gingen auf Kosten anderer Lösungen, die uns helfen würden, die derzeitige Situation in den Griff zu bekommen. Dazu gehören Investitionen für die Aufbereitung von Abwässern und für das Entsalzen von Meerwasser, das uns von allen Seiten umgibt. Das Land hat jedoch alles auf eine Karte gesetzt: den Regen. Jetzt sind wir dabei, das Spiel zu verlieren.

Wäre die Aktion „Wolken impfen“ in einem Land mit einer Umweltbewegung angekündigt worden, sähen wir bereits die Proteste in den Straßen. Die Methode ist nicht so harmlos, wie es uns die Zeitung Granma darstellen will. Tatsächlich halten die Kritiker dieser Praxis sie für ein „Eingreifen in den normalen Rhythmus der Natur“ und argumentieren, dass der Feuchtigkeitsentzug in einem Gebiet sich auf das Niederschlagsmuster in anderen Gebieten auswirken kann.

Den Blick nach oben gerichtet, um zu gucken, ob der Regen kommt oder nicht, erwarten wir Kubaner mehr als Wolken zu ernten, die mit einem Schuss Silberiodid verändert worden sind. Wir verdienen eine zuverlässige Wasserpolitik, langfristig, ohne Magie oder Beschwörungsformeln, jedoch mit Garantien. Damit uns die nächste Dürre uns nicht wie Voltus V erwischt: so gut wie erledigt und durstig hebt er den Arm, um das majestätische Schwert zu ziehen… das er schon lange nicht mehr trägt.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Statistiken, die über die Frau in Kuba fehlen

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In Kuba fordert die geschlechtsspezifische Gewalt jeden Tag eine unbekannte Zahl an Opfern, jedoch kommen diese verwerflichen Taten nicht ans Tageslicht. (Silvia Corbelle/14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 25. August 2015 Im Stadtviertel Cayo Hueso kannten sie alle unter dem Namen „die Frau der Hiebe”. Man musste ihr nicht allzu nahe kommen, um die Narben an ihren Armen wahrzunehmen. Gebranntmarkt für den Rest des Lebens nach einer Nacht, in der der Ehemann mit deutlich mehr Alkohol als Geduld nach Hause kam und die Machete gegen sie verwendete. Er verbrachte zwei Jahre im Gefängnis und kam dann dorthin zurück, wo der Streit stattgefunden hatte. „Er hat keinen anderen Ort, an dem er leben kann und die Polizei schafft ihn nicht von hier weg”, erzählte sie in rechtfertigenden Ton.  Auf Kuba fordert die geschlechtsspezifische Gewalt jeden Tag eine unbekannte Zahl an Opfern, allerdings kommen diese verwerflichen Taten nicht ans Tageslicht.

Im Rahmen des 55. Jahrestages der Federación de Mujeres Cubanas FMC (zu dt.: Föderation der kubanischen Frauen)  wurden wir im Fernsehen sowie in der offiziellen Presse zwangsläufig über die Zahlen derjenigen Frauen informiert, die eine Beschäftigung in der Verwaltung erlangt haben, Führungspositionen in Firmen besetzen, Mitglieder des Parlamentes sind oder es geschafft haben, einen universitären Titel zu erlangen. Um den Grad der Emanzipation aufzuzeigen, den Kuba erreicht hat, werden wir allerdings nur mit  einem Teil an Zahlen vollgestopft – Informationen über die dunkle Seite einer Wirklichkeit, in der der Mann das Sagen hat und die Frau gehorcht, werden verschwiegen.

Vor ein paar Jahren sprach ich im vertrauten Kreise mit mindestens acht Freundinnen  – alle von ihnen Akademikerinnen, im geisteswissenschaftlichen Bereich tätig und auf eine gewisse Art und Weise wirtschaftlich unabhängig. Die Mehrheit gestand, mindestens einmal vom Ehemann geschlagen worden zu sein, es gab zwei Fälle von sexueller Gewalt in der Ehe  und drei von ihnen mussten „mit dem, was sie anhatten” flüchten, um häuslicher Gewalt zu  entkommen. Das Alarmierenste daran war jedoch der Konformismus, mit dem sie das Ganze erzählten: „Das ist eben das, was uns als Frauen widerfährt”.

Um den Grad der Emanzipation aufzuzeigen, den Kuba erreicht hat, werden wir allerdings nur mit  einem Teil an Zahlen vollgestopft – Informationen über die dunkle Seite einer Wirklichkeit, in der der Mann das Sagen hat und die Frau gehorcht, werden verschwiegen. 

Je weiter wir uns von Havanna entfernen, desto gravierender wird das Problem und nimmt die Ausmaße einer Tragödie an. Selbstverbrennung als Ausweg für die Erniedrigungen in der Partnerschaft  ist heutzutage im Kreise misshandelter  Ehefrauen eine  weit verbreitetere Praxis, als in den Statistiken angegeben. Odieti, eine Bäuerin aus einem abgelegenen Dorf der Provinz Cienfuego, trank ein ganzes Tintenfass aus, um der Tortur in Ende zu setzen,  die sie durch den Ehemann erlitt.  Nach einigen Stunden des Leidens kam sie jedoch mit dem Leben davon und erhielt als Belohnung für die Tatsache, dass sie „verweichlicht” sei, die nächste Tracht Prügel. Dies sagte ihr der Ehemann immer und immer wieder, während er sie mit dem Gürtel auspeitschte.

In einem Land zu leben, wo weder Klitorisdektomie noch Zwangsehen existieren und es Frauen nicht verboten ist, Auto zu fahren, reicht noch nicht dazu aus, dass die Frauen ruhig aufatmen können und glauben, dass das schwerwiegende Problem der geschlechtsbedingten Ungleichheiten gelöst sei. Die Zahlen bezüglich der beruflichen Verbesserung für  Frauen, die Integration der Frau in das Berufsleben und  die Verantwortungen von Millionen weiblicher Führungskräfte überall auf der Insel darf das Drama nicht verstummen lassen, dem so viele von ihnen ausgesetzt sind.

Es müssen auch andere Daten gezeigt werden, die die Anzahl an Fußtritten ans Tageslicht bringen, die  jede Woche auf Brüste, Rücken und Frauengesichter prallen. Es müssen klar und deutlich die Zahlen der Fälle an die Öffentlichkeit geraten, bei denen die Opfer die Polizei darum anflehte, den Ehemann als Täter häuslicher Gewalt von ihnen fernzuhalten und als  Reaktion darauf nur ein gähnender Wachmann antwortete: „Das müssen Sie zuhause unter sich ausmachen”.

Wo befindet sich das Inventar der Suizide und Suizidversuche, die aus erlebter Misshandlung oder den Schandtaten eines Mannes resultieren?

Genauso müssen die Zahlen der  Frauen veröffentlicht werden, die nach einem harten Arbeitstag auf der Straße dazu „versklavt” werden,  hinter dem Herd zu stehen – diese Zahl deckt sich wahrscheinlich mit den vier Millionen weiblichen Mitgliedern, mit denen sich das FMC brüstet. Alleinstehende oder geschiedene Mütter, die eine lächerliche Unterhaltszahlung erhalten, die nicht einmal dazu reicht, den Nachwuchs eine Woche lang zu ernähren. Wer schließt diese Frauen in die Auszählung ein, über die uns danach die staatlichen Journalisten informieren werden? Und wo sind  diejenigen erfasst, die vom Partner mit den Worten „Wenn Du mich verlässt, bringe ich dich um” bedroht wurden? Wie vielen Frauen wurden mit dem Messer Schnittwunden im Gesicht zugefügt, so wie eine Kuh „markiert” wird, damit die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Rüden, Mann, männlich, klar gestellt wird , der seine Frau jedoch mit so vielen anderen betrügt?

Wo befindet sich das Inventar der Suizide und Suizidversuche, die aus erlebter Misshandlung oder den Schandtaten eines Mannes resultieren? Auf wie viele Frauen beläuft sich die Anzahl derjenigen, die von einem eifersüchtigen Partner belästigt wurden, der diese überall hin verfolgt, sie verprügelt und öffentliches Aufsehen erregt? Wieviele Frauen müssen dem sexuellen Druck ihres Vorgesetzten am Arbeitsplatz nachgeben, weil sie sonst nicht beruflich aufsteigen können? Und die Zahl derjenigen, die auf der Straße von Männern belästigt werden, die es für eine männliche Pflicht halten, sich mit den Frauen anzulegen, diese zu begrabschen und  sich unaufhörlich an diese heranzumachen?

Wir können erst dann stolz auf das, was im Bezug auf die weibliche Würde erreicht wurde, sein, wenn wir anfangen können, diese Untaten aus der Welt zu schaffen, die momentan nicht einmal öffentlich diskutiert werden können.  Die Existenz unabhängiger Frauenorganisationen ist ausschlaggebend dafür, diese Forderungen durchzusetzen. Rückzugsorte für misshandelte Frauen, Rechtsvorschriften, die die Täter hart bestrafen und eine Presse, die das Leiden so vieler Frauen widerspiegelt werden grundlegend dafür, solche Grausamkeiten als vergangen anzusehen.

Übersetzung: Berte Fleissig