Obama umgibt sich mit Symbolen, um das Herz der Kubaner zu gewinnen

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Havanna bereitet sich auf den Besuch des US-Präsidenten Barack Obama vor. (14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 20. März 2016 Am Palmsonntag kommt er nach Kuba, er wird ein Baseballspiel besuchen und er hat schon mit Luis Silva, dem bekanntesten Komiker der Insel per Telefon gesprochen. Noch ist das Flugzeug von Obama nicht gelandet und schon hat er eine Legion von Bewunderern, deren Herz er mit Hilfe von Symbolen gewinnen will: Ein Essen in einem Privatrestaurant, einen Satz von José Martí in seiner Begrüßungsrede und eine Erwähnung der Heiligen Cachita, der „Barmherzigen Jungfrau von Cobre“, werden wohl den ihm eigenen Charme unterstreichen.

Am Samstagabend sendete das kubanische TV ein Video, in dem „Pánfilo“ – die in Kuba überall bekannte Figur des Komikers – im Weißen Haus anruft und mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten höchstpersönlich spricht. Ein meisterlicher Schachzug der Obama-Regierung, die sich so meilenweit von den kubanischen Machthabern distanziert, denn die sind garantiert humorfrei. Über den Kopf des alten Mannes, Rául Castro, hinweg, der seine Obsession für Lebensmittelkarten pflegt, hat sich der Präsident der Vereinigten Staaten direkt an das kubanische Volk gewandt und das in dessen eigener Sprache.

Für die schwarze Bevölkerung und die Mestizen ist sein Besuch eine Erinnerung daran, wie weit die kubanische Präsidentschaft für einen von ihnen wohl noch entfernt ist

Heute Morgen, wenigstens für ein paar Stunden, vergessen die Leute, über die hohen Preise für Lebensmittel zu reden und hören auf, über den Zusammenbruch des Verkehrswesens zu klagen; wegen der Sicherheitsmaßnahmen, die die Stadt fest im Griff haben, wurde der noch gravierender. Auf den Straßen kursieren wieder Witze von „Pepito“, dem Flegel unserer volkstümlichen Geschichten, der nach langem Schweigen wieder aufgetaucht ist und sich sogar über die Schwiegermutter des hohen Besuchers lustig macht.

Symbole gehören zu Obama. Für die schwarze Bevölkerung und die Mestizen ist sein Besuch eine Erinnerung daran, wie weit die kubanische Präsidentschaft für einen von ihnen wohl noch entfernt ist. Eine Generation aus geschichtlicher Zeit, weiß und altmodisch, bestimmt seit mehr als einem halben Jahrhundert das Geschick eines Volkes, in dessen Hautfarben-Spektrum alle Rassen vorkommen. In den ärmsten Stadtvierteln hat der Bewohner des Weißen Hauses viele Anhänger, genau in den Gebieten, wo die Popularität der Regierung gerade abstürzt.

Der Mann, der heute mit festem Schritt und leichtfüßig wie immer die Gangway heruntersteigt, stellt einen deutlichen Kontrast zur Gerontokratie dar, die in Kuba herrscht. In einem Land mit einem ernsthaften demografischen Problem, in dem die Mehrheit der jungen Leute davon träumt zu emigrieren, wird dieser Präsident, der nach den Ereignissen in der Schweinebucht geboren wurde, als eine neue Seite im Buch einer Geschichte gesehen, in der es zu viele Bände über die Vergangenheit gibt.

Darüber hinaus kommt er begleitet von seiner Familie in ein Land, wo wir Kubaner niemals wussten, mit wem Fidel Castro verheiratet war und man uns jahrzehntelang seine Kinder nicht einmal offiziell und öffentlich vorgestellt hat. Er wird die Kathedrale von Havanna besuchen, und für die große Gesprächsrunde am nächsten Dienstag hat er ein historisches Theater gewählt, einen der wenigen Orte der Insel, dem die Ideologie nicht seine ursprünglich kulturelle Bestimmung wegnehmen konnte.

Die Erwartungen an ihn schäumen über, weil sich die Kubaner an jede Hoffnung klammern, die sie an eine bessere Zukunft glauben lässt.

Dennoch, mit jeder symbolischen Saite, die Obama auf dem Instrument Kuba zum Klingen bringt, geht er auch eine Verantwortung ein. Die Erwartungen an ihn schäumen über, weil sich die Kubaner an jede Hoffnung klammern, die sie an eine bessere Zukunft glauben lässt. Die wirtschaftliche Erholung, das Ende der Unterversorgung mit Nahrungsmitteln und die Verbesserungen der Infrastruktur sind Illusionen, die an diesem Sonntag einen Höhepunkt erreichen, aber Illusionen haben ein kurzes Verfallsdatum.

Die Leute wünschen sich, dass „San Obama“ Wunder wirke. Sie haben Kerzen auf seinem Altar gestellt und ein Gebet gesprochen, dass er ihnen den Wohlstand bringen möge, den andere ihnen seit einem halben Jahrhundert versprochen haben. Für viele Familien wäre es das sehnlichst erwartete Wunder, wenn sie einfacher zu einer Mahlzeit am Tag kommen könnten; ein Wunsch, den man auf den Straßen in allen nur möglichen Sätzen hört, bei denen der Name Obama auf das Wort gereimt wird, das im kubanischen Volksmund Nahrungsmittel bezeichnet: la Jama.

Tausende von Eltern im ganzen Land erwarten von dem Besucher, dass er ihre Kinder überreden kann, das Land nicht auf den „Flößen der Hoffnungslosen“ zu verlassen. Sie glauben, dass er diesen andauernden Emigranten-Strom, der das Land ausbluten lässt, aufhalten könnte, wenn er denn die Kinder davon überzeugt, dass ein „Neues Kuba“ schon hinter der nächsten Straßenecke wartet. Für die neun Emigranten, die gerade beim Versuch die Meerenge von Florida zu überqueren ums Leben gekommen sind, kommt diese Perspektive zu spät.

Das Wunder, das andere von Obama erwarten, ist der Zugang zu IT-Technologie, als ob der nordamerikanische Präsident in seiner Air Force One ein Glasfaserkabel mitgebracht hätte, das die Insel vom Mangel an Internet-Zugängen befreit. Der Mann, der in seiner politischen Karriere intensiv auf soziale Netze zurückgegriffen hat, wird als jemand gesehen, der viel dazu beitragen kann, die Kubaner in den Cyberspace zu schmuggeln.

Die vielen Tausend in den Gefängnissen erwarten, dass der Präsident eine Amnestie erreicht. Die Oppositionellen versprechen sich von ihm einen größeren politischen Freiraum und die freie Meinungsäußerung. In den Spitälern warten die Kranken auf finanzielle Mittel, die die Situation in den heruntergekommenen Sälen der Notaufnahmen verbessert, und auf dem Land trägt die Erwartung, einen Zugang zu landwirtschaftlichen Maschinen und Saatgut zu haben, das Antlitz von Uncle Sam.

Obama kommt am ersten Tag der Karwoche nach Havanna. Es erwartet ihn die „Glorie“ seiner Popularität und das „Kreuz“ der übertriebenen Hoffnungen.

Übersetzung: Dieter Schubert

 

 

Frauen, immer benachteiligt

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An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. (Silvia Corbelle)

Generación Y, Yoani Sánchez, 08. März 2016 Wenige Tage nach der Ermordung zweier junger argentinischer Touristinnen in Ecuador zündete ein Mann in Santa Clara sein Haus an, in dem sich seine beiden Kinder befanden, um sich an seiner Ex-Frau zu rächen. Die Gewalt gegen Frauen ist in Lateinamerika und im Großteil der restlichen Welt noch immer weit verbreitet. Ein Tag wie der 8. März mit Hommagen, Blumen und schmeichelnden Reden löschen diesen Horror weder aus, noch verkleinern sie ihn.

Die konstante Aggression, der wir Frauen ausgesetzt sind, zeigt sich beim Schlag eines gewalttätigen Ehemannes, doch ist sie auch sonst in jeder Minute unseres Lebens präsent: sowohl im beruflichen als auch im sozialen Bereich. Nachts alleine durch die Straßen zu laufen, sich ohne Begleitung in einen Park zu setzen oder sich am Strand zu sonnen, ohne von seinem Partner „beschützt“ zu werden, all das sind Momente, die viele kubanische Frauen viel mehr mit Unruhe als mit Genuss erleben.

Der Spielraum, in dem wir uns bewegen können, wird uns schon sehr früh aufgezeigt: Bist du anständig oder eine Schlampe? Eine gute Ehefrau oder eine fragwürdige alte Jungfer? Eine sorgsame Mutter oder eine Rabenmutter? Unterwürfig oder aufmüpfig? Geschminkt oder ungepflegt? Eine gute Köchin oder am Herd nicht zu gebrauchen? Jeder Versuch, diese einengenden Etiketten loszuwerden, kostet uns doppelt so viel Kraft wie einem Mann – plus der entsprechenden Menge an Beleidigungen durch andere.

Mit der Gewalt ging es bereits los, als wir noch klein waren, als sie uns darauf vorbereiteten, „schön und zartfühlend“ zu sein und uns dabei unseren Geschmack, unsere Affinitäten und unsere Berufung aufzwangen. Sie drängten uns dazu gefällig und lieb zu sein, zurückhaltend und schweigsam, der männlichen Initiative untergeordnet und ein „Geduldsmensch“ zu werden. Die familiäre Erziehung und das Bildungssystem, die in unserem Land vorherrschen, schließen uns in die Enge veralteter Geschlechterrollen ein.

Dem kubanischen Feminismus ist das gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist

An uns werden die höchsten Maßstäbe gelegt und von uns wird der größte Grad an Geduld gefordert. Wenn eine Frau Opfer eines sexuellen Missbrauchs auf der Straße wird, denkt die Mehrheit zuerst einmal, dass sie “sehr provokative Kleidung” getragen haben muss oder zu stark mit den Hüften gewackelt hat. Der Angreifer wird als jemand dargestellt, der seine “Männerrolle” ausübte, und der Frau werden die schlimmsten Adjektive zugeschrieben.

Fernsehmoderatorinnen sollen üppig gebaut und attraktiv sein, während man ihren männlichen Kollegen graue Haare, Doppelkinn und dicke Bäuche durchgehen lässt, ohne dass sich jemand daran stört. Mit der Regierung verhält es sich auch nicht anders. Dieser maskulinen Macho-Macht, unter der wir fast 60 Jahre leben, gefällt es, sich mit hübschen Gesichtern ablichten zu lassen und liebliche Feierlichkeiten am Internationalen Frauentag abzuhalten. Sie verschenken Blumen und nennen uns „Genossinnen“, während sie im restlichen Jahr die Forderungen der Frauen und die Unabhängigkeit jeder Initiative zur zur Gleichstellung der Geschlechter ausbremsen.

Dem kubanischen Feminismus ist das Gleiche widerfahren, wie einer berufstätigen Frau, die irgendwann doch als Hausfrau endet, mit einem eifersüchtigen Ehemann, der nicht gerade der hellste ist. Sie nahmen ihr ihre besten Jahre, ließen sie nicht die Erfahrung machen, wie es ist, auf die Straße zu gehen um ihre Rechte einzufordern. Und jetzt verlangen sie von ihr schön, ruhig und zahm zu bleiben, und jene zu unterstützen, die Testosteron mit Macht mischen und die Geringschätzung von Frauen hinter einem kitschigen Festumzug verbergen, was nur eine weitere Form von Gewalt ist, versteckt hinter vermeintlichem Lob und Komplimenten

Wenn es ein abscheuliches Verbrechen ist, sich unserer Körper gewaltsam zu bemächtigen, dann ist es ebenso ein Verbrechen, von unserer Freiheit Besitz zu ergreifen, uns ein Rollenbild von dem aufzuerlegen, wie wir sein sollen, und weiter an diesen diskriminierenden Konzepten festzuhalten; es ist jener Markt, auf dem die Werte falsch gehandelt werden und wo Hoden immer noch höher im Kurs stehen als Eierstöcke.

Übersetzung: Nina Beyerlein

Vor dem Spiegel

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Die Vermischung der Kulturen und einen Teil von dem zu übernehmen, was ihnen das neue Land bietet, hat bei den Kubanoamerikanern ein Durcheinander aus Verhaltensweisen und Träumen ausgelöst. (Geandy Pavón)

Generación Y, Yoani Sánchez, 06. März 2016 Es handelt sich um die Ausstellung „The Cuban-Americans“ des Künstlers Geandy Pavón (Las Tunas, 1974). Dort findet man die Tante mit Lockenwicklern auf dem Kopf und dem mütterlichen Blick, eine Nachbarin im Morgenmantel und jene Freundin, die ihre Geburtstagskerzen auspustet. Es sind bekannte Gesichter, Verwandte. Sie wohnen hunderte Kilometer von der Insel entfernt, aber sie kommen wieder zu uns – wie in einem Spiegel, der ein Bild von uns ohne Verzerrungen oder Verfälschungen zeigt.

In diesem fernen Land versuchen die Ausgewanderten ihre Träume zu verwirklichen, sie nehmen neue Bräuche an, behalten ihre Vorliebe für Reis mit Bohnen bei, und sie sehnen sich nach einem Land, das nur noch in ihren Erinnerungen existiert. Diesen „Kosmos“, in dem sich das Leben der Kubanoamerikaner abspielt, nannte der Schriftsteller Gustavo Pérez Firmat das Hyphen* oder den Bindestrich, „der Kubaner und Nordamerikaner vereint, sie aber gleichzeitig nominal und kulturell trennt.“

Pavón fängt in dieser Reihe von Schwarzweißfotografien, die im Cervantes-Institut in New York ausgestellt wurde, einen Teil der Nostalgie derer ein, die ihre Wurzeln nur noch ganz tief in sich tragen, damit die neue Generation ein besseres Leben führen kann. Eltern, die ihr bisheriges Leben zurückließen, das Haus, wo sie aufwuchsen, und sogar ihre Eheringe; und das alles nur, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Sie sind wie wir, aber sie haben mehr erlebt, und in ihren Ohren klingt die Bezeichnung „Kubaner“ süß und schmerzhaft.

Sie heißen Josefa, Paco, Pedro, Yosvany, Miguel… und sie haben den täglichen Kontakt mit der anderen Kultur erlebt, aber auch die Freude an den kleinen Dingen, die sie mitnehmen konnten: den Teil eines Liedes, das vergilbte Foto der Oma und die Erinnerung an den Hund, der im Zwinger bellte. Sie haben auch mit Traurigkeit und dem Gefühl verlassen zu sein zu kämpfen und mit der Überzeugung, dass sie nicht ganz in das Land gehörten, das sie verließen, aber auch nicht in das neue gehören, das sie aufgenommen hat. Es sind Menschen, die ihre eigene Heimat mit sich herumtragen.

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Die Ausstellung ist voller intimer Momente. Hinter verschlossenen Türen, in der Wärme des Zuhauses, zeigt sich der kubanische Teil von ihnen in einer Geste, in einer Haltung oder einfach nur in einem bestimmten nostalgischen Schimmern ihres Blicks.

Der Schöpfer von The Cuban-Americans ließ sich von Robert Franks berühmter Fotoreihe The Americans inspirieren. Das Werk des amerikanischen Künstlers wurde damals stark kritisiert, „weil es nicht das Bild von Fortschritt und Großartigkeit zeigte, das man in den 50er Jahren vermitteln wollte“, erinnert sich Pavón. Wie Frank wollte auch Pavón den „Klischees und Gemeinplätzen“ entkommen.

Dieses „Niemandsland”, wohin die Exilanten von Politik, Intoleranz und den Einwanderungsbeschränkungen verbannt wurden, ähnelt in vielen Dingen dem Land, in dem wir – hier wie dort – wie in einer Seifenblase leben, die unsere Intimität erzeugt hat. Es ist eine Identität, die nur schwer auf touristischen Schnappschüssen oder Postkarten in Sepia zu finden ist, die das ausländische Auge glücklich stimmen. Über seine fotographische Arbeit hinaus, musste Pavón tief in die kubanische Seele eintauchen.

Von diesem Kopfsprung ist er ohne schöne Ruinen, alte Autos und ohne ein zwangloses Lächeln zurückgekehrt. Stattdessen stellt der Künstler fest, dass er „ein anderes Kuba außerhalb Kubas“ gefunden hat, eine Nation, die vor langer Zeit aufgehört hat, an eine Insel gebunden zu sein.

Anm. d. Übersetzerin: *Hyphen heißt der bei einem Kompositum verwendete Bindestrich

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Apple vs. FBI, ein Streit aus kubanischer Sicht

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Ein iPhone der Firma Apple. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 05. März 2016 Als sie ihm das Telefon zurückgaben, waren alle Kontakte gelöscht und die Speicherkarte mit den Fotos nicht mehr da. Geschichten wie diese gibt es zu Hauf bei festgenommenen Aktivisten, die mit der Beihilfe des kubanischen Telekommunikationsunternehmen Etesca – dem technologischen Arm der Repression in Kuba – strengstens überwacht werden. Eine Körperschaft, die jene Abfuhr zur Kenntnis nehmen müsste, die Apple dem FBI  in den USA erteilt hat, in dem die Firma sich weigerte, Zugriff auf Kundendaten zu gewähren.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich die kubanische Gesellschaft an die Tatsache gewöhnt, dass die Regierung die Privatsphäre der Einzelpersonen nicht respektiert. Der Staat ist berechtigt, in der persönlichen Korrespondenz herumzuschnüffeln, medizinische Akten vor laufenden Kameras zu zeigen, persönliche Nachrichten im Fernsehen zu veröffentlichen und systemkritische Telefongespräche in den Medien zu verbreiten. In so einem Rahmen existiert keine Intimität, die Privatsphäre wurde durch die Machthaber invadiert.

Die Menschen betrachten es als “normal”, dass man einfach auf die Telefone zugreift und dass in Wohnungen Oppositioneller versteckte Mikrophone auch den kleinsten Seufzer erfassen. Außerdem ist es Gang und Gebe, dass Etesca seine Dienstleistungen für Dissidenten während bestimmter nationaler Veranstaltungen einstellt, oder bei Besuchen von ausländischen Staatsoberhäuptern, und den Empfang von Nachrichten blockiert, deren Inhalt ihnen unangenehm erscheint. Diese orwellsche Situation zieht sich nun schonso lange hin, dass nur noch Wenige bemerken, dass diese illegal ist und eine Verletzung der Menschenrechte darstellt.

Das Gefühl von ständiger Überwachung hat dazu geführt, dass sie sogar auf unsere Art und Weise wie wir sprechen Einfluss genommen hat und nun ist unsere Sprache gekennzeichnet durch Flüstern, Gesten und Metaphern, um diejenigen Worte nicht zu verwenden, die uns Probleme bereiten könnten

Das Gefühl von ständiger Überwachung hat dazu geführt, dass sie sogar auf unsere Art und Weise wie wir sprechen Einfluss genommen hat und nun ist unsere Sprache gekennzeichnet durch Flüstern, Gesten und Metaphern, um diejenigen Worte nicht zu verwenden, die uns Probleme bereiten könnten. Das geht soweit, dass nur Wenige heutzutage den Namen von Fidel oder Raúl Castro aussprechen, sondern durch Grimassen ersetzen, mit denen ein Bart, schmale Augen oder zwei auf den Schultern platzierten Fingern vorgetäuscht werden, und so Anspielungen auf „diese“, „die Macht“, „die Regierung“, „die Partei“ machen.

Wo die Grenzen eines Staat liegen, um an private Information zu gelangen, das ist im Augenblick  Schwerpunkt der internationalen Debatte, von der ausgehend  die Regierung der Vereinigten Staaten vom Technologieunternehme Apple verlangte, das Telefon freizugeben, das der für eine Schieβerei in Kalifornien verantwortliche Terrorist benutzte, bei der 14 Menschen ums Leben kamen. Die Diskussionen werden lauter zwischen denjenigen, die die Forderung nach Sicherheit verfechten und denjenigen, für die es eine Gefahr darstellt, die Rechte auf Datenschutz zu verletzen.

Ganz weit von diesen Fragestellungen entfernt befindet sich die kubanische Gesellschaft, die es öffentlich nicht einmal in Betracht zieht, die in mehr als einem halben Jahrhundert  durch Einmischung von Seitens der Regierung in alle Bereiche des täglichen Lebens verlorene Privatsphäre zurückzuerobern. Sogar ein privates Tagebuch zu führen, die Türe eine Zimmers zu schließen oder mit gesenkter Stimme zu sprechen wird von einem System verpönt, das versucht hat, die Individualität durch Vermassung zu ersetzen und die Intimität in der Promiskuität der Unterkünfte und Kartellee auszumerzen.

Apple befürchtet, dass durch die Erschaffung einer Software, die Telefone freigibt, nicht mehr verhindert werden kann, dass die Regierung oder Hacker diese benutzen, um sich private Information von Millionen unschuldiger Menschen zu erschleichen. Die Firma weiβ, dass jede Macht unersättlich ist, was Information angeht, die man über andere haben will. Daher muss die Gesetzgebung diesen Überschreitungen des Eindringens in die Privatleben – die typisch für alle Regierungen sind – Einhalt gewähren.

Der Streit über Privatsphäre und Sicherheit wird noch lange andauern, weil es sich dabei um eine ewig andauerndes Spannungsfeld zwischen den Grenzen des sozialen und des persönlichen Freiraums handelt. Der Konflikt zwischen den Interessen eines Landes und diesem zerbrechlichen, aber unumgänglichen Teil, macht uns zu Individuen.

Übersetzung: Berte Fleissig

Für Cuiso und Libna, wo auch immer sie sein mögen

Generación Y, Yoani Sánchez, 22. Februar 2016 Er war ein bekennender Homosexueller und sie eine überzeugte Zeugin Jehovas. Der eine lebte in demselben Mietshaus, in dem ich geboren worden war, und die andere in der gefürchteten „218“, in der Gewalt und Abwässer sich gegenseitig den Rang abliefen. Cusio und Libna habe ich es zu verdanken, mit der Überzeugung aufgewachsen zu sein, dass jegliche sexuelle Orientierung oder religiöse Überzeugung achtbar und notwendig ist, wenn dabei keine Gewalt gegen den Anderen eingesetzt wird.

Den beiden ist in den achtziger Jahren auf Kuba etwas Unglaubliches gelungen: mich darin zu bestärken, dass das Schlafzimmer und der Glaube Angelegenheiten jedes Einzelnen sind, in die sich keine Ideologie einmischen sollte. Sie waren wahre Überlebende der Einheitlichkeit, Schiffbrüchige im Sturm der „Parametrisierung“* und der Polizeirazzien. Mit meinen vierzig Jahren stehe ich für diese Lehre von Vielfältigkeit, die sie mir vermittelten, immer noch in ihrer Schuld.

Cusio wurde erst missbraucht und dann vernachlässigt, aber er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen. Von Libna lernte ich geduldig zu sein, durchzuhalten, wenn alles gegen einen gerichtet zu sein scheint, und weiterzumachen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie erniedrigt wurde, weil sie kein Halstuch trug, dieses Stück Stoff, das mich am Hals kratzte und mich heute eher an das Joch eines Stiers erinnert, als an irgendein ideologisches Engagement.

Eines Tages verlor ich sie beide aus den Augen. Wir wurden älter und reifer, die verspielte Kindheit war vorbei. Ich weiß, dass Cusio seine Adoptiveltern bis zum Ende pflegte, während auf Kuba durch das materielle Elend so viele alte Menschen allein enden. Von Libna gibt es keine Spur. Ich weiß nicht einmal, ob sie weiterhin auf der Insel lebt oder sich entschloss, mit ihrem auf Kuba nicht geduldeten Glauben an einem anderen Ort zu leben.

Je mehr Zeit vergeht, desto häufiger denke ich an sie. Ich danke ihnen für die Lektion in Demut, die sie mir offenbarten, ohne von mir je eine Gegenleistung, ja nicht einmal eine Umarmung, zu erwarten.

Anm. d. Übers.:

* Bezeichnung für die Erstellung bestimmter Parameter in der Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Stigmatisierung derer führen, die sich nicht anpassen (Homosexuelle, Intellektuelle, Dissidenten etc.)

Übersetzung: Lena Hartwig

Ein eher symbolischer als politischer Besuch

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Der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, spricht mit seinem kubanischen Amtskollegen, Raúl Castro. (Weißes Haus)

Generación Y, Yoani Sánchez, 18. Februar 2016 Als das letzte Mal ein Präsident der Vereinigten Staaten Kuba besuchte, war das Kapitol von Havanna noch nicht eingeweiht worden, der herausragende Pitcher José de la Caridad Méndez* lag im Sterben und meine Großmutter war ein kleines Mädchen mit zerzaustem Haar und einem durchdringenden Blick. Es gibt niemanden mehr, der sich an diesen Moment erinnern und ihn aus erster Hand nacherzählen kann, und deshalb wird der Besuch Barack Obamas auf der Insel zu einer völlig neuen Erfahrung für uns Kubaner werden.

Wie werden die Menschen reagieren? – Mit Freude und Begeisterung. Auch wenn der Präsident eines anderen Staates nur wenig tun kann, um ein Land, dessen Bevölkerung eine Diktatur zugelassen hat, zu verändern, so wird sein Besuch dennoch eine große symbolische Wirkung haben. Niemand bestreitet, dass der Bewohner des Weißen Hauses unter den Kubanern beliebter ist, als der in die Jahre gekommene und wenig charismatische General, der die Macht aufgrund seiner familiären Herkunft geerbt hat.

Sobald das Flugzeug des Präsidenten kubanischen Boden berührt, wird die Politik der Abschottung, die die Regierung über ein halbes Jahrhundert so geschickt aufgebaut hat, einen irreversiblen Einschnitt erleben. Zu sehen, wie Raúl Castro und Barack Obama sich in Panama die Hand reichen, ist nicht das Gleiche wie ein Treffen auf einem Territorium, das vor kurzem noch voller Plakate gegen „das Imperium“ und voller öffentlichem Spott über Uncle Sam war.

Das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten kann Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich.

Die Presse der Kommunistischen Partei wird äußert geschickt vorgehen müssen, um den offiziellen Empfang des Oberbefehlshabers der Streitkräfte des „Feindes“ vor uns zu rechtfertigen. Die militantesten Anhänger der Regierung werden sich verraten fühlen und es wird ans Licht kommen, dass sich hinter einer vermeintlichen Ideologie nur das Ziel verbirgt, sich mit den typischen Strategien politischer Chamäleons an der Macht festzukrallen.

Auf den Straßen werden die Menschen dieses unerwartete Ereignis mit Begeisterung erleben. Für die Schwarzen und Mestizen unter uns ist dies eine klare und direkte Botschaft in einem Land, in dem die Macht in den Händen einer weißen Gerontokratie liegt. Diejenigen, die ein T-Shirt oder ein Plakat besitzen, auf dem das Gesicht Obamas abgebildet ist, werden es an diesen Tagen zur Schau stellen und somit die Nachlässigkeit der Regierung ausnutzen, und der Geist Fidel Castros wird in diesen Tagen in seinem bewachten Refugium in Havanna noch ein bisschen mehr sterben.

Das Bier „Presidente“** wird aus den Lokalen verschwinden, wo man laut den Satz „Gib mir noch zwei Obamas!“ hören wird und die Standesämter werden in dieser Woche zweifellos einige Neugeborene mit Namen wie „Obamita de la Caridad Pérez“ oder „Yurislandi Obama“ in das Geburtenregister eintragen. Pepito, der kleine Junge aus den kubanischen Witzen, wird für diesen Anlass ein paar neue Scherze in Umlauf bringen und die Ramschverkäufer werden Produkte, mit dem Bild des ehemaligen Anwalts und den fünf Buchstaben seines Namens anbieten.

Trotzdem ist eines klar, über einen kurzlebigen Enthusiasmus hinaus kann das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich. Dennoch wird seine Reise einen großen und langanhaltenden Einfluss ausüben und er sollte die Gelegenheit nutzen, um eine laute und deutliche Botschaft über die Mikrophone zu vermitteln.

Seine Worte sollten sich an die jungen Menschen richten, die aus Verzweiflung in Gedanken schon ein Floß aufrüsten, um aus dem Land zu fliehen. Ihnen muss man zeigen, dass unser Mangel an Gütern und Moral nicht die Schuld des Weißen Hauses ist. Die beste Möglichkeit für Barack Obama auf die Geschichte Kubas einzuwirken, besteht darin unmissverständlich klar zu machen, dass die Verantwortlichen unseres Dramas auf dem Platz der Revolution von Havanna zu finden sind***.

Anmerkung. d. Übers.:

*José de la Caridad Méndez, auch bekannt als der „schwarze Diamant“ (el diamante negro) war ein kubanischer Pitcher, der in seiner Heimat zu einer Legende wurde und sowohl in die kubanische als auch in die US-amerikanische Baseball Hall of Fame aufgenommen wurde. Er starb am 31 Oktober 1928 in Havanna an Tuberkulose.

** Das Bier „Presidente“ (la cerveza Presidente) ist eine Biermarke aus der Dominikanischen Republik, die von Kuba importiert wird, um die eigene, unzureichende Produktion auszugleichen.

*** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

Rückblick zur Veranstaltung: Kritische Stimmen zu und aus Kuba

Link zur AMNESTY INTERNATIONAL Veranstaltung vom 16.02.2016 in Regensburg: http://www.amnesty-regensburg.de/Main/20151229001

„KRITISCHE STIMMEN ZU UND AUS KUBA.“ MIT INFORMATIONEN ZUR MENSCHENRECHTSLAGE, LITERARISCHER LESUNG UND MUSIK

Veranstalter: KEB im Bistum Regensburg und Amnesty International Bezirk Oberpfalz
Referentin: Gabriele Stein, Kuba-Koordinationsgruppe und Vorstandsmitglied von Amnesty Deutschland
Lesung zeitgenössischer kubanischer Literatur: Andreas Ruf
Musik: SANCHEZ

Die seit der kubanischen Revolution bestehende diplomatische Eiszeit zwischen den USA und Kuba scheint seit der historischen Begegnung von Barack Obama und Raúl Castro beim Amerika-Gipfel in Panama im April 2015 zu schmelzen, die beiden Staaten haben wieder Botschafter im anderen Land. Die Reise des Papstes nach Kuba und von dort direkt in die USA im September 2015 wird als politische Aufforderung zu einer weiteren Annäherung gewertet. Die Zeichen stehen für Kuba also auf Hoffnung

Und doch beklagen Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen und Hilfswerke die nach wie vor undemokratischen Verhältnisse im Land. Immer wieder nimmt die kubanische Polizei Aktivisten der kubanischen Demokratiebewegung willkürlich fest. Unter den Verhafteten im Rahmen der Kampagne „Todos marchamos“ („Wir alle marschieren“) sind zahlreiche Frauen der Bürgerrechtsorganisation „Damen in Weiß“. Kubanische MenschenrechtlerInnen fordern immer wieder die Freilassung aller politischen Gefangenen und setzen sich damit selbst großen Gefahren aus.

Die Menschenrechtsreferentin Gabriele Stein ist seit Anfang der 1980er Jahre bei Amnesty International aktiv, gehört zum Vorstand der deutschen Sektion und ist für die Länderkoordinationsgruppe Kuba verantwortlich. Sie berichtet von der aktuellen Lage in Kuba, vonMenschenrechtsverletzungen z.B. an dem politisch gefangenen Künstler Danilo Moldanado Machado. Stein fordert mit Amnesty die Regierung von Kuba auf, unabhängigen Medien und JournalistInnen zu ermöglichen, frei und ohne Furcht vor Repressalien, ungesetzlichen Beschränkungenund willkürlicher Verfolgung zu arbeiten.

Dazu liest der Schauspieler Andreas Ruf zeitgenössische Textausschnitte von kubanischen Schriftstellern wie von Kubas bekanntester Bloggerin, Yoani Sánchez. Der kulturell-politische Abend wird mit Livemusik von SANCHEZ umrahmt. Die drei Regensburger Musiker widmen ihre spanischen Lieder der Liebe, der Sehnsucht und dem Fernweh. Canciones con gituara y metallophone.

Die Trägerorganisationen Amnesty International, KEB im Bistum Regensburg und das Turmtheater laden herzlich ein, sich an diesem Abendatmosphärisch nach Kuba entführen und tagesaktuell informieren zu lassen.