Die Ehe zwischen Venezuela und dem Chavismus ist gescheitert

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Nicolás Maduro, Präsident von Venezuela. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 07. Dezember 2015 Dieses Mal halfen weder Betrug noch Angst. Wie eine Frau, die über lange Zeit von ihrem Ehemann missbraucht und bedroht wurde, schlug Venezuela dem Chavismus die Tür vor der Nase zu und das mit Entschlossenheit. Von nun an wird das Regieren für Nicolás Maduro zu einem steinigen Weg. Mit einer im Parlament absolut unterlegenen Partei bleibt dem Nachfolger von Hugo Chávez nichts anderes übrig, als gegen seine eigenen Gesetze zu verstoßen, um seinen Willen als Präsident durchzusetzen.

Dasselbe Volk, an das der Präsident der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) von der Tribüne appelliert, um seinen Amtsmissbrauch zu rechtfertigen, hat nun nein gesagt, nein zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts und zum Projekt des Landes, das vom (als „Oficialismo“ bezeichneten) Regierungsblock vorangetrieben wird. Die politische Kraft, deren Führung die südamerikanische Nation in Unsicherheit, Mangel, Korruption und unhaltbare Polarisierung stürzte, hat nun eine klare Abfuhr erteilt bekommen.

Die Menschen haben es satt. Sie haben genug von den provokanten Reden, der Angst auf den Straßen, der anhaltenden Auswanderung der Jugendlichen und der alles zerfressenden Unbeständigkeit, die sich im letzten Jahr noch verschärft hat. Zudem bestraften die Wähler mit ihren Stimmen eine Partei, die nicht für alle regierte, sondern nur für einen Teil der Gesellschaft, den sie systematisch gegen Andersdenkende aufhetzte.

Mit dem Stimmzettel in ihren Händen haben die Venezolaner einen friedlichen Wandel herbeigeführt, ohne dabei der Gewalt zu verfallen

Mit dem Stimmzettel in ihren Händen haben die Venezolaner einen friedlichen Wandel herbeigeführt, ohne dabei der Gewalt zu verfallen oder eine bewaffnete Revolution anzuzetteln. Maduro hat so geerntet, was er mit seiner schlechten Führung gesät hatte. Seine vor den Wahlen abgegebenen Erklärungen, in denen er unter anderem damit drohte, von der Straße zu kämpfen, sollte seine Partei eine Niederlage einfahren, bestärkten nur noch eine bereits gefällte soziale Entscheidung. Mit seinen Worten führte er letztendlich seinen eigenen Untergang herbei.

Denn es gibt einen Moment, in dem dem Opfer bewusst wird, dass sein Peiniger auch nur ein schwaches menschliches Wesen ist, das man überwältigen kann. Diesen Punkt erreichte die venezolanische Bevölkerung am 6. Dezember diesen Jahres, als sie mit ihrer Wahl deutlich machte, dass der Chavismus weder ewig währt noch beliebt ist. Das Ergebnis beweist, dass die Menschen die Angst verloren haben, die der nun 17 Jahre andauernde Autoritarismus im Land verbreitet hatte. Diese krankhafte Mischung aus Abhängigkeit und Angst sollte die Bevölkerung gefügig machen.

Die Wahlergebnisse richten sich auch gegen die Plaza de la Revolución* in Havanna. In dem dunklen Netz aus Geheimnissen dieser Regierung, die mehr als fünf Jahrzehnte lang keine Wahlen zuließ, formte man die Machtfigur des Hugo Chávez und das gleiche versuchte man auch mit Nicolás Maduro. Doch der Plan ging nicht auf, denn man stieß auf eine Bevölkerung, die sich wehrte, eine Opposition, die es trotz aller Differenzen geschafft hat, sich zu vereinen, und auf eine internationale Gemeinschaft, die die Reihen der Kritiker der Methoden des PSUV schloss.

Das Machtzentrum, das von Miraflores** aus finanziert und durch die prahlerische Politik von Chávez sowie durch den Machtmissbrauch des aktuellen Präsidenten verkörpert wurde, beginnt die Waffen niederzulegen. Venezuela sieht bereits einen Ausweg und kann für eine Insel der Anstoß sein, die es noch nicht wagt, der Unterdrückung durch die Regierung ein Ende zu setzen, ihr die Tür vor der Nase zuzuschlagen und sie aus der Zukunft des Landes zu verbannen.

Anmerkung d. Übers.:

*Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz im gleichnamigen Stadtbezirk von Havanna. Dort befindet sich das politische und administrative Zentrum des Landes.

**Der Miraflores-Palast ist die offizielle Residenz des Präsidenten von Venezuela.

 

Übersetzung: Lena Hartwig

 

IMO, die „Person“ des Jahres auf Kuba

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Eine kubanische Migrantin surft in einer Unterkunft in Liberia, Costa Rica, mit ihrem Handy im Internet (Foto 14ymedio)

Generación Y, Yoani Sánchez, 28. November 2015 Der Dezember steht vor der Tür und bald werden unzählige Listen der Protagonisten des Jahres 2015 auf Kuba veröffentlicht werden. In einem Land, dass in diesen zwölf Monaten Besuch von einem Papst, einem Außenminister und sogar von Mick Jagger erhielt, ist dies eine schwierige Aufgabe. Dennoch, die „Person“, die den gesamten Beifall einheimst, ist weder ein Politiker noch ein Kirchenoberhaupt noch ein Rockstar. Es handelt sich dabei um eine Handy Applikation, mit einem kurzen Namen und einer großen Wirkung in unserem Alltag: IMO.

Diese App für Videoanrufe, mit mehr als 150 Millionen Benutzerkonten weltweit, tauchte vor einem halben Jahr in unserem Alltag auf, um Entfernungen zu verkürzen und Familien wieder zu vereinen. Mit einer einfachen Benutzeroberfläche und der Fähigkeit sich an unsere langsamen Internetverbindungen anzupassen, hat IMO es geschafft, das zu ermöglichen was das Inseldasein und die Politiker über eine so lange Zeit hinweg eingeschränkt hatten: Den Kontakt mit dem Rest der Welt.

Das Start-up-Unternehmen mit Sitz in Palo Alto, Kalifornien, das diese Anwendung für Textnachrichten, Sprach- und Videoanrufe entwickelt hat, wurde von einem der zehn ersten Mitarbeiter von Google gegründet, der versichert, dass es ihm gefällt an „anspruchsvollen Projekten“ zu arbeiten. Diese Aussage wurde auf Kuba umfassend bestätigt, wo sich die App, trotz der vielen technologischen Hindernisse, wie ein Virus auf den Mobiltelefonen und Tablets verbreitet hat.

Wer behauptet, dass die Technologie uns voneinander entfernt und uns in Einsamkeit hüllt, sollte einmal durch den Bereich des Wifi-Hotspots von La Rampa in Havanna spazieren.

Wer behauptet, dass die Technologie uns voneinander entfernt und uns in Einsamkeit hüllt, sollte einmal durch den Bereich des Wifi-Hotspots von La Rampa* in Havanna spazieren. Dort kann er die Freudentränen und die lächelnden Gesichter sehen, die diese Anwendung hervorruft, wenn sie Kubaner auf der ganzen Welt miteinander verbindet. Die Emotionen sind fast genauso als würden sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Wenn es die einzige Möglichkeit ist mit den Menschen, die wir lieben in Kontakt zu treten, dann hat ein Bildschirm nichts Kaltes und eine Tastatur nichts Unmenschliches an sich.

Die Ecke zwischen den Straßen Calle Infanta und Calle 23, es ist ein ganz normaler Samstag. Eine Frau zeigt ihrem Sohn, den sie seit 20 Jahren nicht mehr gesehen hat, ihre neue Haarfarbe und seine Schwester hat den Hund mitgebracht, damit auch er ein Teil dieses Moments sein kann. Daneben hält sich ein junger Mann, nicht älter als 20, das Handy vors Gesicht und wiederholt beharrlich „Beeil dich und hol mich hier raus“. Über IMO haben wir in den letzten Monaten unsere Hoffnungen und unsere Verzweiflung geteilt.

Selbst die Prostitution mit ausländischen Besuchern wurde durch die App „technologisiert“. Jetzt wird „die Ware“ sogar schon betrachtet, bevor der Kunde überhaupt auf der Insel ist. Neulich filmte ein junges Mädchen ihren ganzen Körper mit der Kamera eines Tablets, während aus den Lautsprecher jemand mit deutschem Akzent fragte, ob sie wirklich schon 18 sei.

Trotzdem verdient IMO den Titel der „Person“ des Jahres, vor allem wegen ihrer Schlüsselrolle in der Migrationskrise, die fast 4000 Kubaner betrifft, die  auf dem Landweg in die USA flüchten wollten und an der Grenze zwischen Costa Rica und Nicaragua festsaßen. Während die staatlichen Medien das Drama dieser Menschen verschwiegen, ermöglichte es ihnen diese Applikation ihre Familien auf Kuba über ihr Schicksal dort auf dem Laufenden zu halten.

Anmerkung. d. Übers.:

* Als „La Rampa“ wird in Havanna der Straßenabschnitt Calle 23 zwischen der Straße Calle L und der berühmten Uferpromenade „Malecón“ bezeichnet. Dort befinden sich viele der bekanntesten Treffpunkte Havannas.

 

Übersetzung: Anja Seelmann

Von der Information zur Aktion

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Yoani Sánchez nimmt den Journalistenpreis „Knight de Periodismo Internacional 2015“ entgegen. (@karinkarlekar)

Generación Y, Yoani Sánchez, 12. November 2015 Meine Großmutter konnte nur den ersten Buchstaben ihres Namens schreiben: Sie unterschrieb Dokumente mit einem großen „A“, also fast wie ein Kind. Obwohl sie Analphabetin war, riet Ana mir mit Nachdruck, dass ich studieren solle, um all das zu lernen, was man lernen könne. Obwohl diese Wäscherin nie eine Schule besucht hatte, erteilte sie mir die wichtigste Lektion in meinem Leben: dass Zähigkeit und harte Arbeit notwendig sind, wenn man seine Träume verwirklichen will. Sie schärfte mir ein, dass es darauf ankomme zu handeln, auf „Aktionen“ mit einem großen „A“, wie der einzige Buchstabe ihres Namens, den sie schreiben konnte.

Handeln kann dennoch zu einem Problem werden, wenn es nicht parallel von Information begleitet wird. Ein ahnungsloser Bürger wird zu einer leichten Beute für die Mächtigen und sicher auch ein Opfer von Manipulation und Kontrolle. Mehr noch: einen Menschen ohne Informationen, kann man nicht als mündigen Bürger bezeichnen, weil seine Rechte ständig verletzt werden und er nicht weiß, wie er diese einfordern kann, oder was er tun muss, um sie wiederherzustellen.

Eine strenge Kontrolle der Presse und eine abgrundtiefe Verachtung für den freien Zugang zu Information, sind für alle autoritären Regime charakteristisch. Für solche politischen Systeme ist der Journalist ein lästiges Individuum, das man bändigen, zum Schweigen bringen oder eliminieren muss. Es handelt sich hier um Gesellschaften, in denen ein Journalist nur dann Anerkennung findet, wenn er offizielle Verlautbarungen wiederholt und Loblieder auf das System singt.

Hin und her gerissen zwischen meiner Wissbegierde und einer Mauer des Schweigens, mit der die offizielle kubanische Presse so viele Themen umgab, wuchs ich zu der Person heran, die ich heute bin.

Seit vierzig Jahren lebe ich unter einer Regierung, für die Information Verrat ist. Anfangs, als ich anfing zu lesen und begann, mich mit der nationalen Presse zu beschäftigen, mit ihren optimistischen Schlagzeilen und mit ihren Zahlen der wirtschaftlichen Planübererfüllung, glaubte ich felsenfest an das, was die Zeitungen berichteten. Und das Land, das es so nur in der Druckerschwärze offizieller Tageszeitungen der kommunistischen Partei Kubas gab, glich dem, was meine Lehrer mir in der Schule erklärten, dem in den Handbüchern für Marxismus und den Reden des Máximo Líder Fidel Castro, aber es entsprach nicht der Wirklichkeit.

Hin und her gerissen zwischen meiner Wissensbegierde und einer Mauer des Schweigens, mit der die offizielle Presse so viele Themen umgab, wuchs ich zu der Person heran, die ich heute bin. Wie bei vielen anderen Landsleuten auch, bestand meine erste Reaktion darin, angesichts von so viel Manipulation und Zensur einfach damit aufzuhören ein Presseorgan zu lesen, das sich der Macht unterwarf; also jene Propaganda zu lesen, die sich mit der Maske des Journalismus tarnte. Wie Millionen Kubaner suchte auch ich nach unterdrückter Information, nach zensierten Nachrichten, und lernte so ausländische Radiosendungen zu hören, obwohl diese von der Regierung mit Störfrequenzen überlagert wurden.

Ich geriet in Beklemmung, wenn ich keine Information bekam. Aber dann kam ein anderer Moment. Ein Moment, in dem ich zu „Aktion“ überging. Es reichte mir nicht mehr, all das zu wissen, was sie mir verheimlichten und den Wahrheitsgehalt von so vielen betrügerischen Statistiken und von ebenso vielen hochtrabenden Leitartikeln zu entschlüsseln. Ich wollte zu denen gehören, die von der Wirklichkeit in Kuba berichteten. Deswegen fing ich mit meinem Blog Generación Y an, im April 2007, mit dem ich mich auf den Weg machte ein Informant und Journalist zu werden. Ein Weg ohne Umkehr, voller Gefahren, Belohnungen und großer Verantwortung.

Während der letzten acht Jahre habe ich alle Extreme des Journalistenberufs erlebt, die Ehrungen, die Schmerzen und auch die Frustration, nicht den Zugang zu einer Konferenz zu erhalten, den die offizielle Presse abhielt; aber auch das Wunder einem einfachen Kubaner auf der Straße zu begegnen, der mir ein hervorragendes Zeugnis ausstellte. Ich habe Momente erlebt, in denen ich diesen Beruf geliebt habe, und andere, wo ich mir gewünscht hätte, niemals das erste Wort geschrieben zu haben. Es gibt keine Journalisten, denen ihre Dämonen nicht im Nacken sitzen.

Ich glaube nämlich, wenn wir schon viel früher zu „Aktion“ übergegangen wären und das Recht auf Information für uns und andere in Anspruch genommen hätten, dass Kuba heute ein Land sein könnte, in dem „Journalist“ nicht ein Synonym für einen gezähmten Berufsstand oder einen flüchtigen Verbrecher wäre.

Heute leite ich ein Pressemedium: 14ymedio. Es ist die erste unabhängige Tageszeitung, die auf Kuba erschienen ist. Ich bin nicht mehr die Jugendliche, die damals die Augen von der offiziellen Presse abwandte, alternative Nachrichtenquellen suchte und später mit einem Blog anfing, wie jemand, der ein Fenster öffnete, um ins Innere des Landes blicken zu können. Jetzt habe ich eine neue Verantwortung. Ich führe ein Team von Journalisten, die Tag für Tag die Grenze zur Illegalität überschreiten müssen, um ihre Arbeit zu tun.

Ich bin verantwortlich für jeden einzelnen Berichterstatter, die zusammen die Redaktion unserer Zeitung bilden. Die schlimmsten Momente sind die, wenn einer von ihnen von einer Recherche nicht zurückkommt und wir seine Familie in Kenntnis setzen müssen, dass er verhaftet wurde und verhört wird. Das sind jene Tage, an denen ich wünschte, das erste Wort nicht niedergeschrieben zu haben …das erste Wort …damals nicht niedergeschrieben zu haben, sondern schon viel früher.

Ich glaube nämlich, wenn wir schon viel früher zu „Aktion“ übergegangen wären und das Recht auf Information für uns und andere in Anspruch genommen hätten, dass Kuba heute ein Land sein könnte, in dem „Journalist“ nicht ein Synonym für einen gezähmten Berufsstand oder für einen flüchtigen Verbrecher wäre. Aber wenigstens haben wir angefangen zu handeln. Wir sind von Information zu Aktion übergegangen, um zu helfen, eine Nation mittels Nachrichten, Reportagen und Journalismus zu verändern. Es ist eine „Aktion“ mit einem großen „A“, wie der Buchstabe, den meine Großmutter unter ein Dokument schrieb, ohne wirklich zu wissen, was dieses sagte.


Anmerkung der Redaktion: Das ist die Rede, die Yoani Sánchez bei der Zeremonie anlässlich der Verleihung des JournalistenPreises KNIGHT DE PERIODISMO INTERNACIONAL 2015 am 10.November in Washington hielt. Im vergangenen Mai wurde die Leiterin von 14ymedio vom Internationalen Zentrum für Journalismus für ihren „entschlossenen Kampf gegen die Zensur“ damit ausgezeichnet.

 

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Rebellion von Liliput

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Gulliver wird von den Liliputanern gefesselt (CC)

Generation Y, Yoani Sánchez, 05. November 2015 Der Aufruf zum Sparen ist für die kubanischen Regierungsmitglieder seit mehr als einem halben Jahrhundert eine gängige Praxis, während sie selbst ein üppiges Leben führen. Die Forderung, den “Gürtel enger zu schnallen”, wird von Funktionären mit dicken Hälsen und rosigen Gesichtern vorgebracht, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr wissen, wie ein Kühlschrank mit mehr Raureif als Essen aussieht. Ohne Zweifel ärgert dieser Widerspruch all die, die das rationierte Brot mit einem Verwandten teilen müssen, oder die geschickt ein Stück Seife stückeln, damit es für mehrere Wochen reicht.

Das Unbehagen des Volkes aufgrund des Gegensatzes zwischen dem, was gesagt und dem was getan wird, könnte den Journalisten Alexander A. Ricardo dazu veranlasst haben, in der Zeitung Tribuna de La Habana,  im Ressort Meinung, einen metaphorischen aber treffenden Text zu veröffentlichen. Mit dem Titel “Gullivers Reisen” bezieht sich der Meinungsartikel auf jemanden, der “als Riese an den Küsten des Mittelmeers das Leben genießt, oder als ein abenteuerlustiger Zwerg keine Probleme hat – weder in seinem Leben, noch mit seinem Visum.”

Diese Anspielung wurde wenige Monate später veröffentlicht, nachdem Antonio Castro, einer der Söhne des kubanischen Expräsidenten, von einem Paparazzi entdeckt wurde, während er Urlaub im türkischen Bodrum machte. Ein Ort, den er nach seinem Aufenthalt auf der griechischen Insel Mykonos an Bord einer 50 Meter langen Jacht angesteuert hatte, wo er und seine Begleiterinnen und Begleiter in Luxus-Suiten untergebracht waren.

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn (…) nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”

Es fällt schwer, das opulente Leben von Fidel Castros Sohn und die Aufrufe zum Sparen, die heute sein Onkel verlauten ließ, nicht auf den ironischen Satz des Journalisten zu beziehen: “Zuhause angekommen erzählt er nichts. Er täuscht seine Landsleute mit Geschichten über Schiffbrüche”. Die Parallelen zwischen der symbolträchtigen Geschichte und der Wirklichkeit führten dazu, dass sich der Artikel per E-Mail in Kuba wie ein Lauffeuer verbreitete.

Noch mehr Überschneidungen gibt es, wenn A. Ricardo schreibt: „Wieder lichtet er den Anker, dieses Mal bricht er gen Norden auf, wovon ihn in vergangenen Zeiten das kühle Klima abgehalten hatte”. Das stimmt mit der vorherigen Reise des Expräsidenten-Sohns nach New York überein, wo er ebenfalls in Marken-Sportswear und einem Teddybären in der Hand fotografiert wurde.

„Dank seines Vaters reist Gulliver Junior regelmäßig” ist in dem publizierten Artikel der Zeitung aus Havanna zu lesen. Mit anderen Worten: Im System wirtschaftlicher Unsicherheit, das sein Vater Millionen von Kubanern aufbürdete, kann er sich wiederrum einen Luxus erlauben, der höher ist als das, was von der Rente seines pensionierten Vaters bezahlt werden könnte. Aber auch die Liliputaner werden einmal müde. Ob dieser Artikel des Journalisten ein Beispiel für die – mitnichten winzige – Empörung gewesen ist?

Übersetzung: Nina Beyerlein

Ich möchte dich nicht mehr finden, Camilo

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Blumen für Camilo Cienfuegos in einer Grundschule im Stadtbezirk Plaza de la Revolución, Havanna. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 28. Oktober 2015 Die Mauer der Strandpromenade schmeckt nach Salz und fühlt sich rau an. Über diese Brüstung warf ich in meiner Schuluniform, die vom Salz der Wellen Flecken hatte, in jedem Oktober meiner Kindheit einen Blumenstrauß ins Meer. Und zwar zu Ehren eines Mannes, der 15 Jahre vor meiner Geburt starb. Sein Gesicht blickte uns von den Wänden und aus den Schulbüchern an, mit einem breiten Lächeln unter einem breitkrempigen Hut. Das war zu Zeiten, als wir noch davon träumten, Camilo Cienfuegos zu finden.

Die Geschichte wurde bis zum Umfallen erzählt. In den Morgenversammlungen der Schule und in der offiziellen Propaganda sprach man von einem verschwundenen Flugzeug, in dem der Kommandant damals von Camagüey nach Havanna flog. Für die Kinder meiner Generation war es ein fast schon magisches Rätsel. Wir glaubten, dass man ihn eines Tages finden würde, gut gelaunt und bärtig, irgendwo in der kubanischen Landschaft. Wir dachten, es sei nur eine Frage der Zeit.

Jedoch vergingen die Jahre und bis heute fand man kein einziges Teil jener zweimotorigen Cessna auf dieser langen aber schmalen Insel. Die neuen Technologien griffen in das Leben aller ein; Satelliten suchten jeden Zentimeter dieses Planeten ab, und sogar versunkene und verborgene mystische Städte wurden auf der Erde gefunden. Aber von Camilo gab es weiterhin keine Spur.

Jene Hoffnung, dass er zurückkehren würde, um sich dem Regierungsapparat anzuschließen, verschwand und machte Platz für einen anderen Wunsch. Mitte der achtziger Jahre hörte ich, wie man von Camilo Cienfuegos redete, als würde er die Hoffnung auf Veränderungen mit sich bringen. „Wenn er jetzt hier wäre, wäre nichts von alledem passiert“, hörte man die älteren Bürger sagen. „Er war auf keinen Fall Kommunist“, stellte mein Großvater fest.

Das Rätsel hat sich in Luft aufgelöst, aber nicht weil wir Antworten gefunden haben, sondern weil wir es leid sind, auf diese zu warten.

Wir hörten nicht damit auf, uns zu wünschen, dass man den Helden von Yaguajay1 lebend finden würde; aber dieses Mal, damit er unseren Widerstand anführt und uns hilft, unsere Angst zu überwinden.

Während der Sonderperiode auf Kuba kehrte mit aller Macht die Sehnsucht zurück, zumindest eine Spur jenes Schneiders zu entdecken, der zum Kämpfer wurde. Wir spekulierten darüber, dass die Regierung von Fidel Castro wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen würde, wenn die Umstände des Todes von Cienfuegos aufgeklärt würden. Das bestgehütete Geheimnis aus der Zeit der Revolution würde zugleich ihr Ende bedeuten. Aber auch in diesen Jahren wurde das Rätsel nicht gelöst.

Vor einigen Tagen erinnerte ein Mädchen seine Mutter, dass sie einen Blumenstrauß in die Schule mitbringen müsse, um ihn am Jahrestag des Verschwindens dieses Mannes aus Havanna, der nicht einmal 30 Jahre alt wurde, ins Meer zu werfen. Eine Sekunde später fragte das Mädchen: „Aber ist er jetzt tot oder ist er nicht tot?“. Die Mutter erzählte mit gelangweilter Stimme die offizielle Version der Geschichte und sagte, um mit dem Thema abzuschließen: „Ja, er ist tot …er atmet nicht mehr.“

Das Rätsel hat sich in Luft aufgelöst, aber nicht weil wir Antworten gefunden haben, sondern weil wir es leid sind, auf diese zu warten. Gerade jetzt würde sich nichts ändern, wenn wir wüssten, dass Camilo Cienfuegos irgendwo am Leben ist – mit seinem Bart, der inzwischen grau geworden ist – oder wenn man wissenschaftlich beweisen könnte, dass die offizielle Version der Wahrheit entspricht. Es würde auch keinen Aufschrei in der Bevölkerung geben, wenn man beweisen könnte, dass sein Tod ein geplanter Anschlag war, der von seinen eigenen Genossen aus der Sierra Maestra2 in Auftrag gegeben wurde.

Die Zeit, dieser unerbittliche Gegner, hat Camilo letzten Endes begraben.

 Anmerkung der Übersetzerin:

1 Camilo Cienfuegos Gorriarán war einer der führenden Revolutionäre in der Kubanischen Revolution gegen das Batista-Regime. Er war Anführer einer Rebellenarmee-Kolonne in der bedeutenden „Schlacht von Yaguajay“ im Dezember 1958, was ihm den Beinamen „Héroe de Yaguajay“ (Der Held von Yaguajay) einbrachte. Auch wird er „El Héroe del Sombrero Alón“ (Der Held mit dem breitkrempigen Hut) genannt.

2Die „Sierra Maestra“ (dt. „Hauptgebirge“) ist ein Gebirgszug im Osten Kubas. Während der kubanischen Revolution verbarg sich dort die Rebellenarmee unter der Führung von Fidel Castro.

 

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Die Gesichter des kubanischen Traums

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Das Musical On your feet!, das auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan basiert. (Matthew Murphy).

Generation Y, Yoani Sánchez, 20. Oktober 2015  „Was ist der kubanische Traum?”, fragte er wie jemand, der wissen will, wie spät es ist, wie der Kaffee schmeckt oder wie das Wetter am Nachmittag wird. Um den Tisch herum schwiegen wir alle auf diese Frage, die von jenem Besucher in den Raum geworfen wurde. Mehr als ihm eine Antwort über das erwünschte Land zu geben, hat mich eine solche Provokation zum Nachdenken darüber gebracht, dass unsere Träume unbedingt Gesichter haben sollten, die sie darstellen, Personen, die sie bewohnen.

Ich habe am vergangenen Samstag erneut an das Gespräch gedacht, während ich in einem überfüllten Theater am New Yorker Broadway das Musical On your feet! genoss. Das Stück basiert auf dem Leben von Gloria und Emilio Estefan und erzählt von einem kubanischen Paar, das sich einen Weg in die wettbewerbsorientierten Welt des Entertainment in den Vereinigten Staaten bahnt. Nicht zuletzt ist es eine Geschichte über Sehnsucht, Hartnäckigkeit und Erfolg.

Vor den Augen der Zuschauer entwickelt sich eine Handlung, die mit Schmerz des Exils sowie den Erinnerungen an das auf der Insel zurückgelassene Leben beginnt. Eine Referenz, die sich durch das gesamte Drama zieht, das in diesen Tagen im  New Yorker Theater Marquis aufgeführt wird. Unter der Leitung von Jerry Mitchell gibt das erfolgreiche Musical detailliert den Wandel von Traurigkeit zu Energie und von der Melancholie des Auswanderers zu Unternehmergeist wieder.

On your feet! scheint besonders ein Lobgesang auf das Lebensgefühl Kubas zu sein, der es erreicht, dass das Publikum sich von den Sitzen erhebt und tanzt – wenn auch noch mit Tränen im Gesicht. Durch die herausragenden musikalischen Interpretationen, durch die Stimme von Ana Villafañe (in der Rolle der Gloria Estefan) und dem Rest der Besetzung fesselt das Werk, ohne lästig zu sein und bringt die Zuschauer – weit über die Stereotype hinaus – mit der Kultur unseres Landes zusammen.

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Ana Villafañe und Josh Segarra in der Rolle von Gloria Estefan und Emilio Estefan (Matthew Murphy).

Das Musical verdient nicht nur auf Grund der künstlerischen Stärken und der herausragenden Inszenierung einen verlängerten Applaus, sondern besonders weil es Werte rühmt, die in unserer Gesellschaft unbedingt gerettet werden müssen. Das Musical nähert sich so dem Leben der Menschen an, die auf eine ganz andere Art und Weise inspirieren als die Lebensmodelle, die von der offiziellen Propaganda aufgezwungen werden.Gloria und Emilio provozieren keine kritiklose Anerkennung, Angst oder fügsame Dankbarkeit, sondern den Wunsch, sie zu imitieren oder sogar zu übertreffen.

Irgendwann werden kubanische Kinder, wenn Sie die Schulbücher aufmachen, um lesen zu lernen,  keine Personen in Militäruniform und mit Gewehr über der Schulter mehr sehen: An Stelle des exzessiven Waffenkults werden wir diejenigen finden, die Referenzen für Erfolg, sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Errungenschaften sind. Auf diesen Seiten werden sich die wahrhaften Vorbilder zum Nachahmen finden – die Gesichter des kubanischen Traums.

Übersetzung: Berte Fleissig

In der Heimat der Solidarität gib es keine Ausländer

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Grafitti auf einer Wand in Havanna, das nachträglich übermalt wurde. (14ymedio)

Generation Y, Yoani Sánchez, 12. Oktober 2015 Pepes, Yumas und Touristen sind einige der Namen, die wir den Besuchern unseres Landes geben. Für viele Kubaner sind diese Reisenden aufgrund von Unterkünften, Transport sowie Tanz- und Sprachunterricht die wichtigste Einnahmequelle. Einige studieren auch mit uns an der Universität oder arbeiten in einem gemischtwirtschaftlichen Unternehmen. Dennoch ist ihr Aufenthalt meist von kurzer Dauer, sie sind auf der Durchreise, nur für ein paar Tage oder Monate. Doch was passiert, wenn sie kommen, um zu bleiben?

Ein Bild auf einer Wand in Havanna spiegelt den Widerspruch einer öffentlichen Rede wieder, die sich der Solidarität einer Nation rühmt, in der jedoch für einen Immigranten kein Platz ist. Diese Zeichnung eines Che Guevara mit der kontroversen Aussage – „In der Heimat der Solidarität gibt es keine Ausländer“ – hielt sich kaum ein paar Stunden an ihrer improvisierten Leinwand, bis sie die Zensur in Form eines blauen Malerpinsels erreichte und sie überstrich. Für die Regierung scheint alles gut zu laufen, solange Ausländer auf Kreuzfahrtschiffen ankommen, einige Nächte bleiben und gutes Geld in die Kassen fließen lassen. Allerdings ist es etwas ganz anderes, wenn sie entscheiden, hier zu bleiben. An diesem Punkt zeigt sich die nationalistische Feindseligkeit, die für das politische System Kubas typisch ist.

Für einen Ausländer, der sich auf Staatsgebiet niederlassen will, gehören die Migrationsgesetze Kubas wahrscheinlich zu den strengsten weltweit

Für einen Ausländer, der sich auf Staatsgebiet niederlassen will, gehören die Migrationsgesetze Kubas wahrscheinlich zu den strengsten weltweit. Jahrzehntelang war es ein Privileg, auf Kuba zu wohnen, das nur „Kameraden“ aus Osteuropa, Guerillakämpfern in der Ausbildung und asylsuchenden Politikern aus lateinamerikanischen Diktaturen zustand. Diplomatisches Personal, die ausländische Presse und einige ausgewählte Akademiker vervollständigten den Kreis der Einwohner aus anderen Ländern, die mehr oder weniger dauerhaft in Kuba bleiben durften.

Die Insel ist kein Land der Immigranten mehr, wo sich entfernte und nahe Kulturen im Schmelztiegel der Identität miteinander verbanden. Chinesen, Franzosen, Araber, Haitianer, Spanier, Polen sowie viele andere brachten ihre Bräuche, Kochrezepte und unternehmerischen Initiativen ein, damit das Wunder der Vielfalt gelang. Heutzutage ist es sonderbar, wenn um den Familientisch Menschen sitzen, die nicht in hier geboren wurden.

Ende 2014 gab das Nationale Amt für Statistik bekannt, dass die Zahl der ausländischen Einwohner in Kuba im Jahr 2011 nur 0,05 % der Bevölkerung ausmachte. Das steht im Kontrast zu den 128 392 Ausländern – 1,3 % der Gesamtbevölkerung – mit denen wir 1981 die Insel teilten. Zwei Faktoren erklären den drastischen Rückgang der ausländischen Bevölkerung: Der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in den neunziger Jahren trug dazu bei, denn von dort kamen jene „Techniker“ aus früheren Zeiten. Viel ausschlaggebender jedoch ist, dass unser Land schon seit langer Zeit keine Chancen mehr bietet.

Während ausländische Einwohner Kuba verließen, wurden die kurzzeitigen Besucher zu wirtschaftlichen „Lebensrettern“, da das materielle Elend zunahm. Diese Besucher waren lange Zeit die Einzigen, die konvertierbare Währung besaßen, und somit die Möglichkeit hatten, Shampoo in den Diplotiendas* zu kaufen und sich dem enormen Luxus eines kühlen Biers in der Hotelbar hinzugeben. Der Tourist wurde zu dem erträumten Märchenprinz vieler junger kubanischer Frauen, dem Schwiegersohn, den sich jeder Schwiegervater wünschte, und dem bevorzugten Mieter für die dortigen Wohnungen.

Der Tourist wurde zu dem erträumten Märchenprinz vieler junger kubanischer Frauen, dem Schwiegersohn, den sich jeder Schwiegervater wünschte, und dem bevorzugten Mieter für die dortigen Wohnungen

Noch heute sehen viele Kubaner in ihnen wandelnde Geldbeutel auf den Straßen der Insel, denen man jeden Cent aus der Tasche ziehen muss. Für einen Ausländer auf Kuba ist es schwierig abzugrenzen, ob es sich bei dieser Freundlichkeit, mit der man ihm dort begegnet, um die natürliche Höflichkeit der Kubaner handelt oder um ein Theaterstück mit dem Ziel, an dessen Geldbeutel heranzukommen.

Außerdem hat der kubanische Lebensstil die Gewohnheit verloren, mit „dem Anderen“ – auf Augenhöhe – zusammenzuleben. Mit Immigranten zusammenzuarbeiten und zu akzeptieren, dass in öffentlichen Bussen auch andere Sprachen gesprochen werden. In unseren Küchen mangelt es an neuen Rezepten, weil keine gastronomischen Erfahrungen ausgetauscht werden. Wir sind weniger weltoffen geworden, dafür erheblich stärker zu Inselbewohnern, im schlechtesten Sinne des Wortes. Wir haben die Fähigkeit verloren, andere Verhaltensweisen, Ausdrucksformen und Lebensstile zu tolerieren und sie willkommen zu heißen.

Wie werden wir reagieren, wenn unser Land wieder ein Ziel für Zuwanderer wird? Werden sie zu den schlechtesten Arbeitsplätzen verdammt werden? Werden fremdenfeindliche Gruppen entstehen und diejenigen ablehnen, die von jenseits der Meere kommen? Wird es NGOs geben, die sie schützen? Programme, die ihnen bei der Integration helfen? Politiker, die keine Angst vor ihnen haben? Auf all diese Fragen muss schneller, als wir denken, eine Antwort gefunden werden. Kuba kann bald wieder eine Nation sein, in der Menschen aus aller Welt willkommen sind.

Anmerkung d. Übers.:

*Supermärkte, in denen nur Diplomaten und Ausländer einkaufen durften

Übersetzung: Lena Hartwig