Paladares, die Macht und die Rechte: eine Gleichung ohne Lösung

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Der Paladar „La cocina de esteban“ (Die Küche von Esteban) im Stadtviertel Vedado, Havanna

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, Havanna | 21. Oktober 2016   In den letzen Tagen wurde viel über die Aussetzung („Einfrierung“) der Vergabe neuer Lizenzen geschrieben, die zur Eröffnung kleiner privater Restaurants berechtigen, auf Kuba volkstümlich „Paladares“ genannt. Bis heute haben dies die meisten Analysten als einen weiteren Rückschritt der kubanischen Behörden bezeichnet, nach dem anfänglichen Prozess der wirtschaftlichen Flexibilisierung, der einen Aufschwung dieser speziellen Betriebe zur Folge hatte, die generell einen besseren Service bieten und ein vielfältigeres Angebot haben, als die meisten Staatsbetriebe. Deswegen werden sie von der Bevölkerung und den ausländischen Besuchern der Insel geschätzt.

Kritiker der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba nutzen die Gunst der Stunde, um zu versichern, dass die Beschränkung (der Lizenzen) nur eine weitere „Antwort“ des Palasts der Revolution (Regierung) ist, die sich ihrer Meinung nach vom Weißen Haus unterstützt wähnt, wenn sie – ohne Konsequenzen fürchten zu müssen – Härte zeigt und weiterhin die Menschenrechte verletzt. Zugleich wächst der Druck auf die Zivilgesellschaft, auf unabhängige Journalisten, Oppositionelle und andere Gruppen, und sogar auf Linientreue.

Es ist bekannt, dass autokratische Regierungen sich auf die Armut und die Wehrlosigkeit der Regierten stützen, weil die von den an sie verteilten Brotkrümeln abhängig sind.

Das vom ihm so genannte „Yankee-Prinzip“, das das kubanische Denkverhalten beschreibt, ist ein geliebter Begriff meines Kollegen Reinaldo Escobar. Jedes Phänomen, jedes Ereignis auf der Insel ist demzufolge eine Reaktion auf Verordnungen der US-Exekutive. Aber unabhängig von der unbestreitbaren Härte, mit der die Regierung den privaten Sektor behandelt, zusammen mit den hastig gefassten Beschlüssen auf Grundlage des Prinzips, ist es eine Tatsache, dass Razzien und der Druck auf nicht-staatliche Arbeiter alles andere als neu sind. Das ist seit vielen Jahren offizielle Praxis, schon lange vor Beginn des Dialogs zwischen Washington und Havanna.

Und das auch ist kein Geheimnis. Es ist bekannt, dass autokratische Regierungen sich auf die Armut und die Wehrlosigkeit der Regierten stützen, weil die von den an sie verteilten Brotkrümeln abhängig sind. Jedes Anzeichen einer politischen Öffnung, jeder Hauch einer Möglichkeit am staatlichen Rand Erfolg zu haben, würde eine Bedrohung der Regierung und ihrer Ideologie darstellen. Also tragen erfolgreiche Unternehmer einen Bazillus in sich, der eine Autokratie zu Grunde richten könnte, obwohl die Unternehmer selbst das nicht wissen… oder nicht wissen wollen.

Auch wenn vorsichtige Fortschritte und plötzliche Rückschritte charakteristisch für den Verwaltungsapparat des Präsidenten General Raúl Castro sind, dieses Mal gab es eine neue Komponente: die Einschüchterung der Besitzer von Cafeterias und privaten Restaurants, in Form von Vorladungen vor eine Kommission, die sich aus Beamten der regionalen Regierungen und aus Angehörigen der Nationalen Steuerverwaltung (ONAT) zusammensetzte, und der sogar Mitglieder der politischen Polizei angehörten.

Was bekannt wurde ist, dass die Behörden die Unternehmer vor der Missachtung der Branchen-Verordnungen gewarnt haben, die von der Regierung im Rahmen der selbständigen Tätigkeiten erlassen wurden. In diesem Zusammenhang war auch die Rede von Steuerhinterziehung, Verkauf von Lebens- und Betriebsmitteln, die aus dem Schwarzmarkt stammen, von Geldwäsche und anderen Gesetzesüberschreitungen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Plötzlich hat die Regierung in Betrieben wie Cafeterias und Paladares die epidemische Korruption „entdeckt“, die die Gesellschaft in ihrer Gänze seit langem unterminiert, ausgehend von der Regierungsspitze und ihren Claqueuren. Nur, dass in dieser „korrumpierten Kette“, – eine Metapher für die kubanische Wirklichkeit – der private Sektor das schwächste Glied ist.

Infolgedessen sieht man eine Welle von rigorosen staatlichen Inspektionen auf Cafeterias und Paladares zukommen, die die Einhaltung der Gesetze und Normen steuerlich überprüfen sollen, wie sie ursprünglich von der Regierung verabschiedet, in Verträgen festgeschrieben und bei der ONAT unterzeichnet wurden – zusammen mit anderen Vorschriften.

Wenn wir uns buchstabengetreu an das Gesetz halten, könnte sich bestätigen, dass die Behörden nur verlangen, das zu tun, was legal ist, obwohl die Vorgehensweise fragwürdig ist.

Kurioserweise ist all dies passiert, kurz nachdem das Ultimatum des Präsidenten General durchgesickert ist, das er an die Ministerien für Wirtschaft, Finanzen und Preise gerichtet hat. Es verlangt die Einführung eines einheitlichen Währungssystems vor Ende 2016. Es ist aber kein Geheimnis, dass es einigen Eigentümern von Paladares gelungen ist, ein beträchtliches Kapital in Form von Devisen anzuhäufen, die nicht auf kubanischen Banken deponiert sind. Außerdem gibt es in beiden Währungen viele „unterirdisch“ fließende Geldströme, die sich der Kontrolle durch die Regierung entziehen; das ist – so sagen es Finanzexperten – ein weiteres Hindernis für die Abschaffung des doppelten Währungssystems.

Es erscheint nicht abwegig, wenn man die plötzlichen Anhörungen und Betriebsprüfungen damit in Verbindung bringt, denn zweifellos sind die Cafeterias und Paladares die wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen des privaten Sektors. Die boshafte offizielle Absicht dabei ist, die Geldströme einzusammeln und Kapital zu Gunsten des Staates zu beschlagnahmen.

So weit, so gut; ohne auch nur im Geringsten den repressiven Charakter des Systems rechtfertigen zu wollen, stehen wir – nüchtern betrachtet – nicht vor einer Kehrtwende. Wenn wir uns buchstabengetreu an das Gesetz halten, könnte sich bestätigen, dass die Behörden nur verlangen, das zu tun, was legal ist, obwohl die Vorgehensweise fragwürdig ist. Schon von Anfang an war die Zahl der Sitzplätze in jedem Paladar festgelegt, ebenso der Steuersatz und die Verpflichtung, die Belege für den Kauf und von Produkten und Betriebsmitteln des staatlichen Einzelhandels aufzubewahren.

Gerecht oder ungerecht; die Privaten akzeptierten die Bedingen, hatten aber keine Lust sie einzuhalten. Sie folgten dem fundamentalen kubanischen Überlebensprinzip: täusche de jure Einhaltung vor und dem spiele de facto Katz und Maus. „Fang mich, wenn du kannst“, ist ein ungeschriebenes Gesetz.

Bis heute ist es keinem einzelnen, keiner Gruppe von kubanischen Unternehmern – nicht einmal den erfolgreichsten unter ihnen – in den Sinn gekommen, sich unabhängig zu organisieren, um über die offensichtliche Notwendigkeit zu diskutieren Hindernisse abzuschaffen, die eine Bremse für ihre wirtschaftliche Entwicklung sind. Es ist auch nicht bekannt geworden, dass jemand von ihnen vor den Behörden das Investitionsgesetz in Frage gestellt hätte, das ausländisches Kapital privilegiert und die wirtschaftliche Entwicklung mittels Investitionen ausländischer Unternehmer favorisiert; wobei die nationalen explizit ausgeschlossen sind.

Es ist ein öffentliches Geheimnis, dass in der Praxis alle privaten Restaurants auf die eine oder andere Weise Gesetze überschreiten. Anders könnte bei der riesigen und ungerechten Steuerlast kein Betrieb erfolgreich wirtschaften

Um aber zum eigentlichen Thema zurückzukommen: es ist ein öffentliches Geheimnis, dass in der Praxis alle privaten Restaurants – und aller Handel, sei er privat oder staatlich – auf die eine oder andere Weise Gesetze überschreiten. Anders könnte bei der riesigen und ungerechten Steuerlast kein Betrieb erfolgreich wirtschaften. Der Ballast, den ein Heer von korrupten Inspektoren darstellt, die die Unternehmer erpressen würden und die man notwendigerweise „kaufen“ müsste, das Fehlen von Betriebsmitteln, der Mangel an Produkten und Geräten, um Qualität und Dienstleistungen aufrecht zu halten, das Fehlen eines Großmarkts, die hohen Hürden bei Importwaren und alles sonstige drum und dran, mit dem sich die Privaten herumschlagen müssen – genauso wie die meisten Kubaner. Für die Unternehmer ist es einfacher, am Gesetz vorbei das zu kaufen, was man braucht, um zu überleben oder um sich zu verbessern.

Doch das bringt die Privaten in die Lage, sich rechtlich nicht wehren zu können (in ihrer Rolle als Gesetzesbrecher), auch im Hinblick auf den großen, repressiven und legalen Apparat des Staates (in der Rolle des Gesetzeshüters).

Was die aktuellen Ereignisse überdeutlich zeigen ist:

Einerseits gibt es die überlegene Fähigkeit des privaten Sektors, der bei Qualität, Angebot und Dienstleistungen einen höheren Standard bietet und aufrecht hält; eingeschlossen eine bessere Bezahlung der Angestellten. Andererseits ist es dringend nötig Eigeninitiative flexibel zu fördern und den nationalen Kapitalmarkt frei zu handhaben; dazu braucht es einen wirklichkeitsnahen rechtlichen Rahmen. Es geht nicht darum Gesetze zu verwenden, um uns Kubaner zu unterdrücken, sondern sie zu novellieren und der Entwicklung eines allgemeinen Wohlstands anzupassen.

Etwas, was nicht der Wille der Regierung ist; wir alle wissen das, denn mehr Freiheiten für den Bürger bedeuten zugleich weniger Macht für den Staat und als Folgeerscheinung ein mögliches Ende des „Königreichs der Castros“.

Was nun die Menschenrechte für uns Kubaner betrifft, vielen Dank! Für den Castrismus haben sie keine Priorität und für die privaten Unternehmer auch nicht, leider.

Übersetzung: Dieter Schubert

Intellektuelle verurteilen die Unterdrückung auf Kuba

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Ein Bild von der polizeilichen Durchsuchung am Sitz von Cubalex. (14ymedio)

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14YMEDIO, Havanna | 03. Oktober 2016 

Ungefähr zwanzig Intellektuelle haben die kubanische Regierung gebeten, die Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden zu beenden. Sie wollten einen pluralistischen und toleranten Dialog durch einen Brief einleiten, der letzten Montag veröffentlicht wurde. In diesem Brief verurteilen sie die Unterdrückung auf der Insel.

Die Unterzeichner des Textes verurteilen das, was sie “die Welle der Unterdrückung, die Kubas Regierung in den letzten Monaten ausgelöst hat“ nennen. Dazu gehören „Inhaftierungen, repressive Gewalt, Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und jede Art von Einschüchterung gegen Gruppen, die auf friedliche Weise einen Rechtsstaat fordern“.

Außerdem zeigen sie auf, dass “sowohl der Druck, der auf den Jugendlichen wegen des Stipendienprogramms für die USA lastet, als auch die Durchsuchung, die kürzlich in den Räumlichkeiten von Cubalex stattfand, alarmierend sind“.

In diesem Brief, der auf der Plattform Change.org Platz für weitere Unterschriften bietet, appellieren die Intellektuellen an die internationale Gemeinschaft, auf diese Geschehnisse zu reagieren und fordern die kubanische Regierung dazu auf, „diese Gewalttaten zu beenden und Teil eines Prozesses des nationalen Dialogs zu werden, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen auf demokratische Weise alle Probleme anzugehen, die die kubanische Gesellschaft quälen und Lösungen zu suchen“.

Zu den Unterzeichnern gehören die Kubaner Armando Chaguaceda, Enrique Patterson, Haroldo Dilla, Juan Antonio Blanco, Marlene Azor, Norges Rodríguez und Pedro Campos, sowie weitere Intellektuelle aus Argentinien, Brasilien, den USA, Nicaragua und Peru.

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Der Brief:

Intellektuelle verurteilen die Unterdrückung auf Kuba und rufen die kubanische Regierung dazu auf, die Feindseligkeit gegen Andersdenkende zu beenden und einen pluralistischen und toleranten Dialog zu beginnen.

Wir, die Unterzeichner, verurteilen die Welle der Unterdrückung, die die Regierung von Kuba in den letzten Monaten ausgelöst hat. Als Vorwand diente ein angeblicher imperialistischer Angriff. Gegner mit verschiedenen ideologischen Ausrichtungen hatten mit unterschiedlichen Formen von Verfolgung zu kämpfen. Die Zahl der Inhaftierungen, die repressive Gewalt, die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit und jede Art von Einschüchterung gegen Gruppen, die auf friedliche Weise einen Rechtsstaat fordern, sind angestiegen.

Der Druck, der auf den Jugendlichen wegen des Stipendienprogramms für die USA lastet und die Durchsuchung, die kürzlich in den Räumlichkeiten von Cubalex stattfand, sind alarmierend. Cubalex ist eine Organisation von Anwälten, die Rechtsberatung für Personen bietet, die von einem Verstoß gegen ihre Bürgerrechte betroffen sind, wie z. B. unbefugtem Eindringen in Wohnungen, Beschlagnahme von technischem Gerät, schikanöses Verhalten gegenüber den Betroffenen und Androhung von Strafverfolgung wegen ihrer Tätigkeit.

Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, auf diese Geschehnisse zu reagieren, um eine Eskalation zu vermeiden, die die Lage des kubanischen Volkes nur noch weiter verschlimmern würde.

Wir fordern die kubanische Regierung auf, diese Gewalttaten zu beenden und Teil eines Prozesses des nationalen Dialogs zu werden, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen auf demokratische Weise alle Probleme anzugehen, die die kubanische Gesellschaft quälen und Lösungen zu suchen.

Dieselbe Regierung, die die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung von Kolumbien und der linksgerichteten Guerillabewegung FARC ermöglicht hat, sollte einen Dialog mit seinem eigenen Volk fördern, um in einem pluralistischen und toleranten Rahmen Lösungen für Probleme zu finden, die die kubanische Gesellschaft quälen.

ARMANDO CHAGUACEDA, POLITIKWISSENSCHAFTLER, KUBA
BOLÍVAR LAMOUNIER, POLITIKWISSENSCHAFTLER, BRASILIEN
ENRIQUE PATTERSON, PHILOSOPH, USA
HAROLDO DILLA ALFONSO, SOZIOLOGE, KUBA/CHILE
JAVIER CORRALES, POLITIKWISSENSCHAFTLER, USA
JEFFERSON REPETTO LAVOR, BETRIEBSWIRT, BRASILIEN
JUAN ANTONIO BLANCO GIL, HISTORIKER, KUBA
LAURA TEDESCO, POLITIKWISSENSCHAFTLERIN, ARGENTINIEN
MÁRIO MIRANDA FILHO, PHILOSOPH, BRASILIEN
MARLENE AZOR HERNÁNDEZ, SOZIOLOGIN, KUBA
MOUSTAFA HAMZE GUILART, INGENIEUR, BRASILIEN
NORGES RODRÍGUEZ, BLOGGER, KUBA
OSCAR PEÑA, JOURNALIST, USA
PEDRO CAMPOS, HISTORIKER, KUBA
ROBERTO CAJINA, BERATER, NICARAGUA
RUT DIAMINT, INTERNATIONALER AKTIVIST, ARGENTINIEN
SAMUEL FARBER, HISTORIKER UND POLITOLOGE, USA
SIMON SCHWARTZMAN, SOZIOLOGE, BRASILIEN
SIMONE MARIA FIGUEIREDO QUEIROZ, HISTORIKERIN, BRASILIEN

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Stipendien, Ängste und Attraktionen

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Die Stipendien, die von der amerikanische Organisation World Learning angeboten werden, richten sich vor allem an junge Kubaner/innen zwischen 16 und 18 Jahren. (14ymedio).

Generación Y, Yoani Sánchez, 27. September 2016 Die Frau kommt näher, ohne jede Angst oder Unsicherheit. „Wie kann sich mein Sohn um eines der Stipendien bewerben, von denen im Fernsehen die Rede ist?“, fragt sie mich schroff. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, wovon sie spricht, bis mir die Bilder von jungen kubanischen Studenten in den Sinn kommen, die von der Regierung dazu aufgerufen werden, das Programm der amerikanischen Organisation World Learning abzulehnen.

Sie verweilt einige Minuten an meiner Seite, ganz begierig darauf, eine Emailadresse zu bekommen, an die sie schreiben kann, um für ihren Sprössling eine Brücke zu einer anderen Realität zu bauen. Die Parolen, die die Regierung gegen die amerikanische NGO ausgestoßen hat, scheinen sie nicht zu entmutigen. Auf meine Frage, ob sie über die Kampagne der Regierung Bescheid wisse, die das Programm angreift, das auf die 16- bis 18-jährigen kubanischen Jugendlichen ausgerichtet ist, antwortet sie mir mit einem typischen kubanischen Ausspruch: “In diesem Fall ist es mir egal, ob ich der Fahrer oder der Überfahrene bin“.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat die Parteipropaganda in den letzten Tagen dazu beigetragen, die Bevölkerung über Stipendien zu informieren, von deren Existenz bisher nur wenige wussten

Die Angst funktioniert nicht mehr so wie früher. Vor einigen Jahrzehnten war es noch ausreichend, wenn das Staatsfernsehen ein Phänomen oder Person verteufelte, um eine Atmosphäre des Schweigens und der Angst entstehen zu lassen. Heutzutage wirkt sich die Lautstärke, mit der die Fundamentalisten gegen etwas wettern direkt proportional auf das Interesse aus, das das Objekt der Ablehnung auslöst.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, hat die Parteipropaganda in den letzten Tagen dazu beigetragen, die Information über die Existenz von Stipendien zu verbreiten, die nur einem kleinen Teil der Inselbevölkerung bekannt war.

Die Frau hat keine Angst. Sie bleibt an meiner Seite, so dass ich ihr bei dieser Kleinigkeit helfe, die es ihrem Sohn dann ermöglicht, „andere Luft zu schnuppern“. Genau wie sie, sehen auch tausend andere Eltern im ganzen Land zu, wie sich ihre „Kinder“ auf den Weg in eine Schule machen, wo sie nach dem Morgengruß die neue „Manipulation durch den Imperialismus“ ablehnen. Zuhause setzen die Erwachsenen Himmel und Hölle in Bewegung, um ihre Kinder in die Listen für die nächsten Stipendien einzuschreiben.

Übersetzung: Berte Fleissig

An Land gehen – eine Chronik von Little Havana

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Ein Blick auf Little Havana von der Flagler Street aus gesehen. Am Horizont sieht man das Finanz- und Wirtschaftszentrum von Miami, das das Fortbestehen des für Kubaner so symbolhaften Viertels bedroht. (Foto des Autors)

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PEDRO RODRÍGUEZ GUTIÉRREZ, Miami | 26. August 2016

Wo soll man anfangen? Mit dem, was am meisten beunruhigt? Mit dem ersten Tag in Little Havana? Mit diesem Ort, der Respekt einflößt? Mit denen, die laut das verkünden, was sie sich für Kuba wünschen? Mit dem Wort Freiheit, das Kubaner auf beiden Seiten der Meerenge trennt und eint? Es ist nicht so einfach mit Respekt zu beschreiben, wie kubanische Emigranten hier leben, leiden und sich freuen; sie und andere, die von weiter herkommen.

Verwirrung, Unsicherheit, aber auch Zufriedenheit überwiegen, wenn ein Immigrant im Klein-Havanna von Miami ankommt. Hier gehen jedes Jahr tausende von Kubaner „an Land“, die voller Hoffnung auf dem Land-, See-  oder Luftweg gekommen sind.

Zahllose Unvergessene, die ertrunken sind oder starben, während sie voller Hoffnung waren, leben gefühlt weiter und äußern sich in aufkeimenden Gefühlen. Aber die, die schon mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen, und die, die darauf hoffen es zu tun, bedanken sich bei den allerersten und den danach folgenden Emigranten, dass diese in Zusammenarbeit mit nordamerikanischen Regierungen eine Unterstützung für Migranten erreichten, nämlich anzukommen und mit offenen Armen aufgenommen zu werden – eine Chimäre für Millionen von Menschen auf diesem Planeten. Sicherlich eine Pfründe, die vielstimmig von Leuten mit anderen Absichten bedroht wird, auch von zunehmenden Gefahren und von Misstrauen.

„Seid ihr Kubaner? Also, dann werdet ihr keine Probleme haben“, sagte der Sergeant Gutiérrez zu den dreien, die in einem Boot über den Miami-Fluss gekommen waren und sich bei der Behörde in Le Jeune meldeten, in der Nähe des internationalen Flughafens, im Jahr, als in New York die Zwillingstürme als Folge von terroristischen Attentaten einstürzten. Es war nicht der Miami-Fluss, den sie überquert hatten. Die drei kamen von weit her, weiter als vom „Bogen“, der in der nordamerikanischen Geographie den Golf von Mexiko meint.

Verwirrung, Unsicherheit, aber auch Zufriedenheit überwiegen, wenn ein Immigrant im Klein-Havanna von Miami ankommt.

Es ist eine straffreie, glückliche und wagemutige Sorglosigkeit, mit der die Söhne der größten Antilleninsel emigrieren; die ein riesiges politisches Druckventil darstellt, dessen Wirkung man auf beiden Seiten mit Sorge betrachtet. Dieser Druck war und bleibt die Ursache für die Umwandlung eines nordamerikanischen Gebiets in eine freie kubaamerikanische Zone.

Im Südosten der Vereinigten Staaten ist ein Ort entstanden, in dem es keine Feindseligkeiten gegen Hispanos gibt, die sich in Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft (und Aussehen) vom Rest dieses großen Landes unterscheiden, in dem es kleingeistige aber einflussreiche Menschen gibt, die immer noch nicht mit dem weitaus größeren Teils des Kontinents klar kommen: dem armen aber in hohem Maße bereichernden Lateinamerika. Die Fähigkeit sich anzupassen, ist Teil des Wesens der Kubaner, wie aller Lateinamerikaner.

Eine Freundin holte die drei Angekommenen von der Polizeistation im Nordwesten ab, (wo man anordnete, dass sie sich von der Tür fernhalten sollten, es wäre gefährlich). Sie verbrachten eine Nacht in einer „Posada“, einer Herberge; was für ein kühnes Wort für das Kuba vor und nach der Revolution 1959. Zusammengepfercht versuchten sie, den Geruch von all den vielen Menschen im Raum zu ignorieren. In diesem Motel verbrachte Vicencio (einer von ihnen) die Nacht und erinnerte sich an Melba, seine ältere Schwester, eine halb-analphabetische Bäuerin in der Sierra Cristal, die – wenn Besuch kam – ihr Bett anbot und sich in einer Ecke zusammenkauerte. Aber jeder hat seine Gewohnheiten… und ändert sie bei Bedarf.

Dennoch gibt es für die Ankommenden im Miami des 21. Jahrhunderts immer noch einen herzlichen Empfang, in dieser prächtigen Stadt, gebaut auf sandigem und sumpfigem Boden. Die Neuankömmlinge, kaum dass sie die Meerenge von Florida überquert haben, lernen (oder müssen lernen), dass hier „Rette sich wer kann!“ gilt, dass an der anderen Küste der Individualismus dominiert, diese abwertende Bezeichnung für ein menschliches Wesen.

Es ist eine straffreie, glückliche und wagemutige Sorglosigkeit, mit der die Söhne der größten Antillen-Insel emigrieren; die ein riesiges politisches Druckventil darstellt, dessen Wirkung man auf beiden Seiten mit Sorge betrachtet.

Zugleich mit dem Willkommensgruß beginnen die Gastgeber ein Gespräch. Es dreht sich um die unverzügliche Suche nach Arbeit und um die Miete für eine Wohnung, damit die gerade Angekommenen unabhängig leben können. Einzelheiten, um in Freiheit zu leben wo man will.

Sie mieteten eine Wohnung in der 11. Straße Süd-West, zwischen der 11th und 12th Avenue. Ein altes Holzhaus, das einem Südamerikaner gehörte. Hier lernten sie altbekannte „Bewohner“ von Klein-Havanna kennen; Kakerlaken und Mäuse, die ihnen in der Nacht in Freiheit den Schlaf raubten. Manchmal trieben es die dicken Kakerlaken und Mäuse zu weit und wollten so nah bei ihren „Gastgebern“ sein, dass sie sie aufweckten oder sie unter der Zudecke stöhnen ließen.

 In der Dämmerung zerquetschte Vicencio noch schnell eine Kakerlake und hörte sagen, dass er das nicht die Polizei sehen lassen sollte.

  – …?

 – Hier darfst du keine Tiere quälen, sagte ein Nachbar und brach in schallendes Gelächter aus.

Die meisten Kubaner bleiben nicht für immer in Little Havana. Sie emigrieren weiter, sobald es ihnen ihre finanziellen Mittel erlauben. Die Erfolglosen, ungeliebt von den Neoliberalen, bleiben und halten die abnehmende karibische Präsenz hier aufrecht.

Dieser Abklatsch der kubanischen Hauptstadt bleibt als wunder Punkt der „dritten Welt“ bestehen und bedroht mit seiner Armut und seinem Erscheinungsbild den Tourismus, die wichtigste Industrie Miamis, von dem die Stadt lebt und unter dem sie leidet. Es sind die „Touris“, die jetzt auch von der Zika-Mücke bedroht werden. Armut ist relativ; man muss aber die lange Schlange von Menschen sehen, die jedes Jahr am Thanksgiving Day in einer langen Schlange vor der Kirche Juan Bosco stehen, um kostenlose Lebensmittel zu bekommen. Dann begreift man, dass die Situation für viele bedrückend, wenn nicht sogar erstickend ist.

Menschen aus Kuba, Mittel- und Südamerika befinden sich hier in einem fiebrigen Kampf ums Überleben

Menschen aus Kuba, Mittel- und Südamerika befinden sich hier in einem fiebrigen Kampf ums Überleben. Die Botschaft von Nicaragua in der Flagler Street bleibt aktiv, aber Klein-Havanna, das die Emigranten aufnimmt, droht zu verschwinden.

Das wirtschaftliche, politische und finanzielle Zentrum von Miami wächst auf dieses Viertel zu, mit massigen Gebäuden, mit Preisen für Wohnungen und mit Mieten, die Minderbemittelte verdrängen werden. (Der Bürgermeister Miamis schweigt, wenn man ihn auf das angekündigte und fortschreitende Verschwinden von Little Havana anspricht.) Die, die von hier weggehen, kommen auch zurück; man sieht sie am Tag der „Heiligen drei Könige“ oder beim Karneval in der 8. Straße, der Calle Ocho, wo sie vorbeikommen, sich prächtig amüsieren und sich erinnern…

Wenn Pedro sein Haus in diesem Gewirr von Gassen betritt, dann deutet alles darauf hin, dass das nicht für immer sein wird. Unvermeidbare Änderungen im nordamerikanischen Immigrationsgesetz, in der Demographie und bei Gewohnheiten (sich den amerikanischen anzupassen, ist für Herz und Hirn nicht einfach und manchmal unmöglich), die unvorhersehbare wirtschaftliche Entwicklungen Miamis und die Umwandlung von Kuba in ein lebenswertes Land, in dem man frei atmen kann – all das wird die Zahl der Kubaner im Süden Floridas deutlich reduzieren. Aber es wird noch eine Weile dauern.

Daran denke ich, während ich in Gedanken noch einmal den Miami-Fluss überquere, an den im Osten das unauslöschliche Klein-Havanna grenzt…

Übersetzung: Dieter Schubert

Heute Extremist, morgen Demokrat

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Der Journalist José Ramírez Pantoja. (Facebook)

Generación Y, Yoani Sánchez, 31. August 2016 In den neunziger Jahren war jene Studentin eine der kämpferischsten im Hörsaal, bis sie ein Stipendium in Spanien erhielt, und heute schreibt sie mir und fragt: „Weshalb ertragt ihr so viel und wehrt euch nicht?“. Eine fanatische Aktivistin der Union Junger Kommunisten (UJC)* schrieb ihre Biographie um und wurde zu einer heimlichen Kämpferin für die Demokratie, die flüchten musste, da man auf Kuba „nicht viel tun konnte“.

In den letzten Tagen habe ich mir die Geschichte dieser Kollegin, deren Ideologie in kürzester Zeit völlig ins Wanken geriet, ins Gedächtnis zurückgerufen, als ich die immense Polemik las, die die Disziplinarmaßnahme gegen den Journalisten José Ramírez Pantoja vom Radiosender Holguín hervorgerufen hat. Der junge Reporter veröffentlichte in seinem Blog die Abschrift eines internen Statements** von Karina Marrón, der stellvertretenden Direktorin der Tageszeitung Granma, in dem sie die derzeitigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen als Grundlage für einen „perfekten Sturm“ bezeichnete.

Neben der Disziplinarmaßnahme, die das endgültige Aus seiner Arbeit beim Radiosender bedeutet, musste Pantoja eine Phase öffentlicher Diskreditierung ertragen, deren Höhepunkt mit einem von Aixa Hevia, der ersten Vizepräsidentin des Kubanischen Journalistenverbandes (UPEC), unterzeichneten Schreiben erreicht wurde. Die Funktionärin beschuldigt ihn, er wolle „sich eine Biographie suchen, die es ihm ermöglichen würde, Zugang zu den Medien in Miami zu erhalten“. Möglicherweise spiegelt sich darin wieder, was sie selbst tun würde, wenn sich ihr die Gelegenheit dazu böte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein sehr bekanntes Gesicht des offiziellen Journalismus letztendlich „den großen Teich überquert“ und dies – angekommen auf der anderen Seite – damit begründet, dass er „in jenem Moment daran glaubte, aber jetzt nicht mehr“. Die größten Extremisten, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, endeten auf diese Weise: Sie begruben ihre roten oder olivgrünen Uniformen und Kleidungsstücke, ohne gleichzeitig Selbstkritik zu üben, was diejenigen ein wenig entlasten würde, die ihren Ausbrüchen zum Opfer gefallen waren.

Wenn überhaupt erleiden „Instrumente der Zensur“ wie Aixa Hevia mit der Zeit eine selektive Amnesie und vergessen all den Schaden, den sie denjenigen zufügten, die sich ehrlicher und konsequenter verhielten

Wenn überhaupt erleiden „Instrumente der Zensur“ wie Aixa Hevia mit der Zeit eine selektive Amnesie und vergessen all den Schaden, den sie denjenigen zufügten, die sich ehrlicher und konsequenter verhielten. Sie hinterlassen eine Reihe von Kollegen, die sie verraten und zu deren Entlassung sie beigetragen haben, ohne an sie auch nur ein einziges Wort der Entschuldigung oder des Mitgefühls zu richten.

Nicht Pantoja biegt sich hier eine Biographie zurecht, sondern Fanatiker wie die Vizepräsidentin von UPEC, die es fertigbringt, gegen jemanden vorzugehen, den sie eigentlich verteidigen sollte. Als Repräsentantin des journalistischen Gremiums müsste sie ihren Kollegen schützen, statt dazu beizutragen, ihn zu vernichten. Sie hat es jedoch vorgezogen, im Einklang mit der Zensur zu handeln, bevor sie sich mit einem Journalisten verbündet, der nur die Pressefreiheit, die informelle Transparenz sowie das Recht der Leser verteidigen wollte, von Journalisten sachlich informiert zu werden.

Es geht nicht um Spekulationen darüber, ob Pantoja von seinem souveränen Recht Gebrauch machen wird, in einem anderen Land als Journalist zu arbeiten, da es ihm in seinem verboten wurde. Es ist wahrscheinlicher, dass Aixa Hevia eines Tages wie ein Chamäleon die Farbe wechselt, um sich an die Gegebenheiten der nächsten politischen Macht anzupassen, für die sie wieder als reines Instrument agieren will.

 Anm. d. Übers.:

* Die Jugendorganisation der kommunistischen Partei Kubas (PCC)

** Karina Marrón, die Vizepräsidentin der Granma, warnte im Rahmen der 6. Vollversammlung kubanischer Journalisten (UPEC) davor, dass sich auf Kuba ein „perfekter Sturm zusammenbraut“, als Folge der von der Regierung beabsichtigten Kürzungen im Bereich Energie und Brennstoffe.

 

Übersetzung: Lena Hartwig

Ein Rezept um Fidel Castro aus unseren Köpfen zu verbannen

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Der ehemalige Präsident Fidel Castro hält einen Schnellkochtopf genannt „Olla reina“ (Königinstopf) aus chinesischer Herstellung (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 13. August 2016 Ich schalte das Radio ein und der Sprecher verkündet den kurzen Titel: „Fidel Castro, der große Bauherr“ an. Er erklärt, dass die wichtigsten Werke unseres Landes in diesem Kopf, der jahrzehntelang von einer olivgrünen Mütze bedeckt wurde, entstanden sind. Von so viel Personenkult ermüdet, entscheide ich mich dazu den Fernseher einzuschalten, aber auf dem Hauptkanal berichtet ein Anwalt in allen Einzelheiten vom juristischen Erbe des großen Anführers und am Ende des Programmes wird eine Dokumentation über den „unbezwingbaren Guerillero“ angekündigt.

Wochenlang erlebten wir Kubaner ein regelrechtes Bombardement mit Berichten über Fidel Castro, das sich, je näher sein 90. Geburtstag am 13. August rückte, immer mehr verstärkte. Es gibt weder Bescheidenheit noch Bedeutung in dieser Lawine von Bildern und Lobpreisungen.

Den Mann, der 1926 im im Osten der Insel liegenden Ort Birán geboren wurde, haben wir in der Vergangenheit gelassen, ans 20. Jahrhundert gekettet, lebendig begraben.

Dieser Exzess an Ehrungen und Erinnerungen ist gewiss ein verzweifelter Versuch den kubanischen Expräsidenten der Vergessenheit zu entreißen, dieser Vernachlässigung durch die Medien, in die er fiel seit er vor inzwischen mehr als einem Jahrzehnt seinen Rückzug von der Macht bekannt gab.

Den Mann, der 1926 im im Osten der Insel liegenden Ort Birán geboren wurde, haben wir in der Vergangenheit gelassen, ans 20. Jahrhundert gekettet, lebendig begraben.

Die jüngeren Schüler haben diesen einst so geschwätzigen Redner niemals stundenlang bei einem offiziellen Anlass reden hören. Die Bauern waren erleichtert, nicht mehr die ständigen Ratschläge des „Befehlshabers in der Landwirtschaft“ zu erhalten und selbst die Hausfrauen sind dankbar dafür, dass er auf keinem Kongress der Föderation der kubanischen Frauen* mehr auftaucht, um ihnen zu zeigen, wie man einen Schnellkochtopf benutzt.

Die staatliche Propaganda weiß, dass die Bevölkerung zum Selbstschutz oft auf das Kurzzeitgedächtnis zurückgreift. Für viele junge Menschen ist Fidel Castro bereits eine so verblasste Erinnerung, wie es für meine Mutter eines Tages der Diktator Gerardo Machado war, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts solche negativen Auswirkungen auf die Generation meiner Großmutter hatte. Kein Land kann seinen Blick starr auf einen einzigen Mann richten und so traten Ablenkung und ein fehlendes Interesse zwischen die Bevölkerung der Insel und den ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei.

Seine Anhänger nutzen die Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag, um ihn im Herzen der Nation in die Unsterblichkeit zu erheben. Sie verehren ihn, vergeben ihm seine systematischen Fehler und machen ihn zum wichtigsten Gesicht ihres Kredos. Die Grundsätze dieser neuen Religion sind Sturheit, Intoleranz gegenüber Andersgesinnten und ein unbändiger Hass – fast schon ein persönlicher Feldzug – gegen die USA.

Die Gegner von „Él“ („Er“), wie viele Kubaner ihn einfach nennen, arbeiten an Argumenten um seinen Mythos zu zerstören. Sie warten auf den Tag, an dem die Geschichtsbücher aufhören ihn mit José Martí** auf eine Stufe zu stellen und sich gnadenlos, distanziert und objektiv mit seinem Werdegang auseinandersetzen. Es sind diejenigen, die von der Ära nach Castro träumen, von Ende des Fidelismus und den Hasstiraden, die über seine umstrittene Person hereinbrechen werden.

Sie, die seiner Allgegenwertigkeit überdrüssig geworden sind, sind diejenigen, die einen Schlussstrich unter den Mythos ziehen werden.Und sie werden es ohne großes Geschrei und ohne große Heldentaten tun.

Die Meisten schlagen jedoch einfach ein neues Kapitel auf und zucken als Zeichen der Abscheu mit den Achseln wenn sie seinen Namen hören. Es sind diejenigen, die in diesen Tagen den Fernseher abstellen und den Blick stattdessen auf einen Alltag richten, der jedes Wort, dass Fidel Castro in jenen Zeiten in seinen flammenden Reden von sich gab, in denen er plante eine Utopie zu errichten und uns zu neuen Menschen zu machen, verneint.

Sie, die seiner Allgegenwertigkeit überdrüssig geworden sind, sind diejenigen, die einen Schlussstrich unter den Mythos ziehen werden. Und sie werden es ohne großes Geschrei und ohne große Heldentaten tun. Sie werden einfach aufhören ihren Kindern von ihm zu erzählen, Bilder von ihm mit Gewehr und Epaulette in ihren Häusern aufzuhängen und ihre Enkel mit den fünf Buchstaben seines Namens zu benennen.

Die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag von Fidel Castro sind in Wirklichkeit sein Abschied: maßlos und erdrückend, genau wie seine Politik.

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Anmerkung der Redaktion: Der spanische Orginaltext wurde am 13. August 2016 in der brasilianischen Tageszeitung O Globo veröffentlicht.

Anmerk. d. Übersetzerin:

*Die Föderation der kubanischen Frauen (Federación de Mujeres Cubanas) ist eine im Jahr 1960 gegründete Massenorganisation, die sich für die Gleichberechtigung und Emanzipation der kubanischen Frau einsetzt.

**Der kubanische Poet und Schriftsteller José Martí (1853-1895) war ein kubanischer Nationalheld, der symbolisch für den Unabhängigkeitskampf steht.

Übersetzung: Anja Seelmann

Die Schuldigen!

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In diesem Sommer wurden die Taxifahrer zu neuen Feinde der Regierung (14ymedio)

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 20. Juli 2016 Zu Beginn des Jahres verkörperten die Zwischenhändler das „Übel schlechthin“; man gab ihnen die Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen auf dem Agrarmarkt. Ende 2013 waren die „Hauptfeinde“ die Händler, die auf eigene Rechnung Kleidung und Importware verkauften. Im Februar 2016 erreichte der Krieg gegen die Carretilleros (ambulante Händler, die ihre Ware auf Karren anbieten) seinen Höhepunkt, und jetzt fährt der „Feind“ ein Sammeltaxi und sein populärer Name ist Botero.

Wenn irgendetwas für das kubanische System der vergangenen 57 Jahre charakteristisch ist, dann ist es die Fähigkeit, einen Sündenbock zu finden. Wenn die Produktionspläne für die Landwirtschaft nicht erfüllt werden, dann ist daran die Trockenheit schuld, oder die Disziplinlosigkeit der Arbeiter, oder die schlechte Organisation eines Bürokraten auf der unteren Entscheidungsebene. Bei Beginn der Regenzeit, mit ihren starken Niederschlägen, wird die Wasserversorgung in vielen Ortschaften und Städten instabil, weil „der Regen nicht dort fällt, wo er soll“, wie es kürzlich eine Funktionärin des Nationalen Instituts für Wasserwirtschaft erklärt hat.

Das städtische Transportwesen funktioniert schlecht; schuld daran sind der „Vandalismus“ und „die Bevölkerung, die die Betriebsmittel nicht mit dem nötigen Respekt behandelt“, so die Erklärung. Andererseits, die Mehrzahl der Straßenunfälle geschehen aus „Unvorsichtigkeit der Fahrer“ und nicht aufgrund des schlechten Zustands der Wege und Straßen, nicht wegen der miserablen Beschilderung oder wegen des „Einfallsreichtums“ der Fahrer, die mit ständiger Bastelei ihre schrottreifen Vehikel am Laufen halten müssen.

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin

Der Zeigefinger der Macht weist in viele Richtungen, um andere zu beschuldigen; er dreht sich aber nie auf die Macht selbst hin. Hin und wieder, in einem Anflug von Selbstkritik, legt man sich sogar mit den Aktivisten der Kommunistischen Partei an, indem man sie beschuldigt, ihre Meinung nicht „am passenden Ort und zur passenden Zeit“ vertreten zu haben. Manchmal lässt man irgendeinen Minister für das zu Bruch gegangene Porzellan bezahlen, was für die bankrotte Politik im Gesundheits-und Bildungswesen zutrifft und für andere Sektoren.

Wir Bürger seien die Hauptschuldigen für das Auftauchen der Aedes aegypti, der Zika-Mücke, die seit Jahren allen Ausräucherungen und Kampagnen trotzt, so sagt es uns das offizielle Fernsehen. Unsere Häuser seien die wichtigsten Brutstätten für Moskitos, wirft uns die Presse an den Kopf, als ob staatliche Körperschaften makellose Bollwerke aus Sauberkeit und Ordnung wären.

Auch die Emigration ist ein Sündenfall von uns, weil wir dem „Gesang der Sirenen“ folgen, der uns „in die Hände von Kojoten fallen lässt“, wie es uns eine Castro-Rede erklärt. Im Rahmen dieses Konzepts, das immer die Lasten auf Dritte ablädt, erwiesen sich die Migranten, die vor der kubanischen Botschaft in Ecuador protestierten, als „diensteifrig gegenüber den Vereinigten Staaten“. Und einige von ihnen, wenn sie denn beim Nachbarn im Norden Fuß gefasst haben, werden damit aufhören „unerlaubte Gelder“ an Angehörige zu überweisen, damit die den nicht-staatlichen Handel am Leben halten.

Am einfachsten ist es äußere Feinde zu finden, den Imperialismus zum Beispiel, „die kriminelle Blockade der Vereinigten Staaten“, die Verschwörungen der „lateinamerikanischen Rechten“ und sogar den „historischen Verrat“ der alten Kameraden in Osteuropa; das sind Vogelscheuchen um Angst zu verbreiten, wozu der sich die verteufelten hauseigenen „Kontrarevolutionäre “ gesellen, die mit allen Beleidigungen bedacht werden, die eine plumpe staatliche Maschinerie in Jahrzehnten erdacht hat.

Wenn also Produkte in den Regalen der Märkte fehlen, dann beschuldigen TV-Reportagen Aufkäufer und „Schieber“. Wenn eine Papaya mittlerweile den Tageslohn eines Facharbeiters kostet, dann ist dafür „das skrupellose Verhalten“ von jenen verantwortlich, die „sich auf Kosten des Volkes bereichern“, wie sie es uns auf den kleinen TV-Bildschirmen sagen. Bei dieser Schuldverteilung sind wir alle irgendwann in den Mittelpunkt von Beschuldigungen geraten.

Wir haben alles Recht der Welt, unseren Zeigefinger auf dieses System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

Gerade jetzt legt sich der staatliche Propaganda-Apparat mit den Fahrern der Sammeltaxis an, schon morgen können es die Besitzer von privaten Restaurants sein, dann die Lehrer, die Nachhilfe anbieten, oder die Wasserverkäufer, die ihre kostbare Ware in Vierteln verkaufen, wo das Leitungsnetz seit Wochen trocken liegt.

Immer wird es einen „Übeltäter“, einen „Verantwortungslosen“ oder einen „Feind“ geben, der es fertig bringt, dass das System in seiner großen Menschlichkeit nicht so funktionieren kann, wie es im Handbuch steht. Darüber hinaus beeinträchtigt er die nie nachgewiesene Effizienz des Systems und dessen angebliche, noch zu beweisende, Fähigkeit, die Kubaner glücklich zu machen.

Trotzdem hat die Strategie, andere mit einer geplanten Flut von Vorwürfen zu beschuldigen, einen Schwachpunkt. Es kommt der Moment, wo es mehr Beschuldigte als Ankläger gibt. Es wird der Moment sein, in dem wir, die Stigmatisierten, aufeinander treffen: die Bootsflüchtlinge, die Dissidenten, die Carretilleros, die neuen Selbstständigen, Boteros, „abgesägte“ Minister und verachtete Verkäufer von Ramschwaren. An diesem Punkt, an dem wir eigentlich schon seit langer Zeit angekommen sind, werden wir alles Recht der Welt haben, unseren Zeigefinger auf ein System zu richten, das uns ständig auf die Anklagebank schickt.

 Übersetzung: Dieter Schubert