Vor dem Spiegel

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Die Vermischung der Kulturen und einen Teil von dem zu übernehmen, was ihnen das neue Land bietet, hat bei den Kubanoamerikanern ein Durcheinander aus Verhaltensweisen und Träumen ausgelöst. (Geandy Pavón)

Generación Y, Yoani Sánchez, 06. März 2016 Es handelt sich um die Ausstellung „The Cuban-Americans“ des Künstlers Geandy Pavón (Las Tunas, 1974). Dort findet man die Tante mit Lockenwicklern auf dem Kopf und dem mütterlichen Blick, eine Nachbarin im Morgenmantel und jene Freundin, die ihre Geburtstagskerzen auspustet. Es sind bekannte Gesichter, Verwandte. Sie wohnen hunderte Kilometer von der Insel entfernt, aber sie kommen wieder zu uns – wie in einem Spiegel, der ein Bild von uns ohne Verzerrungen oder Verfälschungen zeigt.

In diesem fernen Land versuchen die Ausgewanderten ihre Träume zu verwirklichen, sie nehmen neue Bräuche an, behalten ihre Vorliebe für Reis mit Bohnen bei, und sie sehnen sich nach einem Land, das nur noch in ihren Erinnerungen existiert. Diesen „Kosmos“, in dem sich das Leben der Kubanoamerikaner abspielt, nannte der Schriftsteller Gustavo Pérez Firmat das Hyphen* oder den Bindestrich, „der Kubaner und Nordamerikaner vereint, sie aber gleichzeitig nominal und kulturell trennt.“

Pavón fängt in dieser Reihe von Schwarzweißfotografien, die im Cervantes-Institut in New York ausgestellt wurde, einen Teil der Nostalgie derer ein, die ihre Wurzeln nur noch ganz tief in sich tragen, damit die neue Generation ein besseres Leben führen kann. Eltern, die ihr bisheriges Leben zurückließen, das Haus, wo sie aufwuchsen, und sogar ihre Eheringe; und das alles nur, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Sie sind wie wir, aber sie haben mehr erlebt, und in ihren Ohren klingt die Bezeichnung „Kubaner“ süß und schmerzhaft.

Sie heißen Josefa, Paco, Pedro, Yosvany, Miguel… und sie haben den täglichen Kontakt mit der anderen Kultur erlebt, aber auch die Freude an den kleinen Dingen, die sie mitnehmen konnten: den Teil eines Liedes, das vergilbte Foto der Oma und die Erinnerung an den Hund, der im Zwinger bellte. Sie haben auch mit Traurigkeit und dem Gefühl verlassen zu sein zu kämpfen und mit der Überzeugung, dass sie nicht ganz in das Land gehörten, das sie verließen, aber auch nicht in das neue gehören, das sie aufgenommen hat. Es sind Menschen, die ihre eigene Heimat mit sich herumtragen.

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Die Ausstellung ist voller intimer Momente. Hinter verschlossenen Türen, in der Wärme des Zuhauses, zeigt sich der kubanische Teil von ihnen in einer Geste, in einer Haltung oder einfach nur in einem bestimmten nostalgischen Schimmern ihres Blicks.

Der Schöpfer von The Cuban-Americans ließ sich von Robert Franks berühmter Fotoreihe The Americans inspirieren. Das Werk des amerikanischen Künstlers wurde damals stark kritisiert, „weil es nicht das Bild von Fortschritt und Großartigkeit zeigte, das man in den 50er Jahren vermitteln wollte“, erinnert sich Pavón. Wie Frank wollte auch Pavón den „Klischees und Gemeinplätzen“ entkommen.

Dieses „Niemandsland”, wohin die Exilanten von Politik, Intoleranz und den Einwanderungsbeschränkungen verbannt wurden, ähnelt in vielen Dingen dem Land, in dem wir – hier wie dort – wie in einer Seifenblase leben, die unsere Intimität erzeugt hat. Es ist eine Identität, die nur schwer auf touristischen Schnappschüssen oder Postkarten in Sepia zu finden ist, die das ausländische Auge glücklich stimmen. Über seine fotographische Arbeit hinaus, musste Pavón tief in die kubanische Seele eintauchen.

Von diesem Kopfsprung ist er ohne schöne Ruinen, alte Autos und ohne ein zwangloses Lächeln zurückgekehrt. Stattdessen stellt der Künstler fest, dass er „ein anderes Kuba außerhalb Kubas“ gefunden hat, eine Nation, die vor langer Zeit aufgehört hat, an eine Insel gebunden zu sein.

Anm. d. Übersetzerin: *Hyphen heißt der bei einem Kompositum verwendete Bindestrich

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

Apple vs. FBI, ein Streit aus kubanischer Sicht

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Ein iPhone der Firma Apple. (EFE)

Generación Y, Yoani Sánchez, 05. März 2016 Als sie ihm das Telefon zurückgaben, waren alle Kontakte gelöscht und die Speicherkarte mit den Fotos nicht mehr da. Geschichten wie diese gibt es zu Hauf bei festgenommenen Aktivisten, die mit der Beihilfe des kubanischen Telekommunikationsunternehmen Etesca – dem technologischen Arm der Repression in Kuba – strengstens überwacht werden. Eine Körperschaft, die jene Abfuhr zur Kenntnis nehmen müsste, die Apple dem FBI  in den USA erteilt hat, in dem die Firma sich weigerte, Zugriff auf Kundendaten zu gewähren.

Über Jahrzehnte hinweg hat sich die kubanische Gesellschaft an die Tatsache gewöhnt, dass die Regierung die Privatsphäre der Einzelpersonen nicht respektiert. Der Staat ist berechtigt, in der persönlichen Korrespondenz herumzuschnüffeln, medizinische Akten vor laufenden Kameras zu zeigen, persönliche Nachrichten im Fernsehen zu veröffentlichen und systemkritische Telefongespräche in den Medien zu verbreiten. In so einem Rahmen existiert keine Intimität, die Privatsphäre wurde durch die Machthaber invadiert.

Die Menschen betrachten es als “normal”, dass man einfach auf die Telefone zugreift und dass in Wohnungen Oppositioneller versteckte Mikrophone auch den kleinsten Seufzer erfassen. Außerdem ist es Gang und Gebe, dass Etesca seine Dienstleistungen für Dissidenten während bestimmter nationaler Veranstaltungen einstellt, oder bei Besuchen von ausländischen Staatsoberhäuptern, und den Empfang von Nachrichten blockiert, deren Inhalt ihnen unangenehm erscheint. Diese orwellsche Situation zieht sich nun schonso lange hin, dass nur noch Wenige bemerken, dass diese illegal ist und eine Verletzung der Menschenrechte darstellt.

Das Gefühl von ständiger Überwachung hat dazu geführt, dass sie sogar auf unsere Art und Weise wie wir sprechen Einfluss genommen hat und nun ist unsere Sprache gekennzeichnet durch Flüstern, Gesten und Metaphern, um diejenigen Worte nicht zu verwenden, die uns Probleme bereiten könnten

Das Gefühl von ständiger Überwachung hat dazu geführt, dass sie sogar auf unsere Art und Weise wie wir sprechen Einfluss genommen hat und nun ist unsere Sprache gekennzeichnet durch Flüstern, Gesten und Metaphern, um diejenigen Worte nicht zu verwenden, die uns Probleme bereiten könnten. Das geht soweit, dass nur Wenige heutzutage den Namen von Fidel oder Raúl Castro aussprechen, sondern durch Grimassen ersetzen, mit denen ein Bart, schmale Augen oder zwei auf den Schultern platzierten Fingern vorgetäuscht werden, und so Anspielungen auf „diese“, „die Macht“, „die Regierung“, „die Partei“ machen.

Wo die Grenzen eines Staat liegen, um an private Information zu gelangen, das ist im Augenblick  Schwerpunkt der internationalen Debatte, von der ausgehend  die Regierung der Vereinigten Staaten vom Technologieunternehme Apple verlangte, das Telefon freizugeben, das der für eine Schieβerei in Kalifornien verantwortliche Terrorist benutzte, bei der 14 Menschen ums Leben kamen. Die Diskussionen werden lauter zwischen denjenigen, die die Forderung nach Sicherheit verfechten und denjenigen, für die es eine Gefahr darstellt, die Rechte auf Datenschutz zu verletzen.

Ganz weit von diesen Fragestellungen entfernt befindet sich die kubanische Gesellschaft, die es öffentlich nicht einmal in Betracht zieht, die in mehr als einem halben Jahrhundert  durch Einmischung von Seitens der Regierung in alle Bereiche des täglichen Lebens verlorene Privatsphäre zurückzuerobern. Sogar ein privates Tagebuch zu führen, die Türe eine Zimmers zu schließen oder mit gesenkter Stimme zu sprechen wird von einem System verpönt, das versucht hat, die Individualität durch Vermassung zu ersetzen und die Intimität in der Promiskuität der Unterkünfte und Kartellee auszumerzen.

Apple befürchtet, dass durch die Erschaffung einer Software, die Telefone freigibt, nicht mehr verhindert werden kann, dass die Regierung oder Hacker diese benutzen, um sich private Information von Millionen unschuldiger Menschen zu erschleichen. Die Firma weiβ, dass jede Macht unersättlich ist, was Information angeht, die man über andere haben will. Daher muss die Gesetzgebung diesen Überschreitungen des Eindringens in die Privatleben – die typisch für alle Regierungen sind – Einhalt gewähren.

Der Streit über Privatsphäre und Sicherheit wird noch lange andauern, weil es sich dabei um eine ewig andauerndes Spannungsfeld zwischen den Grenzen des sozialen und des persönlichen Freiraums handelt. Der Konflikt zwischen den Interessen eines Landes und diesem zerbrechlichen, aber unumgänglichen Teil, macht uns zu Individuen.

Übersetzung: Berte Fleissig

Für Cuiso und Libna, wo auch immer sie sein mögen

Generación Y, Yoani Sánchez, 22. Februar 2016 Er war ein bekennender Homosexueller und sie eine überzeugte Zeugin Jehovas. Der eine lebte in demselben Mietshaus, in dem ich geboren worden war, und die andere in der gefürchteten „218“, in der Gewalt und Abwässer sich gegenseitig den Rang abliefen. Cusio und Libna habe ich es zu verdanken, mit der Überzeugung aufgewachsen zu sein, dass jegliche sexuelle Orientierung oder religiöse Überzeugung achtbar und notwendig ist, wenn dabei keine Gewalt gegen den Anderen eingesetzt wird.

Den beiden ist in den achtziger Jahren auf Kuba etwas Unglaubliches gelungen: mich darin zu bestärken, dass das Schlafzimmer und der Glaube Angelegenheiten jedes Einzelnen sind, in die sich keine Ideologie einmischen sollte. Sie waren wahre Überlebende der Einheitlichkeit, Schiffbrüchige im Sturm der „Parametrisierung“* und der Polizeirazzien. Mit meinen vierzig Jahren stehe ich für diese Lehre von Vielfältigkeit, die sie mir vermittelten, immer noch in ihrer Schuld.

Cusio wurde erst missbraucht und dann vernachlässigt, aber er hatte immer ein Lächeln auf den Lippen. Von Libna lernte ich geduldig zu sein, durchzuhalten, wenn alles gegen einen gerichtet zu sein scheint, und weiterzumachen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie erniedrigt wurde, weil sie kein Halstuch trug, dieses Stück Stoff, das mich am Hals kratzte und mich heute eher an das Joch eines Stiers erinnert, als an irgendein ideologisches Engagement.

Eines Tages verlor ich sie beide aus den Augen. Wir wurden älter und reifer, die verspielte Kindheit war vorbei. Ich weiß, dass Cusio seine Adoptiveltern bis zum Ende pflegte, während auf Kuba durch das materielle Elend so viele alte Menschen allein enden. Von Libna gibt es keine Spur. Ich weiß nicht einmal, ob sie weiterhin auf der Insel lebt oder sich entschloss, mit ihrem auf Kuba nicht geduldeten Glauben an einem anderen Ort zu leben.

Je mehr Zeit vergeht, desto häufiger denke ich an sie. Ich danke ihnen für die Lektion in Demut, die sie mir offenbarten, ohne von mir je eine Gegenleistung, ja nicht einmal eine Umarmung, zu erwarten.

Anm. d. Übers.:

* Bezeichnung für die Erstellung bestimmter Parameter in der Gesellschaft, die zur Ausgrenzung und Stigmatisierung derer führen, die sich nicht anpassen (Homosexuelle, Intellektuelle, Dissidenten etc.)

Übersetzung: Lena Hartwig

Ein eher symbolischer als politischer Besuch

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Der Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, spricht mit seinem kubanischen Amtskollegen, Raúl Castro. (Weißes Haus)

Generación Y, Yoani Sánchez, 18. Februar 2016 Als das letzte Mal ein Präsident der Vereinigten Staaten Kuba besuchte, war das Kapitol von Havanna noch nicht eingeweiht worden, der herausragende Pitcher José de la Caridad Méndez* lag im Sterben und meine Großmutter war ein kleines Mädchen mit zerzaustem Haar und einem durchdringenden Blick. Es gibt niemanden mehr, der sich an diesen Moment erinnern und ihn aus erster Hand nacherzählen kann, und deshalb wird der Besuch Barack Obamas auf der Insel zu einer völlig neuen Erfahrung für uns Kubaner werden.

Wie werden die Menschen reagieren? – Mit Freude und Begeisterung. Auch wenn der Präsident eines anderen Staates nur wenig tun kann, um ein Land, dessen Bevölkerung eine Diktatur zugelassen hat, zu verändern, so wird sein Besuch dennoch eine große symbolische Wirkung haben. Niemand bestreitet, dass der Bewohner des Weißen Hauses unter den Kubanern beliebter ist, als der in die Jahre gekommene und wenig charismatische General, der die Macht aufgrund seiner familiären Herkunft geerbt hat.

Sobald das Flugzeug des Präsidenten kubanischen Boden berührt, wird die Politik der Abschottung, die die Regierung über ein halbes Jahrhundert so geschickt aufgebaut hat, einen irreversiblen Einschnitt erleben. Zu sehen, wie Raúl Castro und Barack Obama sich in Panama die Hand reichen, ist nicht das Gleiche wie ein Treffen auf einem Territorium, das vor kurzem noch voller Plakate gegen „das Imperium“ und voller öffentlichem Spott über Uncle Sam war.

Das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten kann Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich.

Die Presse der Kommunistischen Partei wird äußert geschickt vorgehen müssen, um den offiziellen Empfang des Oberbefehlshabers der Streitkräfte des „Feindes“ vor uns zu rechtfertigen. Die militantesten Anhänger der Regierung werden sich verraten fühlen und es wird ans Licht kommen, dass sich hinter einer vermeintlichen Ideologie nur das Ziel verbirgt, sich mit den typischen Strategien politischer Chamäleons an der Macht festzukrallen.

Auf den Straßen werden die Menschen dieses unerwartete Ereignis mit Begeisterung erleben. Für die Schwarzen und Mestizen unter uns ist dies eine klare und direkte Botschaft in einem Land, in dem die Macht in den Händen einer weißen Gerontokratie liegt. Diejenigen, die ein T-Shirt oder ein Plakat besitzen, auf dem das Gesicht Obamas abgebildet ist, werden es an diesen Tagen zur Schau stellen und somit die Nachlässigkeit der Regierung ausnutzen, und der Geist Fidel Castros wird in diesen Tagen in seinem bewachten Refugium in Havanna noch ein bisschen mehr sterben.

Das Bier „Presidente“** wird aus den Lokalen verschwinden, wo man laut den Satz „Gib mir noch zwei Obamas!“ hören wird und die Standesämter werden in dieser Woche zweifellos einige Neugeborene mit Namen wie „Obamita de la Caridad Pérez“ oder „Yurislandi Obama“ in das Geburtenregister eintragen. Pepito, der kleine Junge aus den kubanischen Witzen, wird für diesen Anlass ein paar neue Scherze in Umlauf bringen und die Ramschverkäufer werden Produkte, mit dem Bild des ehemaligen Anwalts und den fünf Buchstaben seines Namens anbieten.

Trotzdem ist eines klar, über einen kurzlebigen Enthusiasmus hinaus kann das Regierungsoberhaupt der Vereinigten Staaten Kuba nicht verändern und es ist auch besser, wenn er es überhaupt nicht versucht, denn für das Unrecht in unserem Land sind wir selbst verantwortlich. Dennoch wird seine Reise einen großen und langanhaltenden Einfluss ausüben und er sollte die Gelegenheit nutzen, um eine laute und deutliche Botschaft über die Mikrophone zu vermitteln.

Seine Worte sollten sich an die jungen Menschen richten, die aus Verzweiflung in Gedanken schon ein Floß aufrüsten, um aus dem Land zu fliehen. Ihnen muss man zeigen, dass unser Mangel an Gütern und Moral nicht die Schuld des Weißen Hauses ist. Die beste Möglichkeit für Barack Obama auf die Geschichte Kubas einzuwirken, besteht darin unmissverständlich klar zu machen, dass die Verantwortlichen unseres Dramas auf dem Platz der Revolution von Havanna zu finden sind***.

Anmerkung. d. Übers.:

*José de la Caridad Méndez, auch bekannt als der „schwarze Diamant“ (el diamante negro) war ein kubanischer Pitcher, der in seiner Heimat zu einer Legende wurde und sowohl in die kubanische als auch in die US-amerikanische Baseball Hall of Fame aufgenommen wurde. Er starb am 31 Oktober 1928 in Havanna an Tuberkulose.

** Das Bier „Presidente“ (la cerveza Presidente) ist eine Biermarke aus der Dominikanischen Republik, die von Kuba importiert wird, um die eigene, unzureichende Produktion auszugleichen.

*** Die Plaza de la Revolución (Platz der Revolution) ist ein öffentlicher Platz in Havanna, Kuba und wurde durch die kubanische Revolution bekannt, während der die Regierung Batistas gestürzt und durch die von Fidel Castro abgelöst wurde.

Übersetzung: Anja Seelmann

 

Rückblick zur Veranstaltung: Kritische Stimmen zu und aus Kuba

Link zur AMNESTY INTERNATIONAL Veranstaltung vom 16.02.2016 in Regensburg: http://www.amnesty-regensburg.de/Main/20151229001

„KRITISCHE STIMMEN ZU UND AUS KUBA.“ MIT INFORMATIONEN ZUR MENSCHENRECHTSLAGE, LITERARISCHER LESUNG UND MUSIK

Veranstalter: KEB im Bistum Regensburg und Amnesty International Bezirk Oberpfalz
Referentin: Gabriele Stein, Kuba-Koordinationsgruppe und Vorstandsmitglied von Amnesty Deutschland
Lesung zeitgenössischer kubanischer Literatur: Andreas Ruf
Musik: SANCHEZ

Die seit der kubanischen Revolution bestehende diplomatische Eiszeit zwischen den USA und Kuba scheint seit der historischen Begegnung von Barack Obama und Raúl Castro beim Amerika-Gipfel in Panama im April 2015 zu schmelzen, die beiden Staaten haben wieder Botschafter im anderen Land. Die Reise des Papstes nach Kuba und von dort direkt in die USA im September 2015 wird als politische Aufforderung zu einer weiteren Annäherung gewertet. Die Zeichen stehen für Kuba also auf Hoffnung

Und doch beklagen Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen und Hilfswerke die nach wie vor undemokratischen Verhältnisse im Land. Immer wieder nimmt die kubanische Polizei Aktivisten der kubanischen Demokratiebewegung willkürlich fest. Unter den Verhafteten im Rahmen der Kampagne „Todos marchamos“ („Wir alle marschieren“) sind zahlreiche Frauen der Bürgerrechtsorganisation „Damen in Weiß“. Kubanische MenschenrechtlerInnen fordern immer wieder die Freilassung aller politischen Gefangenen und setzen sich damit selbst großen Gefahren aus.

Die Menschenrechtsreferentin Gabriele Stein ist seit Anfang der 1980er Jahre bei Amnesty International aktiv, gehört zum Vorstand der deutschen Sektion und ist für die Länderkoordinationsgruppe Kuba verantwortlich. Sie berichtet von der aktuellen Lage in Kuba, vonMenschenrechtsverletzungen z.B. an dem politisch gefangenen Künstler Danilo Moldanado Machado. Stein fordert mit Amnesty die Regierung von Kuba auf, unabhängigen Medien und JournalistInnen zu ermöglichen, frei und ohne Furcht vor Repressalien, ungesetzlichen Beschränkungenund willkürlicher Verfolgung zu arbeiten.

Dazu liest der Schauspieler Andreas Ruf zeitgenössische Textausschnitte von kubanischen Schriftstellern wie von Kubas bekanntester Bloggerin, Yoani Sánchez. Der kulturell-politische Abend wird mit Livemusik von SANCHEZ umrahmt. Die drei Regensburger Musiker widmen ihre spanischen Lieder der Liebe, der Sehnsucht und dem Fernweh. Canciones con gituara y metallophone.

Die Trägerorganisationen Amnesty International, KEB im Bistum Regensburg und das Turmtheater laden herzlich ein, sich an diesem Abendatmosphärisch nach Kuba entführen und tagesaktuell informieren zu lassen.

Auf Kuba stirbt die Eisenbahn

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Eisenbahn auf Kuba (EFE).

Generación Y, Yoani Sánchez, 29. Januar 2016 Mein Vater ist Eisenbahner. Seit Jahrzehnten führt er keinen Zug mehr und ebenso lang ertönt nicht mehr das Pfeifen der Lokomotive, wenn er durch ein Dorf fährt und die Kinder zu den Gleisen laufen. Und dennoch, dieser Rentner mit seinen flinken Augen markiert immer noch den 29. Januar in seinem Kalender und sagt „das ist mein Tag“. Der Tag „riecht“ noch nach Eisen, das auf Eisen bremst und man „spürt“ den Zeitdruck auf dem Bahnsteig, wo manche abreisen und andere sich verabschieden.

Dieser Tag, der die Gilde der Eisenbahner ehrt, wurde 1975 eingeführt, während der Fertigstellung der ersten Trasse der zentralen Bahnverbindung. Bei der Feier bediente Fidel Castro eine Lokomotive sowjetischer Bauart; ein Ereignis, das unter altgedienten Eisenbahnern noch heute ein Anlass für Heiterkeit ist. „Alles war vorbereitet“, sagte ein achtzigjähriger Lokführer, „aber nicht einmal er schaffte es, das massige Vehikel in Bewegung zu setzen.“ Ein Umstand, der mehr mit Politik als mit Eisenbahn zu tun hatte; Grund genug, ihn als Gedenktag beizubehalten.

Wenn ich bei den Linien des Terminals La Coubre in Havanna stehen bleibe und das Desaster beobachte, das „Zugfahren auf Kuba“ heute ist, dann frage ich mich, ob die Ära der „Söhne der Eisenbahn“ zu Ende gegangen ist

Für jene, in deren Blut eine eiserne Schlange zirkuliert, sollte der 19.November ein Feiertag sein. Dieser Tag, an dem 1837 der erste Streckenabschnitt zwischen Havanna und Bejucal fertiggestellt wurde, verdient es, gefeiert zu werden, jenseits aller Prahlerei der Politiker und der Schlagzeilen in der offiziellen Presse. Mit dieser ersten fast 17 Meilen (27,3 km) langen Gleisstrecke begann ein Schienennetz, das sich jetzt weigert zu sterben.

Wenn ich bei den Linien des Terminals La Coubre in Havanna stehen bleibe und das Desaster beobachte, das „Zugfahren auf Kuba“ heute ist, dann frage ich mich, ob die Ära der „Söhne der Eisenbahn“ zu Ende gegangen ist. Alte Waggons, Unsicherheit, Unfälle, Verspätungen, Diebstahl von Gepäck, Gestank in den Toiletten… und ein eisernes Gitter auf dem Bahnsteig trennt diejenigen die abreisen von denen die sich verabschieden.

Auf Kuba stirbt die Eisenbahn. Kein Grund mehr, den 29. Januar feierlich zu begehen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Sean Penn, Sprachrohr von Drogenbossen und Generälen

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Sean Penn und Raúl Castro während des Interviews 2008, das von Hugo Chávez vermittelt wurde (Fotogramm CNN)

14ymedio.com, Yoani Sánchez, 25. Januar 2016 Angeblich sprachen sie sieben Stunden miteinander und tranken zusammen Tee und Wein. Auf der einen Seite der amerikanische Schauspieler Sean Penn, ein grimmiger Kritiker des politischen Systems in dem er lebt, auf der andere Seite Raúl Castro, kürzlich ernannter Präsident eines Landes, in dem Einige wenige die poltische Richtung bestimmen, und das seit fast sechs Jahrzehnten.

Der prominente Künstler kam aus einem Hollywood, das ihn anwiderte, und aus einem Land, in dem wer auch immer den amtierenden Präsidenten anschreien kann, dass er bald von der Bildfläche verschwinden würde. Der General, zu der Zeit fast achtzig Jahre alt, hatte billigend den Niedergang vieler Intellektueller gesehen, weil er nur verstohlen nach der Macht schielte.

Raúl Castro musste diesen Progressisten in Wohlstand und Wutausbrüchen misstrauisch und listig taxieren. Unfähig einen Text laut vorzulesen, ohne zahllose Fehler zu begehen – wie es kennzeichnend für Leute mit wenig Büchern und viel Befehlen ist – weiß der ehemalige Minister der kubanischen Streitkräfte, dass sich hinter jedem Künstler ein Kritiker totalitärer Regierungen verbirgt, den man ausschalten, zum Schweigen bringen, oder wenigstens versuchen muss zu kaufen.

Diese Begegnung fand 2008 in Havanna statt, sie war vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez vermittelt worden und diente nur dem Zweck, den respektlosen Penn einzuwickeln, sodass er die „Wohltaten“ eines politischen Systems wiederholen würde, mit dem wir elf Millionen Kubaner leben müssen. Deswegen war das Gespräch nur ein Tanz um zu beeindrucken, ohne schroffe Bemerkungen, ohne Pistolen auf dem Tisch. Der Hauptdarsteller des Films Mystik River sollte nichts ahnen und keine Angst haben.

Es ist wahrscheinlich, dass das Treffen mit einvernehmlichen Blicken verstrich, mit sorgfältig gewählten Worten und Sätzen wie „Interviews zu geben, hat mir noch nie gefallen“, wie sie der jüngere der Brüder Castro sagt. Der zufällige Reporter sollte spüren, dass er sich langsam der verborgenen Seele eines harten Guerilleros näherte, während er in Wirklichkeit in die Fänge eines geschickt agierenden Diktators geriet. Und die Falle war effektiv…

Penn reiste aus Kuba ab und versicherte, dass sich der Raúlismo tatsächlich im Aufwind befände, zusammen mit einem jüngst eingetretenen wirtschaftlichen, industriellen und landwirtschaftlichen Aufschwung. Darüber hinaus ließ er dem Interviewten ohne nachzufragen durchgehen, dass Informationen über die Verletzung von Menschenrechten auf Kuba – wie sie Medien der Vereinigten Staaten verbreiten – „sehr übertrieben und scheinheilig wären“. Kein Journalist hätte eine solche Gelegenheit verpasst, jetzt mit einer gezielten Nachfrage auf den Grund vorzudringen, um zu versuchen so an die Wahrheit zu kommen.

Kein Journalist hätte eine solche Gelegenheit verpasst, jetzt mit einer gezielten Frage auf den Grund vorzudringen, um zu versuchen so an die Wahrheit zu kommen.

Dennoch, Sean Penn ließ sich nicht dazu bewegen. Der Grund seines Hierseins war es nicht, die Worte des Generals im Stil eines unbequemen Reporters zu hinterfragen, sondern Kuba als Pfeilspitze für seinen persönlichen Krieg gegen die Regierung der Vereinigten Staaten zu benutzen. Wir Kubaner waren in seinen Augen nicht mehr als Zahlen, Nummern, die belegen sollten, warum das „kubanische Modell“ dem überlegen wäre, was vom Weißen Haus ausgeht.

Scheibchenweise räumt Penn im Nachhinein ein, dass er, „wäre er ein kubanischer Bürger gewesen“ und ein solches Interview geführt hätte, vermutlich „im Gefängnis gelandet wäre“. Er sagt es aber wie jemand, der ein Vaterunser betet, ehe er einen Mitmenschen beraubt, wie jemand, der nach Freiheit schreit, sich dann aber eine Kapuze überzieht und die Hand einem Diktator reicht. Er sagt es auf eine Art und Weise, die nicht überzeugt.

Jahre später wird Penn nach dem gleichen Modus Operandi vorgehen. An dem gottverlassenen Ort Sinaloa interviewt er Joaquín Guzmán Loera , genannt El Chapo; den blutrünstigen Chef eines Drogen-Kartells, der 2015 spektakulär aus einem Gefängnis ausgebrach und so der mexikanischen Justiz abhanden kam. Der Liebhaber von Kaviar und Privatflugzeugen beugt wieder einmal die Knie vor der Macht, er wird zum Bauchredner für eine Geschichte, wie sie von einem weiteren schuldigen Prominenten erzählt wird, der sein Image korrigieren will.

Auch bei dieser Gelegenheit gab es einen Paarungstanz auf offener Bühne, wo der, der die Kontrolle über das Gespräch hatte, seine naive Beute manipulierte, obwohl diese glaubte, selbst die Regeln zu bestimmen. El Chapo wickelte den Gewinner zweier Oscars ein, so wie es Raúl Castro vor ihm in Havanna getan hatte.

Der Schauspieler und Journalist lieferte sich seinem Interviewten aus, machte Scherze mit ihm, gab ihm die Hand. Bei dem Gespräch ist es sein Gegenüber, der den Rhythmus bestimmt und die Themen diktiert. Die Idee des Verbrechers, an dessen Händen so viel Blut klebt, ist es, sich als Produkt einer korrumpierten Gesellschaft darzustellen, als jemand, der von äußeren Zwängen geprägt wurde und aus brutalem Handeln revolutionäre Taten machte.

Dennoch, weit entfernt von allen Widrigkeiten und Zusammenhängen, es gab einen Augenblick, in dem sich sowohl Raúl Castro wie auch El Chapo Guzmán fragen konnten, wie groß der Schaden ist, den sie angerichtet haben, und wie lang die Spur aus Unglück und Schmerz ist, die sie hinter sich herziehen. Das größte Versagen des allzu nachgiebigen Reporters war es, nicht hartnäckig genug nachgefragt zu haben, warum keiner von beiden Schuldgefühle zeigte, sondern nur die kalte Sturheit von politischen Führern.

Penn verpasste erneut die Gelegenheit eines Journalisten und wurde so zum traurigen Sprachrohr für Drogenbosse und Generäle.

Übersetzung: Dieter Schubert