Zehn Jahre, ein Blog

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Yoani Sánchez wurde für Ihre Arbeit mit „Generación Y“ im Jahr 2008 mit dem Journalistenpreis „Ortega y Gasset“ ausgezeichnet, den sie allerdings erst 5 Jahre später entgegennehmen konnte. (El País)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 10. April 2017    Die Sonne geht auf und das Geräusch der Tastatur läutet den Beginn eines neuen Tages ein. Ich beginne einen Blog, der mich die angenehmsten und schrecklichsten Momente meiner Existenz erleben lassen wird. Mit dem USB Stick um den Hals gehängt, trete ich auf die Straße, besteige die Außentreppe des Kapitols von Havanna und murmele einige Sätze vor mich hin, um mich in ein Lokal mit Internetzugang schleichen, das eigentlich nur für Ausländer gedacht ist. Es ist der 9. April 2007 und ich publiziere den ersten Text für Generación Y. Mein Leben hat soeben einen Umschwung erfahren.

Ein Jahrzehnt ist nun seit diesem Moment vergangen. Eine Zeit, in der ich in einem Post nach dem Anderen die Vorkommnisse analysiert habe, die sowohl die Realität meines Landes als auch meiner eigenen Existenz geprägt haben. Ich habe die Seiten dieses persönlichen Tagebuches gefüllt und Erfahrungen der gefährlichen und intensiven Jahre, die ich erlebt habe, geteilt. Ein digitales Logbuch, das auch als impressionistisches Gemälde  eines Kubas zu Beginn dieses Jahrtausends dienen kann.

Seitdem ist viel passiert. Ich habe die unglaubliche Reichweite des geschriebenen Wortes entdeckt, den Verstärkungseffekt der Technologie sowie die Absenz ethischer Grenzen im autoritäten Machtgefüge erfahren. Ich habe mit jedem veröffentlichten Satz Verantwortung gewonnen  und das ein oder andere Mal  habe ich die Konsequenzen tragen müssen – und zwar nicht für das, was ich gesagt habe, sondern für das, was Andere glaubten, dass ich gesagt hätte.

 

Ich habe die unglaubliche Reichweite des geschriebenen Wortes entdeckt, den Verstärkungseffekt der Technologie sowie die Absenz ethischer Grenzen in der autoritäten Macht

Ich handelte mir Schelten eines strengen Diktators ein, der es gewohnt war, nur seine eigene Stimme zu vernehmen. Mehr als eine Nacht verbrachte ich in einem Kerker und lernte, mich verschlüsselt auszudrücken und so die Mikrofone, die in meiner Wohnung angebracht waren, zu umgehen. Ich gewöhnte mich daran, mein Antlitz, mit den schlimmsten Adjektiven geschmückt, in den öffentlichen Medien zu sehen und verlor mehr als einen Freund. Nichtsdestotrotz haben die schönen Momente bei Weitem alle Strafen übertroffen, die ich mir mit diesem Raum für meine eigene Meinung eingehandelt habe.

Ich habe die unzähligen Stimmen entstehen und wichtiger werden sehen, die aus dieser kubanischen Blogosphäre einen immer pluralistischeren und integrativen Ort gemacht haben. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die genauso wie ich in ihren Ländern dazu beigetragen haben, mit neuen technischen Hilfsmitteln zu versuchen, die Gesellschaft zu verbessern. Dabei erhielt ich Unterstützung von meiner Familie und entdeckte den Beruf, den ich heute ausführe: Journalismus.

Jeder Text, der bei Generación Y erschien, zeigt diesen persönlichen Weg, der von Hindernissen und Belohnungen geprägt ist. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich nur den Moment verbessern, in dem ich beschlossen habe, diesen Blog zu schreiben. Ich verzeihe mir nicht, so lange gezögert zu haben, mich auszudrücken.

Übersetzung: Berte Fleißig

Raúl Castro ließ seine letze Chance verstreichen

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Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, und sein Amtskollege Raúl Castro gaben sich vor einem Jahr in Havanna die Hand. (Weißes Haus)

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      YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 22. März 2017    Vor einem Jahr bekam Kuba eine unvergleichliche Chance. Der amerikanische Präsident Barack Obama kam mit dem Wunsch auf die Insel, die politischen Auseinandersetzungen endlich zu überwinden. Diese Geste zeigt ihre Wirkung auf die diplomatische Situation, aber Raúl Castro – aus Furcht davor die Kontrolle zu verlieren – antworte darauf, indem er die wirtschaftlichen Reformen verlangsamte und stattdessen den ideologischen Diskurs und die Unterdrückung ausweitete.

Eine Nation erhält solche Chancen nicht jedes Jahr, nicht einmal in jedem Jahrhundert. Die Entscheidung sich zu verschanzen und sich so gegenüber einer flexibleren Politik zu verschließen, ist das Egoistischste, das die Revolution in den letzten Jahren getan hat. Die Möglichkeit den öffentlichen Zwist mit dem Nachbarn aus dem Norden zu beenden ungenutzt zu lassen, wird unvorhersehbare und langanhaltende Folgen für unser Land haben.

Unter diesen Folgen wird nicht die sogenannte „historische Generation”, die die Revolution in den 50ern anführte und die aufgrund der Gesetze der Biologie und der Abtrünnigkeit vieler bereits geschrumpft ist, zu leiden haben. Statt den Generälen in Olivgrün werden diejenigen, die noch in einer Wiege schlafen oder auf den Straßen der Insel mit einem Kreisel spielen, die Konsequenzen tragen müssen. Sie wissen es noch nicht, aber in den letzten zwölf Monaten hat ihnen ein Achtzigjähriger mit wenig Weitsicht einen Teil ihrer Zukunft entrissen.

Es lag nicht in der Verantwortung des Weißen Hauses diesen Wandel anzustoßen oder zu provozieren, aber seine positive Vorgehensweise schuf eine geeignete Szenerie um diesen weniger traumatisch zu gestalten.

Die größte Verschwendung lag darin, nicht diesen internationalen Moment auszukosten, die Freude über die ausländischen Investitionen und die Erwartungen auf ganz Kuba an die ersten Schritte in Richtung eines demokratischen Wandels, ganz ohne Gewalt oder Chaos. Es lag nicht in der Verantwortung des Weißen Hauses diesen Wandel anzustoßen oder zu provozieren, aber seine positive Vorgehensweise schuf eine geeignete Szenerie um ihn diesen weniger traumatisch zu gestalten.

Stattdessen hat die weiße Rose, die Obama Castro in seiner historischen Rede im Großen Theater von Havanna überreichte, zwischen der Zögerlichkeit und den Ängsten alle ihre Blätter verloren. Nun liegt es an uns den Kubaner von morgen zu erklären, warum wir an einem Wendepunkt unserer Geschichte standen und diesen vergeudet haben.

Übersetzung: Anja Seelmann

Der Tag der Frau auf Kuba, seit jeher ein wichtiges Datum

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Am Tag der Frau finden in Kuba keine Protestmärsche statt – als ob das Leben der Frauen in diesem Land das reinste Zuckerschlecken wäre. (Silvia Corbelle)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 08. März 2017    Im Bett liegend, bei ausgeschaltetem Licht, spürt sie wie jede Faser ihres Körpers einen Klagelaut ausstößt. Nach der Arbeit hat sie vier Stunden in der Küche verbracht, ihre invalide Mutter gebadet, mit den Kindern Hausaufgaben gemacht, Einkäufe erledigt und einen Verwaltungsbericht vorbereitet. Im Fernsehen bekunden die Sprecher Glückwünsche anlässlich des Tages der Frau, aber es klingt wie ein weit entferntes Echo, das ihr Leben nicht beeinflusst.

An diesem 8. März wird früher Feierabend gemacht, Funktionäre halten herzliche Reden und in den Läden werden die Blumen knapp. Die Zeitungen sind voll von Bildern von Frauen, die Zuckerrohr schneiden, ein Kind zur Welt bringen und ein Gewehr über der Schulter tragen. Die Politik darf natürlich auch nicht fehlen. Der Regierungsapparat macht sich diesen Tag zunutze, um sicherzustellen, dass wir Kubanerinnen erst „seit Januar 1959“ respektiert werden*.

Als ob das Leben der Frauen in diesem Land das reinste Zuckerschlecken wäre, ist kein Protestmarsch geplant und keine Forderungen werden laut.

Das nationale Sinfonieorchester bereitet ein Sonderkonzert vor und das Postamt verkauft ziemlich geschmacklose Postkarten, während der Dachverband der kubanischen Gewerkschaften den Tag Fidel Castro und der „ewigen Präsidentin der Vereinigung Kubanischer Frauen“ Vilma Espín Guillois widmet. Und als ob das Leben der Frauen in diesem Land das reinste Zuckerschlecken wäre, ist kein Protestmarsch geplant und keine Forderungen werden laut.

Der Lärm der Musik, die Werbeslogans und die Euphorie übertönen unser Klagen. An dem Tag, der gezwungenermaßen Feiertag wurde, ist es nicht erlaubt, Protest aufkommen zu lassen und – ganz ungezwungen – über die Probleme unseres täglichen Lebens zu sprechen. „Heute ist der Tag, an dem Frauen geehrt werden, da beschwert man sich nicht“, werden viele sagen; aber morgen werden andere Themen die Tagesordnung bestimmen und es wird auch kein „guter Moment“ sein, um darüber zu reden.

Als Folge hat die hat die Protestaktion #NosotrasParamos, mit der Frauen für mehr Gleichberechtigung und gegen den Machismo auf die Straße gehen, hier keinen Platz, obwohl sich 45 Länder den Protesten angeschlossen haben, um Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zu fordern. Die fehlende Unabhängigkeit der Frauenverbände und ihre Unterordnung gegenüber der Regierung verhindern es, dass wir für diesen Prostest mit Schildern und Forderungen auf die Straße gehen.

Machismo und Geschlechterdiskriminierung füllen alle Bereiche unseres täglichen Lebens aus. In den Medien erzählt ein eingängiges Kinderlied die Geschichte einer Ameisenmutter, die ihre Tochter dazu auffordert, ihre Spielsachen wegzulegen und ihr mit dem Bügeln, Kehren und Abspülen zu helfen; aber das eigensinnige kleine Mädchen spielt lieber mit ihren Puppen. In den Schulen bereiten Lehrerinnen rosafarbene Küchen und Kinderbettchen für Mädchen vor, während kleine Autos und Spielzeugwaffen den Jungen vorbehalten sind. Am Arbeitsplatz fühlen sich Chefs dazu befugt, Frauen zu schmeicheln, zu bedrängen und sie unsittlich zu berühren, oftmals in dem Glauben, dass „es ihnen gefällt“.

Die Macht liegt weiterhin bei einem veralteten und abgedroschenen, angeblich „ritterlichen“ Machismo, der von Schmeichelei bis hin zu Beleidigungen gegen Rockträgerinnen alles umfasst.

Im öffentlichen Leben werden wir als dekoratives Beiwerk angesehen, als eine notwendige Geschlechterquote oder einfache Rädchen im ideologischen Getriebe. Die Macht liegt weiterhin bei einem veralteten und abgedroschenen, angeblich „ritterlichen“ Machismo, der von Schmeichelei bis hin zu Beleidigungen gegen Rockträgerinnen alles umfasst. Jene die seine Ideologie teilt, ist eine „wunderschöne Blume der Revolution“; die anders Denkende verdient nur eine vulgäre Beschimpfung, die unsere Moralität in Frage stellt.

Die feministische Bewegung auf Kuba ist tot. Dieses System hat sie umgebracht, weil es ihr die Autonomie nahm, jeglichen Diskurs über ihre Forderungen unterband und das falsche Versprechen aufzwängte, dass die Frau sich bereits vor fünf Jahrzehnten emanzipierte. Alles eine Farce, die das Drama von Millionen von Frauen verbirgt, die zu einem doppelten oder dreifachen Arbeitspensum verdonnert werden, sexueller Belästigung ausgesetzt sind und jeden Tag nur mit einer Dosis Antidepressiva überleben.

Frauen sind das Hauptopfer der langen Wirtschaftskrise, die wir erlebt haben. Die Unterversorgung zwingt sie in lange Schlangen, um Lebensmittel zu kaufen, und setzt sie dem Druck aus, jeden Tag ein neues Gericht „erfinden“ zu müssen. Die beschleunigte Emigration hat sie von ihren Kindern getrennt und der Stellenabbau hat sie wieder in den Haushalt und zurück an den Herd verschlagen.

Wo sind die Zahlen der von ihren Partnern ermordeten oder geschlagenen Frauen? Wo kann eine verfolgte Ehefrau Zuflucht finden, die sich vor der nächsten Tracht Prügel fürchtet?

Die Zahlen von berufstätigen Frauen, Abgeordneten in der Nationalversammlung, Wissenschaftlerinnen in weißen Kitteln oder Sportlerinnen können die andere Seite nicht verbergen. Die der geschlagenen Frauen, bedroht von einem Partner, der ihnen geschworen hat sie umzubringen, wenn er sie mit einem Anderen sieht. Die Seite derer, die innerhalb oder außerhalb der Ehe vergewaltigt wurden oder Sex gegen eine Beförderung eintauschen mussten.

Wo sind die Zahlen der von ihren Partnern ermordeten oder geschlagenen Frauen? Wo kann eine verfolgte Ehefrau Zuflucht finden, die sich vor der nächsten Tracht Prügel fürchtet? Weshalb spricht man nicht über Mord an Frauen in den nationalen Medien, wo doch jede von uns mindestens einen Fall kennt, in dem der Wahnsinn des Machismo ein Leben kostete?

Heute ist kein Tag um zu feiern, sondern einer um sich Sorgen zu machen. Ein Tag der Forderungen, der von der Musik eines Machismo übertönt wird, der uns keine eigene Stimme gewähren möchte.

Anmerkung d. Übers.:

* Am 1. Januar 1959 siegte die kubanische Revolution, was den Beginn einer neuen Ära der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau markieren sollte.

Übersetzung: Lena Hartwig

Revolutionäre „Gerechtigkeit“

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Zwei Frauen steigen in Havanna in ein Sammeltaxi („Almendrón). (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 28. Februar 2017  Die Entfernung zwischen dem Kapitol in Havanna und der Sportstadt ist immer noch dieselbe, aber trotzdem scheint sie sich verändert zu haben. Mit den Höchstpreisen, die die Stadtverwaltung für private Taxifahrten angeordnet hat, ist diese Strecke wesentlich größer geworden, und ausweichen ist schwierig. Wo man früher 5 bis 15 Minuten warten musste, um in ein Oldtimer-Sammeltaxi („Almendrón“*) einzusteigen, wartet man jetzt eine halbe Stunde.

So weit, so schlecht. Wer sich jetzt die Hände reibt, weil der Preis für eine Fahrt jetzt niedriger ist, sollte begreifen, dass mit dem Eingreifen des Staates ein fragiles Gefüge durcheinander geraten ist, in dem Angebot und Nachfrage regierte. Als Zeichen des Protests reduzieren die privaten Taxifahrer („boteros“ genannt) ihre Fahrten, und viele bleiben zu Hause und denken darüber nach, ob es sich überhaupt noch lohnt, so viele Stunden hinter dem Steuer zu verbringen, wenn man damit immer weniger verdient.

Der Schaden trifft uns alle. Den Neureichen, der ein Restaurant betreibt; die Ärztin, die in ein Krankenhaus kommen muss; den alten Mann, der zu seinem regelmäßigen Gesundheitscheck fährt und den Studenten, der seine Centavos zählt, mit denen er bis Monatsende auskommen muss. Für eine soziale Klasse, die zwischen 10 und 20 Pesos** für eine Fahrt bezahlen kann, ist dies kein Tritt gegen das Schienbein. Für alle aber, die bei irgendeiner Gelegenheit oder auch nur sporadisch dieses Transportmittel benutzen, ist es ein schwerer Schlag.

Die offizielle Propaganda legt sich mit den Beschäftigten des privaten Sektors an; sie kuscht aber vor einem „ausbeuterischen“ Staat, der solche Hungerlöhne bezahlt.

Wie vielen anderen Einschränkungen bei „revolutionären“ Prozessen, so haftet auch dieser Maßnahme ein „Geruch“ von falscher Gerechtigkeit an – und ein Nimbus von angeblichem Egalitarismus. Die offizielle Propaganda legt sich mit den Beschäftigten des privaten Sektors an, wo die „boteros“ für eine Fahrt einen halben Tagelohn verlangen; sie kuscht aber vor einem „ausbeuterischen“ Staat, der solche Hungerlöhne* bezahlt.

In TV-Reportagen werden Passanten angesprochen, um den Moment einzufangen wenn sie sagen „das war ein Missbrauch, der nicht so weiter gehen konnte“ oder „jetzt sind die Preise näher am Geldbeutel“. Man schweigt aber zu den Regalen in den staatlichen Läden, wo ein Liter Olivenöl einen Zweitageslohn kostet und ein Kilo Huhn so viel wert ist, wie eine Woche harte Arbeit.

Werden sie Höchstpreise auch für diese Märkte einführen? Wird sich die Stadtverwaltung mit dem Vertriebsnetz der Einzelhändler anlegen, wo ein Vater einen halben Monatslohn hinlegen muss, wenn er seinem Sohn ein Paar Schuhe kaufen will? Die revolutionäre Gerechtigkeit ist in diesen Fällen einäugig, sie sieht nur das, was ihr taugt.

Anm. des Übersetzers

* “Almendrón“ werden auf Kuba die historischen Fahrzeuge genannt (z. B. Mercury, Ford, Chevrolets oder Cadillacs), die vor dem Jahr 1960 gebaut wurden (vor dem US-Embargo). Ungefähr 75.000 dieser Fahrzeuge wurden zwischen den Jahren 1920 – 1950 in den USA hergestellt und verkehren noch heute auf den Straßen Kubas, meist als Taxis.

** Der Text erwähnt einen (spartenabhängigen) Tageslohn von 20 bis 40 CUP (kubanische Pesos); aktuell sind das etwa 20 bis 40 Eurocent.

Übersetzung: Dieter Schubert

Für Kubaner, die in Mexico gestrandet sind, gibt es nur eine Gewissheit: Zurückkehren ist keine Option.

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Kubanische Migranten in der Auffangstation Siglo XXI in Tapachula, Chiapas, Mexiko (EFE)

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JUAN ALBERTO CEDILLO | Nuevo Laredo (Mexico) | 31. Januar   (EFE).- In der mexikanischen Grenzstadt Nuevo Laredo treffen sich jeden Tag mehrere Dutzend Kubaner vor der Internationalen Brücke Las Américas, die den Rio Grande überquert. Hinter ihnen liegt eine Odyssee durch 10 Länder, ohne zu wissen, ob sie ihr Ziel in den Vereinigten Staaten je erreichen, aber sie sind davon überzeugt, dass es für sie „keine Option ist“, in ihr Land zurückzukehren

Am letzten Wochenende kamen Kubaner wie gehabt in Gruppen; jetzt sind es mehr als 400. Sie kamen in Heimen für Migranten unter, die von verschiedenen Kirchen unterhalten werden, die traditionell den Menschen aus Mittelamerika Unterkunft gewähren, die illegal über die Grenze wollen.

Jeden Tag treffen sie sich an der Kreuzung Vicente-Guerro-Straße und Boulevard des 15. Juni, nur ein paar Schritte von Laredo (Texas) entfernt und sie hoffen auf die Nachricht, dass sich die Grenze für sie wieder öffnet.

Die Mehrzahl hat Kuba mit einem Touristenvisum für Guyana und einer Hin-und Rückfahrkarte verlassen, was sie etwa 240 Dollar kostete. Sie verkauften alles was sie hatten, um ihre Überfahrt zu finanzieren und um unterwegs diverse die Schlepper, „Kojoten“ genannt,  zu bezahlen.

Wir sind schon 16 Tage hier und das mexikanische Amt für Migration hat uns nie belästigt“, erklärt Yamira Gonzáles der spanischen Nachrichtenagentur EFE; sie verließ Kuba zusammen mit ihrer Schwester und ihrem minderjährigen Sohn.

Señora González sagt, dass die lokalen Behörden medizinischen Beistand anbieten würden und wissen wollten, ob es unter ihnen Personen mit chronischen Krankheiten gebe, um ihnen mit Medikamenten zu helfen.“Außerdem bieten sie uns eine „Regulierung“** an, bis sich die Situation mit der USA klärt“, fügt sie an.

Die Meisten haben Kuba mit einem Touristenvisum für Guyana und einer Hin- und Rückfahrkarte verlassen, was sie etwa 240 Dollar kostete. Sie verkauften alles was sie hatten, um ihre Überfahrt zu finanzieren und um unterwegs diverse Schlepper, „Kojoten“ genannt, zu bezahlen. Bei ihrer Odyssee mussten sie heil durch 10 unsichere Länder kommen, gefährliche Flüsse überwinden, Urwälder durchqueren und Verbrecherbanden aus dem Weg gehen.

Wer nach dem 12. Januar ankam, blieb hängen. Die Illusion, das „gelobte Land“ zu erreichen, löste sich in Nichts auf, denn an jenem Tag endete per Dekret von Noch-Präsident Obama die sogenannte „pies secos/pies mojados“-Politik (trockene-Füße/nasse-Füße“-Politik)* mit der Kubaner, die in die Vereinigten Staaten gekommen waren, legal Asyl beantragen konnten.

„Warum wir von dort aufgebrochen sind? In Kuba fehlte es uns an allem“, versichert Yeleni Díaz, die Kuba verließ, weil sie mit dem Regierungssystem in ihrem Land nicht einverstanden war.

„Mein Mann hat drei Jahre in Gefängnissen verbracht, ich bin nicht einverstanden mit dem kubanischen Präsidenten, wegen seiner schrecklichen Politik. Fidel vererbte die Präsidentschaft an seinen Bruder Raúl und der vererbt sie an seine Kinder. In welchem Land hat man je gesehen, dass es 60 Jahre lang immer derselbe Präsident ist?“, führt sie als Argument an.

In den letzten 3 Monaten des Jahres 2016 kamen mehr als 11000 Kubaner nach Mexiko. Seit dem vergangenen Freitag hat die mexikanische Regierung mit der zwangsweisen Rückführung von Kubanern begonnen, die in der Auffangstation Siglo XXI in Tapachuela leben. In anderen Städten warten weitere 1100 zunächst ab, solange sie nicht wissen, was sie tun sollen. Obamas Dekret hat eine neue Situation geschaffen.

Yisandra Sotologo ist 28 Jahre alt. Am 26. November machte sie sich mit ihrem Mann auf den Weg und ließ ihre Tochter auf Kuba zurück. „Im Urwald gab es viele Probleme. In Kolumbien hat mich ein Fluss fast mitgerissen und Nicaragua und Honduras sind sehr gefährlich, wegen der dort herrschenden Gewalt. In Kuba hatte ich ein kleines Geschäft und verkaufte Dinge auf der Straße, aber mit dem, was du verdienst, kannst du nicht überleben“, sagt die Frau, die vor der Internationalen Brücke sitzt.

„Nach Kuba zurückkehren ist keine Option“, sagt gleichzeitig Lester Díaz, die in Havanna lebte. „Was uns gerade passiert ist ungerecht; ich habe in Kuba meine Eltern zurückgelassen und auch meine Brüder“, fügt sie noch an.

„Wir sind von Camaguey mit dem Ziel Guyana aufgebrochen. Angeblich gibt es in Kuba keine politischen Gefangenen, aber sie legen dir andere Dinge zur Last, um dich ins Gefängnis zu stecken“, berichtet Sara Ramos.

Wir sind von Camaguey mit dem Ziel Guyana aufgebrochen. Angeblich gibt es in Kuba keine politischen Gefangenen, aber sie legen dir andere Dinge zur Last, um dich ins Gefängnis zu stecken.

Andere, die man fragt, ziehen sie es vor anonym zu bleiben, für den Fall, dass man sie nach Kuba abschiebt. Aber alle stimmen darin überein, dass die wirtschaftlichen Bedingungen in ihrem Land unerträglich sind, was sie veranlasst hat, das Land zu verlassen.

„Man kann nicht von 20 Dollar im Monat leben, ein solcher Lohn ist nicht gerecht. Was wir hier sagen, wird uns teuer zu stehen kommen, wenn sie uns abschieben. Wenn wir zurückkehren, wird man uns verfolgen“, sagt einer.

Wir sind durch 10 Länder gekommen. Im Urwald von Kolumbien gab es Tiger (Jaguare) und Affen. Wir haben reißende Flüsse und den „Rücken des Todes“ (die Grenze zwischen Kolumbien und Panama) überquert. Wir wurden ausgeraubt, erpresst und sogar verletzt. Wir sind nicht zum Vergnügen fort von Kuba“, versichert ein anderer.

Für Hermez Cruz ist es „wirklich traurig, wenn sie einen Kubaner zurück auf die Insel schicken“. „Die, die sich jetzt in Tapachula aufhalten, werden sie nach und nach abschieben. Wir haben uns auf den Weg gemacht, weil wir dort nicht mehr leben wollten. Das Leben war unerträglich und das Letzte, was wir uns wünschen, ist, dorthin zurückgebracht zu werden“, erklärt er.

„Was wir hier zunächst erreichen wollen, ist, dass die US-amerikanische Regierung aus humanitären Gründen die Grenze für die öffnet, die noch unterwegs sind“, sagt Hermez Cruz. „Eine zweite Option, wenn die erste nicht möglich ist, wäre, dass man es uns ermöglicht, hier in Mexiko Asyl zu beantragen“, sagt er abschließend.

Anm. des Übersetzers:

*Die sogenannte„pies-secos/pies-mojados“-Politik „nasse-Füße/trockene-Füße-Politik) erlaubte jenen Kubanern, die es auf US-amerikanischen Boden schaffen (trockene Füße), in den USA zu bleiben. Die Kubaner, die vor den Küsten der USA abgefangen wurden (nasse Füße), mussten nach Kuba zurückkehren. Die Obama-Regierung schaffte die Reglung im Januar 2017 ab.

**Migranten, die bis zum 9.Januar 2017 illegal ins Land gekommen sind, können beim mexikanischen Nationalen Institut für Migration eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis beantragen.

Übersetzung: Dieter Schubert

Die Alternative von Raúl Castro

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Raúl Castro spricht auf der Trauerfeier für Fidel Castro in Santiago de Kuba. (EFE)

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CARLOS ALBERTO MONTANER | Miami | 10. Dezember 2017   Raúl Castro ist übrig geblieben. Sein Mentor ist ihm abhanden gekommen, seine Vaterfigur, der Mann, der sein Leben prägte und ihm Waffen in die Hand drückte, wortwörtlich, von seiner Bedeutungslosigkeit an bis zum ersten Mann im Staat. Fidel tat all dies schroff und ließ ihn bisweilen merken, dass er ihn wegen seiner intellektuellen Beschränktheit verachtete. Das hörte nie auf ihn zu schmerzen.

Schon vor vielen Jahren hat Raúl gemerkt, dass Fidel das eigentliche Problem der Revolution ist: sein eigenwilliger Voluntarismus*, sein störrisches Gehabe, seine überraschenden Einfälle, seine hassenswerte Manie, Zeit mit Gesprächen und nicht enden wollendem Geschwafel zu verschwenden. Raúl wusste aber auch, dass es ohne Fidel keine Revolution gegeben hätte. Einerseits bewunderte er ihn, andererseits lehnte er ihn ab. Fidel hatte monströse und faszinierende Züge; wenn er acht Stunden ununterbrochen redete, ohne an die eigene Blase oder an die des wehrlosen Zuhörers auch nur die geringste Konzession zu machen.

Trotzdem, das Leben hatte Raúl gelehrt, dass es ein noch tiefergehendes Problem gab: den Marxismus-Leninismus, an den er in seiner Jugend felsenfest glaubte und für den er ohne zu zögern tötete; für die Gesellschaft war es ein fehlerhafter Ansatz, der zu einer fortschreitenden Verarmung (des Landes) führte.

Auch wenn Fidel anders oder die Beziehungen zu Washington besser gewesen wären, nichts Wesentliches hätte sich geändert.

Auch wenn Fidel anders oder die Beziehungen zu Washington besser gewesen wären, nichts Wesentliches hätte sich geändert. Die Unproduktivität des Systems hing nicht von den Irrtümern oder vom Charakter Fidels ab, und auch nicht vom Wirtschaftsembargo, sondern von der Unfähigkeit des Systems, sich an die menschliche Natur anzupassen – das musste scheitern.

Genau das geschah in der UdSSR, in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei und Polen. Es spielte keine Rolle, ob die Betroffenen Slawen, Germanen oder Lateinamerikaner waren. Rumänien „genoss eine bevorzugte Behandlung“ durch die die Vereinigten Staaten.

Es spielte auch keine Rolle, ob der Kommunismus in Gesellschaften mit christlichen, islamischen oder konfuzianischen Wurzeln Fuß fasste; er scheiterte unvermeidlich. Es hing auch nicht von der persönlichen Eignung oder dem Bildungsabschluss der Staatslenker ab. Da gab es ein breit gefächertes Spektrum: Rechtsanwälte, Gewerkschafter, Professoren, Lehrer, sogar Arbeiterführer. Keiner schaffte es.

Für Raúl Castro war es leicht nachzuvollziehen, dass die Marktwirtschaft, mit dem einfachen Konzept, Aktive zu prämieren und Willensschwache zu bestrafen, große wenn auch unterschiedliche Früchte trug. Sein Vater Ángel Castro, er stammte aus Galizien, war dafür ein lebendes Beispiel: Er kam ohne einen Centavo in die Republik Kuba, sehr jung und sogar ohne Ausbildung; als er aber 1956 starb, hinterließ er ein Vermögen von 8 Millionen Dollar und einen gut organisierten landwirtschaftlichen Betrieb, in dem mehrere Dutzend Menschen arbeiteten. Er hinterließ eine reiche Familie, ausgebildet an guten katholischen Privatschulen.

Die Aufgabe, vor der Raúl jetzt steht, ist die: wie kann man den Unsinn abstellen, den sein Bruder und er selbst vor fast 60 Jahren initiiert haben, ohne dass die Trümmer des untauglichen Systems ihn unter sich begraben. So wie die Dinge jetzt liegen, weiß er, dass die „Begradigungen“ – wie man auf Kuba seine vorsichtigen und manchmal kindischen Reformen bezeichnet – nur Flickschusterei an einem nicht zu rettenden sozialistischen System sind, dessen Zustand sich wegen der militärischen Führungsrolle bei allen wirtschaftlich wichtigen Unternehmungen des Landes verschlimmert hat; aber Raúl hat mehrmals gesagt, dass er als Nachfolger seines Bruders nicht angetreten ist, um den Kommunismus zu beerdigen, sondern ihn zu retten.

Ich vermute, dass er es schon weiß, dass es für den Kommunismus keine Rettung gibt. Man muss ihn beerdigen. Das war es, was Michael Gorbatschow entdeckte, als er sich um seine Rettung bemühte, indem er drastische Reformen auf den Weg brachte: Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit). Er war überzeugt, dass das bestmögliche und produktivste Gesellschaftssystem transparent sein müsse, damit Menschen in einer angstfreien Atmosphäre miteinander reden können.

Im Verlauf weniger Jahre richtete sein Vorgehen den Kommunismus zu Grunde, nicht wegen der Ungeschicklichkeit der Verantwortlichen, sondern wegen der Widersprüche im System selbst, und wegen der schlechten theoretischen Formulierung des Marxismus-Leninismus. Die zentrale Planwirtschaft war Unfug. Die Abstrafung von Produktionsmechanismen in privaten Händen war kontraproduktiv. Die Komitees, die Preise festlegten, hatten nicht die geringste Ahnung, weder von den Bedürfnissen der Menschen, noch von der Wirklichkeit. Die ständige Anwesenheit von politischer Polizei zerstörte das Zusammenleben und erzeugte psychologisches Unwohlsein.

Als Raúl Castro Gorbatschows Buch Perestroika las, war er davon so begeistert, dass er eine private Ausgabe für seine Offiziere in Auftrag gab.

 Als Raúl Castro Gorbatschows Buch Perestroika las, war er davon so begeistert, dass er eine private Edition für seine Offiziere in Auftrag gab. Fidel bekam davon Kenntnis, beschimpfte ihn auf herabwürdigende Weise und befahl, die Exemplare einzuziehen. Fidel war nicht am materiellen Wohlbefinden seines Volkes interessiert, sondern an der Erhaltung der Macht. Der Gorbatschowismus – sagte er – würde zum Verschwinden des Kommunismus führen.

Er hatte Recht, wenn auch nur teilweise. Raúl steht vor der gleichen Alternative, mit der schon Gorbatschow konfrontiert war; erschwerend aber ist, dass heute eigentlich niemand mehr – abgesehen von hoffnungslosen Dummköpfen – glaubt, dass der Kommunismus zu retten ist. Jedenfalls hat kein Volk, das ihn losgeworden ist, wieder damit angefangen. Man hat aus einer bitteren Lektion gelernt. Im Augenblick deuten Anzeichen darauf hin, dass Raúl das stalinistische Ziel weiter verfolgen wird, so, wie es sein Bruder vorgegeben hat; es gibt aber einen Unterschied: Fidel lebt nicht mehr. Er liegt auf dem Friedhof von Santa Ifigenia unter einem riesigen Steinblock. Wer jetzt nicht das Ruder herumreißt, ist ein Feigling.

Anm. des Übers.:

* Der Voluntarismus betrachtet den Willen als die Grundfunktion des menschlichen Lebens.

Übersetzer: Dieter Schubert

Julio und Enrique Iglesias – zwei Momente im Leben Kubas

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Enrique Iglesias auf einem Archivbild mit der kubanischen Gruppe „Gente de Zona“. (Redes)

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YOANI SÁNCHEZ  | GENERACIÓN Y | 11. Januar 2017  Meine Mutter besaß ein T-Shirt mit dem Gesicht des spanischen Sängers Julio Iglesias, das sie Anfang der Achtziger Jahre auf einem Markt gekauft hatte. Während einer Versammlung des Kommunistischen Jugendverbandes (UJC) wurde sie darauf hingewiesen, dass sie das T-Shirt nicht weiter benutzen könne. Der Autor von „La vida sigue igual“ (Das Leben geht weiter) wurde auf die schwarze Liste der Zensur gesetzt und das besagte Kleidungsstück vergammelte von dem Zeitpunkt an in einer Schublade in unserem Haus.

Im Januar dieses Jahres, beinahe vier Jahrzehnte nach jenem Moment in meiner Kindheit, ist sein Sohn Enrique Iglesias nach Kuba gekommen, um dort das Video für die Single „Súbeme la radio“ (Mach das Radio lauter) zu drehen. Eine Heerschar von Fans bereitet sich darauf vor, Enrique Iglesias an all die Orte zu folgen, wo er mit dem Regisseur Alejandro Pérez, dem Musiker Descemer Bueno sowie dem puertoricanischem Duo Zion & Lenox zusammenarbeiten wird.

Auch wenn die nationalen Medien nur behutsam über den Besuch Enrique Iglesias berichtet haben, hat sich die Nachricht schnell unter den Leuten verbreitet. Es wird zweifellos Menschenansammlungen an den Orten geben, wo sich der Sänger aufzuhalten gedenkt – ganz so wie damals, als Beyoncé, Rihanna, Katty Perry, die Kardashians oder Madonna auf der Insel waren.

Diesen Mittwoch werden sich viele Mädchen und Frauen danach sehnen, ein Autogramm des erfolgreichen Künstlers zu ergattern und darauf warten, mit dem Handy einen Moment festzuhalten, in dem der Künstler sich nähert, an ihnen vorbeigeht oder sich sehen lässt. Diese jungen Frauen sind im gleichen Alter, in dem meine Mutter in jenen Jahren war, als sie ihr verboten hatten, ein T-Shirt mit dem Gesicht des anderen Iglesias zu tragen.

Meine Mutter konnte niemals ein Konzert Julio Iglesias besuchen. Ich glaube, nicht einmal seine Lieder hören. Diese Woche werden andere Kubanerinnen wie sie ihre kleine historische Retourkutsche fahren.

Zum damaligen Zeitpunkt gab die kubanische Regierung keine Erklärung zum Verbot ab. Es gab lediglich Gerüchte und Halbwahrheiten: „Er machte Aussagen gegen Kuba“, wurde in öffentlichen Kreisen kommentiert. „Julio sang für Pinochet in Chile“, warnten wütende Aktivisten in Anlehnung an die Reise des Künstlers in dieses südamerikanische Land im Jahr 1977.

Wahr ist jedenfalls, dass Iglesias, der Vater, dazu beitrug, dass die Liste der Sänger, die weder im Radio noch im Fernsehen gesendet werden durften, weiter wuchs. Sein Name kam zu jenen, die ebenfalls ausgeschlossen worden waren, wie Celia Cruz, Olga Guillot, Nelson Ned oder sogar José Feliciano. Letzterer wurde erst lange Zeit danach wieder in den kubanischen Medien gezeigt.

Wenige Jahre, bevor er “verbannt” wurde, war der Film, der sich am Leben Julio Iglesias inspirierte, ein Kino-Kassenschlager auf der Insel. Viele Zuschauer prahlten damit, den Film mehrmals am gleichen Tag gesehen zu haben und die Refrains seiner Lieder ersetzen die Lieder der Nueva Trova.

Iglesias, das Amen des künstlerischen Geschmacks, brachte frischen Wind in einem Moment, in dem die kubanische Musik sich mit Parolen füllte. Er sang von Romanze, Liebe, Verlust und Vergessen – in einem Land, in dem der Bolero auf Eis gelegt worden war und wo die einzige Leidenschaft, die man fühlen durfte, dem Ideal und der Revolution galt. Er hatte einen bahnbrechenden Erfolg bei den Jugendlichen, die die Schützengräben satt hatten und die statt Utopie das Leben in ihren Körpern spüren wollten.

Meine Mutter konnte niemals ein Konzert von Julio Iglesias besuchen. Ich glaube, nicht einmal seine Lieder hören. Diese Woche werden andere Kubanerinnen wie sie ihre kleine historische Retourkutsche fahren. Ein anderer Iglesias ist gekommen – seine Lieder sind anders und das Kuba, in dem er landet, ähnelt jener sowjetisierten Insel von damals kaum mehr. Die Musik hat gerade eine Partie gegen die Ideologie gewonnen.

Übersetzung: Berte Fleissig