Martí aus New York, ohne Visum und mit Schreibfehlern

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Das Reiterdenkmal des kubanischen Nationalhelden José Martí befindet sich seit 1950 im Central Park in New York und nun auch in Form einer Replik in Havanna (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 19. Oktober 2017    Man sieht ihn zur Seite geneigt und mit starrem Blick. Er ist tödlich verletzt und die Bronzestatue hält jene letzte Sekunde fest, die ihn von der Unsterblichkeit trennt. Eine Replik der Statue von José Martí, die sich seit 1950 im Central Park in New York befindet, hat nun einen Platz in Havanna. Am Donnerstagnachmittag unter einem strahlend blauen Himmel sahen wir die Umrisse der Statue schimmern und den Sockel leuchten. Auch die unverzeihlichen Schreibfehler in der Gedenktafel waren nicht zu übersehen.

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APOSTEL DER UNABHÄNGIGKEIT KUBAS / FÜHRER DER AMERIKANISCHEN VÖLKER UND PALADIN DER MENSCHLICHEN WÜRDE / SEIN LITERARISCHES GENIE WETTEIFERTE MIT SEINER POLITISCHEN WEITSICHT / ER WURDE AM 28. JANUAR IN HAVANNA GEBOREN / ER LEBTE WÄHREND SEINER VERBANNUNG 15 JAHRE IN NEW YORK / ER FIEL AM 19. MAI IM GEFECHT BEI „DOS RIOS“ IN DER PROVINZ ORIENTE (14ymedio)

Auf der Gedenktafel erkennt man zwei Schreibfehler:

“Cuidad” (passt auf) anstelle von “ciudad” (Stadt) und die Verbform “nació“ (er wurde geboren) umgewandelt in ein entstellendes „nacío“ (diese Verbform gibt es nicht). Dies sind zwei der „Perlen“, die in den glänzend schwarzen Granit graviert wurden, dessen Inschrift ab dieser Woche Tausende Kubaner und Besucher aus dem Ausland lesen werden. Der Schreibfehlerteufel und die mangelnde grammatikalische Genauigkeit haben dem Mann, der die Worte liebte und sie mit bewundernswerter Leidenschaft kultivierte, übel mitgespielt.

Mehr als fünf Meter hoch und drei Tonnen schwer, so wurde die Statue wenige Meter entfernt vom alten Präsidentenpalast aufgestellt. Ihre wunderschönen Linien sind eine Kopie des Kunstwerks – geschaffen von der Bildhauerin Anna Hyatt Huntington – das auf einem kleinen Platz im südlichen Teil des Parks in New York in die Höhe ragt, neben den Denkmälern von Simón Bolívar und José de San Martín.

Die fehlerhafte Inschrift auf dem Monument in Havanna, bei der unklar ist ob sie mit der Statue nach Kuba kam oder aus heimischer Produktion stammt, ist eine Beleidigung für den Poeten der Versos Sencillos1). Es ist eine Sache, einen mangelhaft überprüften Satz auf ein Blatt Papier zu schreiben; ihn aber in Stein zu meißeln gibt dem Denkmal einen Anflug von Improvisation und ist letztlich eine große Rücksichtslosigkeit gegenüber der Sprache.

Einige werden sagen, das sind nur kleine Details, aber ein Absolvent in Philosophie und Literatur verdient mindestens, dass ein guter Korrekturleser seine Gedenktafel überprüft.

Das Reiterdenkmal kommt zudem in einer schwierigen Zeit. In Philadelphia gegossen gelangt das Denkmal auf die Insel inmitten wachsender Spannungen mit den Vereinigten Staaten. Die Figur, die das Zusammenfinden zweier Nationen repräsentieren sollte – wie es im Leben von Martí stattfand – ist nun eine Erinnerung an ein verkümmertes diplomatisches Tauwetter, das nur kurz anhielt – und an eine Zeit, die unwiederbringlich verloren ist.

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Ein Mann, der ein T-Shirt mit der Flagge der USA trägt, gibt dem Denkmal in Havanna den letzten Schliff (14ymedio)

Daher mangelte es während der Aufstellung nicht an Scherzen der nahen Anwohner, „ob der Apostel wohl ein Visum für die Einreise beantragt hatte“. Die Menschen verlieren nie ihren Humor. Der traurige Scherz bezieht sich auf die Schwierigkeiten, die Kubaner überwinden müssen, um in das Nachbarland im Norden zu reisen – gerade jetzt nach dem Skandal mit den akustischen Attacken2), zu denen es mehr Fragen als Antworten gibt.

Wie das Leben so spielt trug der Arbeiter, der einige Details am Denkmal fertigstellte, stolz ein T-Shirt mit dem Sternenbanner. Ebenso wie die Schreibfehler, niemand bemerkte es,  kein Funktionär kam um zu kontrollieren was dort vor sich ging.

     Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkungen der Übersetzerin:

1) In mehr als 10 Sprachen übersetzte Gedichtsammlung und das letzte Werk von José   Martí.

2) In letzter Zeit gibt es akustische Attacken auf Angehörige der US-Botschaft in Havanna. Dabei ertönt aus dem Telefonhörer oder dem Computer ein ohrenbetäubender schriller Lärm, ähnlich dem eines lauten Grillenkonzerts – Herkunft unbekannt.

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Verbrechen oder Kampf

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Ernesto Guevara kurz vor seinem Tod im Jahr 1967 in La Higuera, Bolivien (D.R.)

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Reinaldo Escobar | 14ymedio.com | 5.Oktober 2017

Ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Ernesto Che Guevaras hat sich die offizielle kubanische Darstellung über das, was sich am 9.Oktober 1967 in La Higuera ereignete signifikant geändert.

Nachdem die Propaganda der Kommunistischen Partei Kubas jahrzehntelang wiederholt hatte, dass der Che in einer bolivianischen Dorfschule ermordet wurde, schreibt vor allem die Granma die Geschichte jetzt dahingehend um, dass „der heroische Guerillero im Kampf gefallen ist“.

Diese Änderung ist keine kleine Sache, wenn man in Betracht zieht was es bedeutet, in einer bewaffneten Auseinandersetzung zu sterben und zudem noch heroisch, weil so der Tote kein Opfer sondern handelnder Teil in einem Konflikt war. Mit einem Federstrich hat sich die amtliche Propaganda dazu entschlossen, die Version „Verbrechen“ beiseite zu legen und der „militärischen Epik“ den Vorzug zu geben; somit bleibt die Schuld bei denen, die den Schießbefehl gaben.

Nachdem die Propaganda der Kommunistischen Partei Kubas jahrzehntelang wiederholt hat, dass der Che in einer bolivianischen Dorfschule ermordet wurde, schreibt vor allem die Granma die Geschichte jetzt dahingehend um, dass „der heroische Guerillero im Kampf gefallen ist“.

Wäre Guevara nicht unter jenen kriegerischen Umständen gestorben, vielleicht hätte er den 14.Juni als dann Neunzigjähriger feiern können, wenngleich andere sagen, dass er in Wirklichkeit am 14.Mai geboren wurde. Wie bei allen Menschen, die zu einem Mythos wurden, ist deren Biografie gespickt mit Widersprüchen und dunklen Seiten, Polemik und Halbwahrheiten. Auch die Daten, wann er in diese Welt kam und wann er sie verließ, werden in Frage gestellt.

Vielleicht, wenn dieser Argentinier nicht in La Higuera gestorben wäre, hätte er seine Tage in einem verstaubten Büro eines Ministeriums beenden können oder er wäre – fern der politischen Macht – einer Säuberungsaktion zum Opfer gefallen, wie es sie vor einem halben Jahrhundert gab. In keinem Fall würde es heute so viele Legenden über sein Leben geben und auch keine Filme, die ihn wahlweise idealisieren oder stigmatisieren.

Ohne die Gewehrschüsse, nachmittags um 1.10 Uhr in jenem kleinen Klassenzimmer, hätte sich das emblematische Foto, auf dem man ihn mit langen Haaren und einem in die Ferne gerichteten Blick sieht nicht in eine Ikone des 20.Jahrhunderts verwandelt; es würde nicht die Regale von Souvenirläden füllen und nicht auf den T-Shirts so vieler Jugendlicher auftauchen.

Mit geringen Abweichungen stimmen alle Berichte darin überein, dass Guevara am 8.Oktober 1967 gefangen genommen wurde und einen Tag später, ohne dass ein Gerichtsverfahren stattfand, sein Leben durch die Hand eines bolivianischen Soldaten verlor, der Befehle seiner Regierung ausführte. Guevara war zu dieser Zeit waffenlos und verletzt.

Andere Versionen beschuldigen direkt oder indirekt die CIA, besonders Félix Rodríguez*) – ein Kubaner in amerikanischen Diensten.

Kuba bleibt weiter dabei des Todes von Guevara am 8.Oktober zu gedenken, weil Fidel Castro in seiner ersten offiziellen Information diesen Tag als Todestag nannte.

Beim Gipfeltreffen Lateinamerikanischer Staaten im April 2015 in Panama wiesen kubanische Medien darauf hin, dass Rodríguez dort erschien, um einigen kubanischen Oppositionellen zu begegnen, die wie er am Treffen teilnahmen. Abgesehen von provokativen Attacken, die der Platz der Revolution (Regierungssitz) initiiert hatte, beschuldigte man die Aktivisten, dass sie angereist wären, „um den Mörder des Che zu umarmen“. Jene Person scheint heute vom Vorwurf der Tötung entlastet zu sein, auf Betreiben und dank einer regierungsfreundlichen Presse.

Kuba bleibt weiter dabei des Todes von Guevara am 8.Oktober zu gedenken, weil Fidel Castro in seiner ersten offiziellen Information diesen Tag als Todestag nannte. Deswegen gibt es an diesem Sonntag in mehreren Konzertsälen ein übereinstimmendes Programm mit symphonischen Werken, Lesungen und Liedern.

In Santa Clara steht ein Monument mit den sterblichen Überresten von anderen Kubanern, die in Bolivien während des Guerilla-Kriegs gefallen sind; dort wird die Hauptveranstaltung stattfinden um an den Todestag von Che Guevara zu erinnern. Keiner der Anwesenden wird es wagen, die signifikante Änderung zu hinterfragen, die der Gedenktag erfahren hat.

              Übersetzung: Dieter Schubert

 

Anmerkung des Übersetzers:

*) Nach der Gefangennahme Che Guevaras durch bolivianische Soldaten im Oktober 1967, verhörte ihn Rodríguez, wogegen sich Guevara jedoch weigerte. Nach eigenen Angaben war es Rodríguez, der den Befehl der bolivianischen Militärführung zur Erschießung Guevaras an die örtlichen Soldaten übermittelte. (Quelle: Wikipedia)

 

Abwesenheit bedeutet Vergessen

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Selbst wenn Castro heute nach Esmeralda, Punta Alegre oder Corralillo aufbrechen würde, könnte er sich nicht von dem Zweifel abschütteln, dass sein Besuch ehere das Ergebnis von Druck als aus eigenem Willen geschah. (EFE)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 25.September 2017   

Den meisten Politikern im Amt gefällt es sich fotografieren zu lassen, während sie Kinder grüßen, mit den Arbeitern einer Fabrik reden oder ein Katastrophengebiet besuchen. Diese Bilder, von denen es unzählige gibt, bedeuten keine bessere Amtsführung der Regierung, ja nicht einmal ehrliche Sorge, aber sie folgen zumindest dem üblichen Prozedere.

Vor nun mehr als zwei Wochen verwüstete Wirbelsturm Irma zahlreiche Dörfer im Zentrum Kubas, fegte durch Gebiete an der Nordküste und überschwemmte das Küstengebiet Havannas. Raúl Castro hat keinen einzigen der betroffenen Orte besucht. Man sah ihn nicht einmal in der Nähe von Häusern ohne Dächer, von Gehsteigen, auf denen die Möbel in der Sonne trocknen, oder von Unterkünften, in denen sich diejenigen aufhalten, die nicht in ihre Häuser zurückkehren können.

In den ersten Tagen seiner Abwesenheit spekulierte man noch über den Gesundheitszustand des über Achtzigjährigen und eine mögliche Verhinderung an einer Reise in die betroffenen Regionen. Dennoch hatte Castro genug Energie, um Nicolás Maduro am Flughafen zu empfangen und zu verabschieden. Er entschied sich für ein Foto mit dem venezolanischen Präsidenten, statt mit der vom Sturm betroffen Bevölkerung.

Nachdem Wirbelsturm Irma über Kuba gezogen ist, hat Raúl Castro keinen der betroffen Orte besucht.

Die Gefühle, die durch diese Distanzierung hervorgerufen werden, sind widersprüchlich. Seine treusten Anhänger spekulieren darüber, dass er keine zusätzlichen staatlichen Gelder für einen Besuch, der eher symbolisch als hilfreich wäre, verschwenden möchte. Andere versichern, dass er bevorzugt junge Beamte vor die Kamera treten und an Präsenz gewinnen lässt, da er am kommenden 24.Februar das Amt des Präsidenten niederlegen wird.

Seine Kritiker dagegen sprechen von dem Verdruss, der den General nach einer Reihe von Niederlagen in Beschlag genommen hat. Dazu zählen unter anderem der gescheiterte Versuch eine einheitliche Währung zu schaffen, ausländische Investitionen anzulocken, die Korruption zu verringern, sowie einen gerechten Lohn für Arbeiter einzuführen, der ihnen ein Leben in Würde ermöglicht. Der Anführer der Kommunistischen Partei ist nur wenige Wochen bevor er sein Amt niederlegt von Müdigkeit befallen worden.

Nun ist es längst zu spät für ein Bild mit den Betroffenen. Selbst wenn Castro heute noch nach Esmeralda, Punta Alegre oder Corralillo aufbrechen würde, den Verdacht, dass der Besuch eher das Ergebnis des öffentlichen Drucks wäre und nicht sein eigener Wunsch, würde er nicht loswerden. Eine Momentaufnahme mit einer alten Frau, von deren Haus nur noch die Grundmauern übrig sind, wäre ein populistischer Akt. Aber das Fehlen dieses Fotos lässt ihn distanziert und gleichgültig wirken.

Wenn er dorthin geht, wo Irma eine Spur der Verwüstung zurück gelassen hat, verliert er, wenn er in seinem Palast bleibt verliert er aber ebenso.

        Übersetzung: Anja Seelmann

 

Leb wohl August, niemand wird dich vermissen

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Überall ist die Anspannung zu spüren. Die Menschen, die in langen Reihen anstehen, gestikulieren laut und nutzen die erstbeste Gelegenheit, um jemand zu beleidigen oder das Klima zu verfluchen. (E. Marrero)

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 31. August 2017

Wenn der Dichter T.S.Eliot auf Kuba geboren worden wäre, hätte er den August als den grausamsten Monat bezeichnet und nicht den April. Sobald der Juli endet und der September beginnt, wird alles komplizierter. Zu den hohen Temperaturen gesellen sich die Ferien von tausenden Schülern und Studenten sowie die Urlaubszeit der staatlichen Angestellten. Das bewirkt, dass der Alltag langsamer dahinfließt, warm und zäh.

Die Telefone in den Ministerien klingeln, aber niemand hebt den Hörer ab; die Beamten sind nicht an ihren Schreibtischen und ihre Sekretärinnen nutzen die Hitzewelle, um sich mit Hingabe dem Lackieren ihrer Fingernägel zu widmen. Alle rechtfertigen sich damit, dass es Sommer ist, alle geben dem Monat die Schuld, so, als ob es sich um einen Virus handeln würde, dessen einzig mögliche Behandlung darin besteht abzuwarten, dass er verschwindet.

Überall ist die Anspannung zu spüren. Die Menschen, die in langen Reihen anstehen, gestikulieren laut und nutzen die erstbeste Gelegenheit, um jemand zu beleidigen oder das Klima zu verfluchen. Es ist diese Lethargie, die uns am Denken hindert. Alle haben ihren Blick auf den September gerichtet, den herbeigesehnten Monat.

Trotzdem, auch wenn der August hinter uns liegt, geht das alltägliche Leben nur schleppend weiter. Ob es nun die Hitze, der Regen, ein Orkan oder der politische Betrieb ist, auf Kuba gibt es immer ein Argument für Apathie und Trägheit.

       Übersetzung: Dieter Schubert

Der Kampf der kubanischen Frauen gegen die Dämonen des Machismo

 

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All diese dummen Vorurteile, die auf dieser Insel kaum abgenommen haben, führen dazu, dass uns das Talent genommen wird, das wir haben


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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 1. Juli 2017    Ein Mann schaut mich von oben herab an, weil ich über Kabel und Stromkreise spreche. Er verzieht missfallend das Gesicht, als er meine nicht manikürten, kurz geschnittenen Fingernägel sieht und ärgert sich, weil ich seine „Komplimente“, die ich eigentlich gerne und dankbar annehmen sollte, ablehne. Er spricht es nicht aus, aber für ihn bin ich nur eine Kreatur, die schön anzuschauen sein soll, sich um den Haushalt kümmern und Kinder auf die Welt bringen soll.

Es ist ein kräftezehrender Kampf. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute müssen wir kubanischen Frauen – und viele weitere Frauen aus anderen Teilen der Erde – uns mit dieser Häufung an Dummheiten herumschlagen. „Das kannst du nicht; lass das doch deinen Mann machen“ ist einer der netteren Sätze, die sie zu uns sagen, obwohl ich auch schon andere habe sagen hören, dass „die Frauen nur sprechen, wenn die Hennen pinkeln“, was schlichtweg nie bedeutet.

Ein Journalist fragt mich vor laufender Kamera, wie ich mein Dasein als Mutter mit meiner Arbeit als Leiterin einer Zeitung in Einklang bringe. Obwohl ich versuche, das Gespräch in eine rein berufliche Richtung zu lenken, besteht er darauf, auf meine Eierstöcke zu verweisen. Ein politischer Polizist macht sich lustig über mich, weil mein Haar zerzaust ist. Wahrscheinlich stören ihn meine Texte mehr, aber er verspürt eine besondere Freude, wenn er meine Weiblichkeit „angreifen“ kann. Was für eine Zeitverschwendung.

Letzten Endes musste ich schon 1001 Mal den Versuchen entkommen, mich in eine Schublade stecken zu lassen. Diese Schublade, wo wir still sein, uns alles gefallen lassen, lächeln und ertragen müssen; wo wir mit Anmut die Chauvis anlachen und uns von ihren Sprüchen geschmeichelt fühlen sollen. Eine verkehrte Welt, die dazu führt, dass die Gesellschaft ihren Kern verliert und nur noch die Schale übrig bleibt.

All diese dummen Vorurteile, die auf dieser Insel kaum abgenommen haben, führen dazu, dass uns das Talent genommen wird, das wir nicht nur als Frauen, sondern vor allem als Menschen haben.

Übersetzung: Eva-Maria Böhm

 

Die einfache Geschichte einer Dachabdeckung

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 20. Juli 2017     Eines Tages kamen sie beladen mit Rollen von Dachpappe, um die Dachterrasse dieses Betonblocks, in dem mehr als 100 Familien wohnen, wasserdicht zu machen. Bei Hinweisen stellten sich die staatlichen Angestellten taub.

„Wir brauchen diese Abdeckung hier nicht“, äußerten sich einige Bewohner.

„In keine der Wohnungen dringt Wasser ein, wenn es regnet“, erklärten andere. Nichtsdestotrotz nahm die Installation ihren Lauf, ohne dass die Meinung der Bewohner dabei berücksichtigt wurde, so, wie bei jeglicher Anordnung „von oben“.

Es gab keinen Weg, die Behörden davon zu überzeugen, dass dieses Vielfamilienhaus, das während der Jahre der sowjetischen Subventionen gebaut wurde, andere Dinge dringend nötiger hätte. Die Wasserleitungen sind im Laufe der Jahre korrodiert und der Blitzableiter ist seit Jahren beschädigt.

„Es steht nur Dachabdeckung zur Verfügung und diese werden wir anbringen“, entschied der Chef der Arbeiter, die tagelang über unseren Köpfen arbeiteten.

Kurze Zeit später begann die Abdeckung an einigen Stellen zu bröckeln. Das Regenwasser, das sich darunter ansammelte, drang in die Häuser ein, weil es an der Sonne nicht mehr verdampfen konnte. Wir Bewohner der obersten Wohnungen litten unter allen möglichen Problemen, die auf diese ungeschickte Entscheidung zurückzuführen waren: Kurzschlüsse in Deckenlampen, Undichtigkeiten und gelbe Flecken an den Decken, die immer grösser wurden. Was eine Lösung hätte sein sollen, hat uns nur Kopfschmerzen bereitet.

Momentan besteht der Kampf der Gemeinschaft darin, die Abdeckungen wieder zu entfernen, aber die Erlaubnis dazu wird nicht so schnell gegeben wie vor einigen Jahren, als einige Bürokraten beschlossen, diese Abdeckungen anzubringen. Die mutigsten Bewohner haben jetzt die Deckenteile über ihren Wohnungen eigenhändig abgerissen, während die Vorsichtigeren warten, bis die offizielle Weisung erfolgt. 

Während der Jahre, in denen Teile der Dachterrasse bedeckt blieben, hat sich dort Schimmel angesetzt und durch die Feuchtigkeit entstanden Risse – den Schaden wird nun jeder Bewohner aus eigner Tasche reparieren lassen müssen.

Während der Jahre, in denen Teile der Dachterrasse bedeckt blieben, hat sich dort Schimmel angesetzt und durch die Feuchtigkeit entstanden Risse – den Schaden wird nun jeder Bewohner aus eigner Tasche reparieren lassen müssen.

Einige Meter weiter, im Stadtviertel La Timba, fordern Familien seit Monaten Dachpappe zu erschwinglichen Preisen, um ihre Behausungen zu reparieren. Wie sie versichern, werden die Häuser mit dem Sommerregen „von innen nässer als von außen“. Einige haben sich unserem Gebäude „genähert“, um Stücke dieser für uns unnützen Abdeckung zu „bekommen“, die uns die Lotterie der staatlichen Ineffizienz beschert hat.

Die Geschichte dieser Dachabdeckung ist nur eine Beispiel von vielen tausend Absurditäten, gegen die wir Kubaner täglich ankämpfen müssen: ein weiterer Beweis dafür, wie staatliche Mittel mit überflüssigen Aktivitäten verschwendet werden, um Sollzahlen zu erreichen oder irrationale Planziele zu erfüllen, während die wahrhaften Probleme und Schwierigkeiten umgangen oder verheimlicht werden.

Die unnütze Abdeckung hat nicht nur bedeutende Schäden in mehreren Wohnungen angerichtet, sondern darüber hinaus die geringe Entscheidungsbefugnis einer Gesellschaft verletzt – die einer Gruppe von Anwohnern, die nicht einmal in Eigenverantwortung die fehlerhaften Teile auf unserer Dachterrasse entfernen darf.

          Übersetzung: Berte Fleißig

Gute Zeiten für das „Paket“

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Ein Kubaner greift von seinem Laptop auf das „Paket“ zu

 

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YOANI SÁNCHEZ | GENERACIÓN Y | 27. Juni 2017 Seit Donald Trumps Ansprache im Manuel Artime Theater in Miami erlebt die offizielle Propaganda Tage der Euphorie. Der Diskurs der Regierung wallt mit solcher Intensität, wie man sie seit der Kampagne für die fünf Spione, die in den USA festgenommen wurden, nicht mehr erlebt hat. Angesichts dieser Übersättigung an Parolen, flüchten sich viele lieber in das „Paket“.

Die kubanische Regierung scheint bei der Verbreitung von Inhalten durch ihre schlimmsten Feinde beraten zu werden, angesichts der exzessiven Ideologie und der Gedenktage bei den nationalen Medien. Das Ergebnis ist ein galoppierender Verlust von Fernsehzuschauern, die lieber auf informelle Netzwerke zugreifen, die audiovisuelle Medien, Serien und Filmen verbreiten.

Jede Zeile einer zornigen politischen Schmährede, die in den Printmedien veröffentlicht wird, bedeutet einen verlorenen Leser, der so viel Rhetorik Leid ist. Es ist leicht, anhand von Kommentaren der Menschen auf der Straße herauszufinden, wie das „Rating“ der Medien, die von der kommunistischen Partei kontrolliert werden, in diesen Tagen einbricht – besonders bei den jüngeren Menschen.

Es ist leicht, anhand von Kommentaren der Menschen auf der Straße herauszufinden, wie das „Rating“ der Medien, die von der kommunistischen Partei kontrolliert werden, in diesen Tagen einbricht – besonders bei den jüngeren Menschen.

In der Vergangenheit hatte der vom vielen leeren Geschwätz ermüdete Zuschauer aufgrund fehlender Alternativen keine andere Möglichkeit, als dieses weiterhin zu ertragen. Heutzutage leben die Kubaner jedoch in Zeiten des USB-Sticks und der externen Festplatte.

Während heute die staatlichen Medien gegen die neue Kubapolitik des Präsidenten der Vereinigten Staaten wettern, wird der informelle Markt mit Unterhaltungsmaterialien überflutet, die rein gar nichts mit Politik zu tun haben.

Eine sehr schlechte Kopie des Filmes „Die Mumie“ mit Tom Cruise, „Wonder Woman“ von Patty Jenkins und die achte Folge von „The Fast and the Furious“ ziehen die Anhänger des „Pakets“ in ihren Bann, was den „Hauptdarstellern“ der Regierung Kopfschmerzen bereitet, da sie nicht wissen, wie diese verlorenen Zuschauer zurückgewonnen werden können.

Es ist bemerkenswert, dass Science-Fiction Filme, Phantasiefilme sowie Autorennen dort Erfolg haben, wo die Politik kontinuierlich an Bedeutung verliert. Die Kubaner flüchten durch Fiktionen aus der Realität und entkommen der Propaganda, indem sie Programme auswählen, die nichts mit der Ideologie zu tun haben.

Übersetzung: Berte Fleißig