Presse und Verantwortung angesichts der Tragödie

Die Rauchwolke der Explosion beim Hotel ‚Saratoga‘ konnte man vom Platz der Revolution aus sehen. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 7.Mai 2022

Es klang wie ein Donnerschlag, aber als ich auf dem Balkon Ausschau hielt, war der Himmel wolkenlos. Ich schaute über die Stadt und sah einen Berg aus Rauch, der sich über den Bereich Alt-Havanna erhob. Instinktiv schaute ich auf die Uhr, es war am Morgen, 10:53 Uhr, Freitag der 6.Mai. Wir wussten nicht was geschehen war, aber es war ernst. In der Redaktion von 14ymedio verfassten wir in aller Eile eine Pressenotiz, die der Welt mitteilte, dass Havanna von einer Explosion erschüttert wurde; zunächst glaubten wir, dass der Bereich der Bucht davon betroffen wäre.

Wenig später erreichten uns die ersten Bilder, unsere Reporter näherten sich dem Ort und das Ereignis nahm Form an: Das Hotel ‚Saratoga‘ war eingehüllt von einer Staubwolke und die nähere Umgebung bedeckt mit Schutt. Die Leute machten Fotos mit ihren Mobiltelefonen; sie waren in der Nähe des Bauwerks und berichteten, dass von dem, was bis vor kurzem noch ein architektonisches Schmuckstück der Stadt war, nur eine große Ruine aus Eisenteilen und Steinen übrig geblieben war. Fast eine Stunde lang hat die offizielle Presse nicht reagiert.

Die Journalisten der Stadt und die unabhängigen Medien gingen sehr verantwortungsvoll mit diesen langen Minuten um. Trotz der Gerüchte, die in den Straßen zirkulierten und eine Bombe oder Sabotage mutmaßten, bewahrten meine professionellen Kollegen die Ruhe und versuchten, jeden publizierten Hinweis zu überprüfen. Das war schwierig, denn als die offiziellen Zeitungen begannen von dem Vorfall zu berichten, vermischten sie oft Tatsachen mit Spekulation und Wahrheiten mit Lüge. Die schlimmsten Falschmeldungen gingen zu Lasten der Titelseiten, die von der Kommunistischen Partei kontrolliert worden waren.

Die Journalisten der Stadt und die unabhängigen Medien gingen sehr verantwortungsvoll mit diesen langen Minuten um.

Die Berichterstattung im Fernsehen war katastrophal. Die schlecht vorbereiteten Sprecher improvisierten, verwechselten das Hotel ‚Saratoga‘ mit dem Kapitol und erklärten jemand für tot, weil sie nur auf ihre Bildschirme starrten und sahen, wie ein Körper auf einer Bahre herausgetragen wurde, als ob sie Ärzte wären und entscheiden könnten, wer lebt und wer nicht. Die überall waltende Ideologie versuchte, die menschliche Solidarität für sich in Anspruch zu nehmen, indem sie die Hilfe, die Anwesende für die am meisten Betroffenen leisteten, als parteiisch motiviert bezeichnete.

Dazu kam noch, dass Miguel Díaz-Canel nicht auf die Gelegenheit verzichtete, sich vor den Mikrofonen mit den unabhängigen Medien anzulegen, die er beschuldigte, Gerüchte in die Welt zu setzen und Lügen über das Geschehen zu verbreiten. Anstatt angesichts der Tragödie an Eintracht und Solidarität zu appellieren, zog er es vor, diesen schmerzlichen Moment für seinen alten Kampf gegen ‚Abtrünnige‘ zu nutzen. Der mittelmäßige Mann, der er ist, zeigte wieder einmal, dass ihm jedwede Größe eines Staatsmanns fehlt.

Ohne unsere Arbeit und die von vielen Bürgern, die vor Ort informierten, hätte es viel länger gedauert, bis die Nachricht bekannt geworden wäre, und die solidarische Hilfe hätte sich um eine Zeitspanne verzögert, die entscheidend für die Opfer war. Die Presse zu beschuldigen, ist mitten in einer Tragödie ein hässlicher Akt von Parteipolitik, und der Versuch, Emotionen zu benutzen, um Journalisten herabzuwürdigen.

Der mittelmäßige Mann, der er ist, zeigte wieder einmal, dass ihm jedwede Größe eines Staatsmanns fehlt.

An diesem Freitagvormittag erreichte uns eine Nachricht, die uns erschütterte und uns zwang 24 Stunden ununterbrochen zu arbeiten. Keine Frage, auch wir hätten es vorgezogen, wenn die Nachricht froh und verheißungsvoll gewesen wäre. Aber angesichts einer Katastrophe bestimmen Transparenz, Professionalität und Respekt im Umgang mit Leidenden unsere Informationspolitik, ohne dass wir uns einbilden, ein Vorrecht darauf zu haben.

Machen Sie keinen Fehler, Díaz-Canel, in den ersten Stunden dieses bedauernswerten Ereignisses, war die unabhängige Presse unverzichtbar. Ohne es zuzugeben lest ihr uns, kopiert uns, und übernehmt sogar ganze Sätze aus unseren Artikeln. Während ihr uns von oben bis unten beleidigt, in euren klimatisierten Büros ergänzt ihr Berichte über das Drama mit vielen Details, die wir zusammengetragen haben.

Unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl soll denen gehören, die einen geliebten Menschen verloren haben, auch denen, die einen Angehörigen haben, der jetzt in einem Hospital um sein Leben kämpft, oder dem, der noch unter den Trümmern eingeschlossen ist. Ihr sollt wissen, dass wir unseren informativen Auftrag nicht eher für beendet erklären werden, bis wir alle Details zu diesem Geschehen publiziert haben; wir bestehen auf einer transparenten Untersuchung ohne politische Manipulationen. Wir werden immer auf Seiten der Opfer sein.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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