Für das blaue Vögelchen beginnt eine neue Epoche; Flug oder Fall?

Das Logo von Twitter; Archivbild. (EFE/EPA/JUSTIN LANE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 30.April 2022

Wird es höher fliegen oder abstürzen? Diese Frage über die Zukunft von Twitter beschäftigt uns seit einiger Zeit, aber nach der Mitteilung von Elon Musk, dass er das soziale Netzwerk für etwa 44 Milliarden Dollar gekauft hat, hat die Frage an Bedeutung gewonnen. Es handelt sich nicht nur um einen virtuellen Raum für Prominente und Politiker; das Netzwerk ist auch ein Sprachrohr und ein Schutzschild für viele Tausend Aktivisten und Journalisten, weltweit.

Seit 14 Jahren habe ich ein Konto bei dem blauen Vögelchen; ich eröffnete es im Sommer 2008, als der mittlerweile legendäre Tweet von Jack Dorsey, in dem er schrieb „Just setting up my twttr“, als der erste Zweig für ein Nest gewürdigt wurde, das uns alle aufnehmen konnte. Seit damals, zunächst mit 140 Zeichen und heute mit den aktuellen 280, hat mich sein Zwitschern vor manchem Schrecken bewahrt, und hat mir geholfen, von meinem Land zu berichten.

Als die offizielle kubanische Presse zum ersten Mal Twitter erwähnte, erklärte sie den Kurznachrichtendienst als eine von der CIA, dem Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten, kreierte Technologie. Wie bei jedem neuen Phänomen eröffneten die Propagandisten des Castrismus das Feuer auf etwas, was sie zwar nicht verstanden, aber für kurzlebig hielten. Ihre Ablehnung von Twitter einerseits, und, auf der anderen Seite, die Notwendigkeit eines Tools für Aktivisten und unabhängige Journalisten, um unmittelbar publizieren können,…beides war kennzeichnend für den Flug des Vögelchens über diese Insel.

Twitter hat ein rebellisches und aufsässiges Naturell, von dem Tag an, als die Kubaner begannen die Plattform zu nutzen. Als der Platz der Revolution ihre wahre Bedeutung erkannte, hatten oppositionelle Gruppen, alternative Medien und eher kritische Bürger schon Monate oder Jahre Tweets verbreitet. Dann landete auch die Kommunistische Partei Kubas in dem Netz, das sie bis vor kurzem abgelehnt hatte.

Wie bei jedem neuen Phänomen eröffneten die Propagandisten des Castrismus das Feuer auf etwas, was sie zwar nicht verstanden, aber für kurzlebig hielten.

Die Ankunft von regierungstreuen Anhängern im Netz war markiert von förmlich wiederholten Losungen mit null Spontanität, der Schaffung von „bots“, die sich der Drangsalierung von Dissidenten widmeten, und der Bereitstellung einer ganzen Armee von Cyber-Polizisten, die den überwachten, der mit Kritik an der Regierung übertrieb. Solche Praktiken blieben bei dem „Riesen in San Francisco“ nicht unbemerkt; der häufig mit der Sperrung von Accounts zweifelhaften Ursprungs antwortete, sowie mit Verwarnungen aufgrund von offiziellen Bedrohungen wehrloser Bürger.

Die Geschichte, die ich gerade erzähle, wiederholt sich in fast allen Ländern mit autoritären Regimen, mit extremen Beispielen wie das von China, wo Twitter kaum „piep“ sagen kann, wegen der dort herrschenden eisernen Zensur. Andererseits sind manche Diktaturen von ihrer anfänglichen Ablehnung dazu übergegangen, den Dienst zum Zweck der Propaganda und Einschüchterung zu nutzen. Im Zusammenhang mit dem Besitzerwechsel im Unternehmen, bleibt die große Frage, ob es für tyrannische Staatsmodelle einfacher wird, ihr Ziel zu erreichen, oder ob sie, im anderen Fall, mit ihren schmutzigen digitalen Tricks nicht mehr weitermachen können.

Der reichste Mann der Welt steht vor einer Herausforderung. Er hat versprochen aus Twitter einen Raum für die Meinungsfreiheit zu machen, „besser als je“, aber er hat auch eine virtuelle Welt erworben, in der es mehr als 300 Millionen Identitäten gibt, viele davon real, ein Gutteil mit unsicherer Herkunft oder ersichtlich fiktiv. Jenseits von Prominenten, Multimillionären und Präsidenten − der Zweifel, der bei uns Nutzern als die verletzlichste Gruppe aufkeimt, ist, ob das blaue Vögelchen unsere Stimme weiterhin in „Höhen“ tragen wird, wo ein kurzer Tweet einen Staatsstreich aufhalten, die Riegel einer Gefängniszelle öffnen, oder einen Gnadenschuss verhindern kann.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika“ publiziert.

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Ein Gedanke zu „Für das blaue Vögelchen beginnt eine neue Epoche; Flug oder Fall?

  1. Viele ziehen jetzt weiter: zu mastodon.
    Dezentral, demokratisch, no oligarchs
    Gute Atmosphäre.
    Würde mich freuen, auch dort, Nachrichten aus Cuba zu empfangen.
    Müsste doch möglich sein, dort auch aus Cuba Ccounts einzurichten?
    Mein Account dort: @PoetinPaulaCGeorges@troet.cafe

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