Das Gefängnis für politische Häftlinge, von Pepe bis Luisma

Zwischen José Martí und Luis Manuel Otero Alcántara liegt mehr als ein Jahrhundert, aber ihre Geschichten ähneln sich sehr. (Collage)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 28.Januar 2022

#DiarioParaLuisma día 70

„Luisma“ ist der kubanische Performancekünstler Luis Manuel Otero Alcántara; „Pepe“ der kubanische Nationalheld José Martí. Es ist der 28.Januar und die jeweiligen Umstände sind so verworren, dass ich sie mir beide vereint und überzeugt vorstellen will. In meinem Kopf tauchen Bilder auf und verschwinden wieder; ich versuche, sie in schriftlicher Form für diese Zeitung festzuhalten, während ich Nachrichten von Freunden höre, die das Land verlassen, und von Räumen, die sich für uns in Kuba verschließen.

Er ist 17 oder auch 34 Jahre alt. Die Fußfesseln haben auf seinen Knöcheln Spuren hinterlassen, die ein Leben lang bleiben werden. Seine Telefonanrufe aus dem Gefängnis werden immer häufiger getrennt. Er wurde in San Isidro geboren, einem Stadtviertel von Havanna, hat eine breite Stirn und einen Schnauzbart. Es ist die Damas-Straße, könnte aber auch die Paula-Straße sein.

„Der Schmerz im Gefängnis zu sein ist brutal und zerstört dich“, schreibt er. Als er diese Worte kritzelt, ist er voller Hoffnung. Wie kann ein junger Mann diese Illusion aufrecht erhalten, wenn man ihn dazu zwingt, in den Steinbrüchen von Havanna Steine zu brechen? Vielleicht glaubt er, dass es in einem Kuba der Zukunft, für das er sich opfert, keine jungen Leute mehr geben wird, die im Gefängnis sind, weil sie Freiheit verlangten. Er irrt sich.

Sie nennen ihn Pepe. Wenn er jemanden kennengelernt hätte mit Namen Luis Manuel Otero Alcántara, vielleicht hätte er kurz innegehalten um zu erfahren, wer die sind, die solche Namen tragen, die wie Hammerschläge gegen eine Tür klingen. Aktion ist nicht seine Sache; aber in seinem kurzen Leben von nur 42 Jahren hat er Spuren hinterlassen, die sich tiefer eingegraben haben, als die von manchen „Kriegern“ mit gerunzelter Stirn. Seine Sache ist das Wort.

Seit Pepe ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, seit Luisma einige Jahrzehnte. Es ist Freitag, der 28.Januar, ihre beiden Geschichten verflechten sich noch einmal.

Man hört Schläge auf einen alten Gaszylinder, es ist die Alarmglocke; die Gefangenen sollen aufwachen. In den frühen Morgenstunden träumte er, er würde eine leidenschaftliche Rede in Tampa halten und später in Havanna einen Knüppel gegen das Schaufenster eines sehr teuren Ladens werfen. Er kam zu der Überzeugung einen Hungerstreik zu beginnen, und hörte wenig später das Gelächter jener, die ihn hinter seinem Rücken den „Spinnen-Kapitän“ nannten.

Er versteht nicht, warum diese Bilder in seinem Kopf auftauchen; in einem seiner Tagträume sieht er sich, wie er für ein Foto posiert und dabei den zerschlissenen Ellenbogen seiner Jacke verbirgt. Er ist mager und stark; er ist Weißer, Mulatte, Kreole und alles andere. Schimpfwörter mag er nicht, wenn er aber solche verwendet, werden daraus Lieder. Was er jetzt am liebsten tun möchte, ist, wieder durch seine Stadt laufen, ohne Überwachung, durch die Stadt, in der er geboren wurde.

Er wacht auf, die Traumbilder verblassen im aufgeregten Schreien der Gefängniswärter. Man hört das Jammern von Lino Figueredo, fast leblos, infolge von Härten der Gefängnisordnung, und auch das Klagen von Yunieski, einem jungen Mann aus Romerillo, der nicht weiß, warum er hinter Gitter gekommen ist. Er hilft beiden beim Aufstehen; jetzt beginnt der schlimmste Teil des Tages im Gefängnis: wach zu sein.

Seit Pepe ist mehr als ein Jahrhundert vergangen, seit Luisma einige Jahrzehnte. Es ist Freitag, der 28.Januar; ihre beiden Geschichten verflechten sich noch einmal. „Ich werde euch weder hassen noch verfluchen“, erklären sie, und obwohl sie darauf setzen weiterzuleben, sollte es „ein Leben in Würde sein“. „Wenn ich jemanden hassen würde, würde ich mich selbst dafür hassen“, ergänzen sie. „Entweder seid ihr Barbaren, oder ihr wisst nicht, was ihr tut“, fügen sie noch hinzu.

Ganz sicher, es sind Barbaren. Die höchst mittelmäßige Staatsmacht in Kuba, die sie eingesperrt hat, besteht leider aus Barbaren.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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