Der Kalender trifft uns wieder mit dem 28.Januar

Ein Einsatzkommando vor den Türen des Gerichts in Santa Clara, wo die Verhandlungen gegen die Demonstranten des 11.Juli stattfinden. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 24.Januar 2022

In den letzten Jahren sind dem 28.Januar, dem Geburtsdatum des Nationalhelden José Martí, tragische Ereignisse vorausgegangen. Am 27.Januar 2020 starben beim Einsturz eines Hauses drei Mädchen, und genau ein Jahr vorher fegte ein Tornado über Havanna hinweg. Am 28.Januar wurde Martí vor 169 Jahren geboren; in diesem Jahr geht an seinem Gedenktag eine Woche mit Urteilen gegen Demonstranten des 11.Juli zu Ende.

Die Verfahren, in denen man die aburteilt, die an jenem Tag protestierten, waren gekennzeichnet von Ungerechtigkeit und dem Versuch des Regimes, eine exemplarische Botschaft auszusenden. Die hohen Gefängnisstrafen, die die Staatsanwaltschaft für viele der Angeklagten fordert, zusammen mit den zu erwartenden Urteilen, lassen Schlimmes ahnen. Diese Zeiten hinter Gittern bedeutet für viele Angeklagte mehr Jahre im Gefängnis zu verbringen, als sie bisher schon gelebt haben.

Außerdem werden Familien zerstört, wenn sie einen Sohn oder eine Tochter im Gefängnis haben, und die Furcht vieler Kubaner, in eine ähnliche Situation zu geraten, spornt sie an, das Land so schnell wie möglich zu verlassen.

So viel Maßlosigkeit, um einen Akt von Bürgerprotest zu bestrafen, hinterlässt eine traurige Bilanz. Außerdem werden Familien zerstört, wenn sie einen Sohn oder eine Tochter im Gefängnis haben; und die Furcht vieler Kubaner, in eine ähnliche Situation zu geraten, spornt sie an, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Unter denen die weggehen sind nicht nur die, die an den besagten Demonstrationen teilnahmen, sondern vor allem die, die potentiell den nächsten sozialen Aufstand in die Wege leiten könnten.

Der Abschreckungseffekt geht einher mit Druck auf Angehörige, die die regelwidrigen Gerichtsverfahren anprangern, auch mit Drohungen gerichtet an jene, die in ihren sozialen Netzen die Maßlosigkeit der Staatsanwälte und Richter verbreiten und so eine Kampagne der sozialen Verteufelung von Verhafteten bekannt machen. Unfähig, wie die kubanische Bürokratie ist, hat sie nicht vorausgesehen, dass sich an jenem Sonntag die Straßen mit den Rufen „Freiheit“ füllen würden; jetzt will man diese eindrucksvollen Bilder verblassen lassen, mit den Mitteln Gefängnis und Angst.

Am 28.Januar, an dem José Martí zum ersten Mal weinte, werden fast 40 Urteile gegen Dutzende von Kubanern ergehen, die gleich ihm glaubten, dass Kuba ein freieres Land werden könnte, „zum Guten für alle“. Wegen dieser Haltung legte man dem 16-jährigen Martí eine Fußfessel an und später wurde er zu mehrjähriger Verbannung verurteilt. Eine beunruhigende Parallele zu dem, was sich diese Woche in Kuba ereignet.

Der Kalender setzt uns wieder vor den Spiegel unserer Geschichte. Die jungen Leute bleiben Verurteilte und werden auf dieser Insel ins Exil getrieben.

            Übersetzung: Dieter Schubert

___________________________________________________________________

ARBEITE MIT UNS ZUSAMMEN:

Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden dich hier ein, uns weiterhin zu unterstützen, werde Mitglied unserer Zeitung. Gemeinsam können wir erreichen, den Journalismus auf Kuba zu verändern.

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s