Der kubanische Kalender hat sich mit Tagen der Menschenrechte gefüllt

Nach Jahren, in denen dieses Datum alarmierend für den Castrismus war, haben sich die widrigen Tage vermehrt.

Mehrere Polizisten verhaften einen Mann, als er am 11.Juli in Havanna demonstriert. (EFE/Ernesto Mastrascusa)

YOANI SÁNCHEZ / Panamá / 10.Dezember 2021

Am 10.Dezember 1989 fand in einem Park in Lawton eine Schmähaktion gegen Aktivisten statt. Was wurde aus jener Schülerin, die diese Aktion vehement rechtfertigte? Eine Woche lang waren ihre kampferprobten Mitschülerinnen und sie das junge Gesicht der revolutionären Unnachgiebigkeit; sie prahlten sogar damit, eine Kamera der ausländischen Presse zertrümmert zu haben.

Fast ein Vierteljahrhundert später sind vermutlich viele von denen, die damals dabei waren, heute schon emigriert; sie wurden vom System enttäuscht oder überleben dank korrupter Praktiken. Das Regime aber, das sie als Stoßtrupp missbrauchte, bleibt entschlossen sich den Tag der Menschenrechte einzuverleiben. Es erlaubt keine öffentlichen Forderungen von Seiten der Bürgerschaft und vernichtet denjenigen, der es wagt, die Freilassung der politischen Gefangenen offen zu fordern.

Autoritäre Regime wissen, dass sie immer Menschen finden werden, die bereit sind andere zu attackieren, und sie sind geschickt darin niedere menschliche Instinkte für sich zu nutzen. Sicher ist aber auch, dass man bei offiziellen Aufrufen die Abneigung der Kubaner bemerkt, dem „Feind die Stirn zu bieten“. Obwohl es jene gibt, die mit einem Schlagstock in der Hand Fotos machen, und auch jene, die so tun, als ob sie auf einen Kontrahenten schießen würden, obwohl sie nicht einmal wissen, wie man mit einem Gewehr umgeht.  Aber die überwiegende Mehrheit vermeidet es, sich in diese repressive Maschinerie hineinziehen zu lassen.

Wenn vor einigen Jahrzehnten jene Schülerin in obligater Schuluniform im Fernsehen damit prahlte, einen oppositionellen Marsch mit Schreien und Schlägen aufgelöst zu haben, dann könnten heute ihre Kinder zu denen gehören, die betont lässig laufen, wenn man sie von der Schule zu einem „falschen Volksfest“ bringt, in einen Park, in dem kurz vorher dazu aufgerufen wurde, gegen den Mangel an Freiheit zu protestieren. Ihren Enthusiasmus hat die Realität abgekühlt, deren Apathie ist eine Form von Rebellion.

Trotz der geringen Begeisterung der Gefolgsleute, hat die regierungshörige Bürokratie wieder ihre alte Propaganda – und Polizeimaschinerie in Bewegung gesetzt, und zwar am Tag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Trotz der geringen Begeisterung der Gefolgsleute, hat die regierungshörige Bürokratie wieder ihre alte Propaganda – und Polizeimaschinerie in Bewegung gesetzt, und zwar am Tag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, im schon weit zurückliegenden Jahr 1948. Das „Maßnahmen-Paket“ der Regierung versucht ein Konzept umzusetzen: die Presse mit den angeblichen sozialen Erfolgen des Systems zu überschwemmen, die Kontrolle über kritische Hashtags (#) in sozialen Netzwerken zu gewinnen, dreiste Praktiken bei Verhaftungen anzuwenden, Hass-Meetings zu veranstalten und die Telefonleitungen von Oppositionellen zu sperren.

Aber der Kalender wurde zu einem Problem für den Castrismus. Wenn das Regime früher vermehrt seine Anstrengungen bezüglich Überwachung und Kontrolle auf den Tag der Menschenrechte konzentrieren musste, dann sind heute überall im Land solche Tage hinzugekommen. Die öffentlichen Proteste am vergangenen 11.Juli haben gezeigt, dass die Kubaner ihr bürgerliches Bewusstsein wiedererlangt haben und zwar in dem Maße, wie das soziale Unbehagen überhandnahm. Die Militarisierung des Landes, um den Bürgermarsch am 15.November zu verhindern, markiert einen weiteren Tag im Kalender.

Das Regime muss jeden Tag mit dem Schrecken leben, den dieser Dezembertag vor ein paar Jahren bei ihm auslöste. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang folgte das Regime der verschleißenden Strategie, aufkeimenden Non-Konformismus zu ersticken, Tumulte niederzuhalten, potentielle Demonstranten einzuschüchtern, die eigenen Anhänger davon zu überzeugen, dass die Kommunistische Partei bis ans Ende aller Tage das Staatsruder in der Hand behalten wird, Haushaltsmittel freizugeben, um die politische Polizei zu verstärken und zu beten…, ja, auch beten, dass das Volk nicht erneut auf die Straße gehen möge.

            Übersetzung: Dieter Schubert

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