Die neue Fluchtroute der Kubaner heißt „Nicaragua“

Viele Kubaner warten vor dem Büro von Copa Airlines in Havanna und hoffen auf ein Ticket nach Managua. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 27.November 2021

Eine meiner frühesten Erinnerungen geht zurück auf das Jahr 1980, als ich noch keine 5 Jahre alt war. Im Mietshaus in Havanna, wo ich wohnte, hörte ich Schreie von mehreren Nachbarn und ich ging auf den Flur. Eine größere Gruppe von Mietern überhäufte einen jungen Mann mit Beleidigungen, weil er sich entschlossen hatte, das Land über den Hafen von Mariel zu verlassen. In meinem Gedächtnis hat sich diese Explosion von Schimpfwörtern und verzerrten Gesichtern unauslöschlich eingegraben.

Gerade erleben wir wieder eine Massenflucht, aber im Unterschied zu jenen Jahren, als der russische Bär zahlreiche Ressourcen nach Kuba schickte, werfen die offiziellen Trupps jetzt keine Eier an die Tür von Ausreisewilligen und beschmieren nicht die Hauswände mit Parolen. Stattdessen scheinen die Behörden Gefallen daran zu finden, den Druck aus dem sozialen Kessel zu nehmen, indem sie die neuen Emigranten in die Liste jener aufnehmen, die Geldbeträge nach Kuba überweisen.

Statt sich dazu durchzuringen, eine Schiffsanlegestelle für jene zu öffnen, die kommen möchten um nach ihrer Familie zu sehen, oder die Sperrung der Grenzen aufzuheben, damit Tausende auf miserablen Flößen die Meerenge von Florida überqueren können −  wie es 1994 der Fall war − ,ist den Behörden ein Vorgehen eingefallen, wie sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Dank der Unterstützung ihres Alliierten Daniel Ortega, haben sie diese Woche angekündigt, dass Kubaner für Nicaragua kein Visum mehr benötigen.

Das mittelamerikanische Land wird so zur Hoffnung all jener, die die materiellen Einschränkungen und den Mangel an Freiheit nicht mehr ertragen.

Das mittelamerikanische Land wird so zur Hoffnung all jener, die die materiellen Einschränkungen und den Mangel an Freiheit nicht mehr ertragen. Aber Managua ist nicht ihr Endziel, sondern nur der erste Schritt, um sich auf den Weg zur Südgrenze der Vereinigten Staaten zu machen. Der Platz der Revolution kennt diese Absichten und kalkuliert, dass in ein paar Monaten viele tausend kubanische Staatsbürger sich an den Grenzübergängen zusammendrängen werden und die Einreise fordern.

Mit diesen üblen Maßnahmen, die man gerade praktiziert, vergewissert sich das kubanische Regime, dass Joe Biden sehr bald Kopfschmerzen bekommen wird und eine große interne Diskussion beginnt, angesichts der stark zunehmenden Zahl von Migranten, die von der Insel kommen. Nebenbei bemerkt, auf dem nationalen Territorium befreit sich das Regime auf diese Weise von Nonkonformisten und Rebellen, die die nächste soziale Explosion anführen könnten, wie am vergangenen 11.Juli geschehen.

Aber diese Massenflucht ist ein zweischneidiges Schwert. Die US-Administration könnte die Angelegenheit ganz anders behandeln, als es sich Havanna vorstellt. Auch könnte die Flucht vieler Kubanern Effekte in einer alternden Gesellschaft verursachen. Wenn Kuba in den nächsten Monaten einen Teil seiner jungen Leute verliert, seine Fachleute und solche mit genügend Selbstwertgefühl, die glauben, dass sie auch in einem Umfeld mit Wettbewerb erfolgreich sein könnten, dann verzögert sich nicht nur der demokratische Wandel, sondern auch die wirtschaftliche Erholung und die Entwicklung des Landes.

Mit der Migrations-Alchemie spielen, könnte auch für den Castrismus bittere Überraschungen bringen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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