Überwachung und Schmähaktionen knebeln 15N in Kuba

Yunior García Aguilera hält eine Hand mit einer weißen Rose aus dem Fenster. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.November 2021

Die Straßen fast leer, in der Luft liegt Spannung. So erlebte man Havanna am letzten Montag, am Tag, an dem unabhängige Gruppen zu einem Bürgermarsch aufgerufen hatten, für die Freilassung der politischen Gefangenen und für einen demokratischen Wechsel auf der Insel. Auf den Boulevards und in den Geschäften, die vor zwei Tagen noch voll von Leuten waren, gab es an diesem 15. November nur Polizei, uniformiert oder in Zivil.

Einen Tag vorher wurde der Dramaturg Yunior García Aguilera − einer der wichtigsten Organisatoren des friedlichen Protests − in sein Haus eingesperrt, mit einem offiziellen und schreienden Mob vor seiner Tür. Obwohl die Unterdrücker ihn daran hinderten sein Haus zu verlassen, konnten sie nicht verhindern, dass er der kubanischen Geschichte ein wirkmächtiges Bild von Bürgersinn schenkte: Ein Mann, eingesperrt in sein eigenes Haus, hält eine Hand mit einer weißen Rose aus dem Fenster.

Der exzessive und repressive Polizeiaufmarsch, den das kubanische Regime losgetreten hat, hat nicht nur die betroffen, die an diesem Montag Opfer von Schmähaktionen wurden, sondern auch die, die unter der Sperre der Internetdienste litten und verhaftet wurden, wenn sie versuchten auf die Straße zu gehen. Die Hauptschuld geht zu Lasten des eigenen Behördenapparats, der einer Bürgerschaft sein hässliches Gesicht zeigte. Die Bürger sind der exzessiven Kontrollen müde geworden, die nach den Protesten des 11.Juli signifikant zugenommen haben.

Diesen Terror-Zustand für lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist für den Platz der Revolution fast unmöglich.

Weil es ein Missverhältnis der Kräfte gibt, nehmen auf den Straßen Unwille und Empörung zu. Wehrlose Bürger stehen offiziellen Einsatzkräften gegenüber, die bereit sind, „jeder Aktion die Stirn zu bieten“, so, wie der Regierende Miguel Díaz-Canel es am vergangenen Freitag angekündigt hat. Die Wut wächst, und obwohl die Angst noch viele Kehlen abschnürt, verliert der Castrismus jeden Tag Anhänger, innerhalb der Familien, unter Nachbarn und bei Freunden von denen, die unterdrückt werden.

Diesen Terror-Zustand für lange Zeit aufrecht zu erhalten, ist für den Platz der Revolution fast unmöglich. Obwohl die Führer der Kommunistischen Partei den Wunsch hegen, die Überwachung jeder Straßenecke über Monate hinaus auszudehnen, mit Posten der politischen Polizei, die vor den Häusern von Dissidenten lauern und lautstarken Hass-Kundgebungen in der Nähe von Wohnungen der Aktivisten…, für all das fehlen die Mittel. Dieses System hat sich daran gewöhnt Loyalität zu kaufen, auch wenn es mit Brotkrumen wäre, von denen keine mehr übrig geblieben sind.

Das Land ist bankrott und den Leuten reicht es. Weder die ökonomische Krise noch das allgemeine Unbehagen können auf kurze oder mittlere Sicht rückgängig gemacht werden. Obwohl es ihnen am 15.November gelungen ist den Bürgermarsch zu ersticken, indem sie Zuflucht zu den alten Methoden der Einschüchterung nahmen; in den klimatisierten Büros der Staatsmacht wissen sie, dass sie so nicht mehr lange regieren können. Sie wissen auch, dass sie den Zugang zu den Herzen des Volkes verloren haben; sie wissen, dass auf dieser Insel die Angst die Seiten gewechselt hat und dass es jetzt sie sind, die uns fürchten.

Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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