Facebook, autoritäre Regime und der Daumen nach unten

Als in Kuba am vergangenen 11.Juli die Proteste begannen, waren Konten bei Facebook und die Möglichkeit Demonstrationen live zu übertragen, die wesentlichen Elemente dafür, dass eine geknebelte Bevölkerung zu ihrer Stimme fand. (Marcos Evora)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.10.2021

Der Riese ist verwundet und es gibt viele Gründe, sich an seinem Ungeschick zu ergötzen. Facebook ist wieder einmal in einen Skandal verwickelt, der das soziale Netzwerk hinterfragt: seine Arbeitsmethoden, die Verwendung von persönlichen Daten seiner Nutzer und sogar seine enorme Macht, die es über Regierungen, lokale Gesetzgebungen und ethische Normen erlangt hat. Nichts Neues in den mehr als 15 Jahren seiner Existenz.

Trotzdem, unter seinen Kritikern finden sich nicht nur Leute, die besorgt um die Anhängigkeit sind, die die Werkzeuge oder Fallstricke seines Algorithmus generieren. Zu den Kritikern zählen auch mehrere autoritäre Regime, die das Bürgerforum nicht mehr ertragen, zu dem das Geschöpf von Mark Zuckerberg geworden ist. Sie reiben sich die Hände, wenn sie sehen wie die Beleidigungen auf den US-Konzern herunter regnen, der seit kurzem beschuldigt wird, seinem Gewinn mehr Priorität einzuräumen als der Netzsicherheit.

Zweifelsohne bleibt die allgemeine Beurteilung positiv, gemessen an der Gefräßigkeit dieses technologischen Mastodonten, der Wahlausgänge beeinflussen, Ansehen vernichten und wichtige Sachverhalte beerdigen kann, mit Gewinn aus Banalitäten. Es sind nicht diese Gründe, derentwegen Diktaturen Facebook verabscheuen. Es sind auch nicht die Probleme mit Sicherheitslücken oder Abhängigkeiten eines Netzwerks mit „gefällt mir“, die hinter den Angriffen der Unterdrücker auf das Unternehmen stehen.

Wenn sich die Regierung in Havanna über die medialen Prügel freut, die Facebook bezieht, dann denkt sie nicht daran uns zu schützen, sondern uns mundtot zu machen.

Als in Kuba die Proteste des 11.Juli begannen, waren Konten bei Facebook und die Möglichkeit, die Demonstrationen live zu übertragen, die fundamentalen Elemente dafür, dass eine seit mehr als einem halben Jahrhundert geknebelte Bevölkerung ihre Stimme fand. Der Zusammenschluss vollzog sich im Internet. In einem Land, in dem das Versammlungsrecht stark eingeschränkt ist, brach ein Bollwerk aus Misstrauen und Angst, das die Bürger bis dahin gelähmt hatte.

Trotz der Internetsperren, die auch in den darauffolgenden Tag anhielten, blieben die sozialen Netzwerke und die Messenger-Dienste die wichtigsten Szenarien der Rebellion. Die Plattform der Gruppe Archipiélago hat zu einem Bürgermarsch am kommenden 15.November aufgerufen und die digitale Gruppe hat ihr Potential genutzt, um mehr als 30.000 Mitglieder zu vereinen. Für diese ist Facebook die einzige Möglichkeit sich zu begegnen und zu diskutieren.

In eben diesem Land, in dem die Lehrbücher der Schulen eine Unmenge an Indoktrinierung enthalten und der Bildschirm − wie bei Orwell − eine naive Karikatur der politischen Polizei ist, freuen sich die offiziellen kubanischen Medien über die Fragen, die in demokratischen Ländern bei Tagungen und in der Presse an Zuckerberg gestellt werden. Sie begrüßen es, dass man den Werkzeugen des sozialen Netzwerks Grenzen setzen will, nicht aber, um die Privatsphäre der Nutzer zu wahren, noch um sie vor Exzessen der Werbung zu schützen. Sie tun es, denn es könnte ihnen gefallen wenn Facebook fällt, um die Lücke zu schließen, die sich bei ihren strengen internen Kontrollen geöffnet hat.

Wenn sich die Regierung in Havanna über die medialen Prügel freut, die Facebook bezieht, dann denkt sie nicht daran uns zu schützen, sondern uns mundtot zu machen.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Artikel wurde ursprünglich von DW-Español publiziert.

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