Kuba, die Spannung steigt, je näher der 15.November kommt

Diese Woche, Militärfahrzeuge in den Straßen von Havanna. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 14.Oktober 2021

Sie tragen zivil und simulieren, sie würden auf den Bus warten oder an einer Straßenecke miteinander reden, aber jeder weiß, dass es Segurosos sind, das übliche Wort für die gefürchtete politische Polizei. Ihre Präsenz hat auf den kubanischen Straßen seit den Protesten am 11.Juli zugenommen und man erwartet, dass sie noch weiter zunehmen wird, in dem Maße wie der 15. November naht. Diesen Tag wählten Aktivisten der Plattform „Archipel“, um einen friedlichen Marsch zu veranstalten.

Sie beziehen sich dabei auf geltendes Recht mit für sie günstiger Gesetzeslage. Mehrere junge Leute haben bei lokalen Behörden Anträge gestellt, in wenigstens sechs Provinzen, um am kommenden 20.November zu demonstrieren. Die Verfasser des Textes beriefen sich auf Garantien, die die Verfassung gewährt, nämlich das Recht sich zu versammeln, zu demonstrieren und sich zu vereinigen. Außerdem ersuchten sie die Behörden zu verfügen, dass die Ordnungskräfte des Landes die Protestierenden „angemessen schützen“ sollen. Dieses Schreiben glich einem Stich in ein Wespennest.

Sogleich begannen offizielle Stimmen die Organisatoren des Marsches als „Söldner des Imperiums“ zu bezeichnen; einige von ihnen wurden von der Staatssicherheit bedroht, ihre Mobilfunkdienste unterbrochen und die Umgebung ihrer Häuser überwacht. Diese jungen Leute trafen alle denkbaren Geschosse zur Vernichtung ihrer Reputation und auf nahe Familienangehörige wurde dahingehend Druck ausgeübt, ihnen zu raten, ihr Unterfangen nicht weiter zu verfolgen.

Der Platz der Revolution hat sich entschlossen nicht mal einen Millimeter Meinungsverschiedenheit zuzulassen; das Regime will seine Zeit über diese 62 Jahre hinaus verlängern, ohne legale Märsche von unzufriedenen Bürgern.

Ein paar Tage nach der Übergabe des Schreibens schüttelte die Bürokratie die Ankündigung aus dem Ärmel, dass an dem vorgeschlagenen Tag eine nationale Militärübung stattfinden würde, offensichtlich die Antwort auf das Gesuch der Aktivisten. Aber diese ließen sich nicht einschüchtern, verlegten den Aufruf vor auf den 15.November und übergaben noch einmal die Dokumente an die lokalen Gouverneure. Am Dienstag war dann die Antwort der Regierung kategorisch: man betrachte die Initiative als „illegal“ und sehe in ihr eine „Provokation für einen Regimewechsel“.

So gesehen handelte die Bürokratie wie erwartet, nahm aber eine gefährliche Position ein. Der Platz der Revolution hat sich entschlossenm nicht mal einen Millimeter Meinungsverschiedenheit zuzulassen; das Regime will seine Zeit über diese 62 Jahre hinaus verlängern, ohne legale Märsche von unzufriedenen Bürgern, ohne Arbeiter auf der Straße, die einen höheren Lohn fordern und auch ohne oppositionelle Politiker, die auf einem Platz ihre Kritik an der Exekutive verbreiten. Der Castrismus hat entschieden sich auch weiterhin unerschütterlich zu zeigen.

Trotzdem, ein japanisches Sprichwort sagt, dass „der Bambus, der sich biegt, stärker ist als die Eiche, die standhält“. Nicht nachgeben, den Marsch nicht erlauben und sich in Unnachgiebigkeit einigeln kann einer der größten Fehler sein, den die Führer eines Systems begehen können, das in den letzten Zügen liegt. Nach der Demonstration der weitverbreiteten Erschöpfung, die die Kubaner im Sommer auf offener Bühne zeigten, jetzt mit harter Hand und Repression zu reagieren, ist wie ein Schuss ins eigene Knie. Das könnte ihren Sturz beschleunigen und im schlimmsten Fall das Land in einen Bürgerkrieg führen. Schließlich wissen sie nicht, was sie tun.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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