Die Insel flieht in einem Koffer

Tag für Tag entscheiden sich viele Kubaner das Land zu verlassen; sie besteigen ein Flugzeug und blicken nicht zurück. (EFE)

YOANI SÁNCHEZ / 14ymedio / 3.Oktober 2021

In einer Schublade habe ich eine Schachtel mit Fotos, die ich nicht anschauen will. Sie zeigen Gesichter von Menschen, die fortgegangen sind; viele hundert  Freunde, Kollegen und Familienmitglieder, die nicht mehr auf der Insel leben. Die Flucht von Sportlern, Künstlern, „Balseros“ (Bootsflüchtlingen) oder Funktionären beschleunigt sich in dem Maße, wie das Land untergeht. Gerade jetzt erleben wir Zeiten eines lauten Zusammenbruchs und des ständigen Abschiednehmens.

Die Flucht von 11 kubanischen Spielern während der U23-Baseball-Weltmeisterschaft im mexikanischen Bundesstaat Sonora war das jüngste Kapitel im Zusammenhang mit diesem Aderlass; jeden Tag entscheiden sich auch viele andere Kubaner wegzugehen, sie besteigen ein Flugzeug ohne zurückzublicken, schlagen sich durch den Urwald oder überqueren das Meer. Mit ihren Füßen drücken sie aus, was sie sich nicht laut zu sagen trauen: das politische System ist ein Fiasko und das Land wird unbewohnbar.

Das endgültige Ziel der Reise kann irgendein Ort sein. Gestern kündigte eine Freundin an, dass sie nach Island gehen wolle, auch eine Insel, „von der sie nur weiß, dass sie weit entfernt von Kuba ist und sie dort keinen Sozialismus aufbauen“. Der Nachbar um die Ecke hat seinen Mitgliedsausweis der Kommunistischen Partei zerrissen und arbeitet jetzt in einer Putzkolonne in Miami; eine Freundin aus der Kindheit organisiert gerade eine Scheinehe, um nach Italien zu emigrieren.

Die Flucht von 11 kubanischen Spielern während der U23-Baseball-Weltmeisterschaft im mexikanischen Bundesstaat Sonora, war das jüngste Kapitel bei diesem Aderlass; jeden Tag entscheiden sich auch viele andere Kubaner dafür wegzugehen, sie besteigen ein Flugzeug ohne zurückzublicken.

Einige beklagen sich, so lange gewartet zu haben. „Meine Schwester warnte mich und ich dachte, dass es sich bessern würde, aber es geht wieder zurück, im Krebsgang“, sagte mir die Angestellte in einem nahen Bauernmarkt. „Ich möchte lieber an irgendeinem Ort bei null anfangen, als hier den Rest meines Lebens zu verbringen“, sagte sie noch. Zwei Kunden, die ein Glas Fruchtsaft schlürfen und ihr zuhören, nicken zustimmend mit dem Kopf.

Alle, die zu der Überzeugung kommen, dass „man das Land verlassen sollte und zwar jetzt“, haben jenen Blick der unumkehrbaren Entscheidung, den Blick von Menschen in Wendepunkten ihres Lebens. Ich habe diese Härte bei Witwen bemerkt, bei Familien, die nach einem Brand alles verloren haben, und sogar bei Gefangenen, die zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Es ist so, als ob sie nach dem Verlust von Allem verstehen würden, dass ihnen nur noch eine letzte Befugnis bleibt: die Macht über ihren Körper.

Und diese Fähigkeit zu entscheiden und auf Distanz zu gehen, physisch oder mental, zwischen dem was ärgert und dem was schmerzt, nutzen Tausende von Kubanern, die jedes Jahr emigrieren. Weder die triumphierenden Schlagzeilen der offiziellen Presse, noch die Morgenrufe an den Schulen mit flammenden Losungen, noch die Versprechungen eines „erfolgreichen und nachhaltigen“ Modells, das schon hinter der nächsten Straßenecke wartet, können sie umstimmen. Es reicht ihnen einfach.

Anfangs verurteilte die kubanische Bürokratie die Flucht und bezeichnete Bürger, die ins Exil gingen, als „Bourgeois“, nachdem ihr Vermögen und ihre Betriebe und Geschäfte  konfisziert wurden. Später nannte man sie „Schlacke“, weil sie Abfallprodukte beim „Guss des Neuen Menschen“ wären. Auch heute noch hält man sie für schwache Personen, die dem „Sirenengesang des Kapitalismus“ erliegen.

Anfangs verurteilte die kubanische Bürokratie die Flucht und bezeichnete Bürger, die ins Exil gingen, als „Bourgeois“, nachdem ihr Vermögen und ihre Betriebe und Geschäfte  konfisziert wurden.

Nicht ungeschickt hat der Castrismus die Emigration auch als Ventil genutzt, um den sozialen Druck zu mindern. Es ist kein Zufall, dass den großen Migrationswellen schwere wirtschaftliche Krisen und eine zunehmende soziale Unzufriedenheit vorausgingen. So geschehen 1980 bei der Massenflucht  im Hafen von Mariel*), und im Sommer 1980 bei der von den „Balseros“ ausgelösten Krise. Auch als Folge der populären Proteste des 11.Juli wird eine Flucht einsetzen, die wir heute schon erleben.

Die Schande, dass bei einer Weltmeisterschaft fast die Hälfte der kubanischen Delegation in Mexiko bleibt, wird nicht durch die umfangreichen Dollar-Überweisungen kompensiert werden, die die Emigrierten später senden. Dieses Phänomen kommt nur in Gefängnis-Ländern vor, wie in den ehemaligen kommunistischen Ostblockstaaten, in Nordkorea mit der dynastischen Kim-Diktatur, in Belarus….und in Kuba. Wir stehen auf der Liste von Nationen mit Bürgern hinter Gittern, von Systemen, die als Käfige erlebt werden.

Uns erwarten Monate, in denen wir jeden Tag „Adiós!“ sagen werden, weil sie nicht hinter jeden Kubaner, der in einer offiziellen Delegation reist, einen Polizisten stellen können. Diese Fluchtbewegung wird vielleicht auch auf hohe Instanzen der Staatsmacht übergehen, weil die Ratten ein sinkendes Schiff verlassen; nicht weil sie „Ratten“ sind, sondern weil sie intelligent sind. Sie spüren, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Wogen des Wandels die leere Hülle dieses Systems unter sich begraben werden.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers:

Während de Mariel-Bootskrise flüchteten 1980 circa 125.000 Kubaner nach Florida. (Wikipedia)

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