Díaz-Canel in Mexiko; eine Einladung, die niemals hätte erfolgen sollen

Der kubanische Präsident Miguel Díaz-Canel zusammen mit Andrés Manuel López Obrador, dem Präsidenten von Mexiko, anlässlich eines früheren Besuchs im Jahr 2019. (Presidencia de Cuba)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 15.September 2021

Salsa tanzen oder mit mehreren Hollywood-Schauspielern lachen, so sah man Miguel Díaz-Canel bei einem Besuch in New York vor drei Jahren; jetzt wird er von Strafanzeigen in die Enge getrieben. Nachdem er die Proteste vom 11.Juli gewaltsam niedergeschlagen hat, ist Kubas Regierender auf dem internationalen Parkett isoliert; eine Schmach, die er mit einer Einladung nach Mexiko von Andrés Manuel López Obrador loswerden will.

Wenn die Bürger des Nachbarlandes am Donnertag den Tag des Grito de Dolores*) feiern, wird eine grauhaarige und spröde Person unter denen sein, die zu der Gedenkfeier geladen wurden: Miguel Díaz-Canel. In nur zwei Monaten ist sein Image eines pragmatischen Ingenieurs zu Bruch gegangen, ein Bild von ihm, das uns die offizielle Propaganda aufzwingen wollte. Im nationalen Fernsehen hatte er dazu aufgerufen, die Proteste vom 11.Juli niederzuschlagen und dabei versichert, dass er „zu allem bereit“ und „der Befehl zum Kampf erteilt wäre“.

Wie auch, seit Díaz-Canel auf dem Präsidentenstuhl Platz genommen hat, war er umgeben von der Kritik, dass er nicht in einem Urnengang gewählt worden wäre, obwohl er sich der Sympathie derer erfreute, die versicherten erleichtert zu sein, dass er wenigsten nicht mehr den Namen „Castro“ tragen würde. Politische Cliquen bezeichneten ihn als den Mann einer Generation mit weniger Schuld und „ohne Blut an den Händen“, im Gegensatz zu seinen Vorgängern.

Trotzdem, die Titelseiten der Zeitungen, die bis vor kurzem in ihm nur eine „Atempause“ für die Familiendynastie sahen, die die Insel mehr als ein halbes Jahrhundert kontrollierte,… ebendiese Zeitungen verbreiten heute Bilder von Polizisten, die auf wehrlose Bürger einschlagen und zeigen Menschen, die mit erhobenen Fäusten „Freiheit“ schreien. Diese Bilder verbreiteten sich im ganzen Land und auch solche von weinenden Müttern mit Kindern in Arrestzellen, ohne irgendeine Aussicht auf ein rechtmäßiges juristisches Verfahren.

Das ganze Werbe-Arsenal, das darauf abzielte ihn als einen effektiven, populären und modernen Macher zu zeigen, versagte nach jenem 11.Juli, der die neuere Geschichte des Landes in ein vorher und ein nachher teilt. Die Mandatsträger, die ihm vorher die Hand gaben, mit ihm auf einem Foto für die Familie lächelten, oder ihm bei Treffen von internationalen Organisationen auf die Schulter klopften, jetzt meiden und rügen sie ihn.

Nur López Obrador war in der Lage diesen Regierenden einzuladen, zu dem sein Volk klar und deutlich sagt, dass „es ihn nicht will“, und der mit der ihm eigenen Arroganz darauf antwortet, dass er sich nicht entschuldigen müsse.

Nur López Obrador war in der Lage diesen Regierenden einzuladen, zu dem sein Volk klar und deutlich sagt, dass „es ihn nicht will“, und der mit der ihm eigenen Arroganz darauf antwortet, dass er sich nicht entschuldigen müsse, seinen politischen Kurs nicht ändern wolle oder sein Amt an einen anderen übergeben werde. Worum geht es bei dieser Geste von López Obrador? Vielleicht um die Begleichung einer alten ideologischen Schuld? Versucht er seine politischen Gegner oder eine Regierung in einem Nachbarland in Verlegenheit zu bringen? Vielleicht gab es eine Anfrage von der Plaza de la Revolución in Havanna und der Mexikaner konnte dazu nur „ja“ sagen?

Als Kenner der Lage weiß Díaz-Canel, dass seine Reise Kritik und Argwohn auslösen wird, denn er, der auch der Sekretär der kubanischen Kommunistischen Partei ist, hat es vorgezogen, Einzelheiten der Tagesordnung unter Verschluss zu halten. Wir haben nicht einmal Informationen zu Ort und Zeit, wo und wann er als Redner im Rahmen der nationalen Feierlichkeiten auftreten wird. Eine Geheimnistuerei, die eine öffentliche Verurteilung verhindern soll. Nicht nur die von hunderten von emigrierten Kubanern, die sich schon organisieren um seinen Besuch abzulehnen, sondern auch die von vielen Mexikanern, die sich mit der Sache des demokratischen Wandels auf der Insel solidarisieren.

Aufgrund der großen Beachtung und der neuen Erkenntnisse zu seiner Tour vor zwei Jahren nach Russland, Belarus und Irland, wird Díaz-Canel Journalisten meiden, öffentlichen Präsentationen aus dem Weg gehen und akrobatische Verrenkungen machen, um ein lästiges Bild mit einem anderen Eingeladen zu verhindern, der seinen Gruß nicht erwidert oder ihn mit ausgestreckter Hand stehen lässt. Eine gefährliche Choreographie, denn Ablehnung und Protest können überall lauern.

Wie viel menschliche Wärme und Sympathie ihm sein Gastgeber entgegen bringt, wird viel über diese Reise verraten: ob es sich nur um eine simple Formalität handelt oder um einen lauten politischen Ritterschlag für einen Diktator, den sein Volk ablehnt; einen Mann, der sich eines Tages für seine Taten vor nationalen oder internationalen Gerichten wird verantworten müssen −hoffen wir es. Die Zahl der Schritte, die beide Regierenden beim Staatsakt voneinander trennt, ob López Obrador seinen kubanischen Gast erwähnt oder nicht, sogar die Stunden, die der auf mexikanischem Boden verbringt, all dies wird sehr enthüllend sein. Wir werden bei allen Ritualen genau hinsehen.

Aber auch; während der Abwesenheit von Díaz-Canel müssen wir die Insel im Auge behalten. Seine Unbeliebtheit ist den „Wölfen des Rudels“, die sich um die Macht streiten, nicht unbekannt. Wenn sie spüren, dass ihn auf dem Präsidentenstuhl zu halten die Kontrolle über das Land in Gefahr bringt, werden sie auf diesen Ingenieur verzichten, der keine drei zusammenhängenden Sätze zustande bringt, ohne dass die wie eine langweilige Litanei klingen, die andere ihm diktiert haben.

Diese Reise war dazu gedacht sein Erscheinungsbild außerhalb der nationalen Grenzen zu säubern, aber man riskierte auch, dass die Dinge im Innern des Hauses der Kontrolle entgleiten. Wie dem auch sei; López Obrador hat die traurige Rolle übernommen einen Mann zu stützen, der in die kubanische Geschichte als Marionette eingehen wird, der an dem Tag, als er die Fäden hätte durchschneiden und mit der Würde eines Staatsmanns hätte handeln können, die Repression vorzog…Die alte Praxis der Castros mit Schlägen und Knebel.

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Eine historische Anmerkung des Übersetzers:

Der vom Priester Miguel Hidalgo in den frühen Morgenstunden des 16.Septembers 1810 in der Stadt Doleres artikulierte Grito de Dolores (Schrei von Dolores) markiert den Beginn des Mexikanischen Unabhängigkeitskrieges. An der Schwelle der Kirche rief Hidalgo zum Kampf gegen die spanischen Besatzer auf.

Nach Erreichen der Unabhängigkeit im Jahr 1821 wurde der 16.September als mexikanischer Nationalfeiertag festgesetzt. (Quelle: Wikipedia)

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