„Gebt diesem Kind einen richtigen Namen!“

„Am 11.August 1995 hielt ich dich endlich in meinen Armen und beschnupperte dich ausgiebig .“ (Mit freundlicher Genehmigung der Familie)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 10.August 2021

Ich wusste schon immer, dass du Teo heißen würdest. Es ist eine lange Kindheitsgeschichte, Literatur, ein imaginärer Freund und das Vertrauen darauf, dass du hinter der nächsten Straßenecke wärst und wir uns nur begegnen müssten. Am 11.August 1995 hielt ich dich endlich in meinen Armen und beschnupperte dich ausgiebig. Ich bin eine jener Personen, die jemanden, der sich mir zum ersten Mal nähert, mit der Nase wahrnimmt.

Ganz sicher, dieses kleine Wesen in meinen Armen roch nach Teo. So, wie ich immer von ihm geträumt hatte, einer Mischung aus Bruce Lee und Diogenes. Fragen Sie mich nicht, warum ich dich so nannte; aber jeder der dich kennt weiß die Antwort. Als wir dich im engsten Familienkreis präsentierten, fehlte es nicht an Antworten wie: „Gebt diesem Kind einen richtigen Namen!“ − aber wie anders hätten wir dich nennen sollen.

Du bist ungewöhnlich und geistreich, du sprichst wenig, aber mit einem Satz kannst du vernichten oder aufrichten. Als du in der Schule zum ersten Mal „Pioniere für den Kommunismus; wir werden sein wie der Ché“ rufen musstest, hast du dich geweigert. Du sagtest damals, dass Guevara tot wäre und du „es nicht sein willst“. Das erste Schimpfwort, das du lerntest, war „Dreckskerl“; ein Wort, das wir jahrelang von dir hören mussten, bis du dann andere, noch schlimmere Wörter verwendet hast.

 Mit fünf Jahren hast du den kubanischen Dichters Heberto Padilla zitiert; von ihm stammt der Satz: „Sag die Wahrheit, sag wenigstens deine Wahrheit“.

Bei einer Reise nach Camagüey, dem Geburtsort deines Vaters, fragten sie dich, ob du von der „Halbinsel jenseits des Atlantiks“ kommen würdest, weil du bei allen Wörtern alle Buchstaben mitgesprochen hast. Dort in Camagüey spricht man nämlich das beste Spanisch, dies behaupten zumindest seine Bewohner. Mit fünf Jahren hast du den kubanischen Dichters Heberto Padilla zitiert; von ihm stammt der Satz: „Sag die Wahrheit, sag wenigstens deine Wahrheit“. Mit sechs hast du Deutsch gelernt, hast Schnee kennengelernt und wurdest universell; ein Naturell, dass dir bis heute geblieben ist.

Teo, du hast bei vielen Personen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Mit vier Worten erklärst du etwas, wozu wir, dein Vater und ich (formvollendete Schwätzer) eine halbe Stunde brauchen. Du sagst einen Satz, der wie eine Röntgenaufnahme Strukturen sichtbar macht, oder eine bissige Bemerkung, die im Kopf hängen bleibt. Es gibt Leute, die sich vor so viel Aufrichtigkeit fürchten und dir aus dem Weg gehen, und es gibt auch Leute, die dich nicht ertragen. Das ist so, mein Sohn, weil du ein freier Mensch bist; frei von innen nach außen, was die beste Art ist dies zu sein.

Im November 2009 musstest du dich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass deine Eltern verhaftet wurden, du warst damals gerade 14 Jahre alt, aber du hast dich wie ein Erwachsener verhalten: du hast telefoniert, Anzeige erstattet, hast im Radio gesprochen und abgewartet. Das Wiedersehen glich dem eines Großvaters, der mit Liebe und Zärtlichkeit seine beiden verloren gegangenen Enkel willkommen heißt…jeder der dich kennt weiß, dass ich nicht lüge. So bist du.

Du sagst einen Satz, der wie eine Röntgenaufnahme Strukturen sichtbar macht, oder eine bissige Bemerkung, die im Kopf hängen bleibt.

Seit damals musstest du mit all dem leben und hast dies stoisch ertragen, wie jemand der weder Applaus noch Mitleid sucht. Du hast es einfach so getan, wie ein Vater deiner Eltern, etwas was nicht sein sollte…niemals sein sollte; aber du hast es angenommen ohne zu klagen. In diesen vier Jahrzehnten meines Lebens habe ich niemanden kennengelernt, der so reif, so gelassen und selbstsicher ist wie du.

Teo, du musstest schnell erwachsen werden, dich vor Informanten und falschen Freunden schützen, die in dir eine Möglichkeit sahen zu uns vorzudringen. Du musstest dich vor überall lauernden Denunzianten in Acht nehmen, und vor Mitschülern, die ein paar Punkte einheimsen wollten, wenn sie dir das Leben schwer machen würden, dem Sohn von Dissidenten. Trotzdem wurdest du − wie Antonio Machado in einem Vers sagt − eine „ruhige Quelle“, was „im guten Sinn des Wortes gut ist“.*)

Mode, mit materiellen Gütern prahlen, angesagte Marken, Unwägbarkeiten des Lebens…bekommen in dir nur eine Antwort, sehr ähnlich der am Ende des Romans „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse, wenn ein Protagonist zum anderen sagt: „Beruhe dich, Josef“, weil letzterer ihn herausfordern und provozieren will.

Für dich wiederhole ich: kaum warst du da, warst du schon immer da, und wir waren nur ein bescheidener Hort, damit du weiterleben konntest.

Jeder der versucht dich zu belästigen oder zu verunsichern, wird sich daran verschleißen, denn du bist aus hartem Holz. Du gehörst zu einer Generation, die lebt um zu erreichen, dass das Kuba der Zukunft möglichst bald kommt. Du hast keine Schulden und keine offenen Rechnungen mit der Vergangenheit.

¿ Haben wir einen solchen Sohn verdient? Waren es die Umstände, denen wir einen so außergewöhnlichen Menschen verdanken? Wahrscheinlich nicht; aber wie glücklich sind wir dein schützender Mantel gewesen zu sein, deine Leiter für den Aufstieg, dein Stab um damit zu springen. Wir sind wie Holz, bestimmt dazu sich im Feuer deiner Existenz zu verzehren.

Teo, 26 Jahre sind vergangen, seit ich dich zum ersten Mal auf meinen Armen getragen und dich mit dieser viel zu großen Nase ausgiebig beschnuppert habe. Für dich wiederhole ich: kaum warst du da, warst du schon immer da, und wir waren nur ein bescheidener Hort, damit du weiterleben und an Kraft zunehmen konntest… und dass dein kluger Kopf sich über so viel Gereiztheit und so viel Dummheit hinwegsetzen kann.

Teo, wusstest du das?

            Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anmerkung des Übersetzers: Y.Sánchez zitiert aus dem Gedicht „Portrait“ des spanischen Lyrikers Antonio Machado (1875 – 1939). Der Vers lautet:

In meinen Adern sind Tropfen von Jakobinerblut, / aber mein Vers fließt aus einer ruhigen Quelle; / und mehr als ein gewöhnlicher Mann, der ihre Lehre kennt, / bin ich im guten Sinn des Wortes gut.

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