Wenn die Unterdrückung an deine Tür klopft

„Für mich zählt nicht, ob du mich unwissentlich diffamiert, mich grundlos angegriffen oder geschlagen hast, im Verlauf einer Schmähaktion gegen mich oder meine Lieben“, sagt Yoani Sánchez. (Screenshot)

Auf dem Bild ist Reinaldo Escobar zu sehen, der Ehemann von Yoani Sánchez, der bei einer Schmähaktion von regierungstreuen Bürgern attackiert wird; er blickt direkt in die Kamera.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 21. Juli 2021

Es ist etwas mehr als 10 Tage her; die gewaltsame Unterdrückung der Proteste war für viele Kubaner eine neue Erfahrung, eine Geschichte, die bisher andere erzählten, die man aber anzweifeln konnte, wenn dies Oppositionelle und unabhängige Journalisten taten. So war es, bis am 11.Juli einige Bürger am eigenen Leib erfahren haben, dass willkürliche Verhaftungen, Schläge, Wegnehmen der Kleidung und Demütigungen auf Polizeistationen oder das Schweigen der Behörden zum Aufenthaltsort eines Festgenommenen keine Hirngespinste von einigen Wenigen sind, geschweige denn Falschmeldungen.

Viele von denen, die vorher zweifelten oder den Opfern nicht glauben wollten und sagten, dass sie alles nur erfunden hätten, oder dass solches auf dieser Insel nicht vorkommen könne, haben jetzt einen Sohn oder eine Nichte in Haft, auf die ein summarisches Gerichtsverfahren wartet, nur weil sie auf die Straße gingen, „Freiheit!“ verlangten und versuchten, die öffentlichen Revolten mit der Kamera ihres Smartphone zu dokumentieren.

Immer mehr Zeugenaussagen kommen ans Licht; sie berichten von Exzessen, Beleidigungen, überlangen Verhören, Enge in den Arrestzellen und von Drohungen, von vielen Drohungen.

Nichts davon ist wirklich neu für einen Teil der kubanischen Bevölkerung, der seit Jahrzehnten solches Tun anzeigt. Aber manchmal sollte man dies am eigenen Leib spüren, um es zu glauben und um Empathie für ein anderes Opfer zu empfinden. Wenn man den Finger in die eigene Wunde legt, dann weiß man dass es stimmt. Das sollte aber nicht so sein.

Was mich betrifft, so ist es nicht die Mühe wert Misstrauen mit Misstrauen zu erwidern, Schwerhörigkeit mit Schwerhörigkeit und Sarkasmus mit Sarkasmus.

Was mich betrifft, so ist es nicht der Mühe wert Misstrauen mit Misstrauen zu erwidern, Schwerhörigkeit mit Schwerhörigkeit, Sarkasmus mit Sarkasmus. Es ist die Zeit sich zu engagieren und die neuen Opfer der direkten Repression zu unterstützen, egal ob sie je den Horror anzweifelten, den andere erlebten.

Zähle auf mich dass ich schreie, damit man deine Kinder freilässt. Es ist mir egal, wenn du es lustig gefunden hast oder nicht glauben wolltest, dass sie mich im November 2009 entführt und geschlagen haben; es ist mir egal, wenn du dich dazu hergegeben hast, meinen kleinen Sohn auf seinem Weg zur Schule zu überwachen und ihn anzuschreien, dass seine Mutter eine „Söldnerin“ wäre; es ist mir egal, wenn du dich über Leute erkundigt hast, die mich besuchten, und dass du gelacht hast, wenn ich viele Stunden in einer Arrestzelle verbracht habe. Es ist mir egal, wenn du an der Vernichtung meines Ansehens beteiligt warst, oder versucht hast meine soziale Stellung zu zerstören.

Für zählt nicht, ob du mich unwissentlich diffamiert, mich grundlos angegriffen oder geschlagen hast, im Verlauf einer Schmähaktion gegen mich oder meine Lieben. Ich glaube dir einfach.“

            Übersetzung: Dieter Schubert

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