Jetzt sind sie es, die uns fürchten

„Freiheit passt nicht in einen Koffer“, schreiben viele in den Sozialen Netzwerken. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 16.Juli 2021

Niemand in der Warteschlange spricht. Eine Frau schaut auf ihre Schuhe und ein junger Mann trommelt mit den Fingern auf eine Wand. Es sind einige Tage vergangen seit die Kubaner auf die Straße gingen und protestierten; ein Protest, wie es ihn in den vergangenen 62 Jahren noch nie gab, bei dem die Empörung in jeden Winkel des Landes vordrang. Der allgemeine Zorn wächst in dem Maß, wie in den Medien Bilder von der Brutalität der Polizei auftauchen, wie es mehr Zeugnisse von Müttern gibt, deren Kinder seit jenem Sonntag verschwunden sind und wie sich Videos von Städten voller Militär verbreiten.

Wer auch immer die Insel nicht schon vor dem historischen 11.Juli kennengelernt hat, könnte jetzt sagen, dass es den Behörden gelungen ist, die Situation unter Kontrolle zu bringen und dass in den kubanischen Straßen wieder Ruhe herrscht. Aber in Wirklichkeit ist diese scheinbare Ruhe nur eine Mischung aus Entsetzen, Wut und Schmerz. In Havanna liegt die Anspannung in der Luft, denn überall gibt es Polizei, Militär und regierungsaffine Zivilisten mit allen Arten von Schlagstöcken in den Händen. In den Häusern wächst das Unbehagen und es fließen Tränen; nur wenige haben bis zum Morgen durchgeschlafen.

Tausende Familien suchen einen der Ihren auf Polizeistationen; ebenso viele erwarten, dass Uniformierte an die Tür klopfen, um ein Familienmitglied mitzunehmen, das verdächtigt wird an den Protesten teilgenommen zu haben. An verschiedenen Orten des Landes entstehen neue Brennpunkte der allgemeinen Unzufriedenheit; sie werden von Sonderkommandos − den gefürchteten „Schwarzen Wespen“ − mit Schlägen und Schüssen unterdrückt. Zahllose unabhängige Journalisten wurden festgenommen, andere unter Hausarrest gestellt, und der Zugang ins Internet wurde bei mehreren Anlässen gesperrt, als die ersten populären Demonstrationen begannen.

Tausende Familien suchen einen der Ihren auf Polizeistationen; ebenso viele erwarten, dass Uniformierte an die Tür klopfen, um ein Familienmitglied mitzunehmen, das verdächtigt wird an den Protesten teilgenommen zu haben.

Das kubanische Volk, das die Behörden in Gänze als systemtreu, fügsam und sanftmütig bezeichnen, … dieses Volk gibt es nicht mehr. Stattdessen gibt es ein Land mit schreienden Bewohnern, manche aus vollem Hals, andere stumm, sodass man nicht genau sagen kann, wann sie zu schreien beginnen. Das wirkliche Kuba hat sich immer mehr von der Nation entfernt, die die offizielle Presse vermittelt. Kuba fühlt, dass es seine bürgerliche Stimme zurückgewonnen hat, und hat dies massiv mit seiner Stärke auf den Straßen und seinen lauten Rufen nach „Libertad“ bewiesen. Dahingegen sprechen die kontrollierten Titelseiten der offiziellen Presse von Verschwörungen, die von außen ins Land getragen werden; von Splittergruppen, die sich manifestieren, und von Verbrechern die Märkte verwüsteten. Beide Darstellungen schließen sich gegenseitig aus und sie werden nicht mehr lange koexistieren können.

Miguel Díaz-Canel hat versucht seine ersten Worte abzuschwächen, gesprochen an diesem Sonntag vor einem Mikrofon, als man fast stündlich von einem neuen Protest-Brennpunkt erfuhr: „Der Befehl zum Kampf ist erteilt“ und „Wir sind zu allem bereit“, so drohte er damals, und das Gespenst eines Bürgerkriegs flog über den Archipel. Jetzt aber, ohne diese Worte zurückzunehmen, fügt er Begriffe wie „Harmonie“, „Frieden“ und „Freude“ hinzu; es gelingt ihm aber nicht zu überzeugen, weil gleichzeitig mit den süßen Worten hunderte von Omnibussen seine Stoßtruppen im ganzen Land absetzen, in Stadtvierteln und auf Plätzen.

Bis heute hat es eine einzige angekündigte flexibilisierende Maßnahme gegeben. Es war der Versuch den Protest einzudämmen und er bestand darin, die Obergrenze für Medikamente, Nahrungsmittel und Produkte der Körperpflege aufzuheben, die Reisende mit auf die Insel bringen können. Aber diese Maßnahme kam spät, erst nach jahrelangen Forderungen, und sie war − im Hinblick auf die viel weitergehenden Forderungen sozialer Art − nur ein Tropfen auf den heißen Stein, nämlich: dass das politische System demontiert wird, dass seine wichtigsten Figuren auf ihre Ämter verzichten und dass ein Übergang zur Demokratie sobald wie möglich eingeleitet wird. „Freiheit passt nicht in einen Koffer“, schreiben viele in den Sozialen Netzwerken, und dass eine Rebellion nicht vor einem Polizeischild halt macht. „Wir hatten so großen Hunger, dass wir unsere Angst gegessen haben“, kann man überall lesen. Aber jetzt haben wir so viel Wut im Bauch, dass sie es sind, die uns fürchten und man merkt es ihnen an.

            Übersetzung: Dieter Schubert

Dieser Text wurde ursprünglich auf der Internetseite der Deutschen Welle  für Lateinamerika veröffentlicht.

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Ein Gedanke zu „Jetzt sind sie es, die uns fürchten

  1. Die Vorgänge auf Cuba berühren mich sehr und ich wünsche allen, dass der Wandel friedlich sein kann.
    Ich habe gelesen dass eine Intervention gefordert wird. Aber das Regime wird auch UN-Hilfen nicht dulden – ähnlich wie in Venezuela. Wie groß ist außerdem die Gefahr einer zweiten Kubakrise, sobald die USA in irgendeiner Weise intervenieren? Putin hat ja gleich verlautbaren lassen, dass „Ordnung“ auf den Straßen wieder hergestellt werden müsse … ? Alles Gute!!!!!

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