Der am besten bewachte Patient der Welt

Angehörige der Staatssicherheit patrouillieren vor der Klinik, in die Luis Manuel Otero Alcántara eingeliefert wurde. (14ymedio)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 26.Mai 2021

Es ist einfach sie zu erkennen: sie tragen ihr Haar kurz und beobachten jeden genau, der nah an der Klinik Calixto García in Havanna vorbeigeht. Es sind Angehörige der Staatssicherheit, die vor der Klinik patrouillieren, in die am 2. Mai der Künstler Luis Manuel Otero Alcántara eingeliefert wurde; er ist der am besten bewachte Patient der Welt. Seit er hier interniert wurde, hat man ihn nur noch auf ein paar schlecht gemachten und stark bearbeiteten Videos gesehen, die die politische Polizei selbst veröffentlicht.

Die Freunde von Otero Alcàntara bestehen darauf, direkt mit ihm zu sprechen zu können, aber man hat ihnen nicht erlaubt ihn zu besuchen; der Künstler hat auch keinen Zugang zu einem Telefon, um ohne Vermittler zu kommunizieren. Die Tage vergehen und die offizielle Version wird immer unerträglicher, dass dieser 33 Jahre alte Habanero, der aus Protest gegen Unterdrückung seit mehr als einer Woche weder feste noch flüssig Nahrung zu sich genommen hat, in perfektem gesundheitlichen Zustand in die Klinik gebracht wurde, mit Anzeichen einer beneidenswerten Gesundheit.

Wenn er in guter physischer Form ist, warum behält man ihn dann dort mehr als zwei Wochen? Was geschieht wirklich mit ihm während der langen Tage, die der Künstler in den vier Wänden eines Krankenzimmers verbringt? Alle Antworten, die mir bei diesen Fragen durch den Kopf gehen, sind mindestens beunruhigend. Die Komplizenschaft des offiziellen Ärzteverbands hinsichtlich Unterdrückung hat auf dieser Insel eine lange Geschichte. Die Veröffentlichung der Krankengeschichten von Dissidenten in offiziellen Medien− ohne Rücksprache mit den Betroffenen − und die Verwahrung in Nervenheilanstalten von Personen, die auf der Straße friedlich protestierten, sind ein Teil von solchen beunruhigenden Absprachen.

Die Veröffentlichung der Krankengeschichten von Dissidenten in offiziellen Medien− ohne Rücksprache mit den Betroffenen − und die Verwahrung in Nervenheilanstalten von Personen, die auf der Straße friedlich protestierten, sind ein Teil von solchen beunruhigenden Absprachen.

Wenn dazu nun noch die strenge Überwachung einer Abteilung der Klinik kommt, seit Otero Alcántara dort ist…, wenn mehrere Aktivisten verhaftet werden, die versucht haben sich ihm zu nähern, dann wird die Beunruhigung noch größer. Zu denen, die zu ihm vordringen könnten, versehen mit einer gewissen Sicherheit, gehören die einflussreichsten Personen der Katholischen Kirche, die Mitglieder des ausländischen diplomatischen Korps und die Korrespondenten von ausländischen Medien, deren Arbeit es ist darüber zu berichten, was sich auf der Insel ereignet. Aber bis jetzt haben sie nichts unternommen.

Bis jetzt weiß man nicht, ob sich einer von ihnen bemüht hat einen Zugang zu dem Raum zu erhalten, in dem der Künstler seine Tage verbringt; aber vermutlich hat Mehrzahl der Bischöfe, der Botschafter und der akkreditierten Reporter den Preis sorgfältig kalkuliert, der bei einer Anfrage dieser Art bei den kubanischen Behörden fällig würde. Im Augenblick deutet ihre Lähmung darauf hin, dass sie die Kosten von „intervenieren“ oder „über die Situation von Otero Alcántara informieren“ evaluiert haben, und dass sie sich nach der Bewertung von „pro“ und „kontra“ entschlossen haben auf Distanz zu bleiben und den „Platz der Revolution“ nicht zu verärgern.

Solange die Komplizen schweigen und die Unentschlossenen im Schatten bleiben, kann das Leben eines Mannes, der bis vor kurzem noch voller Energie war, aus den Fugen geraten und in einen dunklen Abgrund stürzen. Der respektlose Künstler, der eine Biennale für unabhängige Kunst organisierte, der aus Protest die Büste eines kommunistischen Führer entfernte, der tagelang die kubanische Fahne auf seinem Körper trug…er ist verstummt. Auf Bildern, die die Bürokratie passieren lässt, sieht man ihn abgemagert: ein Patient mit erloschenem Blick und geschwächtem Körper.

    Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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