Kongress oder Beerdigung? In Kuba weiß man das nie

Raúl Castro und Miguel Díaz-Canel während des 8.Kongresses der Kommunistischen Partei Kubas. (Estudios Revolución)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 20.April 2021

In der illegalen kubanischen Lotterie bedeutet die Zahl 8 den Tod, dieselbe Zahl steht vor dem Kongress der Kommunistischen Partei (PCC), der am Montag in Havanna zu Ende ging. Dieses Konklave hatte für eine Generation, die sich von ihren hohen Ämtern verabschiedet, die Feierlichkeit eines politischen Begräbnisses, hat aber für das Land, das sich in der schlimmsten Krise des Jahrhunderts befindet, nur wenige optimistische Signale ausgesendet.

Der Abschied Raúl Castros vom Sekretariat der mächtigsten Organisation des Landes kommt nicht überraschend. Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste ihn zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich. Trotzdem, obwohl nun an der Parteispitze niemand mehr den Namen des Familienclans trägt, wäre es naiv zu denken, dass die Sippe aus den Dörfchen Birán nicht weiterhin versuchen würde, das nationale Schicksal zu kontrollieren.

Um das Steuer des Staatsschiffs in Händen zu behalten, entwarf Raúl Castro vorausschauend einen Plan, den er methodisch und diszipliniert umsetzte, getreu seinem Motto: „Ohne Eile, aber ohne Pause“. Die Berufung an die vorderste Parteifront von Miguel Díaz-Canel, einem Benjamin, der aufgebaut wurde, um die Kontinuität des Systems um jeden Preis zu gewährleisten, war dabei der entscheidende Schritt bei der Übergabe von öffentlicher Verantwortung.

Der unabänderlich voranschreitende biologische Prozess veranlasste Raúl Castro zur Seite zu treten, wenigstens öffentlich.

Die Berufung ins Polit-Büro von Luis Alberto Rodriguez López-Calleja, Ex-Schwiegersohn von Castro und Chef des Militärkonsortiums, das einen Großteil des Tourismus-Geschäfts kontrolliert, deutet darauf hin, dass es für den ausscheidenden Parteiführer extrem wichtig ist zu vermeiden, dass ein Reformkurs das System zusammenbrechen lässt und seine Familie so den Zugriff auf „die besten Stücke des nationalen wirtschaftlichen Kuchens“ verliert.

Das ist der Fahrplan, den der General aufgestellt hat, um seine letzten Tage sicher vor Tribunalen und Gefängnismauern verbringen zu können, aber das ist nicht genug. In dem Land, das er − wenigstens nominell − transferiert hat, gibt es jetzt eine große allgemeine Unzufriedenheit mit dem politischen und wirtschaftlichen System. Absurde Verbote und der Zentralismus, mit seiner geringen wirtschaftlichen Produktivität, haben einen materiellen Schaden verursacht, der durch die Pandemie im letzten Jahr noch vergrößert wurde.

Öffentliche Demonstrationen, als Ausdruck von Unbehagen, sind nicht mehr nur die von Oppositionellen; es vergeht kaum eine Woche, in der nicht in den sozialen Netzen von Straßenprotesten, Konfrontationen mit der Polizei und Übergriffen der Staatssicherheit berichtet wird. Die gesamte Nation gleicht einer ausgedehnten verdorrten Weide, unter einer unbarmherzigen Sonne von Armut und Unterdrückung, die mit einem kleinen Funken Feuer fangen kann, oder es folgt eine weitere Migrationskrise, eine der vielen, die wir Kubaner regelmäßig erlebt haben.

Mit diesem 8.Kongress wollten die abtretenden Partei-Oberen die Botschaft von der Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Wegs aussenden und nicht die Fahne der Wende hissen. Sie entschieden sich für ein Drehbuch, in dem der ideologische Stab von einem Läufer an den nächsten weitergegeben wird, zum Nachteil eines Plans für Öffnungen, auf die ein Teil der Bevölkerung schon seit langem wartet. In den nächsten Wochen, in dem Maß wie Einzelheiten zu diesem Ereignis bekannt werden, wird es einige Bürger geben, die sich die Hände reiben, viele werden dann ein Floß ausrüsten, um zu emigrieren, und noch andere werden eine Kerze anzünden, für eine Nation in Agonie.

…Übersetzung: Dieter Schubert

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.

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