Der Frühling, der dunkelste von allen

Im sogenannten „Schwarzen Frühling“ 2003 wurden 75 Dissidenten verhaftet und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 18.März 2021

 Sie kamen am frühen Morgen, und oft nahmen sie sogar Familienfotos mit. Es war März 2003 und die Nachricht verbreitete sich häppchenweise in dem Maße, wie die Polizeiregister länger wurden und die Bürger anfingen, über die Patrouillen, die Uniformierten und die Verhafteten zu reden. Diese Tage wird man später als den „Schwarzen Frühling“ bezeichnen; eine Welle staatlicher Gewalt, die tiefe Wunden hinterlassen hat, die aber auch das aktuelle Erscheinungsbild der Dissidenten auf Kuba prägte.

 Es waren Zeiten, in denen die kubanische Bürokratie Mut fasste. Mit einem noch aktiven Fidel Castro an der Staatsspitze und einem konstanten Zufluss von Petrodollars aus Venezuela, glaubte das Regime, den Himmel mit den Händen berühren und jede Wolke kontrollieren zu können. Mit Beginn des Jahrhunderts hatte man die eine um die andere energetische und soziale Reform gestartet und dazu tausende von jungen Leuten rekrutiert, die alle dasselbe taten: Autos in Servicestationen betanken, Kühlschränke verteilen und Schläge bei Schmähaktionen austeilen. Die begonnenen wirtschaftlichen Reformen, zu denen die „Spezielle Periode“ (Período Especial) gezwungen hatte, wurden zurückgefahren.

 Im Jahr 2003 begann der Krieg im Irak und Castro glaubte, dass sich die internationale Aufmerksamkeit ausschließlich auf den aufkeimenden Konflikt im Nahen Osten richten würde. Schließlich hatte er schon bei früheren Anlässen seinen Willen durchgesetzt, als wegen Mittäterschaft, die Angst Havanna zu inkommodieren und ideologischer Sympathien mehr als nur eine Verurteilung des Regimes verschwiegen wurde, obwohl es Verhaftungen von Dissidenten und Übergriffen in Gefängnissen gab. Die repressive Offensive in jenem März sollte zeigen, dass die Zeiten der absoluten Kontrolle zurück gekommen waren, obwohl man nicht mehr mit der Unterstützung des gefürchteten russischen Bären rechnen konnte. Der „Máximo Líder“ wollte eine überzeugende Botschaft vermitteln.

Es war auch das Jahr, in dem viele ihre Illusionen verloren, jene, die immer noch glaubten, dass sich in der Karibik eine gerechte und schöne Revolution etabliert hätte.

 Aber die Razzia kam nicht so voran, wie es Castro kalkulierte. Die internationale Verurteilung war einstimmig. Sogar alte Verbündete, wie der portugiesische Schriftsteller José Saramago, sagten klar und deutlich, dass ihre Geduld und Nachsicht ein Ende gefunden habe. „Bis hierher bin ich mitgegangen. Von nun an wird Kuba seinen eigenen Weg gehen; ich aber bleibe außen vor“, erklärte der Nobelpreisträger für Literatur angesichts der Verhaftung der 75 Oppositionellen; ein Satz, den man auf der Insel in offiziellen Medien nie hören oder lesen konnte; man sprach weiterhin von der „uneingeschränkten“ Unterstützung der Offensive „gegen den Feind“.

 Es war auch das Jahr, in dem viele ihre Illusionen verloren, jene, die immer noch glaubten, dass sich in der Karibik eine gerechte und schöne Revolution etabliert hätte. Sie wollten nicht wahr haben, dass die Bärtigen, die von den Bergen heruntergekommen waren, letztendlich eine Diktatur errichten würden, in der „anderer Meinung sein“, ein Synonym für „Verrat“ war. In diesem Frühling entdeckten sie eine Evidenz, die überzeugender war, als jedes beliebige Argument. Es war nicht nötig viel zu sagen; es reichte die Anklageschriften zu lesen, in denen bestimmte Bücher zu haben, eine Schreibmaschine zu besitzen oder einen Brief aus dem Ausland zu erhalten als kriminell eingestuft wurden.

 Aber diese Verhaftungen und die darauffolgenden Verurteilungen korrigierten nicht nur die Art und Weise, wie die Welt das kubanische System betrachtete, sondern sie beeinflussten auch die nachfolgende Dissidenten-Bewegung, die auf Kuba Gestalt annahm. Die Forderung, die 75 freizulassen, und die Weigerung der Regierung dies zu tun, wurden zu Ereignissen, die die kubanische Opposition einte. Die Bewegung der „Damen in Weiß“ (Damas de Blanco) spielte bei diesem aufeinander Zugehen eine entscheidende Rolle, und neue Gruppierungen, die wegen der Nachfrage in aller Eile entstanden, waren weniger parteilich orientiert, sondern konzentrierten sich eher auf die Einhaltung der Menschrechte. Die unabhängige Presse wuchs. Der Castrismus hatte eine Saat ausgebracht, geerntet hat er einen Verlust an internationalem Prestige und eine soziale Zerrissenheit, die ihn heute in Schach hält, umgeben von Kritik, und entblößt aller Würde.

 Achtzehn Jahr später, das kubanische Regime hatte genügend Zeit um einzusehen, dass dieser Akt von Intoleranz ihm nur Probleme gebracht hat. Er machte Bürger zu Helden, erzeugte ein gemeinsames Wollen und öffnete einem kritischen Sektor Tür und Tor, der heute viel breiter und mehrstimmiger ist, als er es vor jenem März 2003 war. Obwohl das „Knebelgesetz“(Ley de Mordaza) noch in Kraft ist, schwächelt der „Arm der Macht“; er ist diskreditiert und fast ohne Alliierte.

   Übersetzung: Dieter Schubert

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