Verbieten um zu verbieten

Bei mehr als der Hälfte aller in Kuba gebauten Häuser, zwischen Januar und Oktober 2020, waren dies Privatpersonen; aber selbstständige Architekten bleiben ausdrücklich verboten. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 11.Februar 2021

Das Haus ist niedrig und hässlich; es wurde behelfsmäßig und schnell errichtet. Um zu bauen konnten seine Bewohner keinen selbständigen Architekten beauftragen, und auch in Zukunft werden sie dies nicht tun können. Eine Auflistung der in Kuba verbotenen privaten Tätigkeiten enthält nicht nur die Architekten, sondern auch Journalisten, Filmschaffende, Anwälte, Bestatter, wissenschaftliche Forscher und Hersteller von Fahrzeugen.

An diesem Mittwoch wurde endlich das Verzeichnis der auf der Insel geächteten Tätigkeiten veröffentlicht; sein Inhalt hat die schlimmsten Prognosen übertroffen. Auf der Liste werden nicht nur Aktivitäten verboten, die bisher auf illegalen Terrain stattfanden, wie die Leitung einer privaten Galerie oder eine Rechnungsprüfung; jetzt werden rigorose Grenzen gesetzt, von denen der Staat will, dass sie nicht von privaten Initiativen überschritten werden. Zusammengefasst handelt es sich um die Ängste eines politischen Systems, das weiterhin die wichtigsten Bereiche im Leben seiner Bürger kontrollieren will.

Die Liste ist ein Beweis für die rückständige Mentalität, die bei denen vorherrscht, die auf der Insel Entscheidungen treffen. Sie denken immer noch, sie könnten verhindern, dass ein Musiker ein kleines Aufnahmestudio im Badezimmer aufbaut, um eigene CD’s zu produzieren und die seiner Kollegen; sie glauben immer noch, sie könnten vermeiden, dass jemand aus ein paar Rädern und Blechteilen ein Fahrzeug zusammenbaut oder einen Beschuldigten juristisch berät. In ihrer Fantasie gelingt es ihnen, dem Layouter eines Gedichtbands die „Flügel zu stutzen“, ebenso wie dem der Tabakblätter rollt, um die Zigarren auf eigene Rechnung zu verkaufen.

Die Liste mit diesen 124 verbotenen Aktivitäten zeigt auch die Arroganz, von der die Regierenden durchdrungen sind, die sie geschrieben haben.

 Die Liste mit diesen 124 verbotenen Tätigkeiten zeigt auch die Arroganz, von der die Regierenden durchdrungen sind, die sie geschrieben haben. Eine solche Anmaßung basiert auf einem Image, das nur schwer mit einem bankrotten Staat in Einklang zu bringen ist, auch nicht mit den umfangreichen internationalen Schulden, der chronischen Versorgungskrise und dem Unvermögen Werte zu schaffen oder die Nachfrage nach Produkten des täglichen Lebens zu befriedigen. Die Liste ist abgefasst, als ob es sich die Regierung leisten könnte, die vielen Möglichkeiten außen vor zu lassen, die Beschäftigung, Wohlstand und Entwicklung generieren, nachdem sie das Land an die Armutsgrenze und an den Rand einer humanitären Krise gebracht hat.

Diese Auflistung ist nicht entstanden mit Blick auf die wirtschaftliche und rechtliche Situation; sie wurde erarbeitet ausgehend von einem Bedarf an Kontrolle. Vielleicht ist es der Paragraf „Künstlerische Aktivitäten, Unterhaltung und Re-Kreativität betreffend“, der am deutlichsten die ideologische Inspiration zeigt. In dieser Aufzählung ist der Journalismus der erste „Verurteilte“, weil er seit Jahren das staatliche Nachrichtenmonopol schachmatt setzt, indem er unzählige Vorkommnisse aufdeckt, die die offizielle Bürokratie gern unter den Teppich kehren würde, und damit die Hörigkeit der von der Kommunistischen Partei kontrollierten Presse offensichtlich macht.

Was können wir von einer solchen Liste erwarten? Handelt sich dabei um Makulatur oder wird sie um jeden Preis umgesetzt? Macht man eine Hexenjagd auf viele wirtschaftliche Phänomene, die sich im Schatten der Illegalität ausgebreitet haben? Ist es ein repressiver Schlag, der jedes privat geführte Geschäft beerdigt − weil jetzt verboten? Schwierig vorherzusehen, was geschehen wird. Schon jetzt aber ist klar was die Regierung erreicht hat: In gemeinsamer Empörung vereinen sich Filmschaffende, unabhängige Reporter, Ingenieure und die frustrierten Architekten, die Städte voller Pfusch am Bau sehen. Mehr als hundert Verbände wurden gerade zu Feinden.

Übersetzung: Dieter Schubert


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