Wenn es keinen Unterricht gibt, gibt es auch keine Indoktrinierung

Nach den Protesten am 27.November und der jüngsten Neuauflage, ist es offensichtlich geworden, dass die politische Kontrolle ein vitales Element der kubanischen Bürokratie ist. (14ymedio)

14ymedio biggerYOANI SÁNCHEZ / La Habana / 1.Februar 2021

Am Morgen wachen sie nach 10 Uhr auf, sie verbringen den Rest des Tages in Warteschlangen, um Nahrungsmittel zu kaufen, auf das Smartphone zu starren oder vor einer Konsole mit Videospielen zu sitzen. Sie sind zwischen 17 und 25 Jahre alt, aber an diesem 1.Februar konnten sie nicht zurück an die Uni, weil ein Corona-Ausbruch in Havanna dies verhindert hat. Wenn aber keine Vorlesungen stattfinden, schützt sie dies auch vor Veranstaltungen mit ideologischer Indoktrinierung.

Karla, Mateo und Jeancarlo sind in ihrem ersten, dritten bzw. fünften Studienjahr; sie haben sich für technische bzw. geisteswissenschaftliche Fachgebiete an Fachhochschulen in Havanna immatrikuliert, aber seit sie in einem Hörsaal waren, sind viele Monate vergangen Das merkt man nicht nur an der Orthographie und am Wecker, der nicht mehr so früh läutet, sondern auch an der abgeschalteten Indoktrinierung, die bis vor kurzem den Ablauf ihres studentischen Lebens bestimmte.

„Ich finde nichts auf der Anzeigetafelt“, sagt Jeancarlo und schaut auf den Bildschirm. „Wenn ich nicht an die Uni muss, werde ich mich auch nicht mit den Abendnachrichten herumquälen“, meint Karla, und während es für Mateo klar ist, dass er die Kommilitonen seines Jahrgangs vermisst, sagt er, dass „es eine Wohltat ist, wenn man nicht jeden Tag denselben ideologischen Quatsch anhören muss“. Alle drei haben sich der ideologischen Dressur entzogen, die vor kurzer Zeit noch zu ihrem Studentenleben gehörte.

Ein Regime, das zu seinem Fortbestand die ideologische Kontrolle des Einzelnen von früher Kindheit an braucht, weiß nicht mehr recht was es tun soll, wenn die Menschen auf Distanz gehen und unzugänglich werden.

 Nach den Protesten am 27.November vor dem Ministerium für Kultur und der Neuauflage zwei Monate später, ist es offensichtlich geworden, dass die politische Kontrolle der Universitäten ein vitales Element der kubanischen Bürokratie ist. Vermisst jemand vielleicht die vielen Slogans bei den Morgenfeiern an den Schulen, die Verwendung von Studenten für Stoßtrupps bei Schmähaktionen gegen missliebige Bürger und die Kampagnen in Klassenzimmern und Hörsälen, um Kritiker zu verteufeln?

Stattdessen hat die Pandemie die Regierung gezwungen, die Kampagnen zur Vernichtung der Reputation von Künstlern, Aktivisten und unabhängigen Journalisten zu bündeln. Sie finden jetzt in den offiziellen digitalen Medien statt, im nationalen Fernsehen und mithilfe regierungsfreundlicher Accounts in den sozialen Netzwerken. Das Problem ist aber, fern vom obligatorischen Prozess zu denken, den ihnen die Universität aufzwingt, und eingeschlossen in ihren Häusern, schauen die Studenten die offiziellen TV-Kanäle nicht an.

„Für nichts auf der Welt verschwende ich damit meine Zeit. Wenn es etwas Gutes an der Quarantäne gibt, dann das, dass man nicht so viel heucheln muss“, gibt Karla zu. Mit ihren Freundinnen kommuniziert sie mit WhatsApp; sie sprechen über Mode, über neue Paare in ihrem Freundeskreis, die trotz der Distanz zusammengefunden haben, über Musik, die sie hören und über die Zukunft. „Eine Professorin hat uns per Telegram einige Unterlagen geschickt, damit wir den Kontakt mit dem Studium nicht völlig verlieren; aber wem fällt schon ein, ein solches politisches Kommuniqué zu lesen“, scherzt sie.

Ein Regime, das zu seinem Fortbestand die ideologische Kontrolle des Einzelnen von früher Kindheit an braucht, weiß nicht mehr recht was es tun soll, wenn die Menschen auf Distanz gehen und unzugänglich werden. Die armseligen Versuche, den „revolutionären Enthusiasmus“ wieder zu beleben, waren Aufrufe an die jungen kubanischen Linken, sich in den Parkanlagen des Landes zu treffen, um gegen die Künstler in Havanna zu protestieren. Aber die allgemeine Verweigerung an solchen Treffen teilzunehmen, aufgrund des epidemiologischen Risikos, hat sogar die glühendsten Verteidiger des Parteigetöses dazu gebracht, davon Abstand zu nehmen; auch, weil nicht mehr dazu aufgerufen wurde.

Mit einem Videospiel auf dem Bildschirm, abhängig von einem Lieferdienst oder auf dem Bett liegend, nachdem man die Nacht mit dem Anschauen von Serien und Filmen verbracht hat, damit wird man wenig Wissen in Naturwissenschaften, Grammatik oder Geschichte lernen können; aber auf diesen unterhaltsamen Seiten gibt es auch keine ideologischen Exzesse. Weil der Unterricht eingestellt wurde, werden junge Leute in den kommenden Jahren Schwierigkeiten haben, eine mathematische Gleichung zu lösen, einen Kunststil zu erkennen oder zu sagen, wann eine mittelalterliche Schlacht stattgefunden hat; aber sie werden unzugänglicher für Ideologie sein. Sie haben zu viel Zeit außerhalb des ideologischen Dauerregens verbracht, und sie haben sich daran gewöhnt Regenschirme zu benutzen.

Übersetzung: Dieter Schubert


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