Die Madeleine von Proust und der Käse aus Artemisa

Die Madeleine ist ein französisches Feingebäck in Form einer Jakobsmuschel. Artemisa ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Fotos von der Polizeiaktion bei einem Bauern in Artemisa. (Screenshot)

YOANI SÁNCHEZ / La Habana / 31.August 2020

Wir alle haben einen Bissen im Mund und er ist der Beste, den wir je gegessen haben; ein Moment, in dem alle Geschmackpapillen vor Genuss explodieren und einen unvergesslichen Eindruck in unserem Gedächtnis hinterlassen. Bei mir war es in Juchintán de Zaragoza, einer Stadt auf der Landesenge von Tehuantepec, Mexiko. Er war ein kleiner Rinderzüchter, der in einem armseligen Stall seine Arme in eine weiße Masse tauchte; ich eine ungeduldige Kubanerin, die sein Produkt probieren wollte.

Mit seinen Händen nahm er Stück Frischkäse heraus und bot es mir an. Mücken schwirrten herum, ein paar dürre Hunde betrachteten mich, der weiße Brocken war vor meinen Augen und meiner Nase. Einen Augenblick später biss ich hinein. Seit damals habe ich nie wieder einen so intensiven Geschmack gespürt. Man kann sich auch an einen Geschmack erinnern, der zurückkehrt und zugleich traurig macht −fragen Sie dazu Marcel Proust*)

Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht.

 Traurigkeit, weil sich in meinem Land das Ereignis nicht wird wiederholen können, dass ein Rinderzüchter mir stolz ein Stück Käse reicht. Traurigkeit, weil ein privater Produzent zehnmal am Tag gegen kubanische Gesetze verstoßen müsste, um ein Produkt zu erzeugen, das auf dem Teller und in der Erinnerung beeindruckt. Traurigkeit, weil sich der Staat der Rinderhaltung bemächtigt hat und diesen Sektor mit trockenen Eutern und leeren Futterkrippen zurückgelassen hat.

Unter anderen Bedingungen hätte man dem Bauern aus Artemisa, den das Fernsehen vor einigen Tagen als Kriminellen hinstellte, eine Medaille umhängen müssen, sein Tun unterstützen und seine Rezepte kopieren können. Denn ihm ist es gelungen − trotz der vielen Einschränkungen − in einem Land mit ausgehungerten Kühen und drakonischen Strafen Käse zu machen. Wenn ich die Bilder vom Polizeieinsatz sehe, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wie damals an jenem Tag im dunklen Kuhstall in Mexiko.

Übersetzung: Dieter Schubert

*) Anm.d.Übersetzers: In seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ widmet der Schriftsteller Marcel Proust der Madeleine mehrere Seiten.

 

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