Der Feind steht nicht in 90 Seemeilen Entfernung, sondern in den Warteschlangen.

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Aus verschiedenen Gründen braucht der Castrismus ‚Coleros‘ und Hamsterer; nur so kommen Produkte in Orte, die die staatliche Ineffizienz nicht beliefert. (14ymedio) Coleros sind Personen, die für andere anstehen; von la cola (sp.) = die Warteschlange

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana| 3. August 2020

„Mit 180 Tagen Gefängnis werden Spekulanten und Hamsterer von Produkten bestraft“, so der Text eines Gesetzes, das diese Woche hätte verabschiedet werden können, wenn es nicht schon im weit zurückliegenden Jahr 1992 in Kraft getreten wäre. Seit damals, also seit fast sechs Jahrzehnten, werden Wiederverkäufer in der offiziellen kubanischen Sprechweise als die Verursacher der Unterversorgung genannt, während sie in Wirklichkeit nur ein unerwünschter aber notwendiger Nebeneffekt sind.

 In diesem Zusammenhang legte das vom Ministerrat verabschiedete Gesetz 1035 fest, dass eine Person nicht mehr als 11,5 kg eines landwirtschaftlichen Produkts kaufen durfte. Illegal war es auch, eine darüber hinausgehende Menge auf den Straßen und Gehsteigen des Landes zu transportieren, es sei denn mit einem staatlich dazu autorisierten Fahrzeug. Ein Verstoß zog nicht nur eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten nach sich, sondern auch die Beschlagnahme des Fahrzeugs.

 Meine Eltern hatten sich noch nicht kennengelernt, meine Geburt war eine infinitesimal kleine Möglichkeit in ferner Zukunft, und schon damals brandmarkten die kubanischen Behörden die ‚Coleros‘ und andere unkonventionelle Händler als die Schuldigen, wenn viele Produkte des täglichen Bedarfs nicht zu Familien mit geringen finanziellen Mitteln gelangen konnten. Diesen Vorwurf hörte ich wieder in den 80er Jahren, als ich ein Kind war, in einem Kuba, das trotz der sowjetischen Subventionen weiterhin an einem periodisch auftretenden Mangel von bestimmten Waren litt.

 Alles Gestikulieren ist nichts weiter als pure Angeberei und eine wohlkalkulierte Kampagne der Ablenkung. Niemand sonst als der kubanische Staat hätte alle Möglichkeiten in der Hand, um solche Praktiken zu beenden.

 Es kamen die 90er Jahre; statt ein ‚mea culpa‘ anzustimmen, weil man auf ein lahmes Pferd gesetzt hatte, was das sozialistische Lager war, bezeichneten die offiziellen Losungen erneut die „Hamsterer im Hinterhof“ und das US-Embargo als die Ursachen für den tief greifenden Mangel, der über uns kam. Die Verantwortung dafür sollte immer anderswohin geschoben werden, weg von der Plaza de la Revolución, weg von der Eigenmächtigkeit Fidel Castros und weg von der grundsätzlichen Ineffizienz des wirtschaftlichen Modells, das uns von oben auferlegt wurde.

 So sind wir in die neue Krise gekommen, in der sich das Drehbuch für die offiziellen Nachrichtensendungen kaum geändert hat, wenn es gilt das Desaster zu erklären, in dem wir heute leben. Jetzt werden die Nachrichten zur besten Sendezeit mit Polizeieinsätzen gegen Händler gefüllt, die krumme Geschäfte mit Autoteilen, Zwiebeln oder Trockenmilch machen. Die Behörden rufen zu Brigaden mit Armbinden auf, die die Warteschlangen überwachen sollen, um zu verhindern, dass eine einzelne Person mehrmals ansteht, die Reihenfolge verkauft oder Freunde einschmuggelt.

 Alles Gestikulieren ist nichts weiter als pure Angeberei und eine wohlkalkulierte Kampagne der Ablenkung. Niemand sonst als der kubanische Staat hätte alle Möglichkeiten in der Hand, um solche Praktiken zu beenden, aber nicht − wie sie uns glauben machen wollen − mit Bestrafung und Unterdrückung. Hamsterer prosperieren und bereichern sich nur dort, wo es Unterversorgung gibt; der Schwarzmarkt für ein Produkt blüht dort, wo dieses fehlt oder verboten ist.

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„Mit 180 Tagen Gefängnis werden Spekulanten und Hamsterer von Produkten bestraft“, so liest man es im Gesetz von 1962.

 Es liegt in Händen des Regimes, diese Quellen, von denen die ‚Coleros‘ und Wiederverkäufer leben, versiegen zu lassen, aber nicht mit noch restriktiveren Gesetzen, sondern mit Flexibilisierungs-Maßnahmen, einer Verminderung der Rolle des Staates in Wirtschaft und Handel und einer Serie von Maßnahmen, die nicht die lästigen Effekte der Krise attackieren, sondern dem ganzen Land dabei helfen, die große „defizitäre Wüste“ zu verlassen, und die des „gibt es nicht“.

 Selbst wenn die Regierung Zähne zeigte und diese ‚Coleros‘ und Hamsterer im Fernsehen als die neuen Gegner hinstellen würde − die es zu vernichten gelte − so ist doch sicher, dass der Castrismus sie aus unterschiedlichen Gründen braucht. Nur so kommen Produkte in Orte, wohin die staatliche Ineffizienz nicht liefern kann. Es handelt sich um Verteilungs-Mechanismen mit definierten Konten, die den Markt regulieren, jedoch nicht auf der Basis von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit, sondern ausgehend von der Nachfrage und der Kaufkraft des Kunden.

 Die, die sich die Dienste der ‚Coleros‘ oder Wiederverkäufer leisten können, leben besser als jene, die über geringe finanzielle Mittel verfügen oder nur ihren Lohn haben, denn sie müssen stundenlang anstehen. Das ähnelt im Grunde genommen einer wirtschaftlichen Apartheit, die durch die Geschäfte auf Devisen-Basis vertieft wird. Der Unterschied ist: im ersten Fall ist das für viele unerschwingliche Angebot in den Händen von Privatpersonen, im andern Fall ist es die Regierung selbst, die es bestimmt und autorisiert.

 Diese neue Razzia gegen heimliche Händler, wie wir sie gerade erleben, ist nichts weiter als eine weitere Pantomime; ein Theaterstück, das im letzten halben Jahrhundert schon ein dutzendmal aufgeführt wurde. Das Einzige was sich geändert hat, ist das Alter oder die Vergesslichkeit der eingeschüchterten Öffentlichkeit, die auf Parkettplätzen dem plumpen Spektakel zusieht.

   Übersetzung: Dieter Schubert

 

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