Der Käfig verkommt

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Gerade jetzt gibt es in dieser Stadt und in diesem Land viele tausend Familien, die abends ihre Kinder zu Bett bringen, ohne zu wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt. (14ymedio)

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YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 4. Februar 2020

Ich wurde in einem Wohnblock im Zentrum von Havanna geboren und verbrachte dort einen Teil meiner Kindheit. Ich erinnere mich an jene Nächte, als ich zu Bett ging und den Staub von der Bettdecke schüttelte, der von der schadhaften Decke fiel. Ich erinnere mich auch, wie vorsichtig ich Treppen hinaufstieg, wenn ein Wandteil herunterzufallen drohte, auch an die Streben, die einige Bereiche abstützten und an den ständigen Geruch nach Feuchtigkeit und Abwasser, der aus den vernachlässigten Kanälen kam.

 Eine Unsicherheit, als Folge solcher Lebensumstände, bleibt ein Leben lang. Es ist ein Aufschrecken während du schläfst, mit einem Auge offen, weil Verputz von der Wand auf deinem Kopfkissen landen kann und du froh bist, wenn es dämmert und du noch atmest. Gerade jetzt gibt es in dieser Stadt und in diesem Land viele tausend Familien, die abends ihre Kinder zu Bett bringen, ohne zu wissen, ob es für sie noch ein Morgen gibt, weil ein tragendes Element nachgeben kann, eine Decke zusammenbrechen oder ein Querbalken herunterfallen kann.

 Die, die gern Politik und Alltag trennen − als ob das, was im „Palast“ geschieht, nicht auch jeden Aspekt der Gesellschaft beträfe −, muss man daran erinnern, dass viele dieser Gebäude ein ganz anderes Schicksal gehabt hätten, wenn man ihren Bewohnern schon vor Jahrzehnten erlaubt hätte, sich bei anderen als den offiziellen Stellen Hilfe zu holen, um Probleme zu beseitigen, die jeden Tag auftraten.

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Die Nachbarn steigen schwankend eine ramponierte Treppe hinauf, die aus den ersten Jahren des letzten Jahrhunderts stammt und in einigen Bereichen abgestützt wird. (14ymedio)

 Aber wie ein strenger Vater will der kubanische Staat alles in der Hand behalten und für alles die Gewährleistung übernehmen. Das Resultat ist: seit einem halben Jahrhundert verkommen und verfallen die Gebäude, ohne dass man einem Bauunternehmer, einer Kooperative oder einer privaten Firma erlaubt hätte, dieses Debakel aufzuhalten, geschweige denn neue Gebäude zu errichten. Als sich bei diesem Monopol ein paar Ventile öffneten, war es schon zu spät. Darüber hinaus litten die kleinen Liberalisierungen auf dem Sektor des privaten Einzelhandels weiterhin an fehlender Autonomie, einer exzessiven Bürokratie und der staatlichen Allgegenwart, die nicht nachgab.

 All das, weil der „Große Bruder“, die Plaza de la Revolución, es für notwendig hielt, uns im Glauben zu lassen, man würde uns über den rationierten Markt nicht nur mit Vogelfutter versorgen − mit einer Zuteilung abhängig von politischen Privilegien und ideologischen Verdiensten − ,sondern uns auch ein Dach über den Kopf geben: einen elenden Käfig, der auseinanderfällt.

Übersetzung: Dieter Schubert


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