Lazarus, der mit den Hunden

autoridades-proyecto-proteccion-animales-Barry_CYMIMA20191217_0003_13

Die kubanischen Behörden bereiten ein Gesetzesprojekt zum Schutz der Tiere vor. (Barry)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | La Habana |17. Dezember 2019

Er hält an, schöpft Atem und zieht dann erneut seinen Stein hinter sich her. Der Pilger ist einer von Hunderten, die am Montag ihren mühsamen Weg antraten, von Havanna aus zum Heiligtum Rincón. Sie setzen sich in Bewegung wegen ihrer Verehrung des heiligen Lazarus*), des Beschützers der Kranken und Hilflosen. Auf ihrem Weg werden sie auf Dutzende von verlassenen und misshandelten Tieren treffen, die die ganze Gegend bewohnen. Wieviele der Gläubigen werden ihr Brot oder ihr Wasser mit diesen Hunden teilen, die den Begleitern des verehrten Abbildes des alten Leprakranken so ähnlich sind?

 Am Abend dieses 17. Dezembers kündigten die offiziellen kubanischen Medien an, dass ein Gesetzesprojekt zum Schutz von Tieren vorbereitet werde. Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung. Eine langersehnte Nachricht, die die Aktivisten mit gemischten Gefühlen aufgenommen haben.

Die neuen Verordnungen beinhalten die Bestrafung von Misshandlung, außerdem die Registrierung, Überwachung und Identifizierung von Haustieren und die Kontrolle ihrer Vermarktung.

 Nach so vielen Jahren von Forderungen und Klagen, verstärkt während der letzten Monate dank der sozialen Medien, bedeutet die Vorbereitung eines Gesetzes zum Schutz der Tiere in Kuba zweifellos einen Sieg des Tierschutzvereins. Er hat nicht nur unermüdlich Forderungen gestellt, sondern sich auch organisiert, um das Leid von vielen verlassenen, kranken und überfahrenen Hunden und Katzen zu lindern, denen sie das Leben gerettet und für die sie ein Heim gefunden haben.

 Obwohl sie ihre Arbeit ohne rechtliche Anerkennung durchführten, gelang es diesen Gruppen kleine Refugien zu schaffen, Sterilisationen vorzunehmen und Tieradoptionen anzubieten, für unzählige Haustiere, die andernfalls unter den Rädern eines Fahrzeugs geendet und langsam auf der Straße gestorben wären, unter den gedankenlosen Blicken der Vorübergehenden oder grausam geopfert im staatlichen Programm der Tierkrankheitsbekämpfung. Jetzt besteht Hoffnung, dass unabhängige Organisationen wie „Kubaner verteidigen Tiere“ (CEDA) und „Tierschutz in der Stadt“ (PAC) die künftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen nutzen können, um ihre Arbeit mit größerer Effektivität und Tragweite durchzuführen.

 Es gibt jedoch eine Sache, die diesen Optimismus trübt: der Mechanismus, um eine Gesetzesvorlage in trockene Tücher zu bringen und zu genehmigen, ist beklemmend langsam und mit vielen bürokratischen Hürden versehen, doch genau jetzt gibt es Tausende von leidenden Tieren in diesem Land, für die die neuen Regularien zu spät kommen werden. Hinzu kommt noch, dass in einem ziemlich großen Teil der Bevölkerung eine tiefe Geringschätzung des Lebens von Pferden, Maultieren, Schweinen, Hunden, Katzen und anderen Tieren, die es in der Natur gibt, vorherrscht. Weder im Schoß vieler Familien noch in den Schulen gibt es eine Kultur, die den Respekt vor diesen Lebewesen fördert.

 Man sieht häufig Kinder, die von klein auf die Zweige eines Baumes mutwillig abreißen, ohne dass jemand davon Notiz nähme, Katzen mit Steinen bewerfen, streunende Hunde quälen, Eidechsen zerquetschen, Vogelnester zerstören und sich brüsten, mehrere Frösche auf einen Streich getötet zu haben. Gewalt gegen und Misshandlung von Tieren, die man in Kuba zu sehen bekommt, offenbaren die Unmenschlichkeit und den Verlust von ethischen Werten, der sich in den letzten Jahrzehnten verschlimmert hat, mit den sozialen Experimenten zur Schaffung eines neuen Menschen. Das führte dazu, dass der in den meisten Fällen keinen Respekt mehr vor der Natur hatte und unfähig war, sensibel zu reagieren, wenn ein Hund oder eine Katze sie „mit Tränen in den Augen um ein liebes Wort bittet“, wie der Schriftsteller Jorge Zalamea sagen würde.

Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen.

 Einen Teil unserer Menschlichkeit haben wir auf dem Weg eingebüßt. Das merkt man bei Leuten, die fähig sind, ein Tier auf der Straße auszusetzen, weil sie in den Urlaub fahren und es nicht mehr brauchen können, als wäre ein Hund wie ein Paar Schuhe, die man in den Müll wirft, wenn sie nicht mehr taugen. Das sind dieselben Leute, die ihre Katze, die sie ihr ganzes Leben begleitet hat, mitten auf dem Land aussetzen, weil sie nun alt ist. Das tun sie vor ihren Kindern, die, sobald sie erwachsen sind und ihr Vater alt ist, einen Platz suchen werden, wo sie ihn lassen können und sich nicht um ihn kümmern müssen.

Ein Großteil der Pilger, die sich diesen Dienstag, dem Tag des frommen Sankt Lazarus oder Babalú Ayé, auf den Weg machen, werden Kerzen anzünden oder große Beträge ausgeben, um für ein Gelübde zu zahlen. Sie ziehen kilometerweit schwere Steine hinter sich her, ohne zu bemerken, dass die Fütterung und die Aufnahme eines zurückgelassenen Hundes vielleicht eine bessere Ehrerbietung wäre, für den Alten mit den Krücken und mit den Straßenhunden, die ihm die offenen Wunden lecken.

       Übersetzung: Iris Wißmüller

Anmerkung der Übersetzerin:
In der Bibel findet man 2 Personen mit Namen Lazarus: Den „Lazarus von Bethanien“, der von Jesus von den Toten auferweckt wurde, und den leprakranken Lazarus im „Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus“.


Die Mannschaft von 14ymedio engagiert sich für einen seriösen Journalismus, der die Realität in Kuba tiefgreifend wiedergeben möchte. Danke, dass Du uns auf diesem langen Weg begleitest. Wir laden Dich ein, uns auch weiterhin zu unterstützen, indem Du Mitglied unseres Journals wirst. Gemeinsam können wir den Journalismus in Kuba transformieren.

 

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s