Ein Barometer zur Messung der Korruption in Lateinamerika

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Die Wahrnehmung der Korruption in Lateinamerika ist sehr hoch, vor allem in Venezuela.

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana | 02. Oktober 2019

Sie lächeln, trinken ein paar Gläser und einige Scheine wechseln den Besitzer. Mit ihnen werden auch Gefälligkeiten ausgetauscht, Allianzen gebildet, Vorrechte bei Ausschreibungen angeboten und die Lokalpolitik beeinflusst. Die Szene könnte sich überall in Lateinamerika abspielen, einem Kontinent, der nach wie vor von korrupten Praktiken, Misswirtschaft bei öffentlichen Geldern und Stimmenkauf geprägt ist.

Die zehnte Ausgabe des von Transparency International herausgegebenen Global Corruption Barometer (GCB)- Berichts nimmt den Krebs minutiös unter die Lupe, der Institutionen, Unternehmen und den Alltag krank macht. Der Bericht erkennt an, dass „in den letzten fünf Jahren große Fortschritte erzielt wurden“ und nennt als Beispiel die Untersuchung der Operation Lava Jato in Brasilien, zeigt aber auch, dass die Mehrheit der Bürger der Ansicht ist, dass ihre Regierungen „nicht genug tun, um die Korruption zu bekämpfen“.

Unter den befragten Bürgern aus 18 Länder des Kontinents stehen die Venezolaner mit 87 % an der Spitze derjenigen, die glauben, dass die Korruption in den letzten 12 Monaten zugenommen hat, gefolgt von 66 % der Dominikaner und 65 % der Peruaner. Auch 52 % der Kolumbianer teilen diese Meinung sowie 37 % der Bürger von Barbados.

Darüber hinaus warnt der Bericht vor den schädlichen und unverhältnismäßigen Auswirkungen korrupter Praktiken auf gefährdete Bereiche der Gesellschaft, insbesondere auf Frauen. Viele Frauen „sind gezwungen, sexuelle Gefälligkeiten im Austausch für öffentliche Dienstleistungen zu gewähren, im Zusammenhang mit Gesundheit und Bildung. Diese Gepflogenheit wird als sexuelle Erpressung oder ‚Sextorierung‘ bezeichnet“, hebt der Text hervor. Eine Situation, die bisher nicht in die Jahresberichte aufgenommen wurde, deren Häufigkeit aber zu einer stärkeren Offenlegung geführt hat.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind.

21 % der Lateinamerikaner, die an diesen Umfragen teilgenommen haben, behaupten auch, dass die meisten oder alle mit der Presse in Verbindung stehenden Personen korrupt sind. Die Straflosigkeit ist noch umfangreicher, weil diejenigen, die die Seiten der Zeitungen und Fernseh- oder Radiomikrofone benutzen müssen, um den Schmutz der Mächtigen anzuprangern, gekauft werden. Man bringt sie zum Schweigen und lässt sie die Fakten verzerren.

Glücklicherweise erreicht diese Übereinstimmung zwischen Macht und Presse, zwischen Feder und Pfründe nicht alle Reporter und Medien. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Fälle von Bestechung, Schmiergeld und Korruption zunächst über die Zeitungen und Mikrofone von Fernsehen oder Radio bekannt wurden. Dies führte zwingend dazu, gerichtliche Ermittlungen einzuleiten und die Beteiligten hinter Gitter zu bringen. Aber es muss noch mehr getan werden.

Was würden lateinamerikanische Bürger sagen, wenn man sie nach ihren eigenen täglichen Handlungen gegen diese Praktiken fragte? Wären sie nicht nur bereit auf Regierungen, Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Journalisten als Teile dieses Verfalls hinzuweisen, sondern auch ihre eigene Rolle in einer so katastrophalen Situation anzuerkennen? Es spielt keine Rolle, ob sie eine Robe, eine Militäruniform, die Krawatte des Geschäftsmannes, das Tonbandgerät des Reporters oder den einfachen Overall eines Arbeiters tragen. Wir alle müssen uns diesem Monster mit seinen tausend Köpfen stellen − jede Minute, und gewissenhaft.

Übersetzung: Lena Hartwig


Dieser Beitrag wurde ursprünglich in der lateinamerikanischen Ausgabe der „Deutschen Welle“ publiziert.

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