Ein Land, das von einem Schiff abhängig ist.

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Es genügt, dass ein Öltanker sich verspätet und das ganze Land ist gelähmt. (Pdvsa.com)

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YOANI SÁNCHEZ | La Habana |25. September 2019

Uns wurde immer ein Heiliger Gral versprochen. Ende der 1960er Jahre schlug das Herz ganz Kubas im Rhythmus der so genannten „Zuckerrohrernte der 10 Millionen“*), während in den Jahren der Wirtschaftskrise, die als „Sonderperiode“ bekannt ist, sich die Hoffnungen auf den „Ernährungsplan“ konzentrierten, der sowohl Teller als auch Mägen füllen sollte. Jetzt klammern sich alle Illusionen von 11 Millionen Menschen daran, dass venezolanische Öltanker mit ihrer wertvollen Fracht auf dieser Insel ankommen, andocken und entladen.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit der Unproduktivität, Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen, betrachten. Die Regierung ruft zur Ruhe auf und hat den aktuellen Umstand „Konjunktur“ genannt, ein Wort, das der Neosprache würdig ist, die wir bei der Plaza de la Revolución gewohnt sind, die den Privatsektor in „auf eigene Faust“ umbenannte, die Arbeitslosen in „verfügbare Arbeitskräfte“ und die Diktatur in „Demokratie einer einzigen Partei“.

Jenseits von Namen und Phrasen des öffentlichen Diskurses hat die Realität ihr eigenes Vokabular. Die langen Warteschlangen an den Bushaltestellen, der Mangel an Grundnahrungsmitteln und die Stunden des Wartens, die für eine Tankfüllung in Kauf genommen werden müssen, finden in Gesprächen auf der Straße ihren eigenen Formen: „Die Sache ist schlecht“, „das wird noch lange so bleiben“ und „es ist nicht einfach“ sind einige der Ausdrücke, die man nun überall auf der Insel hört. Es fehlt auch nicht an Humor, ein Ausweg aus der Frustration einer Gesellschaft, die alle Arten von Parodien und Wortspiele mit dem augenblicklichen „konjunkturell“ macht.

Das Land erlebt einen neuen wirtschaftlichen Rückfall, den einige nur als neues Symptom der langen Krankheit betrachten: der Unproduktivität, der Abhängigkeit von ausländischen Subventionen und der Unfähigkeit des kubanischen Wirtschaftsmodells, Effizienz und Wohlstand zu erzeugen.

Trotz der „Energiewende“ zu Beginn dieses Jahrhunderts ist Kuba heute stärker von fossilen Brennstoffen abhängig als noch vor einem Jahrzehnt. Es reicht schon aus, dass sich nur ein Öltanker verspätet, um das ganze Land lahmzulegen, bis das nächste Schiff ankommt. Die katastrophale Situation der venezolanischen Wirtschaft macht die Ankunft dieser Schiffe noch gefährlicher. Dazu kommen außerdem noch die von Washington ergriffenen Maßnahmen hinzukommen, um zu verhindern, dass das schwarze Gold dieses südamerikanischen Landes Havanna weiterhin stützt.

Wie so oft in der nationalen Geschichte des letzten halben Jahrhunderts wird sich die Krise nicht nur in längeren Warteschlangen und traurigeren Gesichtern, in leeren Tellern und hoffnungsloseren Menschen äußern… sie wird auch einen Anstieg der Zahl der Menschen beeinflussen, die sich entscheiden, ihre Taschen zu packen und zu gehen. Exodus und Flucht waren in den letzten Jahrzehnten ein untrennbarer Bestandteil des nationalen Lebens. Während Analysten darüber diskutieren, ob dieser Moment – ja oder nein – eine Verlängerung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der 90er Jahre ist, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, sind wir uns alle in einer Sache einig: Es ist die gleiche alte Flucht, diese lange Flucht, die uns vertraut geworden ist, wie die Krise selbst.

         Übersetzung: Berte Fleißig

Anmerkung der Übersetzerin:
Kuba 1970: Mit dem erklärten Ziel, die finanzielle Situation der Insel zu verbessern, hat die Regierung alle Mittel und Möglichkeiten eingesetzt, um die Produktion von 10 Millionen Tonnen Rohzucker zu erreichen. Das Planziel wurde mit etwa 8 Millionen Tonnen verfehlt. (Wikipedia)

Diese Kolumne wurde ursprünglich von der Deutschen Welle für Lateinamerika publiziert.


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