Zusammenleben und Geografie

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Die Erziehungsministerin von Kuba, Ena Elsa Velázquez Cobiella (Twitter)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ |La Habana | 1. September 2019

Diese Woche haben sich die Staatsfunktionäre wieder einmal mit ihrer ungeschickten Kommunikationsstrategie einen Fauxpas in den sozialen Netzwerken geleistet. Diesmal trat die Erziehungsministerin Ena Elsa Velázquez ins Fettnäpfchen, als sie das Wort gegen die Auswanderer richtete. „Wer nicht in Kuba lebt, hat kein Recht, uns zu kritisieren“, schrieb sie letzten Samstag auf Twitter.

Der Abspaltung durch Republikflucht fügte Velázquez ein weiteres Merkmal hinzu, um zu definieren, wem es erlaubt sei, die Staatsgewalt der Insel in Frage zu stellen. „Wir akzeptieren die Kritik derer, die an unserer Seite stehen und bereit sind, unsere Not zu teilen und nach Lösungen zu suchen“, erklärte die Funktionärin in ihrem Tweet, der in wenigen Stunden Dutzende von Antworten erhielt.

owxEkQFh_normal Ena Elsa Velázquez Cobiella @elsa_ena 30 ago. 2019

Los que no viven en Cuba no tienen derecho a criticarnos. Aceptamos las críticas de los que están junto a nosotros y están dispuestos a compartir nuestras carencias y buscar soluciones.

In die so enge Form, die die Ministerin definierte, passen nur einige wenige Auserwählte. Nach ihrer Definition darf nur derjenige Kritik üben, der auf nationalem Territorium lebt, „der Sache treu“ ergeben ist, der einen Leidensweg voller materieller Probleme mit einem Lächeln auf den Lippen hinter sich bringt und Lösungen vorschlägt, die nichts zu tun haben mit einem Wechsel des Regimes, nichts mit einer Kritik an den führenden Persönlichkeiten des Planungsablaufs und nichts mit einer negativen Einstellung gegenüber dem uns auferlegte Modell.

Nur so könnte dieser untadelige Aktivist und unverbrüchliche „Revolutionär“ mit der nötigen Ehrerbietung eine Meinung äußern, die kein Lob ist. Das Problem ist, dass Beispiele aus sechs Jahrzehnten zeigen, dass sein geäußerter Zweifel nicht einmal in diesem Fall wohlwollend aufgenommen würde, und dass Strafe, der Verlust der Reputation oder erzwungener Rückzug ins Privatleben diejenigen erwartet, die vom Applaus zur Kritik übergehen.

Nur derjenige darf kritisieren, der auf nationalem Territorium lebt, der „der Sache treu ergeben“ ist und einen Leidensweg voller materieller Probleme mit einem Lächeln auf den Lippen hinter sich bringt.

Die Verlautbarungen der Ministerin gehorchen auch einer traditionellen Strategie des Platzes der Revolution bezüglich des Exils. Von den Auswanderern alles annehmen, was Ressourcen, Geldsendungen und Hilfen bei offiziellen Angelegenheiten betrifft, aber sie fernhalten von Entscheidungen, Einflussnahme und Kritik an dem politischen und wirtschaftlichen Modell, das im Land herrscht. Eine Taktik, die von den Dollars profitiert und sich voranbringen lässt, die die über die ganze Welt verstreuten Kubaner schicken, aber sie mundtot macht bezüglich innerer Angelegenheiten.

Das war die gleiche Richtschnur, der man folgte, als man es der kubanischen Diaspora nicht erlaubte, an dem Referendum zur neuen Verfassung mit ihrer Wahlstimme teilzunehmen. Hätten die Emigranten „Stimme und Wahlberechtigung“ bei dieser Magna Carta gehabt, so wäre die Zahl der Neinstimmen ziemlich angestiegen. Das wussten diejenigen genau, die einen Text voller Artikel fabrizierten, die darauf abzielten, das System festzuzurren und zwar gut gegen jeglichen Reformprozess.

So sehr man den kubanischen Exilanten auch ihre nationalen Rechte kürzt und sie zum Schweigen bringt, haben sie dennoch eine permanente Präsenz im Leben dieser Insel. Obwohl es vielen nicht erlaubt ist, das Land zu betreten, ein Geschäft zu gründen oder eine Wohnung auf ihren Namen zu kaufen, lässt sich ihr Einfluss in fast jedem Aspekt des alltäglichen Lebens wahrnehmen.

Die Erziehungsministerin dürfte zum Beispiel wissen, dass in den mehr als 10 000 Lehranstalten, die diesen September 1,7 Millionen Schüler aufnehmen werden, viele der Schuhe, der Büchertaschen und der Schulsachen, die die Schüler tragen werden, mit Geld aus der Emigration gekauft wurden oder von einem Verwandten geschickt wurden, der in den Vereinigten Staaten, einem europäischen Land oder in der weiten Geografie Lateinamerikas wohnt.

Velázquez verschließt die Augen vor einer Wahrheit, die wie ein Berg vor ihr steht. Viele der Materialien, die die Eltern kaufen und im Laufe des Schuljahres in die Schulen bringen müssen, damit ihre Kinder in größerer Bequemlichkeit und Würde lernen können, kommen aus Quellen der kubanischen Diaspora. Sogar Schuluniformen wurden teilweise in einem Laden in Miami gekauft.

Warum dürfen die Emigranten zwar die Schulbildung wirtschaftlich unterstützen, haben aber gleichzeitig kein Recht die vielfältigen Schattenseiten auf dem Gebiet, den großen Mangel und die ausufernde Ideologisierung zu kritisieren?

Warum dürfen also die Emigranten zwar die Schulbildung wirtschaftlich unterstützen, haben aber gleichzeitig kein Recht die vielfältigen Schattenseiten auf dem Gebiet, den großen Mangel und die ausufernde Ideologisierung zu kritisieren?

Ist sich Velázquez bewusst, dass die Schulen ein viel elenderer Ort wären, kürzte man die Unterstützung dieser auf der Welt verteilten Kubaner. Wie kann man von denen Schweigen verlangen, die einen Teil der Finanzierung des Haushalts zur Verfügung stellen, der ihr Ministerium am Laufen hält.

Diesen Montag, wenn Ena Elsa Velázquez an einem Schulmorgen teilnimmt, der den Startschuss fürs neue Schuljahr gibt, wird es vor ihren Augen Hunderte oder Tausende von Objekten, Materialien und Schulsachen geben, die die Stimme der Exilanten vertreten, die sie zum Schweigen bringen will.

Übersetzung: Iris Wißmüller


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