Ricky gab auf, im Rhythmus des Reggaeton (2.Teil)

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Die Demonstranten feiern den Rücktritt von Ricardo Roselló. (14ymedio/Juan Jaramillo)

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YOANI SÁNCHEZ | San Juan, Puerto Rico | 27. Juli 2019

Mir war ganz wirr im Kopf von der Vielzahl an Eindrücken und meiner Müdigkeit. Ich glaubte etwas von den zwei Flügeln der großen Antillen zu hören, von den Inseln, die sich nur gemeinsam in die Lüfte erheben können. Der Morgen bricht herein und auf dem anderen Flügel, in Kuba, beginnt in wenigen Stunden der offizielle Staatsakt des 26.Juli *).

Hier üben die Puerto-Ricaner ihre Zivilkraft gegen die Staatsmacht aus und auf Kuba wohnen die Menschen einer starren Liturgie bei, der ausgelaugten Zeremonie der „Kontinuität“, dem von Miguel Díaz-Canel stetig wiederholten Motto, um etwas fortzuführen, was bereits zu lange andauert. Hier reden die Menschen miteinander und vereinen sich, dort sind die Kubaner still und ängstlich. An demselben Morgen gleicht San Juan einem Fest und Havanna einer Grabstätte.

Harry fährt täglich zehn Stunden für den Fahrdienst-Anbieter Uber, sein Immobiliengeschäft verlor er durch den Wirbelsturm. Für jeden Menschen, den ich kennenlerne, gibt es ein Leben vor und nach ‚María‘. Die Erwähnung dieses Namens reicht aus, um die Menschen emotional werden zu lassen und die Anekdoten sprudeln nur so aus ihnen heraus. „Ich hätte weggehen sollen, denn einer meiner Brüder aus New York war bereit, mir bei meinem Umzug dorthin zu helfen, aber ich wollte meine Eltern nicht allein lassen“, erzählt er.

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Einen Tag nach dem Rücktritt des Gouverneurs erinnern die Graffiti auf den Straßen noch an die langen Tage der Proteste. (14ymedio)

Harry, der der Abdankung von Roselló skeptisch gegenübersteht, gehört zu den wenigen, die bei dem Rücktritt des Gouverneurs weder protestierten noch feierten. „Es ist egal, ein Korrupter geht und ein neuer rückt nach“, meint er. „Der Nächste wird uns auch berauben“, versichert er mit Nachdruck, während wir in Richtung Ocean Park im Viertel Santurce fahren. Ein schwarzes Tuch schlägt laut gegen einen Mast. “Ricky, verzichte“, steht dort in großen weißen Buchstaben.

Das Fahrzeug biegt um die Ecke und fährt an einer Walgreens Apotheke, einem McDonald’s und einem KFC vorbei. Im gesamten Viertel versuchen sich lokale Geschäfte gegen große Unternehmen zu behaupten, die „mehr für weniger Geld anbieten“, erzählt mir Harry. „Die jungen Leute essen lieber einen Hamburger als ein Frikassee“, beklagt er.

Harry ist seit jenem Mittwoch sehr besorgt, als Rosselló seinen Rücktritt ankündigte. „Ich lebe vom Tourismus und von den Menschen, die hierherkommen, um Geschäfte zu machen. Wenn sie uns als instabiles oder unsicheres Land betrachten, werden sie nicht mehr kommen“, schätzt er. Er schlägt mir einen guten Preis für die Hin- und Rückfahrt an einen Strand vor, aber sofort fällt ihm ein, dass ich von einer Insel stamme und er berichtigt sich: „Ah…stimmt, ihr habt dort auch ziemlich viel Sonne“.

Ich erreiche den Stadtteil Río Piedras, in dem es scheint, als sei die Zeit stehengeblieben. Der früher dicht besiedelte Boulevard ist mittlerweile eine Straße mit wenigen Geschäften und verlassenen Gebäuden. Ein Laden präsentiert auf dem Gehweg seine Waren Made in China. Ich spaziere weiter und komme zu einem kleinen Stand, der Honig, Zitronen und Ingwer verkauft. Das passt mir gut, denn mein Hals schmerzt von dem Regen in Havanna und dem Treiben in Puerto Rico. Ich genieße den Schatten und gehe auf den Händler zu.

“Hier war früher alles voller Leben“, erzählt er mir. Aus dem verlassenen Haus hinter mir kommen mehrere Katzen. Eine, schwarz wie die Nacht, schmiegt sich an meine Beine, damit ich ihr etwas zu fressen gebe. Ich überquere die Straße und kaufe ein frittiertes puerto-ricanisches Maisgebäck von einer Frau, deren kleiner Stand an dem Eingang zu einem Café steht. Vorne wiederholt eine Stimme auf Tonband immer wieder die „nur heute“ verfügbaren Angebote.

In Río Piedras, nahe der Universität von Puerto Rico, wollen die Menschen nicht mehr warten. Ein Kaffeeverkäufer erinnert sich an die Explosion im Laden Humberto Vidal, die 1996 dreiunddreißig Tote und eine unvergessliche Narbe im Gedächtnis der Bewohner des Viertels hinterließ. „Danach wurde alles nur noch schlimmer“, erzählt er und reicht mir eine Tasse mit einer starken, bitteren Flüssigkeit, bei der mir der Atem stockt. „Wir mussten gar keinen Schuss abgeben und Ricky gab auf“, prahlt er.

Wenn die kleinen Unterschiede im Akzent und der fehlende Hauch von gerösteten Erbsen im Kaffee nicht wären, würde ich glauben, ich unterhielte mich mit einem beliebigen Kubaner in einem Dorf im Inneren des Landes

Wenn die kleinen Unterschiede im Akzent und der fehlende Hauch von gerösteten Erbsen im Kaffee nicht wären, würde ich glauben, ich unterhielte mich mit einem beliebigen Kubaner in einem Dorf im Inneren des Landes. Der Kaffeeverkäufer richtet sich mit einer Hand das Haar, hebt den Zeigefinger und belehrt mich, dass „Puerto Rico nicht mehr so ist wie früher; jetzt wissen wir, dass wir stark sind und man uns respektieren muss“.

Auf der anderen Straßenseite präsentiert ein kolumbianisches Unterwäschegeschäft BHs mit Spitze. „Also, typisch kubanisch“, merkt der Mann an. Ich mache Anstalten zu gehen, weil ich den Verdacht hege, dass er die Klischees über meine Insel wiederholt, der andere Flügel mit seinen eigenen Wunden. Ich ahne, dass er „die Eroberungen der Revolution” herunterbeten wird, aber ich irre mich. „Bei euch steht das noch aus“, betont er in überheblichem Tonfall. „Wenigstens haben wir schon einen Teil des Weges geschafft“.

Ich gehe zurück, um der Katze etwas zu fressen zu geben, aber sie ist nicht mehr da. Das Gebäude, aus dem sie kam, riecht nach Verlassenheit, nach dieser Feuchtigkeit, die sich in den Wänden einnistet, wenn die Räume leer stehen. Ein Graffiti in der Nähe fordert, dass Ricky zurücktreten solle, und an der Ecke schlägt eine verschlissene Flagge gegen einen Balkon. Ich schließe leicht die Augen und die Müdigkeit oder die Hitze lassen mich blaue statt roter Streifen sehen, neben einem blutroten Dreieck.

Übersetzung: Lena Hartwig

Anmerkung d. Übers.:

*) Der Gedenktag für den Angriff auf die Moncloa-Kaserne, mit dem am 26. Juli 1953 die Revolution begann.


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