Ricky gab auf, im Rhythmus des Reggaeton (1.Teil)

manifestantes-dimision-Ricardo-Rosselllo-Jaramillo_CYMIMA20190725_0003_17

Die Demonstranten feiern den Rücktritt von Ricardo Rosselló. (14ymedio/Juan Jaramillo)

14ymedio bigger

YOANI SÁNCHEZ | San Juan, Puerto Rico | 27. Juli 2019

„Er musste gehen und er ging“. Mit diesen Worten heißt mich der Taxifahrer willkommen. Es braucht keinen Namen, keine Einzelheiten, denn in den Straßen von Puerto Rico wissen alle von wem er spricht. Während er durch San Juan fährt, erzählt er mir, wie die Leute den Gouverneur Ricardo Rosselló „hinauswarfen“, nach tagelangen Protesten, bei denen Empörung und Reggaeton Hand in Hand gingen.

Vor einer Ampel drischt der etwa 50 Jahre alte Mann mit seinen knotigen Händen auf das Lenkrad, als ob es das Gesicht von Ricky wäre. „Er wollte nicht gehen, aber er musste zurücktreten“, wiederholt er. In der letzten Woche verbrachte er jede Nacht zusammen mit seinen beiden Söhnen vor der Fortaleza, der offiziellen Residenz des Statthalters von Puerto Rico. „Ich trug eine Fahne, aber in schwarz weiß, ohne Farben, weil wir hier immer noch trauern“, bemerkt er.

Während er mir Einzelheiten vom Ablauf der Protest-Nächte erzählt, fahren wir durch mehrere Stadtviertel, wo sich auf Balkonen und an Türen die Fahnen mit dem blauen Dreieck und den roten Streifen aneinander reihen. Die Fahne von Puerto Rico ähnelt der von Kuba so sehr, dass ich mir vorstelle in Havanna zu sein, am Tag nach einem Regierungswechsel.

Diese Sinnestäuschung verfolgt mich, während das Taxi in Richtung Altstadt von San Juan fährt.

Als der Fahrer mir versichert, dass „die Leute sich zusammentaten und es keine Rolle spielte, ob du Künstler oder Mechaniker bist, ob reich oder arm, weil sie alle dabei waren“, sehe ich in meiner Fantasie kubanische Arbeiter, die bei Arbeiten an einer Bahnstrecke Pickel und Schaufel wegwerfen, um im Chor mit Schriftstellern und Volkssängern vor dem Regierungssitz in Havanna laut zu schreien.

Nach einer Sekunde verblasst das Bild und ich bin wieder in Puerto Rico.

Der Wirbelsturm ‚María‘ hat eine offene Wunde hinterlassen, die quer durch die Insel geht. „Mein Bruder hat alles verloren, er musste sein Dorf verlassen und hatte eineinhalb Jahre keinen elektrischen Strom“, erzählt mir der Taxifahrer. Dabei streut er einige englische Wörter ein: baby, expensive, dealer, food…, es ist das Sprachgemisch, das ich überall auf Puerto Rico höre, in diesem „freien Staat, der mit den Vereinigten Staaten assoziiert ist“.

Es wird Abend; die Schlagzeilen der Weltpresse richten ihr Augenmerk auf einen Ort, wo die Menschen auf den Plätzen Perreo (eine Reggaeton – Variante) tanzen und so den ersten Tag ohne Ricky feiern, den Beginn einer neuen Epoche mit vielen offenen Fragen. Auf einem solchen Platz, wo sich die allgemeine Freude mit Alkohol und Hüfteschwingen mischt, begegne ich Alder, einem Musiker der Klavier und Klarinette spielt. Auch er tanzt, aber etwas vorsichtig.

„Im letzten Jahr hatte ich Probleme mit Ischias und ich will nicht mehr zurück in den Rollstuhl, aber das hier darf ich nicht verpassen“, sagt er mir, während er eine Flasche Craft-Bier leert, das Freunde von ihm brauen. „Die sind nicht fortgegangen, sie sind nach der Krise und dem Orkan hier geblieben und sie bleiben auch“, erzählt er und deutet auf das Etikett: „hundertprozent Puerto Rico“. Immer wenn Alder ansetzt Perreo zu tanzen, legt er eine Hand auf die Taille um sich zu beherrschen, „damit ich nicht übertreibe“, bemerkt er noch.

Eine Familie ist gekommen, mit zwei entzückenden und laut bellenden Mischlingshunden, die sie aus einem Tierasyl abgeholt hat. Dort waren die beiden Hunde untergebracht, als der Tropensturm die Familien, die sich bis zu jenem unheilvollen September 2017 um sie kümmerten, in die Vereinigten Staaten fliehen ließ.

Der Hurrikan und der Regen kostete mehr als 4 600 Menschen das Leben, folgt man einer Studie der Harvard-Universität.

„Es war hart, weil wir zu unseren Ursprüngen zurückkehren und wieder Dinge lernen mussten, die wir seit Jahren nicht mehr gemacht hatten“, erzählt Nata, der Puerto-Ricaner, der mit seinen zwei geretteten Lieblingen auf die Straße gegangen ist, um zusammen mit ihnen zu feiern. „Es gab hier Leute, die nicht ohne Aircondition, ohne Mobiltelefon oder ohne Elektrizität leben konnten. ‚María‘ hat uns gezwungen, wieder bei null anzufangen“, erinnert er sich.

„Danach hat das Telefon nicht funktioniert, also trafen sich die Leute auf der Straße. In den Dörfern musste man Gemeinschaftsküchen improvisieren, um etwas zu Essen zu haben und die Bürger taten sich zusammen, um der Katastrophe die Stirn zu bieten“, fügt er ergänzend hinzu. „Alles begann mit ‚María‘. Ohne das, was uns vor zwei Jahren passiert ist, hätten sich die Menschen nicht mobilisiert, so, wie sie es auch jetzt wieder getan haben“.

Der entscheidende Punkt war, dass kürzlich mehr als 900 Seiten einer Chat-Korrespondenz durchgesickert sind, auf denen sich Rosselló mit seinen engsten Mitarbeitern austauschte, seinen ‚brothers‘, wie er sie nannte. Es handelte sich dabei um hunderte, nein tausende von Stellungnahmen, Kommentaren und Fragen zur öffentlichen Ordnung. Auch Witze unter der Gürtellinie und frauenfeindliche Scherze würzten diesen umfangreichen Meinungsaustausch via Telegram, der letztendlich Rossellós Regierung abstürzen ließ.

Aber die Ablehnung seiner Person begann schon viel früher. “ Er ist ein Kind aus einem reichen Haus und weiß nicht, was hier unten passiert“, sagt mir ein sehr schlanker Herr vor einem Club, der seit mehr als einem Jahr geschlossen ist. „Er ist der Sohn des Ex-Gouverneurs Pedro Rosselló Gonzáles; also hatte er immer ein gutes und sorgenfreies Leben „, fügt er hinzu und geht in ein Lokal, wo sich auf einem verschlissenen Sofa ein paar Drogenabhängige unbehelligt einen Schuss setzen.

Die Musiker waren die Protagonisten der sozialen Bewegung, die Rosselló zu Fall brachte. Die Stimmen von Bad Bunny, Residente und Ricky Martin bildeten den Soundtrack der sozialen Missverhältnisse.

An Omnibushaltestellen brachten junge Leute mit tragbaren Lautsprechern ihre Songtexte unters Volk. Man konnte durch die Stadt gehen – von einem Ende zum andern – und die Lieder ergänzen, weil sie bruchstückweise aus Autos kamen, aus geöffneten Fenstern und von den Puerto-Ricaner selbst, die sie sangen.

Einige riefen nach Unabhängigkeit; es fehlten auch nicht ein paar Aufrufe, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um “ wesentlich weiter zu gehen und den kolonialen Zustand zu beenden“, so, wie es ein junger Mann vor der Bar „La Puerta de Alto del Cabro“ ( „Das Tor zum Ziegenbockgipfel“, Anm.d.Übers.) forderte, einem traditionellen Lokal, das den Angriff der großen Ketten geduldig überstanden hat.

Es ist die Ablehnung von Rosselló, dem Bösewicht des Tages, die die Menschen zusammenbringt.

Am Mittwoch wartete Alder den ganzen Nachmittag darauf, dass Ricky gehen würde. Im Tonstudio, wo er einige Songs einspielte, rüsteten sie sich mit Popcorn und Getränken aus und wappneten sich mit Geduld, um den Rücktritt des Gouverneurs entsprechend feiern zu können. Nach sieben Uhr abends waren alle Vorräte aufgebraucht und der „Mistkerl war immer noch nicht zurückgetreten“, erinnert sich Alder. Es war, als würde man selbst am Ende eines Films beteiligt sein, der sich in die Länge zieht, ohne dass der Abspann erscheint.

Eine Stunde später entschlossen sie sich zur Fortaleza zu gehen. „Es kann noch dauern, aber heute Nacht geht er, ja oder ja“, sagte Alder. Am frühen Morgen endete er auf einer Parkbank, betrunken und glücklich, als wenn er selbst Teil des Befreiungskommandos gewesen wäre, das den Gouverneur aus dem Amt jagte; es gab niemand auf der Straße, der sich nicht als Teil jener Gruppe gefühlt hätte. Sie brauchten keine Sturmhauben und keine Maschinengewehre, sie schrien nur lauthals.

                Übersetzung: Dieter Schubert


Das Team von 14ymedio setzt sich für einen seriösen Journalismus ein, der die Realität Kubas in all seinen Facetten widerspiegelt. Danke, dass Sie uns auf diesem langen Weg begleiten. Wir laden Sie ein, uns weiterhin zu unterstützen, diesmal aber durch die Mitgliedschaft bei 14ymedio. Gemeinsam können wir den Journalismus auf Kuba weiter voranbringen.

 

Hinterlassen Sie uns ein Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s